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Thema des Tages In der Falle
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00:15 09.05.2017
Quelle: Hinzmann
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Göttingen

„Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.“ Als Bundeskanzler Helmut Schmidt diesen Satz in die Feder eines Spiegel-Journalisten diktierte, ging es um die Pläne Willy Brandts für die bevorstehende Bundestagswahl 1980. Der Satz ist Legende. Ob er inhaltlich stimmt, darf aber angezweifelt werden. Denn was ist, wenn man gar keine Visionen hat? Keine Strategie? Kein langfristiges Ziel?

Auf den zweiten Blick

"Auf den zweiten Blick" heißt ein neues Format, das wir heute im Tageblatt einführen. Dahinter verbergen sich umfangreichere Beiträge, die zusätzliche Hintergründe erhellen und öffentlich werden lassen sollen und ausdrücklich als Meinungsbeiträge gekennzeichnet sind. Das erste Problem, dem wir den "zweiten Blick" gönnen, machen wir auch gleich zum Thema des Tages: die Sanierung der Göttinger Stadthalle. Tageblatt-Chef Uwe Graells erläutert, wie und warum Göttingen in eine Planungsfalle geraten ist und welche Folgen das in den nächsten Jahren haben könnte.

Wenn der Göttinger Rat am 12. Mai über die Sanierung der Stadthalle entscheidet, dann möchte man meinen, dass es in Göttingen vor allem an einem fehlt: einer Strategie, wie langfristig mit Kultur und Veranstaltungen umzugehen ist. Da sollen Ratsmitglieder die Hand für eine offiziell 19,5 Millionen Euro teure Sanierung einer abgängigen Halle heben - und auf unzählige Fragen, die sich aus dieser Entscheidung ergeben, gibt es dennoch keine verlässlichen Antworten.

Es geht um viel mehr als „nur“ um die Stadthalle: Es droht ein Super-Gau für die Kultur-Leuchttürme: das Göttinger Symphonie Orchester, die Internationalen Händel-Festspiele und das Junge Theater. Und es geht um die einmalige Chance, sich zukunftsweisend mit allen Spielstätten in der Stadt neu aufzustellen und zu positionieren. Wie kompliziert und gleichzeitig verhängnisvoll das Thema ist, zeigt der Blick auf die Knackpunkte:

Stadthalle

Der Stein des Anstoßes. Hinter vorgehaltener Hand heißt es immer wieder, dass einem privaten Betreiber der Spielstätte vermutlich längst die Türen dichtgemacht worden wären. Zu gravierend sollen die Defizite mit Blick auf die Anforderungen an eine Veranstaltungshalle sein. Ein aktuelles TÜV-Gutachten dazu hat durchaus für hektische Betriebsamkeit im Rathaus gesorgt. Das Einzige, bei dem sich alle Beteiligten einig sind, ist die Tatsache, dass der „Kachelofen“, um es im Behördendeutsch auszudrücken, „abgängig“ ist.

Wie konnte es soweit kommen? Dazu muss man sich nur an die Zeiten vor der Entschuldungshilfe durch das Land und den Zukunftsvertrag erinnern. Göttingen war bis vor ein paar Jahren arm, aber sexy. Geld für Instandhaltungen in der alten Stadthalle waren regelmäßig Streichposten bei den Haushaltsberatungen. Jetzt hat man das Dilemma.

Politisch steht die Mehrheit von SPD und Grünen, bei argen Bauchschmerzen der Öko-Partei. Eine Sanierung ist gewollt. 19,5 Millionen Euro als Gesamtsumme in einem Gutachten helfen, immerhin steht nicht die Zahl Zwei vorne. Allerdings ist schon das nur die halbe Wahrheit, denn die notwendige Möblierung der Stadthalle wurde eher unterschwellig kommuniziert. Allein dadurch steigt die Summe auf rund 23 Millionen. Man wird aber niemanden finden, der sich für die Bausumme von 19,5 Millionen Euro verbürgen würde, denn auch hier mutmaßen viele: Es wird teurer. Deutlich teurer.

