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Thema des Tages Die vergessene Krankheit
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21:00 30.11.2018
Caroline Herberhold, Luca Siemens und Simone Kamin (v.l.) von der Göttinger Aids-Hilfe an der Oberen Karspüle. Quelle: Christina Hinzmann / GT
Göttingen

In den 1980er- und 90er-Jahren war Aids ein beherrschendes Thema in den Medien. Inzwischen ist die Immunschwächekrankheit weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden, viele Vorurteile sind geblieben. „Streich die Vorurteile!“ lautet deshalb auch das Motto der Göttinger Aids-Hilfe zum diesjährigen Welt-Aids-Tag am 1. Dezember. Die 1985 nach ersten Treffen im Waldschlösschen gegründete Göttinger Aids-Hilfe ist mit einem Info-Stand am Kornmarkt präsent, mit der traditionellen Bären-Aktion in Göttingen und Northeim sollen Spenden in die Kasse kommen. Auf die ist die Aids-Hilfe als vom Land und der Stadt Göttingen geförderter gemeinnütziger Verein weiterhin angewiesen.

„Die 80er-Jahre waren eine sehr schwere Zeit“, erinnert sich Simone Kamin. Die seit 15 Jahren bei der Aids-Hilfe angestellte Sozialarbeiterin teilt sich die Geschäftsführung mit der Diplom-Biologin Caroline Herberhold, die nach dem Studium in der HIV-Ambulanz in Hannover gearbeitet hat. Komplettiert wird das Team durch Luca Siemens, der sich um den Präventionsbereich kümmert.

Auf Angst folgte Trauer

In den 80er-Jahren seien viele medizinische Fragen noch ungeklärt gewesen, HIV-Positive stigmatisiert worden, sagt Kamin. Gegen die schwule Infrastruktur hätten staatliche Repressionen gedroht, Betroffene unter Ohnmachtsgefühlen gelitten, sogar Zwangstests und Internierungen seien in Erwägung gezogen worden. Nur langsam habe sich die Debatte gedreht. Auf die Angst folgte die Trauer. Das „große Sterben“ in den 90er-Jahren war für die gesamte Szene und auch die professionellen Helfer traumatisierend. Viele Menschen verloren geliebte Partner, Angehörige und Freunde, viele kämpferische, einfühlsame und berührende Songs wie Bruce Springsteens „Streets of Philadelphia“ kreisten um das Thema.

Zeichen der Solidarität: die Aids-Schleife. Quelle: dpa

Mit der Anti-Retroviralen Therapie (ART) habe ab 1996 eine Wende eingesetzt, berichtet Kamin. Die Wirkstoffkombination, die die Vermehrung der HIV-Viren im Körper unterdrückt und vermindert, sei ständig verbessert worden, inzwischen günstigenfalls nur noch eine Tablette täglich nötig. Die medizinischen Möglichkeiten hätten zu einer annähernd normalen Lebenserwartung HIV-positiver Menschen geführt und das Ansteckungsrisiko ausgeschaltet. Aids sei immer noch nicht heilbar, ergänzt Herberhold. Die Therapie, die Krankheitsausbruch und Infektion verhindere, sei bis zum Lebensende erforderlich. Schon lange vom Tisch ist das Thema Bluttransfusionen, Heroinabhängige machen nur noch bis zu acht Prozent der Neuinfektionen aus, fast alle Junkies benutzen frische Spritzen. „Die Safer-Use-Kampagne hat sich bewährt“, meint Herberhold.

Safer-Sex-Sofa

Wie Tupper-Abende gebucht werden kann das Safer-Sex-Sofa, ein relativ neues Aufklärungsangebot des „Präviteams“ in Kooperation mit der Initiative SVeN (Schwule Vielfalt erregt Niedersachsen). Mit dem Gesundheitsamt arbeitet die Aids-Hilfe ebenso zusammen wie mit dem Queeren Zentrum Göttingen und Pro Familia. Ebenso wie individuelle Beratungen gehören Workshops und Präventionsveranstaltungen mit Zielgruppen vom Schulbereich bis zu jungen Geflüchteten sowie berufliche Schulungen im medizinischen Bereich zum Aufgabenbereich der Aids-Hilfe.

„Sogar im Gesundheitssystem, wo man am ehesten eine professionelle Haltung erwarten sollte, gibt es weiterhin Zurückweisung und Diskriminierung“, sagt Kamin. In manchen Zahnarztpraxen komme es vor, das HIV-Positive keinen oder nur den allerletzten Termin bekommen würden: „Dem treten wir engagiert und konsequent entgegen.“ Im medizinisch-pflegerischen Bereich würden Standard-Hygienemaßnahmen vollkommen ausreichen, um jegliches Infektionsrisiko auszuschalten, im täglichen Zusammenleben könne HIV ohnehin nicht übertragen werden. Bei erfolgreicher Therapie bestehe auch beim Sex keine Infektionsgefahr mehr für HIV-negative Partner.

Unbegründete Ängste

Obwohl die Aids-Hilfe diese Botschaft seit vielen Jahren verbreitet, halten sich Unwissen, unbegründete Ängste vor einer Ansteckung und gesellschaftliche Vorurteile hartnäckig. Sensibilisierung und Präventionsarbeit seien Daueraufgaben, sagt Kamin: „Viele trauen sich nach wie vor nicht, offen mit dem Thema umzugehen. Betroffene stehen immer wieder vor der schweren Entscheidung, wem sage ich es und wem nicht – verbunden mit dem Risiko, zurückgewiesen zu werden.“ Auch die Angst vor Schuldzuweisungen spiele dabei eine Rolle.

