Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 4 ° Regen

Navigation:
Bettler in der Göttinger Innenstadt

Thema des Tages Bettler in der Göttinger Innenstadt

Weihnachtszeit in der City: Das heißt auch, dass verstärkt Bettler anzutreffen sind. Soll man etwas geben, und wenn ja wem? Darauf antwortet Stadträtin Petra Broistedt, als Dezernentin verantwortlich für den Bereich Soziales in der Göttinger Stadtverwaltung.

Voriger Artikel
Gin und Gänseliesel für den Gabentisch
Nächster Artikel
Bettenhaus am Klinikum: Baubeginn 2017?

Bettler in der Göttinger Innenstadt.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Tageblatt: In der Weihnachtszeit haben Bettler in der Innenstadt Hochkonjunktur. Sind es mehr als in den vergangenen Jahren?

Broistedt: Nein, es sind nicht mehr als sonst, sie konzentrieren sich im Augenblick nur auf den Weihnachtsmarkt. Was neu ist, sind die Pfandbettler.

 

Geben oder nicht? Was empfehlen Sie Göttingern, die helfen wollen?

Letztendlich muss das jeder selbst entscheiden. Ich persönlich spende lieber den lokalen Hilfsorganisationen. Da kann ich mir sicher sein, dass meine Spende auch für den gewünschten Zweck verwendet wird.

Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt

Quelle: Thiele

 

Wenn man Geld geben möchte, wo hilft es am besten?

In Göttingen gibt es etliche Einrichtungen der Kirchen und Wohlfahrtsverbände bzw. der Stadt selbst, die Menschen in wirtschaftlicher Not helfen, beispielsweise  die Göttinger Tafel, die Straßensozialarbeit oder das Spendenzentrum der Stadt, um nur drei zu nennen. Egal, wo Göttinger am Ende spenden, es gilt: Jeder Euro ist eine willkommene Unterstützung für die Arbeit dieser Einrichtungen und leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass Angebote wie eine kostenlose Kleiderkammer, ein warmer Mittagstisch oder die Lebensmittelausgabe der Tafel aufrecht erhalten werden können.

 

Gibt es professionell organisierte Bettler in Göttingern?

Der Verdacht liegt nah, wir haben hierfür aber keine Beweise.

Keine aggressiven Bettler

Göttingen. Die Polizei Göttingen verzeichnete keine besonderen Vorkommnisse im Zusammenhang mit Bettlern in Göttingen. Bislang seien lediglich zwei Hinweise zu den Pfandbettlern auf dem Göttinger Weihnachtsmarkt eingegangen. "Wir kümmern uns um das Phänomen und haben die Streifentätigkeiten intensiviert", sagt  Jasmin Kaatz von der Polizei. Auch der Vorsitzende des Einzelhandelsverbandes in Göttingen, Alexander Grosse, hat keine aktuellen Vorfälle mit aggressiven Bettlern beobachtet. Nach einem Bericht im Herbst im Tageblatt habe sich aber ein "runder Tisch"  mit Vertretern der Polizei, Ordnungsamt, der Stadt, Handelsverband Hannover, Pro-City, DeHoGa, Immobilienbesitzern, Straßensozialarbeit und Anwohnern zu einem "enger Informationsaustausch" getroffen. Es wurden unter anderem Informationen ausgetauscht, eine weitere enge Zusammenarbeit und künftige regelmäßige Treffen vereinbart, so Grosse. bib

"Unterhaltet Euch mit den Bettlern"

Tipps von Experten, wie man Menschen auf der Straße richtig unterstützt

 

Bettler gehören in der Vorweihnachtszeit zum Göttinger Straßenbild. Geben oder nicht? Fachleute haben unterschiedliche Vorschläge, wann und wen man unterstützen sollte.

"Ich glaube, dass niemand in Göttingen betteln muss, um über die Runden zu kommen", sagt Friedrich Selter. Der Intendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Göttingen weist darauf hin, dass mit der Straßensozialarbeit, dem Mittagstisch St. Michael, der Göttinger Tafel oder dem Mittagstisch in der Mauerstraße zahlreiche Einrichtungen und Angebote zur Verfügung stehen, um bedürftige Menschen zu unterstützen.

"Mit den Gebrauchtkaufhäusern gibt es ja zudem die Möglichkeit, sich sehr günstig mit Kleidung, Möbeln oder Haushaltsgegenständen einzudecken". Für kleines Geld gebe es dort gute Kleidung, die tägliche Versorgung sei somit gut geregelt. Selter: "Wer Not wirklich lindern möchte, für den sind die einschlägigen Hilfsorganisationen die richtige Adresse."

