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Mopetta statt Mercedes

Kleinwagen im PS.Speicher Mopetta statt Mercedes

Mercedes oder Maserati konnten sich in den Nachkriegsjahren die wenigsten Europäer leisten. Sie fuhren, wenn überhaupt, oftmals einen Kleinwagen. Fiat 500, Goggomobil, Citroen 2CV, Lloyd und Co. sind ab 2018 in einer neuen Ausstellung des PS.Speichers Einbeck zu sehen.

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Einmalige Gelegenheit für Besucher: „PS-Pilot“ Rüdiger Nagel erzählt Wissenswertes über die Llloyds im Kleinwagen-Depot des PS.Speichers Einbeck. Nächstes Jahr wird die Schau offiziell eröffnet.

Quelle: Bänsch

Einbeck. Am dritten Geburtstag des Automobilmuseums hatten die Gäste der Einbecker Oldtimertage am Sonnabend die in diesem Jahr einmalige Gelegenheit, einen Blick in das neue “PS.Depot Kleinwagen”  zu werfen. Offiziell eröffnet wird es erst im nächsten Jahr. Auf zwei Etagen werden dort Klein- und sogenannte Kleinstwagen gezeigt. Darunter auch einzigartige Stücke wie der Biplace Elecrique von 1941. Ein dunkelrostrotes Minivehikel in einem mäßigen Zustand. Gegen all die hübschen, bunten Flitzer wirkt er reichlich abgetakelt. Nur: So wie er dort steht, ist der Wagen rund 70.000 Euro wert. „Das Fahrzeug wurde elektrisch angetrieben, weil in Frankreich 1941 für Franzosen so gut wie kein Sprit zu bekommen war“, erklärt Rüdiger Nagel. Das Fahrzeug sei extrem selten. Nagel ist einer der „PS-Piloten“, die am Sonnabend den Gästen die Ausstellung erläuterten. Fotografieren war für Besucher verboten, die Presse durfte es ausnahmsweise.

Der kleine Franzose ist nicht der einzige Wagen, der nahezu einzigartig ist. Das rot-weiße „Dart“-Cabrio aus dem Hause Goggomobil, das aussieht wie ein geschrumpfter Edelsportwagen, ist ebenfalls ein Einzelstück - Edition Australien. Ein Auto wie aus einem Betty-Boop-Cartoon entsprungen. Doch neben den Raritäten parken auch die Autos, die in den 50er- und 60er-Jahren die Straßen der noch jungen Republik und anderer europäischer Länder entlang knatterten - der Lloyd aus der Bremer Autoschmiede Borgward als deutsches Erfolgsmodell, der Fiat 500 Topolino als italienisches. „Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd“, ein Spruch den auch viele jüngere Deutsche noch kennen, obwohl die Borgward-Werke bereits 1963 geschlossen wurden. „Dieser Lloyd besteht aus einer Holzkonstruktion und ist mit einem Kunstleder überzogen“, erklärt Nagel. Die Oberfläche des Materials erinnert an Heftpflaster. „Leukoplast-Bomber“ war der Spitzname des Gefährts. Auch der "Rennpappe" aus Zwickau und anderen ostdeutschen Fabrikaten ist ein Ausstelungsraum gewidmet.

3. Geburtstag des PS.SPEICHER

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Vor allem aber sind es die vielen seltenen Fahrzeuge, die die Zuschauer immer wieder staunen lassen. Die Briten gelten ja gemeinhin als recht eigenwilliges Völkchen. Was sich die Designer der Firma Allard allerdings beim Bau ihrer dreirädrigen Vehikel einst dachten, bleibt den an die Formen von Opel und Fiat gewöhnten Festland-Europäern vermutlich für immer verborgen. Man muss schon ein gerüttelt Maß Verwegenheit an den Tag legen, um in eine einsitzige Mopetta von der Größe eines Umzugskartons einzusteigen - und loszufahren. Auch die Mopetta ist ein einzigartiges Stück. Die Erklärung für die Vorliebe der Engländer für dreirädrige Kleinstwagen hat Nagel parat: „In der Nachkriegszeit wurden Kriegsversehrten-Fahrzeuge auf der Insel steuerlich begünstigt“, sagt er. Dreirädrige Fahrzeuge waren also erschwinglicher als andere.

Info

Der PS.Speicher ist 2014 eröffnet worden. Die Dauer-Ausstellung im denkmalgerecht sanierten ehemaligen Kornhaus führt auf sechs Etagen, in acht Sälen und auf rund 4.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche durch die 130-jährige Geschichte der motorisierten Fahrzeuge:  von den ersten Vehikeln bis hin zum Rennwagen, von Schnauferln der 20er-Jahren bis hin zur automobilen Zukunftsvision. Viele der Fahrzeuge sind einzigartig und nirgendwo sonst zu sehen. Interaktive Angebote nehmen auch Kinder mit auf eine Abenteuerreise. Seit 2016 gibt es außer dem Haupthaus auch das erste öffentlich zugängliche Depot im Otto Hahn Park. Mehr als 220 Nutzfahrzeuge warten dort auf  7.000 Quadratmetern in einer Halle auf Besucher. Geöffnet ist der PS.Speicher Dienstag und Mittwoch sowie Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, am Langen Donnerstag bis 21 Uhr. Montags ist geschlossen.

