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Thema des Tages 41. Göttinger Jazzfestival: Trio Three Fall im Tageblatt-Gespräch
Thema Specials Thema des Tages 41. Göttinger Jazzfestival: Trio Three Fall im Tageblatt-Gespräch
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16:01 09.11.2018
Ein „spezieller, unverkennbarer“ Sound: Three Fall and Melane. Quelle: r
Göttingen

Am Sonnabend, 17. November, gastiert das Trio auf dem Göttinger Jazzfestival. Posaunist Til Schneider äußerte sich vorab – über Rockmusik, die Begegnung mit der Sängerin Melane und die Freiheit ohne Bass und Harmonieinstrument zu spielen.

Herr Schneider: Woher kommt der Name der Band?

„Three Fall“ heißt ja „Drei“ und „Fallen“ – also der freie Fall zu dritt. Wir fallen, weil wir keinen Boden unter den Füßen haben. So hat es sich angefühlt, als wir das erste mal zusammen gespielt haben. Wir haben gemerkt: Da fehlt doch noch was – ein Bass und Akkordinstrumente.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Als Bläser haben wir begonnen Basslinien zu spielen und Akkorde akustisch zu erzeugen. Durch Flageoletts auf dem Saxofon und Multiphonics, also gleichzeitiges Singen und Spielen auf der Posaune, entstehen Mehrstimmigkeiten. Dazu haben wir uns mit der Zeit einige Effekte gekauft.

Three Fall mit Raum für Improvisationen

Welche Freiheiten hat man, wenn man ohne Bass und Piano beziehungsweise Gitarre spielt?

Erst einmal ist es anstrengender! Als Bläser muss man die ganze Zeit spielen. Aber das prägt auch unseren Gesamtklang als Band – unser Erkennungszeichen. Besonders durch den „Harmonizer“-Effekt habe ich dazu als Komponist die Freiheit, meine Ideen, die ich meistens am Klavier entwickle, mit der Posaune umzusetzen und auch ohne Keyboard oder Gitarre zum Beispiel eine Fünfstimmigkeit zu erzeugen. Unsere Besetzung ist verbunden mit ungewohnten Einschränkungen aber auch mit ungewöhnlichen Möglichkeiten – das macht den Reiz aus.

Gibt es auch mehr Raum für die Improvisation?

Ja, durch unsere abgespeckte Besetzung hat man durchaus Platz beim Improvisieren.

Durch die Elektronik bekommt die Musik auch Rock-Feeling. Lieben Sie diese Energie des Rocks?

Ja! Wir haben schon u.a. Red Hot Cilli Peppers und Rage Against the Machine gecovert. Besonders unsere „Killing In The Name Of“-Version ist immer extrem gut angekommen. Wir haben alle auch Rockmusik gehört, sind aber generell nicht so die Rockmusiker.

Nach Göttingen kommen Sie mit der Sängerin Melane. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Auf unserem Album „Walkabout“ ist eine Kollaboration mit Promoe, dem Frontman der schwedischen Hip-Hop-Band Lootroop, zu hören. Wir hatten schon lange die Idee auch live auf der Bühne Gesang oder Rap in unsere Musik zu integrieren. Melane habe ich zum ersten Mal live auf einem Festival in Köln erlebt und konnte mir sofort vorstellen, dass sie super zu uns passt.

Melane singt auch in ihrer Muttersprache Lingala

Was passte denn genau?

Sie hat eine tolle Ausstrahlung, kann tanzen, rappen und natürlich sehr gut singen. Vor allem komponiert sie auch und schreibt Texte. Darüber hinaus bildet ihre samtige, saubere Stimme einen Kontrast zu unserem eher rauen Band-Sound, was die Vielseitigkeit unserer Musik noch erweitert. Melane bringt eine weitere Portion Energie in die Band und das merken wir nicht zuletzt an der Reaktion unseres Publikums, das von seinen Stühlen aufsteht und tanzt. Außerdem haben wir jetzt richtige Soul- und Afrobeat-Stücke und sind „afrikanischer“ geworden, weil Melane neben englischen Texten auch in ihrer Muttersprache Lingala singt.

Nehmen die unterschiedlichen Sprachen Einfluss auf die Musik?

Auf jeden Fall: Lingala hat einen sehr schönen Klang und unsere Musik klingt dadurch noch besonderer.

Melane bringt durch ihre Texte auch politische Aussagen in die Musik.

Ja, in dem Stück „People“ geht es um Flüchtlinge. Der Text ist eine Kritik an der Ignoranz privilegierter Menschen, die die Augen davor verschließen, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Es ist außerdem eine Reflexion von Melane aufgrund ihrer persönlicher Erfahrungen: Ihr Bruder musste während des Bürgerkriegs im Kongo fliehen, wurde aber wieder aus Deutschland abgeschoben.

Bitte erzählen Sie von den Bandmitgliedern. Wer bringt was in eure Musik ein?