Kein schlechtes Gewissen haben

Dennoch gebe es ja viele Menschen, die das Bedürfnis haben, einem Menschen, der einem direkt gegenüber steht, etwas zu geben. Dann, so Selter, solle man das auch tun. Wer nichts gibt, solle aber kein schlechtes Gewissen haben. "Das stößt niemanden ins Elend", sagt der Pastor. Er selbst habe auf dem Weihnachtmarkt, am der Stand der Johanniskirche, bereits erlebt, dass besonders offensive Bettler einen gewissen moralischen Druck ausüben.

"Da fühle ich mich nicht mehr wohl", sagt er. Wenn man etwas direkt auf der Straße geben möchte, könne man  den Menschen etwas geben, die man aus dem Stadtbild kennt. So unterstütze man auch nicht mögliche Strukturen hinter den Bettlern. Wer Not lindern möchte, solle das tun. Wer auf Nummer sicher gehen will, dem empfiehlt Selter eine Spende an die Göttinger Hilfsangebote.

"Unterhaltet euch mit den Bettlern: Das ist der Tipp von Ute Kahle vom Magazin "Der Tagessatz".  Die Zeitung engagiert sich für sozialschwache Menschen, die Straßenverkäufer kommen aus schwierigen, manchmal obdachlosen Verhältnissen. Kahle kennt die Göttinger Szene gut. Wer direkt den Menschen auf der Straße helfen möchte, der sollte die Bettler einfach ansprechen und nach ihren Weihnachts-Wünschen fragen. Diese könne man dann gegebenenfalls erfüllen oder gemeinsam mit dem Bedürftigen einkaufen gehen.

Deutliche Steigerung zu Weihnachten

Kahles Tipp: "Geben Sie denjenigen Bettlern etwas, die das ganze Jahr über in der Stadt sind". Damit könne man verhindern, dass andere als die Bettler selbst von dem Geld profitieren. Ganzjährig seien in Göttingen kaum mehr als fünf Personen als Bettler auf der Straße. In der Weihnachtssaison, das habe eine Zählung ergeben, seien dann etwa 35 Bettler in der Göttinger City unterwegs. Generell meint Kahle, dass Menschen, die eine bestimmte Gegenleistung erwarten, an Hilfsorganisationen spenden sollten. Die seien ihrem Spendenzweck verpflichtet. Wer einem Bettler etwas gebe, der dürfe keine Gegenleistung erwarten, so Kahle. Es sei denn, und das befürwortet sie,  man unterstützt Straßenmusiker mit einer Spende.

Bärbel Junge arbeitet im Übernachtungsheim der Heilsarmee an der Unteren Masch. Auch sie meint, wer sicher gehen will, dass die Spenden direkt Bedürftigen zugutekommen, sollte direkt an die Einrichtungen spenden. "Wie man es auf der Straße macht, muss jeder selbst entscheiden, vielleicht kann man dem Bettler einfach einen Kaffee spendieren", sagt sie. Auf der Straße habe man ja keinen Einfluss darauf, was mit dem Geld geschehe. Im Haus der Heilsarmee werden zur Zeit 13 Bewohner betreut, fünf Betten stehen für weitere Übernachtungen zur Verfügung - auch für Frauen gibt es Plätze.

Auf sein Herz hören

Zeliha Karaboya vom Migrationszentrum Göttingen  rät, auf die eigene Intuition zu hören. "Ich gebe Bettlern auch gerne einmal etwas", sagt sie. Dabei versucht sie aber, das Geld möglichst nicht an organisierte Bettler zu spenden. Gruppen, die immer wieder zu bestimmten Zeiten in der Stadt auf- und wieder abtauchen, möchte sie nicht unterstützen weil sie befürchtet, dass das Geld eher die Hintermänner als die Bedürftigen erreicht. Im  Migrationszentrum habe sie keinen Kontakt zu Bettelbanden. "Die halten sich von uns fern", sagt sie. Wer Gutes tun möchte, sollte auf sein Herz hören oder eine Hilfsorganisation unterstützen.

Es gibt sie noch

Auch Mike Wacker, Sozialarbeiter der Straßensozialarbeit in Göttingen, hat den Tipp: "Sprechen Sie die Leute einfach an."  Die meisten Bedürftigen freuen sich über den Kontakt. "Möchte ein Bettler nicht mit Ihnen sprechen, dann ist er vielleicht nicht die beste Adresse für eine Spende", rät der Fachmann. Generell sagt auch er, dass eine Spende an eine Hilfsorganisation den Bettlern direkt zu Gute kommt.

Dennoch: Wer den Menschen auf der Straße direkt etwas Gutes tun möchte, solle da auch tun. "Es gibt sie immer noch, die so genannten Berber - wenn auch wenige". Das sind Obdachlose, die ohne staatliche Unterstützung durch  Deutschland ziehen und Betteln quasi als ihren Job verstehen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der Wochenrückblick vom 11. bis 17. November 2017