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Thema des Tages Kriegsende, Hungersnot und Soldatenrat
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00:20 09.11.2018
Im Göttinger Schlachthof herrschte Andrang nach Fleischwaren im 1. Weltkrieg. Quelle: Städtisches Museum Göttingen
Göttingen

Der verheerende und tief in den Alltag der Menschen eingreifende Krieg dauerte nun schon vier Jahre und die Göttinger hofften auf einen baldigen Friedensschluss. Im Februar 1918 war das Göttinger Tageblatt noch optimistisch: „Der Friede marschiert.“ Die Not wurde immer größer, die Lebensmittelrationen, das Heizmaterial und andere Gegenstände des Alltags wurden immer mehr gekürzt.

Das Göttinger Tageblatt war die am meisten gelesene Tageszeitung. Die hier vertretene politische Meinung stellte die von der Propagandaabteilung der Obersten Heeresleitung verbreiteten Informationen in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Interessant ist jedoch, dass darüber hinaus andere Meinungen, wie die der verhassten Sozialdemokraten, der Kriegsgegner und der neutralen Länder – wenn auch kommentiert – wiedergegeben wurden. So konnte der Leser sich eben doch ein Bild vom Kriegsverlauf machen.

Der „rote Sonnabend“ – Arbeiter- und Soldatenrat in Göttingen

Nach der siegreichen Offensive der Franzosen, Engländer und Amerikaner im August 1918 war nicht mehr zu verschweigen, dass der Krieg zu Ende ging. Die Mehrheitsparteien SPD, Zentrum und Liberale wurden in eine neue Regierung unter Max von Baden aufgenommen. Auch das Tageblatt nannte ihn „Pazifistenprinz“.

Im kaisertreuen und somit militärischen Ton verlautbarte die Zeitung auch Standpunkte der bisherigen politischen Gegner wie Philipp Scheidemann (MSPD), Matthias Erzberger (Zentrum) und Hugo Haase (USPD). Zur Lage an der Front hieß es aufmunternd: „Nur nicht die Nerven verlieren.“ Die Heeresleitung wollte eine möglichst intakte Armee erhalten und drängte die Regierung, einen Waffenstillstand zu erreichen.

Die Rede war schon von Demobilisierung und ihren Folgen für den Arbeitsmarkt, gleichzeitig wurden Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren aufgefordert, sich zum Heer zu melden. Der Kaiser hatte Berlin verlassen. Am 6. November berichtete das Tageblatt von dem Matrosenaufstand in Kiel, der das Ende des Kaiserreichs und des Krieges endgültig einläutete. Und im Anzeigenteil findet sich ein Hinweis auf den entsetzlichen Alltag der Göttinger: „Ein Holzbein u. ein paar Krücken preiswert“ werden unter Chiffre angeboten.

Über dem Rathaus weht die rote Fahne

Die SPD drängte auf eine Beendigung der Kampfhandlungen, die allein im Jahr 1918 eine Million Tote gefordert hatten. Unter der Überschrift „Bolschewismus im Reich“ wurde im Tageblatt am 9. November über die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten in ganz Deutschland berichtet. Über die Vorgänge in Göttingen berichtete das Blatt nichts, dafür umso mehr, wie man Sauerkraut selbst einmacht, und dass bei einem Händler Spielsachen zum Weihnachtsfest eingetroffen seien, aber auch von der Grippeepidemie.

Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1917. Quelle: dpa

Am 10. November wird der Rücktritt des Kaisers mitgeteilt. Am selben Tag teilte das Tageblatt in einer Sonder-Ausgabe mit, dass „die öffentliche Gewalt in die Hände eines Soldaten- und Arbeiterrates übergegangen“ sei. Über dem Rathaus wehe die rote Flagge. Es wurde auch die Meldung verbreitet, dass 24 Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrates aus Köln eingetroffen seien. Das war nicht der Fall.

