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Die Menschen bewegen

80 Jahre A7 Die Menschen bewegen

Die Inszenierung am Sonntag, 20. Juni 1937 mit der ersten Fahrt auf dem fertigen Abschnitt der damaligen Reichsautobahn zwischen Kassel und Göttingen war ganz im Sinne der Hitlerschen Propaganda. Aber damals wie heute hat die Autobahn für die Menschen eine große Bedeutung – als Arbeitsplatz, Wirtschaftsfaktor und Verkehrsachse.

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Zur Eröffnung passierte ein Motorradkonvoi die A7 - Gauleiter Weinrich fuhr im offenen Mercedes vorneweg.

Quelle: Archiv

Das Tageblatt widmete der A 7 zum 70jährigen Bestehen im Jahr 2007 eine 16-teilige Serie, aus der die inzwischen vergriffene Broschüre „70 Jahre Autobahn Göttingen – Kassel. Zeitzeugen berichten“ entstand. Viele der vor zehn Jahren zitierten Zeitzeugen leben inzwischen vermutlich nicht mehr. Ihre Erinnerungen an die A 7 aber bleiben auch 80 Jahre nach Eröffnung der Autobahn lebendig.

Mit der Serie habe das Tageblatt „einen wichtigen Beitrag geleistet“, schrieb nach Erscheinen der Tageblatt-Broschüre der inzwischen emeritierte Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Kassel und Mobilitätsforscher Richard Vahrenkamp in dem „die letzten lebenden Zeitzeugen interviewt“ worden seien. Vahrenkamp bezeichnete dies als „Oral History“. Die Ergebnisse hielt er für „aufschlussreich, wie der Autobahnbau von der umliegenden Bevölkerung genutzt wurde als Exkursionspunkt“, und bezeichnete die „ökonomische Integration des Autobahnbaus in die umliegende Dorfbevölkerung“ als interessant.

In der Serie erinnerten sich die Tageblatt-Gesprächspartner zum Beispiel an Untervermietungen an Arbeiter, höhere Umsätze in den Gaststätten und die Möglichkeit des Geldverdienens beim Transport von Baumaterial mit bespannten Fuhrwerken zur Baustelle. Nach Einschätzung Vahrenkamps zeige das, „wie das Projekt des Autobahnbaus in die Sozialsysteme der Dörfer eindrang“.

Die A 7 und ihre nunmehr 80jährige Geschichte im Abschnitt zwischen Kassel und Göttingen bewegt die Menschen – als eine der wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsadern in Deutschland ebenso wie emotional. Die A 7 war und ist auch Arbeitsplatz – zum Beispiel für die Männer der Autobahnmeisterei, für Beschäftigte an der Raststätte, für Polizisten und Rettungskräfte.

Die Eröffnung:

Am 20 Juni 1937 kam nach dem Festakt in Kassel ein Fahrzeugkorso „über den Hügel angeknattert“, wie einer der Zeitzeugen schilderte. Das Tageblatt berichtete am 21. Juni 1937: „Überall standen zu beiden Seiten der Strecke Scharen von Volksgenossen, die den Vorüberfahrenden freudig zuwinkten.“ „Das war ein Ereignis“, meinte ein weiterer Zeitzeuge 70 Jahre danach.

Planung und Bauarbeiten:

Der Bau der Autobahn ging nicht auf die Idee Adolf Hitlers zurück, wie die damalige Propaganda Glauben machen wollte. „Die Pläne gab es ja schon viel früher“, zitiert die Tageblatt-Serie einen weiteren Zeitzeugen. Tatsächlich, so Prof. Vahrenkamp, habe es bereits in den 20er-Jahren Initiativen zur Motorisierung des Straßennetzes in Deutschland gegeben.

Eine von ihnen war die Vereinigung Hafraba (Verein zur Vorbereitung der Autostrasse Hamburg-Frankfurt-Basel). Ein Rosdorfer erinnerte sich 2007 an die Autobahnbaustelle: „Für uns Kinder und Jugendliche war die Strecke ein großer Abenteuerspielplatz.“ Gewaltige Erdarbeiten waren erforderlich, das damalige Bauunternehmen Müller legte eigens Gleise für eine Feldbahn, mit der Material hin- und hergeschafft wurde. Alte Fotos des Unternehmens zeigen dampfbetriebene Raupenbagger, die die Landschaft umgestalteten.

