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Die Wächterin über Familie und Erziehung

Grundrechte, Folge 6 Die Wächterin über Familie und Erziehung

Mein Grundrecht, sagt Hella Triebel, ist der Schutz von Ehe und Familie. Als Leiterin des Fachdienstes Sozialdienst der Stadt Göttingen erfüllt sie ein Wächteramt des Staates. Über ihre nicht immer einfache Arbeit hat sie mit Lukas Breitenbach gesprochen.

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„Das Wächteramt ist unser Job“: Fachdienst-Leiterin Hella Triebel über den Schutz der Familie.

Quelle: Heller

An der Wand in Hella Triebels Büro im Nebengebäude des Neuen Rathauses hängt ein großer Stadtplan. Farbige Stecknadeln sind über das ganze Stadtgebiet verteilt. Es sind rund 360. „Jede Stecknadel markiert eine laufende Hilfsmaßnahme des ASD“, erklärt Triebel. Der ASD ist der Allgemeine Sozialdienst, das, was man gemeinhin unter dem Begriff Jugendamt versteht. 

1986 hat Triebel bei der Stadt Göttingen angefangen. Damals regelte noch das Jugendwohlfahrtsgesetz die Kinder- und Jugendhilfe. Seitdem, so kommt es Triebel vor, „sind Lichtjahre vergangen“. Heute arbeiten Hella Triebel und ihre 14 Mitarbeiter beim ASD nach den Maßgaben des achten Buches des Sozialgesetzbuches (SGB VIII). Die Arbeit hat aber nicht nur einen anderen Namen bekommen, sie hat sich auch inhaltlich verändert. 

Die Zahl der gewährten Hilfen steigt und damit die Anzahl der bunten Stecknadeln an Triebels Stadtplan. Und hinter jeder Stecknadel steht das Schicksal einer Familie, die Hilfe benötigt. „Meistens, weil die Eltern überfordert sind“, meint Triebel. „Bei Problemen in der Familie gibt es aber immer zwei Seiten – die Eltern und die Jugendlichen“, ergänzt sie.

34 Inobhutnahmen

Im März veröffentlichte das Tageblatt die Zahlen der amtlichen Inobhutnahmen. In 34 Fällen, erläuterte Jugenddezernent Ludwig Hecke, wurden im Jahr 2008 Kinder und Jugendliche in Göttingen aus ihren Familien genommen. Hella Triebel kannte jeden einzelnen Fall. Aus ihrer Erfahrung weiß sie: „Rausnehmen – und dann ist gut“, so läuft es eben doch nicht. Die Sozialpädagogen seien gefordert, innerfamiliäre Lösungen zu finden.

Hier müssten die Sozialpädagogen erst einmal Verständnis zeigen. Oftmals ist die Scham bei den Betroffenen groß. Die Scham, nicht selbst für das eigene Kind zu sorgen. Viele wollen aber auch gar nicht einsehen, dass sie ein Problem haben. In diesen Fällen müsste zunächst bei den Eltern Verständnis geweckt werden – erst dann könne gemeinsam mit den Helfern vom Jugendamt ein Weg gefunden werden, mit den Problemen zurecht zu kommen. Die sind von Familie zu Familie unterschiedlich und doch gleichen sie sich. Bei den Jugendlichen, stellt Triebel fest, sind es stets „pubertätsspezifische Probleme“: Auflehnung gegen die Eltern, Schwierigkeiten in der Schule und so weiter. 

Auch auf Elternseite finden sich immer wieder typische Probleme: Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch. Die Leidtragenden sind oftmals die Kinder. Es sind Familien, in denen die Kinder mehr Zeit mit ihren Eltern „in der Eckkneipe als im Spielzimmer verbringen“, ja, wo das elterliche Wohnzimmer selbst einer Kneipe gleicht. Es sind Familien, in denen die kleinen Kinder kein eigenes Bettchen haben, sondern in ihrem Buggy schlafen müssen. Und dennoch: Die Herausnahme der Kinder und Jugendlichen aus der Familie sollte immer die letzte Option sein. 

