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Thema des Tages Wissenschaftler gegen Atomwaffen
Thema Specials Thema des Tages Wissenschaftler gegen Atomwaffen
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00:17 09.04.2017
Carl Friedrich von Weizsäcker (r), Otto Hahn (l) und Walther Gerlach (M) treffen am 17. April 1957 im Bonner Palais Schaumburg ein, um mit Bundeskanzler Adenauer die von ihm scharf kritisierte "Göttinger Erklärung" zu diskutieren. Quelle: dpa
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Göttingen

Es überrascht deshalb nicht, dass in den heftigen Debatten über die Wiederaufrüstung auch nach einer möglichen atomaren Bewaffnung gefragt wurde. Zunächst standen die einfachen Probleme im Vordergrund: Uniformen, Kasernen, konventionelle Waffen, denn nach der vollkommenen Abrüstung musste alles neu mit Hilfe der Nato-Partner angeschafft oder entwickelt werden.

Autor

Klaus Wettig, (76), ist seit 1962 SPD-Mitglied. für die Partei war der Sozialwissenschaftler unter anderem von 1979 bis 1994 in EU-Parlament tätig. Der Göttinger war zudem Geschäftführer des Parthas-Verlags.

Überraschend verlagerte sich die Aufrüstungsdiskussion, nachdem im Januar 1957 die erste Bundeswehr-Einheit aufgestellt worden war, auf die atomare Aufrüstung. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) sprach in einer Pressekonferenz am 5. April 1957 über atomare Waffen für die Bundeswehr und bezeichnete sie als eine „Fortentwicklung der Artillerie“ und „beinahe normale Waffen“. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Am 12. April verbreiteten alle Tageszeitungen den Protest von 18 Atom-Experten, den „Göttinger Achtzehn“, die Adenauers Urteil bestritten. Sie lösten eine weltweite Debatte aus, die das Unbehagen der Kernphysiker mit der von ihnen entwickelten Waffe ausdrückte.

Für die deutsche Diskussion ist das „Göttinger Tageblatt“ ein plastisches Beispiel. Während am Tag vor dem 12.4. der Aufmacher noch „Sonntagsruhe soll erhalten bleiben“ lautete, bestimmte die Auseinandersetzung zwischen den „Göttinger Achtzehn“ und Bundesregierung danach die Schlagzeilen. Der Kommentar ist zunächst ratlos, auch die Bundesregierung ringt um Antwort.
Die Göttinger Achtzehn, unter denen die Prominentesten die Nobelpreisträger Otto Hahn, Max Born, Max von Laue und Werner Heisenberg sind, aber auch der angesehene Carl-Friedrich von Weizsäcker, lehnten jede Mitwirkung am Bau von Atomwaffen ab und forderten für die Bundeswehr den Verzicht auf Atomwaffen: An einer friedlichen Nutzung der Kernenergie wollten sie weiterhin mitwirken.

 
Um das zustimmende Echo auf das Göttinger Manifest einzugrenzen, bietet die Bundesregierung den Dialog. Der am 17. April nicht zu einer Einigung führt. Übereinstimmung wird nur in dem Aufruf zur weltweiten Abrüstung erzielt.

Bald nach dem Meinungsaustausch der Wissenschaftler mit Adenauer bewies die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung ihre Überlegenheit gegenüber der Medienpräsenz der „Göttinger Achtzehn“. Sie verloren nicht an Zustimmung, doch jetzt kamen in den Medien die Bundesregierung und ihre Unterstützer zu Wort und zum Grundtenor wurde: „Die Wissenschaftler sind doch sehr unpolitisch.“ Allenfalls in der Atomdebatte am 10. Mai im Bundestag wurde der Ton noch einmal schärfer, als der SPD-Verteidigungsexperte Fritz Erler fragte: Was man denn noch mit Atomwaffen verteidigen wolle, wenn die gleichen Waffen dafür sorgen, dass es nichts mehr zu verteidigen gibt.