Unser Schlagzeuger Sebastian Winne kommt eher aus der Weltmusikecke, ist ein zum Beispiel großer Joe Zawinul-Fan und für den Groove maßgeblich. Lutz Streun hat mit seiner Bassklarinette ein außergewöhnliches Instrument und mag besonders die Freiheit des Freejazz. Ich selber komme eher von elektronischer Musik und HipHop, arrangiere viel für die Band, schreibe die meisten Stücke und habe das Album mit Melane abgemischt.

Wie sind Sie persönlich zum Jazz gekommen?

Ich wurde da so reingeschmissen. Ich habe als Kind beim Klavier-Unterricht einen Boogie-Woogie vorgelegt bekommen, der es mir sehr angetan hat. Als Teenager habe ich zwar schon am Klavier improvisiert, aber auch viel Musik mit Synthesizer, Sampler und Computer produziert und wurde später Toningenieur. Jazzmusiker bin ich eigentlich erst durch Three Fall geworden. Ich habe Jazz in Köln studiert. Meine meine Eltern wollten, dass ich etwas studiere, wenn sie mir meine Wohnung in Köln finanzieren würden. Eigentlich habe ich aber schon immer in vielen unterschiedlichen Bands gespielt und Studio-Projekte mit verschiedenen Vocal-Artists gemacht, deren Musik man nicht Jazz nennen würde.

Was ist denn für Sie das Besondere an Three Fall?

Wir haben durch unsere Blasinstrumente und Effekte diesen speziellen, unverkennbaren Sound. Wir könnten daher eigentlich jede Musik spielen und würden immer nach Three Fall klingen. Außerdem wollen wir farbenreiche und interessante Musik machen. Daher improvisieren wir zwar wie im Jazz, aber die Improvisation muss nicht zu großen Raum einnehmen. Passagen sollen nicht zu lang sein – es soll Abwechslung da sein. Zudem bedienen wir uns verschiedenster Genres, weil für uns Jazz eine Mischung aus unterschiedlichen Stilen ist. Wir spielen auch sehr tanzbare Musik und nicht nur auf Jazzfestivals. Mit einem Bein möchten wir im Jazz bleiben und mit dem anderen Bein in vielen anderen Sachen stecken.

Three Fall & Melane gastieren am Sonnabend, 17. November, ab 22 Uhr im Deutschen Theater Göttingen.

Neun Tage Jazz: Das 41. Jazzfestival Göttingen im Überblick

Sonnabend, 10. November Kultur im Esel, Sülbeck um 20 Uhr Eva Kruse „On the Mo“

Sonntag, 11. November St. Johanniskirche, Göttingen um 18 Uhr Jazzgottesdienst mit dem Alexandra Lehmler Trio

Montag und Dienstag, 12./13. November Lumière, Geismarlandstraße 19 in Göttingen jeweils um 18 Uhr Film „It Must Schwing! – The Blue Note Story“

Dienstag, 13.November Literarisches Zentrum, Düstere Str. 20 in Göttingen um 20 Uhr Friedrich Christian Delius: die Zukunft der Schönheit – feat. Ove Volquartz

Mittwoch, 14. November Altes Rathaus, Markt 4 in Göttingen um 20 Uhr Susan Weinert Rainbow Trio

Donnerstag, 15. November KIM Kultur, Angerstraße 1c in Göttingen um 19 Uhr Andreas Jäger & Friends

Musa, Hagenweg 2a in Göttingen um 20 Uhr Thursday Night Hop: LindyHop-Workshop mit den New Orleans Syncopators

Freitag, 16. November Deutsches Theater, Theaterplatz 11 in Göttingen ab 19.15 Uhr auf der Großen Bühne: Vincent Peirani Living Being, Julia Kadel Trio und The Stanley Clarke Band Studio: Blues Brothers Band, Jazzaholics, Rabes, Sharp Five, XY JazZ Keller: Azul Balam, Chimes & Crimes, JazzXpress, red:men, Sansculottes

Sonnabend, 17. November Deutsches Theater, Theaterplatz 11 in Göttingen ab 19.15 Uhr auf der Großen Bühne: Myra Melford Snowy Egret, Three Fall & Melane und Al Di Meola Studio: Small Big Band, Jazztified, Jentzen Groh Sommerfeld Trio, Ground Effect, UniRoyal Keller: Groove Instinct, Kirby’s Delight, New Orleans Syncopators, Harmony Hoppers, Blue Roseland Orchestra

Sonntag, 18. November Universitätsklinikum, Robert-Koch-Straße 40 in Göttingen um 11 Uhr Jazzfrühstück mit den Swing Club Cats; Musa, Hagenweg 2a in Göttingen um 20 Uhr The KutiMangoes

Die beiden Festivalabende im Deutschen Theater sind bereits ausverkauft. Für alle anderen Veranstaltungen gibt es noch Karten – im Vorverkauf und an der Abendkasse. Ticketservice des Göttinger und Eichsfelder Tageblatts: Weender Straße 44, Göttingen, und Marktstraße 9, Dudenstadt.

Mehr Infos: www.jazzfestival-goettingen.de

Von Udo Hinz

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