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Thema des Tages Anti-Terror-Einsatz schockiert Northeim
Thema Specials Thema des Tages Anti-Terror-Einsatz schockiert Northeim
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21:49 23.02.2017
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Northeim/Hannover/Göttinge

Northeims Bürgermeister Hans-Erich Tannhäuser zeigte sich am Donnerstag „schockiert und sehr betroffen“. Gerade hatte er erfahren, dass hinter einer der idyllischen Fachwerkfassaden der Stadt im Weserbergland ein 26-jähriger Salafist an einer Bombe gebastelt hatte, mit der er Soldaten oder Polizisten töten wollte. Für Tannhäuser ist es unfassbar, dass in einer Stadt mit 30 000 Einwohnern so ein Verbrechen geplant wurde. „Die Hintergründe müssen jetzt genau ermittelt werden“, fordert er.

Es ist nicht klar, ob überhaupt irgendjemand im Ort wusste, dass in der Nachbarschaft ein Radikaler wohnt. Eine salafistische Szene gibt es in Northeim nach Angaben der Polizei nicht. Auch Kontakte mit den Szenen in Hildesheim oder Göttingen sind nicht bekannt. Doch als die Polizei am Dienstag in die Wohnung eindrang, fand sie Sprengstoffe, Fernzünder und einen Mann, der einräumte, damit Menschen töten zu wollen.

Konvertiten keine Seltenheit unter Salafisten

Schnell drang durch, dass es sich bei dem islamistischen Terrorverdächtigen um einen Deutschen handelt, ohne Migrationshintergrund. Das mag vielen untypisch erscheinen, ein Einzelfall ist es nicht. „Seit den frühen Tagen von Al-Kaida erleben wir, dass die Szene zu 20 bis 30 Prozent aus Konvertiten besteht – bis in die höchsten Führungsebenen hinein“, sagt Michael Kiefer, Islamwissenschaftler an der Universität Osnabrück.

Berühmtheit erlangte der Deutsche Christian Emde, nachdem er als Kämpfer der Terrormiliz IS in Syrien Fernsehinterviews gegeben hatte. Auch die Salafistenszene aus Dinslaken (Nordrhein-Westfalen) bestand zu einem großen Teil aus Konvertiten. „Wir haben immer davor gewarnt, nur den Muslimen das Problem der Radikalisierung zuzuschieben“, so Kiefer.

Auch dass es keinen offensichtlich erkennbaren Kontakt des Northeimers zu örtlichen Extremisten gab, ist nicht ungewöhnlich. Schon vor Jahren warnte das Bundeskriminalamt, die Radikalisierung junger Menschen gehe immer schneller und erfolge immer häufiger über das Internet.

Ein besonders erschreckendes Beispiel dafür war ein Zwölfjähriger aus Ludwigshafen, der im Dezember zwei Anschläge auf einen Weihnachtsmarkt geplant hatte. Eine Verbindung zu örtlichen Salafisten konnte nicht festgestellt werden – der Junge hatte seine Anweisungen laut Medienberichten über das Internet erhalten.

Durch solche Fälle erscheine es manchmal so, als gebe es „Blitz-Radikalisierungen“, meint Kiefer. Das sei aber falsch: „Eine Radikalisierung dauert zwei bis drei Jahre.“ In dieser Zeit sei die Umgebung des Betroffenen besonders gefragt: „Man muss eine wachsame Sorge entwickeln“, so Kiefer.

Angst und Gleichgültigkeit in Northeim

In Northeim ist am Donnerstagnachmittag eine Mischung aus Angst und Gleichgültigkeit zu spüren. Ein Justizbeamter vor dem City Center spricht von einem gewissen Unbehagen, das ihn neuerdings ereile, wenn er sich in seiner Dienstkleidung zeige. Der festgenommene Salafist habe es immerhin auf Staatsvertreter wie ihn abgesehen gehabt. Das sei schon erschreckend.

Der Beamte, der im Göttinger Jugendvollzug arbeitet und seinen Namen nicht nennen möchte, gibt zu, dass sich etwas verändert habe in den vergangenen Jahren. Die Unbeschwertheit sei verloren gegangen. „Mit Hannover hat alles angefangen“, sagt der Beamte und spielt auf das Länderspiel an, das am 17. November 2015 in der HDI-Arena stattfinden sollte und wegen eines Terrorverdachts abgesagt wurde. Da habe man auf einmal gespürt: Der Terror ist nah.

Dass nun aber das beschauliche Northeim ins Visier geraten ist, überrascht hier doch die meisten. Er kenne einige, die sich radikalisiert hätten und auf die schiefe Bahn geraten seien, erklärt Hassan Özkan (20), der im selben Gebäudekomplex wie der mutmaßliche Terrorist wohnt. Doch die, erzählt er weiter, lebten alle in Göttingen. Hier in Northeim hätte er das nicht für möglich gehalten.