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Die Atomdebatte reichte nicht aus, um die Adenauer-Regierung zu einer Kurskorrektur zu bewegen. Durch das überwältigende Wahlergebnis der Bundestagswahl 1957 fühlte sie sich in ihrer Politik bestätigt. Doch Ruhe gab es in der Atomdebatte nicht. Für die neue Wahlperiode warben CDU und SPD Sachverstand ein. Die CDU schickte über die niedersächsische Landesliste Pascual Jordan, einen früheren Freund Werner Heisenbergs in den Bundestag, für die SPD gewann der Kernphysiker Karl Bechert den Wahlkreis Waldeck. Und die SPD startete im Frühjahr 1958 mit den Gewerkschaften die Bewegung „Kampf dem Atomtod“, die hunderttausende mobilisierte. Auch in Göttingen wurde demonstriert: am 2. Juli protestierten 2.000 Göttinger mit einem Schweigemarsch gegen die atomare Bewaffnung. Die Länder Bremen und Hamburg wollten Volksabstimmungen über Befragungsgesetze erreichen, was ihnen das Bundesverfassungsgericht untersagte. Auf dem Stuttgarter SPD-Parteitag 1958 sollte mit der Aufführung der „Göttinger Kantate“, die der Autor Günter Weisenborn im Stil des Agitprop-Theaters verfasst hatte, ein neuer Schub erreicht werden. Erwin Piscator, der Altmeister des politischen Theaters, inszenierte. Die Mobilisierung stagnierte jedoch, sodass SPD und Gewerkschaften 1959 ihre Mitarbeit einstellten. In der Ostermarsch-Bewegung lebte die Kampagne gegen Atomwaffen aber weiter.

Zwei Jahrzehnte später gewann die Anti-Atom-Bewegung überraschend neue Kraft, als sie sich gegen die Gefährdung der Kernenergie wandte und mit dem Kampf gegen Raketenstationierung zu einer Volksbewegung wurde. Die Gründung der „Grünen“ und deren politischen Erfolge sind ohne die „Göttinger Achtzehn“ nicht denkbar.

Von Klaus Wettig

Manifest der „Göttinger Achtzehn“

Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit tiefer Sorge. Einige von ihnen haben den zuständigen Bundesministern ihre Bedenken schon vor mehreren Monaten mitgeteilt. Heute ist eine Debatte über diese Frage allgemein geworden. Die Unterzeichnenden fühlen sich daher verpflichtet, öffentlich auf einige Tatsachen hinzuweisen, die alle Fachleute wissen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen.
1. Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung normaler Atombomben. Als "taktisch" bezeichnet man sie, um auszudrücken, daß sie nicht nur gegen menschliche Siedlungen, sondern auch gegen Truppen im Erdkampf eingesetzt werden sollen. Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima zerstört hat. Da die taktischen Atomwaffen heute in großer Zahl vorhanden sind, würde ihre zerstörende Wirkung im ganzen sehr viel größer sein. Als "klein" bezeichnet man diese Bomben nur im Vergleich zur Wirkung der inzwischen entwickelten "strategischen" Bomben, vor allem der Wasserstoffbomben.
2. Für die Entwicklungsmöglichkeit der lebensausrottenden Wirkung der strategischen Atomwaffen ist keine natürliche Grenze bekannt. Heute kann eine taktische Atombombe eine kleinere Stadt zerstören, eine Wasserstoffbombe aber einen Landstrich von der Größe des Ruhrgebietes zeitweilig unbewohnbar machen. Durch Verbreitung von Radioaktivität könnte man mit Wasserstoffbomben die Bevölkerung der Bundesrepublik wahrscheinlich schon heute ausrotten. Wir kennen keine technische Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor dieser Gefahr sicher zu schützen.
Wir wissen, wie schwer es ist, aus diesen Tatsachen die politischen Konsequenzen zu ziehen. Uns als Nichtpolitikern wird man die Berechtigung dazu abstreiten wollen; unsere Tätigkeit, die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt und bei der wir viele junge Menschen unserem Gebiet zuführen, belädt uns aber mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen Fragen schweigen. Wir bekennen uns zur Freiheit, wie sie heute die westliche Welt gegen den Kommunismus vertritt. Wir leugnen nicht, daß die gegenseitige Angst vor den Wasserstoffbomben heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit in einem Teil der Welt leistet. Wir halten aber diese Art, den Frieden und die Freiheit zu sichern, auf die Dauer für unzuverlässig, und wir halten die Gefahr im Falle des Versagens für tödlich. Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichnenden bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen. Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.
Fritz Bopp, Max Born, Rudolf Fleischmann, Walther Gerlach, Otto Hahn, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max v. Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Josef Mattauch, Friedrich-Adolf Paneth, Wolfgang Paul, Wolfgang Riezler, Fritz Straßmann, Wilhelm Walcher, Carl Friedrich Frhr. v. Weizsäcker, Karl Wirtz

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