Oft müssten die Familien dafür über Jahre hinweg begleitet werden. Manchmal sogar über Generationen: Zum Teil betreut der ASD heute Jugendliche, deren Eltern auch schon vom Jugendamt unterstützt wurden. Die Probleme sind häufig die gleichen. Triebel formulierte diesen Umstand vorsichtig als „Problem-Stammbaum“.

In einigen Fällen kommt es dann vor, dass sich das Jugendamt mitunter „erbittert“ vor dem Familienrichter um das Sorgerecht für die Kinder streitet. Nämlich dann, wenn es zuerst um die Sicherheit des Kindes, um sein Wohlergehen ginge. Trotzdem, so Triebel, müsse man das schonendste Mittel dafür wählen. Das ist nicht immer eine Inobhutnahme. Denn gleichgültig wie die Zustände für das Kind sind, in aller Regel „lieben die Kinder ihre Eltern“. Und doch gibt es die Beispiele, in denen eine Herausnahme genau das Richtige war. Wie in dem Fall eines mittlerweile erwachsenen Mannes: „Er hat sich fantastisch entwickelt“, erinnert sich Triebel. Die Mutter litt an einer psychischen Erkrankung, weshalb ihr Sohn in eine Pflegefamilie kam.

Hella Triebel, selbst Mutter einer Tochter, weiß was es bedeutet, in dieses Grundrecht einzugreifen. Und so häufig komme es dann ja auch nicht vor: Überwiegend sind es „ambulante Hilfen“, die in den Familien stattfinden, die sogenannte Erziehungsbeistandschaft. Dabei ist die Angst ein ständiger Begleiter der Mitarbeiter des Jugendamtes. Die Angst, dass etwas passieren könnte, dass ein Kind durch die Maschen des sozialen Netzes „durchrutschen“ könnte, die Angst, angesichts der zahlreichen Aufgaben, Fehler zu begehen. Ihre Arbeit bringt Triebel so auf den Punkt: „Das Wächteramt ist unser Job.“ Dieses Wächteramt der staatlichen Gemeinschaft (Artikel 6, Absatz 2) hat der Gesetzgeber dem Schutz der Familie an die Seite gestellt. 

Trotzdem: Die staatlichen Helfer wollen die Familien ja nicht „ohne Ende überwachen“. Das macht die Arbeit von Triebel und ihrem Team nicht immer einfach. Oft ist das Jugendamt auf die aufmerksame Hilfe von Nachbarn, Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten und Ärzten angewiesen.

Aber dennoch, sagt Hella Triebel, ist ihre Arbeit etwas, „wofür es sich lohnt, sich einzusetzen“. Wenn sie auf ihren buntgepinnten Stadtplan schaut, sieht sie nicht 360 Probleme, sondern 360 Hilfen, die der ASD leistet.

ARTIKEL 6

(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

(3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.

(4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.

(5) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern.

Schutz der Familie

Der sechste Artikel des Grundgesetzes schützt die Ehe und die Familie. Im Sinne des Gesetzes sind Familien die Gemeinschaft von Eltern und Kindern, die im Grundsatz aus (verheirateten) Eltern und ihren minderjährigen Kindern besteht.

Das Schutzgut dieses Artikels beinhaltet in erster Linie die den Eltern obliegende Pflege und Erziehung ihrer Kinder, welche als ihr "natürliches Recht" bezeichnet wird. Maßnahmen, die in dieses Recht eingreifen, sind laut Verfassungsgericht nur zum Wohle des Kindes erlaubt. Dies ist möglich, wenn die Erziehungsberechtigten, in aller Regel die Eltern, versagen oder die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen. An dieser Stelle tritt die "staatliche Gemeinschaft" in den Personen des Jugendamtes auf, die bei Problemen den Familien zur Seite stehen, aber auch beauftrag sind, in letzter Konsequenz zum Wohle des Kindes in das natürliche Recht der Eltern einzugreifen.

luk

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