Viele Hinweise auf den Alltag rund um den Autobahnbau gab es in den Archiven. Zum Beispiel dass viele Arbeiter seinerzeit „den größten Teil ihres Arbeitsverdienstes“ in Dramfeld“ umgesetzt haben sollen.

Und auch Zeitzeugen erinnerten sich zum Beispiel an das „Reichsautobahnlager“ bei Holtensen. In dessen Kantine seien „die Leute mit Filmen unterhalten“ worden. Auch die Dorfbewohner hätten die Vorführungen besucht, berichtet einer der Zeitzeugen. „Das war unser Kino.“ Viele aus dem Eichsfeld seien einem Bericht des „Eichsfelder Heimatboten“ zufolge „morgens schon in aller Herrgottsfrühe“ aus den Dörfern auf direktem Wege mit 14 Omnibussen zu je 35 Mann zur Arbeitsstelle gebracht worden. Andere seien in Gemeinschafts- oder Privatquartieren untergebracht gewesen.

Die Werratalbrücke:

Sie galt seinerzeit als eines der kühnsten Bauwerke ihrer Zeit: die Werratalbrücke. Der erste Brückenbau allerdings – nach nur 15 Monaten Bauzeit fertiggestellt – erwies sich als „Fehlkonstruktion“, denn es handelte sich um eine starre Gitterkonstruktion, die am Übergang zur außerordentlich steilen Auffahrt zum Kaufunger Wald Probleme bereitete.

Am 5. April 1945 sprengte ein deutsches Kommando die Brücke, weil amerikanische Truppen von Kassel aus anrückten. Es sollte mehrere Jahre dauern, bis mit dem Wiederaufbau der Brücke begonnen wurde: 1952 war die diesmal in Wannenform konstruierte Brücke fertig. An ihrem Bau arbeitete ein Laubacher mit, den das Tageblatt für die Serie interviewte. Er berichtete von der gefährlichen Arbeit auf den 61 Meter hohen Brückenpfeilern.

Es sollten nicht die letzten Bauarbeiten sein. 1987 bis 1994 wurde die Werratalbrücke verbreitert, um den inzwischen hochbelasteten Nord-Süd-Abschnitt der A 7 zu entlasten.

Die Raststätte:

An die erste Pächterin der Rastanlage Göttingen am Ortsrand von Mengershausen erinnerte sich für die Serie der damalige Mengershäuser Ortsheimatpfleger Werner Scheede. Mitte der 50er-Jahre habe sie den damaligen Fertigbau übernommen. An der heutigen Tankstelle auf der Ostseite sei 1945 ein Lazarett der Amerikaner gewesen.

Nach dem Krieg, hätten Pferde- und Ochsengespanne aus dem Dorf die Autobahn für den Transport von Holz genutzt, weil es außer Militärfahrzeugen damals kaum Verkehr gegeben habe.

Die Autobahnpolizei:

Noch heute befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Rastanlage Göttingen West die Autobahnpolizei. Im April 1952 wurde dort die sogenannte Motorisierte Verkehrspolizei, „Mot“ genannt, gegründet. 1965 bezogen die Göttinger Polizisten ihren Bungalow-Stützpunkt. Zuvor waren sie Mieter in einem benachbarten Privathaus.

Ihren Spitznamen „Weiße Mäuse“ tragen die Autobahnpolizisten übrigens bis heute. 1952 wurden die Beamten mit weiß reflektierender Sonderbekleidung ausgestattet und die Streifenwagen hatten weiße Kotflügel. An der provisorischen Autobahnabfahrt bei Laubach — hier führte die Umleitung entlang, da ja die Werratalbrücke gesprengt worden war – war 1951 ein Polizeiposten eingerichtet.  Von 1947 bis 1987 tat hier ein weiterer Zeitzeuge als Polizist Dienst. Sie hätten die Fahrer vor der „Todeskurve“ gewarnt und auf die steile Abfahrt hingewiesen, sagte er.