Eine Unterstützung von außen benötigten die Göttinger nicht. Am 7. November hatte der Soldat Simon Staedtler in der Lüttich-Kaserne an der Geismarlandstraße (heute: Gothaer Versicherung) einen Soldatenrat gebildet, der am nächsten Tag Kontakt zu dem Gewerkschaftsvorsitzenden und Zigarrenhändler Fritz Wedemeyer, dem Vorsitzenden der Mehrheitssozialdemokraten, und Buchbinder Hans Kargl, dem Vorsitzenden der Unabhängigen Sozialdemokraten, aufgenommen hatte, um auch in Göttingen einen Arbeiter- und Soldatenrat zu bilden.

Foto von November 1918: Demonstration und Gegendemonstration in der Zimmerstrasse mit Plakat „Brueder nicht schiessen“ in Berlin. Quelle: epd

Wie in vielen Orten ging in Göttingen die Gründung dieser revolutionären Organisation von der Kaserne aus. Am 8. November wählte in der Gastwirtschaft „Bürgerpark“ am Maschmühlenweg nach einem Demonstrationszug durch die Stadt die Versammlung einen Soldaten- und Volksrat. Die Soldaten waren vertreten durch Ernst Eysel, Ernst Gutmann, Paul Hildebrandt, Karl Kahn, Möhrling und H. Trams. Das „Volk“ durch Kurt Baumann, Hans Kargl, Ernst Kelterborn, Wilhelm Stegen und Fritz Wedemeyer. Ein Telegramm, das an den Vorsitzenden des Münchner Arbeiter- und Soldatenrats, Kurt Eisner, geschickt wurde, zeigte, dass die linken Sozialdemokraten die politische Richtung in den ersten Tagen bestimmt hatten. Die bislang die Kriegspolitik stützenden Göttinger Mehrheitssozialdemokraten wurden von den Unabhängigen mitgerissen. Militär und Verwaltung widersetzten sich nicht.

Notrationen: Kartoffellager im Reitstall der Universität Göttingen. Quelle: Städtisches Museum Göttingen

Das Tageblatt veröffentlichte die Aufrufe und Bekanntmachungen des Volks- und Soldatenrats. Ruhe und Ordnung waren die zentralen Begriffe. In der sozialdemokratischen Zeitung „Volkswille“ hieß es: „Rrrrrevoltion! Mit welcher Ruhe und Ordnung ging die Übergabe der Gewalt durch Arbeiter und Soldaten vor sich. Mit lachendem Gesicht, hohen Mut und Begeisterung in den Augen, die Brust mit rotem Band geschmückt, so zogen die Soldaten im geordneten Zuge durch die Stadt. Der Bürger stand auf der Seite mit offenem Munde, grenzenloses Staunen im Auge.“

Soldaten sammeln sich während der Novemberrevolution 1918 in München. Foto: dpa Quelle: dpa

Es blieb aber nicht beim Zuschauen. Die Bürger organisierten eine öffentliche Veranstaltung in der Universitätsaula. Dort forderte der liberale Professor Arthur Titius das Bürgertum auf: „Alles im Volk steht still, wenn das Bürgertum nicht mittun will.“

Der nach Ausscheiden der bürgerlichen Kräfte an 27. November Arbeiter- und Soldatenrat genannte Rat verlor seine Kraft in dem verzehrenden Alltag mit Bescheinigungswesen, Kontrollaufgaben, Schwarzmarkt, Lebensmittelbeschlagnahmung – und musste sich auch um die eigenen Reihen kümmern. Der Vorsitzende des Rates, Ernst Gutmann (MSPD), liebäugelte mit der Loslösung Hannovers von Preußen. Im März war Gutmann für 20 Tage Schriftleiter beim Tageblatt gewesen. Sein Name tauchte im November wieder auf. Weil er als Ratsvorsitzender die Lossagung von Preußen forderte, fahndete die Bürgerwehr nach ihm. Am 26. November wurde er aus Göttingen ausgewiesen und ging nach Berlin.

Der geschickt taktierende Oberbürgermeister Georg Calsow (DNVP) blieb wie die Verwaltung unbehelligt im Amt. Er überließ dem Arbeiter- und Soldatenrat gern all die Aufgaben, die bei den Bürgern unbeliebt waren.