„Das ist alles erst der Anfang"

Wenig überrascht hingegen ist der türkische Besitzer eines Bistros am Ende der Fußgängerzone, der anonym bleiben möchte. Alles, was in Northeim geschieht, gelange ihm früher oder später zu Ohren, berichtet er. Doch die heutigen Nachrichten machten ihn traurig. „Es ist so schade“, wiederholt er mehrfach resignativ. Auch er habe Angst. Als Alewit gelte er vielen Muslimen als Ungläubiger. Schon lange fürchte er, dass sein Bistro ein potenzielles Anschlagsziel sein könnte – weil er Schweinefleisch verkaufe. Und dann stellt der Mann kopfschüttelnd eine dunkle Prophezeiung auf: „Das ist alles erst der Anfang. Wir werden noch Schlimmeres erleben.“

Geradezu trotzig wirkt Udo Zinaleske (50), als er am Donnerstagnachmittag hinter seiner Ladentheke in der Northeimer Altstadt steht. Angst? „So etwas kann überall passieren“, winkt er ab und meint damit den Terror, der nur wenige Meter entfernt von seinem Geschäft von einem 26-jährigen Salafisten vorbereitet worden sein soll. Dass potenzielle Terroristen mittlerweile selbst in der südniedersächsischen Provinz zu finden sind, überrascht ihn nicht. Doch einschüchtern lassen will er sich nicht. „Ich ändere nichts an meinem Leben, sonst haben die Terroristen gewonnen.“

In der kleinen Bäckerei mit angeschlossenem Café, ein kleines Stück weiter die Straße herunter, haben die zwei jungen Frauen hinter der Kasse noch nichts von dem Einsatz mitbekommen, der sich unmittelbar gegenüber in dem großen Fachwerkhaus an der Breiten Straße abgespielt hat. Von den Gästen haben es einige schon im Radio gehört. Auch die älteren Damen, die hier ihren Kaffee trinken, zeigen sich unerschrocken. „Wenn jemand so etwas wirklich tun will, schafft er es auch“, sagt eine von ihnen und erhält von ihren Freundinnen Zustimmung. „Doch die Gefahr kommt immer näher“, erwidert eine andere Frau aus der Runde fast kleinlaut.

Kein Zusammenhang zu jüngster Razzia in Göttingen

Einen Zusammenhang zwischen dem am Dienstagmittag in Northeim festgenommenen Salafisten und den beiden Verdächtigen, die am Donnerstag, 9. Februar, bei einer groß angelegten Razzia in Göttingen festgenommen wurden, stellen Polizei und Staatsanwaltschaft zum jetzigen Zeitpunkt nicht her. Das sei Gegenstand der Ermittlungen, hieß es dazu auf Nachfrage.

Der 27-jährige Algerier und der 23-jährige Nigerianer waren ins Visier der Ermittler geraten, weil sie in Göttingen einen Terroranschlag vorbereitet haben sollen. Seit März 2016 beobachtet eine Ermittlergruppe die islamistische Szene. Als sich die Hinweise auf einen Anschlag Anfang des Monats verdichteten, griff die Polizei zu. 450 Beamte durchsuchten Wohnungen und ein Geschäftshaus in Göttingen und Kassel. Sie fanden Schusswaffen und eine IS-Fahne.

In der Folge beschloss das Innenministerium in Hannover, die beiden Männer, die der radikal-islamischen Szene zugerechnet werden, abzuschieben. Wie am Donnerstag bekannt wurde, haben mittlerweile beide Männer gegen diesen Beschluss Rechtsmittel eingelegt. Wie Ministeriumssprecher Matthias Eichler gegenüber dem Tageblatt bestätigte, sind entsprechende Rechtsschutzgesuche beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eingegangen. Bis zur Entscheidung bleiben die als Gefährder eingestuften Männer in Abschiebehaft.

Sonst wären die Männer jetzt auf freiem Fuß. Denn anders als im aktuellen Fall hatte die Celler Generalstaatsanwaltschaft im Nachgang der Göttinger Razzia keinen Anlass gesehen, einen Haftbefehl zu beantragen. Für Ermittlungen hätten die Anhaltspunkte nicht ausgereicht, sagte Staatsanwalt Bernd Kolkmeier Anfang der Woche.

Dem entgegen hatte die Göttinger Polizei von Terrorgefahr und einem unmittelbar bevorstehenden Anschlag gesprochen. Uwe Lührig, Präsident der Polizeidirektion, hatte im Nachgang des Einsatzes betont, man sei nach Gefahrenabwehrrecht tätig geworden. Ziel der Maßnahmen sei die „Abwehr einer terroristischen Gefahr“ gewesen. Die strafrechtliche Bewertung der vorläufigen Ermittlungsergebnisse durch die Staatsanwaltschaft kommentierte er nicht. Um so mehr betonten Polizeipräsidium und Generalstaatsanwaltschaft am gestrigen Donnerstag den Ermittungserfolg in einer gemeinsamen Presseerklärung.

Von Heiko Randermann, Maximilian Zech, Andreas Fuhrmann und Markus Scharf

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