Die Autobahnmeisterei:

Bereits zur Eröffnung des Autobahnabschnitts Kassel – Göttingen gab es die Reichsautobahn-Straßenmeisterei, die später Autobahnstraßenmeisterei Göttingen genannt wurde und seit Anfang der 60er-Jahre nur noch Autobahnmeisterei Göttingen heißt. Am Standort unmittelbar an der Anschlussstelle Göttingen wurden während des Krieges Versuchsflugzeuge gebaut, darunter der Prototyp eines Horten-Nurflüglers mit zwei Stahltriebwerken.

Einer der in der Dienststelle der Autobahnmeisterei 47 Jahre lang als Straßenwärter arbeitete, berichtete 2007 für die Tageblatt-Serie von seinen Aufgaben, zu denen unter anderem das Nachmalen der Holzschilder oder das Splitt-Schaufeln zählte. Auch wenn sich die Arbeiten gegenüber früher verändert haben, damals wie heute ist der Job der Straßenwärter sehr gefährlich, da sie im fließenden Verkehr arbeiten.

Neue Fahrspuren, mehr Parkplätze und neue Anschlussstelle

Via Niedersachsen heißt das Konsortium, das als privater Partner den Zuschlag für den sechsstreifigen Ausbau der A 7 zwischen Nörten-Hardenberg und Seesen auf einer Länge von etwa 30 Kilometern bekommen hatte. Derzeit beginnen die Bauarbeiten für den Ausbau, teilt die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Bad Gandersheim in einem Ausblick mit.

Weiterhin ist in den kommenden Jahren der Aus- und Neubau von Rastanlagen in Südniedersachsen  an der A 7 und der A 38 vorgesehen, um dem wachsenden Bedarf an Stellplätzen vor allem für Lastwagen und Schwertransporte zu decken:

  • Ersatzneubau der Parkplatzanlage mit WC (PWC) „Langer Grund“ bei Mollenfelde in Richtung Süden mit 34 Pkw- und etwa 45 Lkw-Stellplätzen. Sie soll die Anlage „Hackelberg“ ersetzen.
  • Neubau der PWC-Anlage „Wasserbreite“ an der A 7 zwischen Lenglern und Holtensen in Fahrtrichtung Kassel. 75 Pkw- und 168 Lkw/Busse sollen hier parken können.
  • Die PWC-Anlage namens „Am Bierberg“ für 15 Pkw und 24 Lkw in Fahrtrichtung Norden in Höhe von Kalefeld werde umgebaut.
  • Ebenso ist der Umbau der PWC-Anlage „Wetterschacht“ mit vier Pkw- und 20 Lkw-Stellplätzen bei Düderode vorgesehen.
  • Die Tank- und Raststätte bei Mengershausen wird um- und ausgebaut und erhalte dabei einen Erweiterungsneubau. Auf der Ostseite soll die Kapazität dann rund 100 Auto- sowie etwa 120 Lkw-Stellplätze betragen, auf der Westseite sollen es 77 Pkw- und 44 Lkw-Plätze werden. Bestandteil dieses Ausbauprojektes werde der Neubau der Anschlussstelle Rosdorf sein. Die derzeitigen Betriebszufahrten, die derzeit noch vom öffentlichen Verkehr als Zu- und Abfahrten genutzt werden, sollen später geschlossen werden.
  • In der zweiten Jahreshälfte 2017 ist laut Behörde noch die Erneuerung des sogenannten offenporigen Asphalts zwischen Anschlussstelle Göttingen und Dreieck Drammetal vorgesehen.
  • An der Autobahn 38 bei Friedland soll in Fahrtrichtung Halle ebenfalls eine neue PWC-Anlage mit Namen „Gieseberg“ entstehen. Geplante Kapazität: 32 Pkw- und 30 Lkw-Plätze.

17 Prozent beträgt der Lkw-Anteil am durchschnittlichen täglichen Verkehrsaufkommen auf der Autobahn 7 zwischen dem Dreieck Drammetal und der Anschlussstelle Seesen. Laut Angaben der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Bad Gandersheim rollen aktuell etwa 57 000 Fahrzeuge in 24 Stunden über den genannten Abschnitt. Kurz nach der Eröffnung des Abschnitts zwischen Kassel und Göttingen 1937 konnte die Autobahn noch von Radfahrern genutzt werden, so wenig Verkehr war auf der Bahn. Die Behördenstatistik wird seit 1952 geführt – da waren es 2610 Fahrzeuge täglich.

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Von Redakteur Britta Eichner-Ramm

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