Der Arbeiter- und Soldatenrat hatte die zurükkehrenden 82’er-Soldaten bereits am Bahnhof in Göttingen aufgefordert, ihre Waffen abzugeben und sich nicht zu Plünderungen verleiten zu lassen. Denn vier Tage zuvor hatten Bürger und Soldaten ein Lebensmittellager am Bahnhof geplündert. Interessant ist, dass das Tageblatt dieses Ereignis sehr zurückhaltend – „der kleine Zwischenfall“ – bewertet. Andere, wie der am Bahnhof stehende Student Georg Schnath, dramatisierten das Ereignis später.

Revolution im Umland

Das Tageblatt berichtete, dass auch im Landkreis die „politische Bewegung“ eingesetzt habe. Es werde aber „auffälligerweise (dazu) nicht durch die Zeitungen eingeladen, sondern durch Ausklingeln in den Gemeinden.“ So in Weende, Grone und Rosdorf. Mitgeteilt wurde die Bildung von Arbeiter- und Bauernräten in Gieboldehausen, Lenglern, Geismar, Diemarden, Vogelbeck, Barterode, Beienrode, Dransfeld und Duderstadt. In der Kreisstadt im Eichsfeld gab es eine Besonderheit, da sich neben dem Arbeiter- und Soldatenrat Mitte Dezember ein Volksrat gebildet hatte.

Weihnachten und die Nationalversammlung.

Mit der Verkündung des Wahltermins zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 wurden auch die Parteien lebendig. Die alten konservativen Kräfte gründeten die Deutsche Volkspartei, die Deutsche Nationalliberale Volkspartei, die Deutsche Demokratische Partei, die Welfen gingen in der Deutsch-Hannoverschen Partei auf. Das katholische Zentrum und die 1917 gespaltene traditionsreiche Sozialdemokratie füllten nun das Tageblatt mit Ankündigungen ihrer Wahlveranstaltungen und den ausführlichen Berichten dazu. Die politische Zurückhaltung in der Kommentierung der Zeitung nahm ebenso ab, wie die Macht der Arbeiter- und Soldatenräte.

In einem Kommentar „Deutsche Weihnacht 1918“ heißt es: „Die Stimmen der Glocken werden dünn erklingen. Sie sind zumeist dem Kriege geopfert und nur wenige übrig geblieben. Sie brauchen uns nicht erst daran zu mahnen, was der Krieg und weit noch mehr die Revolution uns allen genommen. Das fühlen wir jeden Tag.“ Obwohl immer mehr in den Läden angeboten wurde, war bei den meisten Göttingern das Weihnachtsfest überschattet durch Not, aber auch durch den Verlust von Familienmitgliedern. Vorsichtig geschätzt, waren in Göttingen mehr als 2000 Tote zu beklagen, die an der Front starben, ihren Verwundungen erlegen und in den Gefangenenlagern oder durch Mangelernährung gestorben sind.

Volksküche der Stadt macht Halt an der Weender Straße / Ecke Jüdenstraße. Quelle: Städtisches Museum Göttingen

Die Frauen, die vier Jahre lang in Not und Hunger die Familien durchbringen mussten, den Landwirtschaftsbetrieb führten, in den Munitionsfabriken und im Hilfsdienst in den besetzten Gebieten arbeiteten, erhielten nun das lange umkämpfte Wahlrecht. Besonders die rechten Parteien kümmerten sich um die neuen Wählerinnen. Über die blutigen, auch das Weihnachtsfest überschattenden Kämpfe in Berlin wurde auch im Tageblatt berichtet. Es wurde vor der Gefahr gewarnt, dass es auch in Deutschland zu russischen Verhältnissen kommen könnte. Und zum Jahresschluss konnte man lesen, dass das Tageblatt immer für den Sieg des Heeres, aber zugleich auch für politische Reformen eingetreten sei: „Erst Sieg, dann Freiheit!“

Die Autoren haben den Beitrag für das Göttinger Tageblatt als Gastbeitrag verfasst.

Von Günter Blümel und Klaus Wettig

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