Wahlversprechen sind auch noch im Spiel. Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) hatte zugesagt, sich für die Erhaltung der Stadthalle einzusetzen. Mit der Sanierung will er liefern. Finanzakrobatik spielt ebenfalls eine Rolle: Abschreibungszeiträume für eine sanierte Halle, deren Außenwände stehen bleiben, sind andere als bei einem Neubau.

Auch die Fantasie bei der Finanzierung genießt Spielräume, immerhin haben städtische Gesellschaften eigene Haushaltspläne, die nicht direkt den Haushalt der Stadt tangieren. Indirekt aber schon, denn es bleibt immer die öffentliche Hand, die bezahlt, und schließlich gibt es auch Zuwendungsverträge zwischen der Stadt und ihren Töchtern.

Verwaltungen arbeiten oft mit Gutachten, um eine Tendenz in eine Richtung vorzugeben, damit die Politik leichter folgen kann. Warum aber die Kosten für einen Hallenabriss bis heute nicht sauber kalkuliert sind, lässt nur den Schluss zu, dass man dies schlichtweg nicht will.

Völlig unbeantwortet bleibt die Frage nach der Parkplatzsituation. Der Suchverkehr der Stadthallengäste ist schlichtweg eine Zumutung, ökologisch betrachtet sogar ein Armutszeugnis für eine Stadt, die über Tempo 30 auf ihren Straßen diskutiert.

Für Juni 2018 sind bereits die Abschlusskonzerte des Symphonie-Orchesters in der Stadthalle terminiert. Sarkastisch könnte man - Stand heute - von einer Abrissparty reden, denn im Anschluss soll die Sanierung starten. Generalmusikdirektor Christoph-Mathias Mueller wird dann zum letzten Mal am Pult stehen, bevor er Göttingen verlässt. Nun hört man hier und da, dass sein Abschied durchaus hätte verhindert, zumindest verzögert werden können.

Jetzt fällt der Abschied dummerweise zeitlich zusammen mit dem Verlust der Heimspielstätte. Und das macht die Situation prekär. Mueller hinterlässt große Fußspuren. Für ein Orchester wie das GSO und eine Stadt wie Göttingen sogar sehr große. Wie will man einen möglichst gleichwertigen Ersatz finden, wenn interessierte Bewerber nach einem Spielort fragen? Welcher Mueller-Nachfolger will zum Start für gut zwei Jahre mit einem Provisorium leben? Wie reagieren die Abonnenten des GSO? Es gibt leider keine Strategie.

Die Feierlichkeiten zum Jubiläum der Händel-Festspiele stehen 2020 an. Stand heute: Zum 100-jährigen Bestehen steht der Spielort Stadthalle nicht zur Verfügung, zumindest lässt diesen Schluss eine Aussage von Stadtbaurat Thomas Dienberg zu, der „für Mai 2020 keine Garantie“ abgeben will. Da verfällt man schon auf die Idee, das Jubiläum eben ein Jahr nach hinten zu verschieben. Das klingt mal kreativ. Dann besser doch gleich zwei Jahre nach hinten, wer weiß, welche Risiken sich bei der Sanierung noch auftun.

Dabei vergisst man, welchen Vorbereitungszeitraum ein solches Jubiläum mit dem Anspruch der Händel-Gesellschaft benötigt. Und überhaupt: Was passiert, wenn ein erfolgreicher, junger Intendant wie Tobias Wolff nach 2020 eigentlich seine Zelte an einem anderen Ort aufschlagen möchte? 100 Jahre Händel-Festspiele wären sicherlich ein guter Augenblick um zu sagen „Job erledigt, auf zu neuen Ufern“. Oder wenn Wolff aufgrund der Göttinger Bau- und Ersatzplanungen die Brocken hinwirft? Es gibt leider keine Strategie.