Selbsttest in Beratungsstelle erhältlich

Der mittlerweile auch in Deutschland zugelassene HIV-Selbsttest ist für 20 Euro während der Öffnungszeiten (montags, donnerstags, freitags 10 bis 13 Uhr, dienstags 16 bis 19 Uhr) bei der Göttinger Aids-Hilfe, Obere Karspüle 14, erhältlich. Der Test kann dort und zu Hause durchgeführt werden, auf Wunsch ist Begleitung bei der Anwendung und ein anschließendes Beratungsgespräch möglich. Bis zum Ergebnis dauert es rund 20 Minuten. Ein negatives Ergebnis spiegele nur den Status bis drei Monate vor dem Test wider, teilt die Aids-Hilfe mit. Und ein reaktives Ergebnis sei nicht automatisch ein HIV-positives Testergebnis, sondern erfordere noch eine Blutuntersuchung im Labor. Beim Gesundheitsamt sei auch ein anonymer Test mit Blutuntersuchung möglich. Die sogenannte Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) mit vorbeugenden Medikamenten zum Schutz vor einer HIV-Infektion sei seit 2016 auf Privatrezept erhältlich. Eine Monatspackung koste im Schnitt rund 70 Euro, in Göttingen gebe es keine Modellapotheke für den Verkauf. Die DAK-Gesundheitskasse teilt zum Welt-Aids-Tag mit, künftig die Kosten für die PrEP übernehmen zu wollen.

„Eine Neu-Diagnose ist immer ein Schock und ein Wendepunkt im Leben und erfordert eine Neu-Orientierung“, sagt Herberhold. Viele Betroffene hätten weitere Probleme, seien durch das soziale Netz gefallen, litten unter Depressionen und psychischen Erkrankungen. Scham und Angst würden immer noch Menschen vom HIV-Test und damit einer Therapie abhalten, bedauert Kamin. Für die Lebensqualität HIV-positiver Menschen seien erstens rechtzeitige Diagnose und Behandlung wichtig, zweitens ein informiertes, entspanntes und solidarisches Umfeld: „Deshalb setzen wir uns für einen offenen und selbstbestimmten Umgang mit Sexualität ein und stärken das Bewusstsein und Wissen über sexuelle Gesundheit und vielfältige Lebensweisen.“

„Taddy“-Verkauf zu Gunsten der Aids-Hilfe

Bereits seit 20 Jahren setzt die Göttinger Aids-Hilfe kuschelige Bärchen als Botschafter für ein selbstverständliches Zusammenleben mit HIV-positiven Menschen ein. An der vorweihnachtlichen Teddy- respektive „Taddy“-Aktion (das a steht für Aids-Hilfe) beteiligen sich inzwischen rund 40 Geschäfte in Northeim sowie 14 Geschäfte und Institutionen in Göttingen. „In Göttingen suchen wir noch weitere Verkaufsstellen“, sagt Simone Kamin von der örtlichen Aids-Hilfe.

Bärchenverkauf zu Gunsten der Aids-Hilfe Quelle: r

 

Die neuen, schwarz-beigen Bärchen sind für eine Spende von sieben Euro zu Gunsten der Aids-Hilfe erhältlich. Die „Taddys“ präsentieren sich jedes Jahr in neuer Optik, sind zu beliebten Sammelobjekten geworden, tragen wie immer das Öko-CE-Zeichen und wurden ohne Kinderarbeit hergestellt. Nicht verkäuflich ist nur der als Werbeträger dienende Riesenteddy mit Pflaster, der schon immer beim Info-Stand zum Welt-Aids-Tag dabei war und den die Aids-Hilfe inzwischen vom Laden „Lampenfieber“ geerbt hat.

„Die Taddys tragen nicht nur zum notwendigen Spendenaufkommen unserer Einrichtung bei“, sagt Caroline Herberhold: „Sie sollen interessierten Menschen auch die Angebote unserer Beratungsstelle näherbringen. Wir sind zu allen Fragen rund um sexuelle Gesundheit und Lebensweisenführung persönlich, telefonisch und online erreichbar. Menschen mit HIV und ihre Angehörigen finden bei uns Unterstützung von der ersten Beratung nach einer frischen HIV-Diagnose bis hin zu Freizeit- und Selbsthilfeangeboten.“

Zahl der Neuinfektionen stagniert seit Jahren

Mehr als 90 000 Menschen mit HIV lebten nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts Ende 2017 in Deutschland, rund 4400 in Niedersachsen. Die seit Jahren stagnierende Zahl der Neuinfektionen ging bundesweit von 2900 auf 2700 zurück. Die Göttinger Aids-Hilfe mit jährlich rund 700 Beratungen führt keine separate Statistik, Zahlen werden erst ab Landesebene erfasst. Weltweit sind nach Angaben der Deutschen Aids-Hilfe rund 36,9 Millionen Menschen betroffen. Der Welt-Aids-Tag wird seit 1988 jährlich am 1. Dezember begangen. Zum 30. Jahrestag startet die Deutsche Aids-Hilfe die Kampagne #wissenverdoppeln, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit einem Video in den sozialen Medien unterstützt. In der Kreuzkirche in Hannover stehen die sexuelle Vielfalt und das Gedenken an HIV-Opfer am 1. Dezember ab 17 Uhr im Mittelpunkt eines ökumenischen Gottesdienstes. Unter dem Motto „Vielfalt statt Einfalt“ lädt dazu die Aids-Seelsorge der hannoverschen Landeskirche gemeinsam mit anderen Kirchen und Organisationen ein. Hierzulande seien bisher rund 30 000 Menschen an den Folgen von Aids gestorben, teilen die Organisatoren mit.

Von Kuno Mahnkopf

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