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Göttinger Zeitreise Vor 140 Jahren entsteht die Göttinger SPD, Teil 2
Thema Specials Göttinger Zeitreise Vor 140 Jahren entsteht die Göttinger SPD, Teil 2
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00:19 14.04.2013
Zuerst von der SA besetzt, 1944 durch Bombenangriff zerstört: die Volksheimstätte am Maschmühlenweg. Quelle: EF
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Göttingen

Im April 1933 waren erste Sozialdemokraten wegen „dringenden Verdachts der Beteiligung an hochverräterischen Umtrieben“ verhaftet worden, darunter der Bürgervorsteher Franz Arnholdt. Anfang Mai flatterte auf dem Mast des Volksheims am Maschmühlenweg die NS-Fahne.

Wenige Tage später wurden weitere Bürgervorsteher und Gewerkschaftsführer festgenommen und im Keller des von der SA besetzten Volksheimes misshandelt. Der Terrorakt brach den Widerstandswillen der Sozialdemokraten und Gewerkschaftler. Im Juni wurde die SPD zur „staats- und volksfeindlichen Partei“ erklärt – und faktisch verboten.

K. Wettig

Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund (ISK) hielt länger durch. „Bis 1936“, sagt Klaus Wettig, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Göttingen-Ost. Die Nelsonianer – so benannt nach ISK-Gründer Leonard Nelson, Philosoph und ausgeschlossener Sozialdemokrat, verteilten Flugblätter und errichteten Nachrichtenzentralen unter anderem in der Buchhandlung Peppmüller. „Sie nutzen Bücher für das Übermitteln von Nachrichten“, erzählt Wettig.

Vor 1933 seien die ISK-Streiter zumeist ledig geblieben. „Sie sollten möglichst keine Familien gründen, um kampfbereit zu sein“, weiß Frank Möbus, Vorstandsmitglied im SPD-Ortsverein Geismar und wie auch Wettig einer der Organisatoren des Parteijubiläums.

„Das war für uns eine sehr erfolgreiche Zeit“

Der ISK publizierte Propagandamaterial gegen das nationalsozialistische Regime, gegen die Rüstungspolitik, den Umgang mit den Juden, „und war international ausgezeichnet vernetzt“. Doch auch für die Nelsonianer endete die politische  Arbeit mit Prozessen wegen Hochverrats in Zuchthaus und Konzentrationslager.

Nach Kriegsende stellten sich viele der heimgekehrten Göttinger ISKler für den Wiederaufbau der SPD zur Verfügung. So etwa Heinrich Düker, der 1946 für kurze Zeit Göttingens erster Oberbürgermeister wurde. In der Nachkriegsphase erstarkten die Sozialdemokraten und erhielten auch durch die Siegermächte  Rückenwind, „die Besatzungsbehörden trauten der SPD“, erklärt Möbus.

F. Möbus

Doch nur für kurze Zeit war die Göttinger SPD stärkste Kraft im Rat. Bei der Kommunalwahl 1948 setzte sich die FDP durch – fast ein Jahrzehnt lang regierten Liberale und Konservative, berichtet Wettig, der die Nachkriegsgeschichte seiner Partei für eine Chronik aus Anlass des 130-jährigen Bestehens der SPD (2003, Verlag Die Werkstatt) erforscht hat.

1956 wurden die Sozialdemokraten stärkste Partei im Rat und stellten von 1964 an in Koalition mit der FDP die Oberbürgermeister: Gottfried Jungmichel (FDP) und Walter Leßner (SPD). „Das war für uns eine sehr erfolgreiche Zeit“, beschreibt Wettig die Parteientwicklung seit Mitte der 50er-Jahre.

Die SPD-Politik der Nachkriegsjahrzehnte habe in der Stadt Göttingen bis heute viele Spuren hinterlassen: „Zentrale Punkte unserer Politik waren unter anderem der Wohnungsbau und die Beseitigung des Schulraummangels.“

Die Zeitreise ist ein Geschichtsprojekt des Tageblattes und der Stadt Göttingen. Dafür werden Filme und Fotos aus den 80er-Jahren gesucht. Kontakt: Telefon 05 51 / 90 17 66 oder E-Mail redaktion@goettinger-tageblatt.de.

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