Das Junge Theater wird in diesem Jahr 60. Und ausgerechnet wenn die Stadthalle saniert wird, steht auch das Otfried-Müller-Haus zur Generalüberholung an. Im Ergebnis muss das JT 2018 hausieren gehen. Nur wo? Das Deutsche Theater ist voll belegt, die Stadthalle dicht. Da wird viel Impro-Theater vonnöten sein, aber das ist sicherlich eine Stärke des JT. Bei einer Besprechung mit den maßgeblichen Protagonisten der betroffenen Kulturinstitutionen soll Kulturdezernentin Petra Broistedt eine Liste mit möglichen Spielstätten vorgelegt haben. Die sind aber allesamt bekannt und überhaupt kein adäquater Ersatz. Es gibt leider keine Strategie.

Machen wir das Fass doch einmal richtig auf und schauen auf die anderen „Locations“:

Lokhalle

Quelle: Hinzmann

Die Lokhalle ist ein echtes Juwel, trägt völlig zu Recht die Auszeichnung „Location Award 2015“. Aber dennoch hat diese traumhafte Halle zwei Makel: die langwierigen Auf- und Umbauzeiten und die Profilbildung. Dabei wäre die Halle mit ihrer zentralen Lage und den Hotels in der Nähe prädestiniert, sich noch stärker als Messe- und Kongressstandort zu positionieren - mit dem schönen Nebeneffekt, dass durch Übernachtungsgäste eine weitaus stärkere Wertschöpfung in der Stadt erfolgt.

Die größte Gefahr für die Lokhalle dürfte aber auch in einer mehrjährigen Sanierungsphase der Stadthalle liegen. Sollte das Baudenkmal am Bahnhof als Ausweichstätte für GSO und kleinere Kulturveranstaltungen dienen, wäre ein Großteil der bisherigen Messe- und Kongresskunden erst einmal verloren. In eine Gesamtbetrachtung der „Stadthallen-Kosten“ müssten solche Umsatzausfälle fairerweise mit einfließen.

S-Arena

Quelle: Hinzmann

Es ist zunächst einmal eine Schulsporthalle. Punkt. Als solche gut belegt, Heimstätte der Basketballer, der Tänzer, dort wird geboxt und Fußball gespielt. Es war ein geschickter Schachzug der Macher, mit Fördermitteln aus dem Konjunkturpaket eine Schulsporthalle zu bauen, die in den Planungen nach und nach immer mehr Sitzplätze bekam und auf einmal für Erstliga-Basketball tauglich ist. 3.400 Zuschauer sind gut. Aber was passiert, wenn große Städte wie Hamburg oder Köln ihre Basketball-Projekte zum Ziel bringen und erstklassig werden. Man kann die Uhr danach stellen, wann es soweit ist. Und die nächste Forderung der Bundesliga wird heißen: 5000 Zuschauer müssen in eine Halle passen.

Niederschmetterndes Ergebnis

Das Ergebnis ist niederschmetternd: Göttingen sitzt in der Falle. Es gibt keinen Masterplan. Den für die Lokhalle hat man frühzeitig mangels Geld zu den Akten gelegt. Der eine oder andere Göttinger mag sich noch an die Brandi-Pläne erinnern oder an die der Architekten Moore, Ruble, Yudell.

Wäre es angesichts der vielen offenen Fragen nicht Zeit für eine Vision? Was spricht gegen eine schnuckelige Multifunktions-Arena am Stadtrand? Welchen positiven Effekt hätte solch eine Investition für die Region Südniedersachsen? Heute Konzert, morgen Basketball, übermorgen Musical - alles schnell umbaubar, ohne überflüssige Schnörkel. Das Finanzierungsdelta dürfte angesichts der Kosten für eine Stadthallen-Sanierung mit deren Risiken zumindest interessant sein. Die Lokhalle als exzellenten Standort für kleinere Messen, Kongresse, Tagungen und Firmenveranstaltungen mitten in der Stadt. Und das Areal der Stadthalle neu überplanen und einer zukunftsweisenden Entwicklung der östlichen Innenstadt zuführen.

Nein, ich gehe nicht zum Arzt, ich will nur raus aus der Falle.

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