Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
„Ich vermisse sie, wenn sie nicht kommt“

Helfende Hände Teil 3 „Ich vermisse sie, wenn sie nicht kommt“

Rund 100 Ehrenamtliche engagieren sich im Netzwerk „Freiwilligenarbeit in Altenpflegeheimen Göttingen“ (NFAG). Sie gehen mit den Senioren spazieren, begleiten sie zum Arzt, organisieren Ausflüge, machen Musik oder hören einfach nur zu. Andreas Fuhrmann stellt in der Serie „Helfende Hände“ einige der Freiwilligen und ihre Arbeit vor. Heute: Barbara Ahlrichs.

Voriger Artikel
Mit Kamera, Block und Stift bei Modenschau im Altenheim
Nächster Artikel
Singend und schunkelnd im Altenpflegeheim

„Den Menschen tut das gut“: Barbara Ahlrichs begleitet Irmgard Dell beim Spaziergang.

Quelle: Mischke

Früher, in den 50er Jahren, hat sich Irmgard Dell ab und an um Barbara Ahlrichs gekümmert. Ahlrichs war mit ihrer Tochter befreundet, sie waren Nachbarinnen. Man fuhr zusammen in den Urlaub, ging wandern oder traf sich zum Picknick. „Mein erstes Honigbrötchen habe ich bei der Familie Dell gegessen“, erinnert sich Ahlrichs noch gut an die Zeit.

Heute sind die Rollen vertauscht. Heute ist Ahlrichs für Dell da, die mittlerweile 90 Jahre alt ist und im Luisenhof wohnt. Ein- bis zweimal pro Woche kommt sie vorbei und geht mit der alten Dame spazieren oder begleitet sie zum Arzt. „Ich kümmere mich gerne“, sagt die 62-Jährige.

Ihre damalige Freundin, die Tochter von Dell, lebt in Berlin und kann ihre Mutter nur selten besuchen. „So geht es vielen Bewohnern“, sagt Ahlrichs. „Die Kinder sind sonst wo.“ Also müsse man den alten Menschen jemanden an die Seite stellen. Eine wie sie.

Schlagermusik

Das Wetter ist prächtig. Die Sonne scheint. Anlass genug, einen Spaziergang zu unternehmen. Ahlrichs hilft der 90-Jährigen, sich anzuziehen, doch die kann das eigentlich auch noch ganz gut allein. Sie schnappt sich ihren Rollator und steuert zielstrebig voraus, hinaus auf den Gang. Es riecht ein wenig streng, hinzu kommt der Geruch von Desinfektionsmittel. Eine alte Frau sitzt im Rollstuhl und weint. Ahlrichs redet behutsam auf sie ein und verständigt das Personal. Dell wartet derweil schon am Aufzug. Im Foyer befinden sich weitere Bewohner, meist ebenfalls in Rollstühlen sitzend. Im Hintergrund läuft Schlagermusik.

Ahlrichs hat sich den Luisenhof bewusst als Tätigkeitsfeld ausgesucht. Hier starb vor zehn Jahren ihre Mutter, nachdem sie diese davor bereits zehn Jahre zu Hause gepflegt hatte. Auch eine Tante von ihr lebt hier. Sie ist dement und erkennt sie kaum. Und jetzt also Dell. „Sie hat mir das Du erst vor kurzem angeboten, also nenne ich jetzt eben auch sie Tante Irmgard“, sagt Ahlrichs und zwinkert Dell zu, bevor sie ins Freie treten.

helfende_haende

Die beiden Frauen kommen gut miteinander aus. Dell sei eben ein fröhlicher Mensch, sagt Ahlrichs. Nur „ab und zu hat sie was zu nölen, dann versuche ich, sie aufzumuntern“. Dell ist ihr dankbar dafür. „Es ist wunderschön, wir gehen spazieren und unterhalten uns. Ich vermisse sie, wenn sie ein paar Tage nicht kommt.“ Sie bekomme sehr wenig Besuch.

Ahlrichs kennt das Problem. „Wenn die Menschen erst mal im Heim sind, lassen die Besuche verstärkt nach. „Die kriegt doch eh nichts mehr mit“, heiße es dann. Die Angehörigen seien meist mit der Situation überfordert. „Man wird hier eben mit dem eigenen Verfall konfrontiert“, meint die 62-Jährige. Dabei würden die Bewohner vieles registrieren – seien sie auch noch so krank. „Und wenn man nur ,Guten Tag’ sagt, den Menschen tut das gut.“

„Denke oft an zu Hause“

Das kann Dell bestätigen. Besonders zu Anfang sei es ihr sehr schwer gefallen, sich an das Heim zu gewöhnen. Ahlrichs habe ihr dabei geholfen. „Sie hat mir alles gezeigt, dadurch ist vieles leichter geworden“, sagt die 90-Jährige und hält kurz inne, um zu verschnaufen. „Dennoch denke ich noch oft an zu Hause.“ Ihr Blick schweift in die Ferne, als sie das sagt.

Neben den Bewohnern sind auch die Verwandten für jede Hilfe dankbar. Denn auch ihnen fehlt bisweilen ein wichtiger Mensch zum Reden. Ahlrichs hat daher eine Gesprächsgruppe installiert – vor allem für die Angehörigen neuer Bewohner. „Als ich meine Mutter hierher gebracht habe, habe ich Rotz und Schnütte geheult. Das hat keiner verstanden“, erinnert sich die 62-Jährige. Sie habe sich Vorwürfe gemacht, das Gefühl gehabt, ihre Mutter im Stich zu lassen. Viele Angehörige würden anfangs ähnlich denken. Dabei sei der Schritt unausweichlich gewesen. 

Sterbe- und Trauerbegleitung

Die Unterstützung zu Beginn des Aufenthalts ist dabei ebenso wichtig wie die am Ende. Denn das Heim ist meist die letzte Station im Leben der Bewohner. Daher bietet Ahlrichs zusätzlich eine Sterbe- und Trauerbegleitung an. „Eine ganze Menge Arbeit“, sagt sie, die bis vor einem Jahr noch berufstätig war. „Eigentlich müsste ich noch zweieinhalb Jahre arbeiten. Aber eine alte Tante wie mich braucht man nicht mehr wirklich.“

Resignation? Nicht wirklich. Eher Realismus. Ahlrichs hat nicht lange lamentiert und sich einfach auf ihre neue Aufgabe konzentriert, eine, die zu ihr passt, die sie ausfüllt. Sie nennt es den „Sinn meines Lebens“. Sie kümmere sich einfach gerne um andere Menschen, „das tut mir gut“. Sie wolle nicht „durch die Stadt laufen und nach Klamotten schauen. Das ist nicht meine Welt.“ Sie wolle lieber für andere da sein.

Dennoch müsse man aufpassen, nicht zu viel zu machen, sagt Ahlrichs. Auszeiten seien wichtig. Sie besuche dann am liebsten ihre Enkelkinder. „Da fahre ich eine Woche hin und schöpfe Kraft für die Arbeit hier.“ Auch ihre Kinder wohnen schon lange nicht mehr in Göttingen.

Dell und Ahlrichs haben derweil den Rückweg angetreten. Die frische Luft hat die 90-Jährige hungrig gemacht. „Es gibt Leberragout, da freue ich mich drauf“, sagt Dell. Früher, in den 50er Jahren, hätte sie Ahlrichs jetzt noch ein Honigbrötchen geschmiert. Das ist lange her.

                                                                                                                      Von Andreas Fuhrmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Helfende Hände
Die Bilder der Woche vom 2. bis 8. Dezember