Kosten sparen: Das war laut Nagel auch der Grund dafür, dass einige der japanischen Kleinwagen in der Ausstellung nicht nur kurz, sondern auch besonders schmal sind. Der orangerote Honda oder der helle Subaru: Beide sind nur 1,30 Meter breit. Grund dafür: In Japan habe es ein Gesetz gegeben, in dem geregelt war, das Handkarren nicht breiter als 1,30 Meter sein dürfen. Für Autos, die diese Norm erfüllten, musste der Besitzer keinen Parkplatz nachweisen. In ostasiatischen Großstädten ein klarer Vorteil.

Auch Klaus-Peter König ist von den kleinen Autos, die die deutsche Nachkriegswirtschaft mit ins Rollen brachten, begeistert. Und das, obwohl er in einer ganz anderen PS-Liga zu Hause ist. „Ich war 30 Jahre lang Lkw-Fahrer“, erzählt der Mann aus Hannover. Seinen mehr als 40 Tonnen schweren Lieblingstruck, einen Renault AE, treiben rund 400 PS an. König der Landstraße und der Autobahnen. In ganz Europa und bis an den Ural war er unterwegs. Das Benzin im Blut hat er geerbt, auch der Vater war schon in der Fahrzeugbranche unterwegs, erzählt König. Heute fährt der Trucker Motorrad, rund 30 Stück hat er, „keines jünger als 30 Jahre“.

Es sind Menschen wie König, die die Begeisterung für Automobilgeschichte nach Einbeck zieht. Aber auch Familien mit Kindern, junge Paare und viele, die die Autos noch aus ihrer eigenen Jugend kennen, streifen auch die Fahrzeughalle. Rund 600 waren es am Sonnabend.  Alle, die nicht dabei waren, müssen sich nun fast ein Jahr gedulden. Im Juni 2018 wird das "PS.Depot Kleinwagen" eröffnet.

Weltweit größte Kleinwagen-Sammlung

Freunde historischer Automobile kennen es vielleicht noch: Das Automuseum in Störy bei Bockenem. Bis ins Jahr 2004 war dort die europaweit größte Sammlung an Kleinwagen für Besucher zu sehen. Dann schloss das Museum. Der Besitzer der Fahrzeuge und Betreiber des Museums, Otto Künnecke, suchte einen Käufer für seine 260 Kleinwagen, Kabinenroller und co. Mehr als 30 Jahre lang war das Museum geöffnet, 130 Autos sowie 130 Motorräder, Mopeds und Roller aus den 50er- und 60er-Jahren standen danach zum Verkauf. Künnecke hatte zuvor jahrelang mit der Gemeinde gestritten, am Ende waren es unter anderem die hohen behördlichen Auflagen, die ein Museumsbetrieb heute erfüllen muss, die ihn hatten aufgeben lassen.

Eine ganze Sammlung historischer Kleinwagen, die in nur 50 Kilometer Entfernung von Einbeck zum Verkauf stehen: Künneckes Sammlung fand einen Käufer, die gemeinnützige Kulturstiftung Kornhaus, Betreiber des PS.Speichers.  Die Stiftung wurde 2009 gegründet. Stifter und Vorsitzender des Stiftungsrats ist der Kaufmann und Automobil-Sammler Karl-Heinz Rehkopf.

Die Sammlung von Kleinwagen aus der Nachkriegszeit hatte Künnecke in mehr als 30 Jahren zusammengetragen. Durch die Ergänzung der “Sammlung Störy”  um die Stücke aus dem Besitz der Kulturstiftung Kornhaus “konnte die Kollektion von Otto Künnecke sinnvoll ergänzt und ausgebaut werden, so dass sie heute als die größte Ihre Art weltweit gilt”, so die Stiftung. In mehreren Schritten wurden die Fahrzeuge aus Störy nach Einbeck gebraucht, im Januar 2017 hatte auch das letzte Stück eine neue Heimat gefunden. Ein Teil der seit 2005 nicht mehr öffentlich zugängliche Sammlung der kleinen Wirtschaftswunderautos ist ab 2018 dann dauerhaft  Seite an Seite mit den seltenen Klein- und Kleinstwagen der Rehkopfschen Sammlung zu sehen. Mehr als 300 Motorräder und Automobile sind dann dort zu sehen. Zu den Raritäten der Störy-Sammlung gehört ein Kleinschnittger Spezial aus dem Jahr 1954. Das kleine Cabrio mit 250 Kubikmetern Hubraum und 15 PS ist ein Unikat, das der Autokonstrukteur Paul Kleinschnittger persönlich 1954 für Repräsentationszwecke und sonntägliche Familienausflüge herstellen ließ. Ein besonders seltenes Stück der PS.Speicher-Sammlung ist ein Champion Ch2. Von diesem Modell fertigte der Hersteller Hermann Holbein in 1949 und 1950 nur elf Exemplare. Ein Einzylinder-Triumph-Motor mit 6,5 PS beschleunigte das Minimodell immerhin auf bis zu 60 Stundenkilometer.

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