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Der gottlose Theologe und seine Wissenschaft

Grundrechte, Folgel 5 Der gottlose Theologe und seine Wissenschaft

Mein Grundrecht, sagt Gerd Lüdemann, ist die Freiheit der Wissenschaft. Nachdem sich der Göttinger Theologieprofessor öffentlich vom christlichen Bekenntnis lossagte, schloss ihn die Universität von der regulären Theologenausbildung aus. Warum er sich dagegen zu Wehr setzte, sagte er Lukas Breitenbach.

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Kämpft für sein Recht auf Freiheit der Wissenschaft: der Göttinger Theologe Prof. Gerd Lüdemann.

Quelle: EF

Gerd Lüdemann kämpft für sein Recht. Für sein Recht zu forschen und zu lehren an dem für ihn „einzigen Ort, wo das Christentum erforscht werden kann“: an einer theologischen Fakultät. Lüdemann ist ein besonderer Theologe. Er hat sich 1998 vom christlichen Glauben losgesagt – bei Jesus Christus persönlich. 

In seinem Buch „Der große Betrug – Und was Jesus wirklich sagte und tat“ klagt Lüdemann in einem Brief an Jesus: „Du bist mir als Person, die ich anreden kann, nämlich ganz fremd geworden. Denn das allermeiste, was Du der Bibel zufolge gesagt beziehungsweise getan hast, hast Du gar nicht gesagt und getan. Außerdem bist Du gar nicht der, als den Dich Bibel und kirchliche Tradition darstellen. Du warst nicht ohne Sünde und bist nicht Gottes Sohn. Du wolltest überhaupt nicht für die Sünden der Welt sterben.“

Nach diesem Eklat wandten sich sowohl die Mehrheit seiner Kollegen der theologischen Fakultät als auch die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen gegen den Göttinger Theologen und forderten den Niedersächsischen Kultusminister auf, den gottlosen Professor aus der theologischen Fakultät der Georg-August-Universität auszuschließen.

Beschwerden zurückgewiesen

Ende 1998 wies die Universität Lüdemann einen Sonderstatus außerhalb des regulären Ausbildungsbetriebes zu. Er wurde verpflichtet, anstatt des konfessionsgebundenen Faches „Neues Testament“ von nun an das Fach „Geschichte und Literatur des frühen Christentums“ zu vertreten. Zudem wurden seine Lehrveranstaltungen im Vorlesungsverzeichnis mit dem Zusatz „außerhalb der Studiengänge zur Ausbildung des theologischen Nachwuchses“ angekündigt. Lüdemann legte Widerspruch gegen diesen Bescheid ein. Es war der Auftakt eines jahrelangens Kampfes durch alle juristischen Instanzen.

Lüdemann blieb in allen Instanzen erfolglos. Das Göttinger Verwaltungsgericht, wie das Lüneburger Oberverwaltungsgericht, wie das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig wiesen Lüdemanns Beschwerden zurück. 

Begonnen hat Lüdemanns Auseinandersetzung mit Gott und der Welt 1994 mit seinem Buch „Die Auferstehung Jesu“, in dem er die These aufstellte, dass es die leibliche Auferstehung Jesu Christi nicht gegeben habe, sondern diese nur auf Visionen und Träumen beruhe. Für Kollegen war dies ein „Verrat am christlichen Glauben“, berichtet Lüdemann. Sein Verleger warf ihn raus. In den folgenden Jahren vollzog sich, was das Bundesverfassungsgericht später als „wissenschaftliche und persönliche Entwicklung“ bezeichnen wird, die ihn letztlich dazu veranlasste, sich vom konfessionellen Christentum loszusagen. Aus der evangelischen Kirche ist Lüdemann bis heute nicht ausgetreten. Sich selbst bezeichnet Lüdemann als frommen Menschen – als „religiösen Menschen – ohne Religion“. Er glaubt nicht an Gott. Und doch faltet er häufig die Hände zum Gebet. Auch seinen Brief an Jesus, der für ihn zum Eckstein geworden ist, bezeichnet Lüdemann als frommes Gebet, voll Trauer und Enttäuschung. Auf seinen Brief an Jesus, so sagt er mit großem Ernst, habe er aber bis heute keine Antwort erhalten.

Die Antwort kam vom  höchsten deutschen Gericht. 2006 legte Lüdemann Verfassungsbeschwerde gegen die Entscheidungen der Verwaltungsgerichte ein. Ende vergangenen Jahres wurde sie zurückgewiesen. Seine Versetzung, so die Richter, stelle zwar eine Verletzung seiner Grundrechte dar, die aber „verfassungsrechtlich gerechtfertigt“ sei. Das Selbstbestimmungsrecht der Religion werteten die Richter höher als das Recht des Forschers. „Eine riesige Enttäuschung“ sei das gewesen. Kompromisslos wollte er für die Freiheit der Wissenschaft kämpfen, für seine Freiheit. Er habe es auch ohne Rücksicht auf sich selbst getan. In „Isolation“ lebe er nun, sagt er von sich. Seine Studenten seien weg, nachdem er auch nicht mehr Prüfungen durchführen durfte.

„Eine riesige Enttäuschung“

Und trotzdem geht es weiter – mit Neugier und Begeisterung. Lüdemann schreibt zur Zeit in den Vereinigten Staaten ein Buch, das im Herbst in Deutschland erscheinen wird. Vom konfessionellen Christentum hat Lüdemann sich abgewandt. Sein Leben und seine Arbeit widmet er aber weiterhin der christlichen Kultur 

Artikel 5 

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Freiheit der Wissenschaft 

Zwar erlaubt das Grundgesetz die Errichtung von theologischen Fakultäten an staatlichen Hochschulen, doch muss der Staat dabei das Selbstbestimmungsrecht der Religionen achten. Dort fänden sich nach dem Urteilsspruch der Verfassungsrichter die Grenzen der Wissenschaftsfreiheit: am Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaft und dem Identitätswahrungsrecht, um die Aufgaben in der Theologenausbildung zu wahren. 

Vielzahl von  Grundrechten

Neben der Wissenschaftsfreiheit, auf die wir die heutige Folge beschränken, garantiert der fünfte Artikel des Grundgesetzes noch eine Reihe weiterer bekannter Grundrechte. So finden sich im ersten Absatz die Grundrechte der Informations-, Presse-, Rundfunk- und Filmfreiheit sowie die Freiheit der Kunst im dritten Absatz. All diesen Grundrechten ist die Meinungsfreiheit vorangestellt, auf die sich alle weiteren Grundrechte dieses Artikels im Kern beziehen.

luk

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