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Sabine Birmann zeigt, wie Menschen mit Pferden umgehen können

„Das Pferd schreibt das erste Wort“ Sabine Birmann zeigt, wie Menschen mit Pferden umgehen können

„Du gehst zum Pferd wie zu einem leeren Blatt Papier. Das Pferd schreibt das erste Wort“, so wünscht sich Sabine Birmann die Begegnung mit den Pferden. „Auch Pferde zeigen ihre Befindlichkeiten.“ Birmann will den Menschen zeigen, wie sie ihre Pferde lesen.

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Völlig entspannt: Sabine Birmann reitet den Trakehnerhengst Jasmir mit den Stuten Hujhel (links) und Haute Tension zur Weide.

Quelle: Lawrenz

Oldenrode. „Pferde waren immer meine Passion“, sagt Birmann. Schon mit zwei Jahren sei sie zum Fenster gelaufen, wenn die Kaltblüter vor dem Milchwagen kamen. I

hr Onkel war Schmied. Vielleicht habe er ihr die Leidenschaft mitgegeben. Sie hat sie nicht wieder losgelassen.

Mit 31 Jahren entschloss sich Birmann, einmal Reitunterricht zu nehmen. Doch nach dem Unterricht sei das Pferd vor ihr weggelaufen. Die Biologin, die im Studium in Göttingen die Schwerpunkte Anthropologie und Verhaltensforschung gewählt hatte, begann die Tiere zu beobachten und suchte Alternativen zur herkömmlichen Art, mit Pferden umzugehen.

Sie wandte sich ab von der „normalen“ Reiterei und ging ihren eigenen Weg. 1998 begann sie mit ihrem Mann Daniel Birmann, ihren Betrieb in Oldenrode bei Moringen aufzubauen. Schon vier Jahre vorher hatte die genaue Beobachterin begonnen, Seminare für Pferdeleute zu geben.

Deutlich ruhiger geworden

Kursteilnehmerin Simone holt Pferd Raffael von der Weide. Sie ruft, er kommt gemächlich auf sie zu. Am Halsring führt sie ihn auf den Platz. Deutlich ruhiger sei der großrahmige Fuchs im Vergleich zum vorhergehenden Seminar geworden, urteilen die anderen Seminarteilnehmer. Aus dem Dach-Rücken ist ein gut bemuskelter, runder Rücken geworden. „Raffael ist kein klares Pferd“, beschreibt Birmann. Sein feines Maul interpretiert sie als Zeichen für einen liebenswürdigen Pferdetyp, der bei Stress schnell außer sich gerate.

Seine Besitzerin Simone hat mittlerweile Raffis Geschichte erfahren: Mit zweieinhalb bis drei Jahren wurde er aus seiner Herde aussortiert, weil er nicht ganz taktrein lief. Der Tierarzt habe ihn „für ‚n Appel und ‚n Ei“ mitgenommen. Das Pferd wurde „sehr heftig eingeritten“ und sollte im Schulbetrieb eingesetzt werden. Weil es nicht klappte, wurde Raffi weiterverkauft, wieder an einen Reitschulbetrieb.

Dort sei der Warmblutwallach mit Ausbindern Distanzritte bis zu 120 Kilometern mitgelaufen. Als er nicht mehr konnte, habe sie ihn vor dem Schlachter gerettet. Für das Pferd mit mittlerweile chronischer Hufrollenentzündung war eine Heilung nicht in Aussicht. Heute wird Raffi mit Schmerzakupunktur und Grünlippmuschelkalk behandelt. Zum ersten Mal steht er in einer kleinen Herde. „Momentan läuft er lahmfrei“, erzählt Simone.

Und nun, nach der Bestandsaufnahme, beginnt die Arbeit. Simone nimmt Raffi den Halsring ab. Mit einer Fahrpeitsche werden die Signale gegeben. Der Fuchs soll auf dem Zirkel laufen. Doch er bleibt immer wieder in den Ecken stehen. Es gelingt Simone nicht, ihm klarzumachen, dass er weiterlaufen soll. Birmann zeigt ihr, wie sie dem Pferd durch die Stellung ihres Körpers den Weg zeigen kann. Beim nächsten Mal gelingt Simone die Freiarbeit besser.

Richtige Technik macht den Unterschied

Die richtige Technik mache nur die eine Hälfte der Arbeit mit den Pferden aus, vermittelt Birmann ihren Schülern. Die andere Hälfte sei der Aufbau einer Verbindung zu seinem Pferd. Claudia hat mit Noiret das geschafft, wovon viele Pferdeleute träumen. Auf der Wiese tollt er frei um sie herum. Immer bleibt das unsichtbare Band zwischen beiden.

Claudia holt ihr Pferd heran und schickt ihn weg, läuft mit ihm und lässt ihn steigen. Auch Birmanns Tochter Josephine hat einen natürlichen Zugang zu den Pferden. Sie arbeitet mit der Stute Kore. Ganz auf ihre kleine Chefin konzentriert zeigt Kore den spanischen Schritt und steigt, als Josephine es ihr vormacht. Wie Kinder lernen Pferde durch Nachahmung. Wie Kinder möchten sie das Gelernte auch zeigen, erklärt die Verhaltensforscherin Birmann.

„Über die Bindung macht das Pferd ganz viel für mich.“ Es höre und gebe seine Antworten als Geschenke an den Menschen. Wer sein Pferd behandle wie einen Lohnsklaven, bekomme diese Geschenke nicht. Wichtig sei, dass man sich öffne. „Ich bekomme ganz viel von meinen Pferden geschenkt“, sagt Birmann – eine Frau, die mit den Pferden ist.

Sabine Birmann: „Mit Pferden sein… Der gemeinsame Weg zu einer außergewöhnlichen Verbindung.“ Ippikon-Verlag, Moringen, 2005. Sabine Birmann. Mit Pferden sein…Körper, Sinne, Seele. Ippikon-Verlag, Moringen, 2012.

Weitere Informationen unter mitpferdensein.de

Von Ute Lawrenz

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