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111 Orte in und um Göttingen

Thema des Tages 111 Orte in und um Göttingen

Negenbornquelle, Farnhaus, Lichtenberg-Bank und Obelixhose: in der Reihe „111 Orte“ des Emons-Verlag ist jetzt ein Band über Göttingen erschienen. Geschrieben hat ihn der ehemalige Tageblatt-Mitarbeiter und jetzige Journalismus-Dozent Jochen Reiss.

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Lichtenberg-Bank vor der Paulinerkirche.

Quelle: Harald Wenzel

Göttingen. Göttingen, die junge Stadt, die kluge Stadt, die Stadt mit revolutionären Geist. So beschreibt Reiss sie in seinem Vorwort. 111 lebhafte Orte habe er besucht, die die Leser des Bandes auch kennenlernen sollten. Aber natürlich nicht nur in der Stadt Göttingen, sondern auch in ihrer Umgebung. Zu jedem Ort hat er eine Geschichte beigetragen. Dabei hat er in seine Sammlung auch weniger bekannte Plätze aufgenommen. Und so finden auch diejenigen, die schon lange in Göttingen und Südniedersachsen daheim sind, sicher noch ein Haus, einen Park oder ein Denkmal, das sie bislang nicht gekannt haben.

Ausgewählt hat Reiss beispielsweise die Negenbornquelle in Benniehausen und als Untertitel „Spielplatz für Elfen und Wichtel“ hinzugefügt. 20-30 Liter Wasser pro Sekunde sprudeln hier munter aus dem Fels, schreibt Reiss. Unterirdisch fließendes Wasser werde hier aus großer Tiefe nach oben gedrückt, so erklärten Geologen die Quelle. Verwildert sei sie gewesen, inzwischen von Heimatfreunden wieder freigelegt.

Unter dem Titel „Mit dem Philosophen plaudern“ macht Reiss auf die Lichtenberg-Bank vor der Paulinerkirche aufmerksam. Hier ist eine Bronzefigur des Philosophen, Gelehrten und Schriftstellers Georg Christoph Lichtenberg auf einer Bank platziert. Um ihn herum Bücher, eine zweite Steinbank ihm gegenüber. Man sei herzlich eingeladen mit ihm zu philosophieren, schreibt Reiss. „Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemanden den Bart zu versengen“, wählt Reiss als Einstiegszitat zum Meister der Aphorismen.

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In der Reihe „111 Orte“ des Emons-Verlag ist jetzt ein Band über Göttingen erschienen.

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Zu den etwas unbekannteren Plätzen die Reiss in seinem Band aufgenommen hat, gehören etwa die Tafel „Kirschen der Freiheit“, die am sogenannten Amtshaus am Hiroshimaplatz angebracht ist und mit einem Zitat aus dem Buch „Kirschen der Freiheit“ von Alfred Andersch an das Schicksal der Deserteure im Zweiten Weltkrieg erinnere. Nach hitzigen Debatten im Stadtrat habe man den Gedenkstein 1990 angebracht. In drei Metern Höhe „Man bemerkt ihn kaum“, schreibt Reiss. Der Journalist erinnert auch daran, dass das Gebäude, in dem die Stadtbibliothek untergebracht ist, Thomas-Buergenthal-Haus heißt. Buergenthal hat als jüdisches Kind zwei Konzentrationslager überlebt, ging ab 1946 auf das Felix-Klein-Gymnasium in Göttingen. Er habe sich gewundert, so berichtet es Reiss, dass keiner seiner Klassenkameraden und seiner Lehrer ihn je nach seinem Leben im KZ gefragt haben. „Wollten sie es nicht hören?“ Später wandert er in die USA aus und wird ein angesehener Völkerrechtler.

Aber auch der Radschnellweg, das Fahrrad-Parkhaus, der Unfallort von Conny W., die Moschee, das Eselhaus in Hardegsen, die Kautabak Manufaktur in Witzenhausen, Kinder-KZ Moringen haben ihren Platz unter den 111 Orten.

Jochen Reiss 111 Orte in und um Göttingen, die man gesehen haben muss. Emons Verlag 2017, 240 Seiten, 16,95 Euro.

Revolutionärer Geist in allen Schichten

Sechs Jahre hat Jochen Reiss in Göttingen gelebt. Einige Monate seien für die Recherchen zu seinen 111-Orte-Band aber schon zusammengekommen. „Mal waren es drei Wochen am Stück, ein anderes Mal wenige Tage. Mein Glück war, dass eine liebe Freundin, die gerne reist, mir ihre Wohnung zur Verfügung gestellt hat“, erzählt er.

Ein bisschen Heimvorteil aber sei es doch gewesen. „Natürlich war es leichter, mich zu orientieren. Und natürlich konnte ich mich schneller in das Empfinden der Stadt vertiefen“, so Reiss. Eine seiner Erkenntnisse: Die jungen Menschen rocken Göttingen, das habe sich nicht verändert. Das halte die Stadt lebendig. Und das bewahre ihre Geschichte. „Tägliche Straßenkämpfe wie zu meiner Zeit als Student und junger Tageblatt-Reporter gibt es heute nicht mehr. Aber man spürt noch immer in allen Schichten einen revolutionären Geist. Und das ist gut so!“

Die Zelle von Julius Klingebiel

Die Zelle von Julius Klingebiel.

Quelle: Alciro Theodoro Da Silva

Als besonders interessanten Ort habe er die Psychiatrie-Zelle des Patienten Julius Klingebiel erlebt. „Stunden habe ich dort verbracht und seinen Bilderkosmos studiert.“ Er sei wie ein Wimmelbild, in dem man immer wieder Neues entdeckt. Bekanntes und Bizarres. Man frage sich: Was mag in diesem Menschen vorgegangen sein, der 23 Jahre weggesperrt wurde?

Bei den Arbeiten für sein Buch habe er viel von Göttingen erfahren, das er nicht kannte. „Ich habe Geschichten aufgespürt, die mir trotz sechs Jahren in Göttingen verborgen geblieben sind.“ Die Geschichte der Dorothea Schlözer etwa, die mit 17 Jahren in Philosophie promovierte, zu einer Zeit, als Frauen das Studieren verboten war. Ihre Büste steht im Foyer der alten Uni-Aula. Oder die Geschichte des Thomas Buergenthal, der als Kind ein KZ überlebte und später Richter am Internationalen Gerichtshof wurde. „Ich kenne keine spannendere Biografie.“ Eher aus der lustigen Abteilung sei die Geschichte über den Trick, mit dem der besoffene Kämmerer es schaffte, das Schlüsselloch seines Tresors zu finden. „Und ich habe in Gesprächen erfahren: Das sind Geschichten, die oft auch den Einheimischen neu sind.“

Zwei klare persönliche Favoriten hat Reiss in Göttingen. Zum einen den alten Stadtfriedhof an der Kasseler Landstraße. Das sei „ja eher ein Park, dessen Bestattungskultur Geschichte und Geschichten erzählt.“ Und dann: Cron&Lanz, erste Etage, die Bank hinten links, rechtes Eck. „Ich bin oft aus beruflichen Gründen zwischen dem hohen Norden und dem tiefen Süden unterwegs. Dann treffe ich mich dort als Intermezzo mit Freunden und wir gönnen uns eine Königinpastete. Das ist wie ein Kult.“

Von Christiane Böhm

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