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Singend und schunkelnd im Altenpflegeheim

Helfende Hände Teil 4 Singend und schunkelnd im Altenpflegeheim

Rund 100 Ehrenamtliche engagieren sich im Netzwerk „Freiwilligenarbeit in Altenpflegeheimen Göttingen“ (NFAG). Sie gehen mit den Senioren spazieren, begleiten sie zum Arzt, organisieren Ausflüge, machen Musik oder hören einfach nur zu. Andreas Fuhrmann stellt in der Serie „Helfende Hände“ einige der Freiwilligen und ihre Arbeit vor. Heute: Waltraud Krause.

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Singen verbindet: Am Gitarrenabend im Seniorenzentrum nehmen nicht nur Bewohner teil, sondern auch Gäste.

Quelle: Mischke

Ein wenig wirkt es wie ein Kindergeburtstag. Die Tische sind bunt geschmückt. Blaues Kreppband schlängelt sich zwischen Gläsern, Flaschen und Schalen mit Süßigkeiten hindurch. Es wird getuschelt und gelacht. Kinder aber sucht man hier vergebens. Im Gegenteil. Kaum jemand ist jünger als 80.

Das ist immer so beim Gitarrenabend im Göttinger Seniorenzentrum. Einmal im Monat treffen sich hier für gut eine Stunde alte Menschen aus dem Heim und von außerhalb zum Singen. Meist sind es eingängige Volkslieder oder schmalzig-schöne Schlager.  Auch ein Kanon wird dann und wann geträllert.

„Ännchen von Tharau“

Gestartet wird aber mit einem alten Lied aus dem 17. Jahrhundert: „Ännchen von Tharau“. Waltraud Krause, 71, weißes Hemd, schwarzer Pullover, blondes Haar, sitzt auf einem Stuhl und spielt Gitarre. Ihr linker Fuß wippt im Takt. Der rechte ist auf einem Bänkchen abgestützt. Ein Notenständer steht vor ihrer Nase. „Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt. Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld“, singen die 30 Senioren und schauen dabei gebannt in ihre Liederbücher.

Krause ist in einer musikalischen Familie aufgewachsen. „Ich habe immer mit meiner Mutter und meinen beiden Geschwistern gesungen“, erzählt sie. Das Gitarre spielen erlernte sie aber erst viel später, 1997, im Rentenalter. Zudem nimmt sie Gesangsunterricht, „um meine Stimme zu kultivieren“.

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Angesichts dieser großen Erfahrung merkte Krause eines Tages bei einem Klavierabend im Seniorenheim, dass die vorgegebene Tonlage für alte Menschen viel zu hoch war. Kurzerhand transponierte sie bekannte Volkslieder, machte sie also tiefer. „Das konnten dann alle wunderbar mitsingen. Und das macht ja dann auch mehr Spaß“, sagt die 71-Jährige.

Mit Freude sind die Senioren beim Gitarrenabend in jedem Fall dabei. Manche freuen sich wochenlang auf diesen Tag. „Jetzt versuchen wir mal, einen Kanon zu singen“, schlägt Krause vor. Die Senioren beginnen, in ihren Textbüchern zu blättern. „Und welche Seite?“, ruft eine Frau. „Welche Seite war das jetzt?“, fragt eine andere ungeduldig. „Ja, Moment“, erwidert Krause, „Seite 54.“ Geschäftiges Blättern.

Eigentlich können die Teilnehmer beinahe jedes Lied auswendig mitsingen. Den Text im Liederbuch zu suchen, gehört aber dennoch zum immer wiederkehrenden Ritual. Es ist wahrscheinlich beruhigender, als sich allein auf sein Gedächtnis zu verlassen. Ähnlich wie mit einem Spickzettel, den man zu einer Klausur zwar dabei hat, aber nur, um das sichere Gefühl zu haben, dass es ihn im Notfall gibt. In diesem Fall können die Senioren aber getrost auf jedwede Hilfestellung verzichten. Der Kanon besteht nur aus zwei Zeilen.

Applaus für den Kanon

Krause teilt vier Gruppen ein und gibt letzte Anweisungen „Die erste Strophe singen wir alle zusammen“, fügt sie noch schnell an. „Jetzt kommt’s aber drauf an“, ruft eine Frau dazwischen und reibt sich lachend die Hände. Dann geht es los. „Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König. Froh zu sein bedarf es wenig …“ Krause geht herum und hilft den Gruppen bei ihren Einsätzen. „Das hat ja gut geklappt“, ruft sie am Ende und klatscht in die Hände. Die Teilnehmer strahlen. Manche applaudieren sich gegenseitig.

Krause hat früh erkannt, wie sehr Musik gerade alten Menschen hilft. Als sie ihre Mutter pflegte, sang sie häufig mit ihr, wie damals, als die Familie noch zusammen musizierte. Das half. Daraus entstand die Idee, auch mit anderen Senioren zu singen. „Man kann alte Menschen über Musik einfach gut erreichen. Sie beruhigt ungemein“, erklärt sie.

Derweil blättern die Teilnehmer schon wieder in ihren Liederbüchern. „Welche Seite?“, fragt ein Mann. „Da gibt’s keine Seite, das singen wir aus dem Kopf“, entgegnet eine Frau, aber Krause hat das Lied schon längst angestimmt. „Das machen nur die Beine von Dolores, dass die Senores nicht schlafen geh’n. Denn die Toreros und die Matadores, die woll’n Dolores noch tanzen seh’n“, schallt es durch den Raum. Ein Mann kramt eine Mundharmonika hervor und spielt mit. Zwei Frauen schunkeln. Andere starren mit leerem Gesichtsausdruck vor sich hin, nur ihre Lippen bewegen sich.

„Das motiviert mich“

Krause schaut in die Runde. Leise singt sie mit, wippt mit dem Fuß, manchmal lächelt sie. „Ich singe gerne“, begründet sie ihr Engagement als Freiwillige. Zudem sei es schön, zu sehen, dass das Singen anderen Menschen Freude bereite. „Das macht ein gutes Gefühl, das motiviert mich.“ Denn sie, die mit ihrer Freundin Gudrun Klie die Gitarrenabende durchführt, bietet auch einen musikalischen Frühschoppen an oder hilft bei Festen und Veranstaltungen des Seniorenzentrums mit. So kommen jede Woche ein paar Stunden zusammen.

Jetzt ist die Stunde aber so gut wie um. Nach „Lili Marleen“ und „Kein schöner Land“ neigt sich der Abend dem Ende zu. Es fehlt nur noch „Ein schöner Tag“, das Abschiedslied, das immer zum Schluss gesungen wird. „Ach, herrlich“, seufzt ein Mann und prostet seinem Tischnachbarn zu. Die Gläser klirren. Dann erklingt zum letzten Mal an diesem Abend Krauses Gitarre.

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