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“Lebenspartner” wird zu Ehemann

Nach 16 Jahren “Lebenspartner” wird zu Ehemann

Nach 16 Jahren noch immer wie frisch verliebt: Carsten Ertl und Frank Schaub waren das erste Paar, das in Göttingen geheiratet hat - im Jahr 2001. Damals war eine Ehe nur als so genannte “eingetragene Lebenspartnerschaft” möglich. 16 Jahre später werden gleichgeschlechtliche Ehen den anderen Ehen gleichgestellt.

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Carsten Ertl (l.) und Frank Schaub waren das erste Männer-Paar, das sich 2001 in Göttingen trauen ließ. Noch heute sind sie glücklich.

Quelle: r

Göttingen. “Wir werden die Partnerschaft in eine Ehe umwandeln lassen”, sind sich Ertl und Schaub einig. Seit 16 Jahren sind die beiden so wie viele andere homosexuelle Menschen ein offizielles Paar, “und die Welt ist nicht untergegangen”, sagt Schaub und lacht. Er hatte nicht mehr daran geglaubt, dass die Gleichstellung durchgesetzt wird. Eigentlich, so sagt Ertl, ändere sich für sie nicht viel. “Wir wollen ja keine Kinder adoptieren” sagt er. Und da sei der wichtigste Punkt der sich durch die “Ehe für alle” nun ändere. Dennoch: “Es geht ums Prinzip”, sagt er. Und das sei wichtig. “Jetzt ist es gleich, so wie es sein soll”, sagt Ertl.

An dem Tag, als der Bundestag für das Gesetz gestimmt hatte, haben Ertl und Schaub eine Regenbogenflagge am Balkon gehisst und mit einem Glas Wein darauf angestoßen.

Die beiden erinnern sich noch gut  daran, als 2001 das Gesetz für die eingetragenen Lebenspartnerschaften in Kraft trat. “Im Februar wurde es verabschiedet”, so Ertl. In Kraft trat es erst am 1. August. Eigentlich, so erinnern sie sich, hätten sie erst dann einen Termin beim Standesamt beantragen können. Sie konnten es nicht erwarten, endlich Die Verwaltung aber drückte ein Auge zu und reservierte vorsichtshalber schon mal den 3. August. Der Tag, an dem sich die beiden und damit Göttingens erstes  amtliches Männer-Ehepaar im Alten Rathaus da Ja-Wort gab. Die Liebe der beiden hat heute Bestand wie eh und je.

Kleine Gesten, gemeinsame Erinnerungen, ein Augenzwinkern. Hier haben sich zwei gefunden und verbunden, die zusammengehören. Auch der Staat hat das verstanden.

Negative Erfahrungen haben die beiden Männer, die im Gesundheitswesen arbeiten, nicht gemacht. In ihrer Wohnanlage, in der überwiegende ältere Menschen leben, heißen die  beiden 49 und 50 Jahre alten Männer nur “die Jungs”.  Es sei immer eine Frage, wie offen Mann mit seiner Homosexualität umgehe, findet Ertl.  Daran, dass sie “andersrum” sind, haben sie von Anfang an keinen Hehl gemacht. Ihre Hochzeitsanzeige im Tageblatt haben sie deshalb über Kopf erscheinen lassen. Bei herrlichem Sonnenschein wurde geheiratet, das Fest dann musste wegen eines Gewitters in die Wohnung verlegt werden. Zwei Pastoren in Badehosen geleiteten die Gäste unter dem Schirm ins Trockene, ein rauschendes Fest. Am Ende aber, so sagt Ertl, gehe es bei einer Ehe auch um Absicherung des Andern und ums Auskunftsrecht, beispielsweise, wenn einer der beiden ins Krankenhaus muss.  “Man muss einfach weniger diskutieren.”

Wie genau das Umwandeln der Partnerschaft in eine Ehe dann  funktioniert, wissen die beiden noch nicht. Aber wenn sie ihren Status umtragen lassen, dann hat Schaub etwas vor:  “Carsten weiß es noch gar nicht, aber dann werde ich seinen Nachnamen annehmen."

Ab Oktober tritt das neue Ehe-für-alle-Gesetz in Kraft. Die bislang letzten, die sich noch nach dem alten Gesetz haben trauen lassen, sind Sarah und Lisa Wiese. Die beiden jungen Frauen haben sich vor drei Wochen versprochen, das Leben gemeinsam zu verbringen. Mit Datum vom 8. Juli gilt ihre Ehe noch als sogenannte “eingetragene Lebensgemeinschaft”. Die Wieses sind das bislang letzte gleichgeschlechtliche Paar, das in Göttingen noch nach dem alten Gesetz getraut wurde. Auch die beiden Frauen wollen, sobald die “Ehe für alle” in Kraft tritt, ihren Status ändern lassen.

“Für uns ist es wichtig, eine gleichgestellte Ehe einzugehen, weil wir Kinder haben wollen”, sagt Sarah Wiese. “Wir müssen dann zwar im Oktober noch einmal zum Standesamt gehen, um das ganze dingfest zu machen, aber das ist okay”, sagt die 27-Jährige. Mit der anerkannten Ehe haben die beiden Göttingerinnen dann auch die Möglichkeit, ein Kind zu adoptieren. Noch sei aber nicht klar, wann und wo sich die kleine Familie vergrößern wird. Lisa arbeitet derzeit in der Gastronomie, so wie Sarah zuvor. Die 25-Jährige Lisa aber will demnächst zur Bundeswehr wechseln, sie will Berufssoldatin werden. Sarah absolviert gerade ihre zweite Ausbildung als Kauffrau im Autohandel.

Auch den beiden Frauen ist es wichtig, dass sie die gleichen Rechte und Pflichten wie jedes andere Ehepaar auch haben. Als das neue Gesetz beschlossen wurde, haben die beiden Frauen mit einem Bier darauf angestoßen. Seit vier Jahren kennen sich Sarah und Lisa, an einem 7.8. haben sie “beschlossen” ein Paar zu sein. Am 8.7 haben sie geheiratet. Dennoch: “Wir werden bestimmt beideden Hochzeitstag vergessen”, sagt Lisa und lacht. Den Antrag machte Lisa.

Die beiden teilen ein Hobby: das Geocashing. Lisa hatte eine Rallye vorbereitet, vorbei an Plätzen in der Stadt, an denen die beiden ihre ersten und weitere Treffen hatten. Erster Punkt, das Deja Vu, dort haben sie sich kennengelernt. “Am Ende der Rallye stand Lisa mit Blumen und einem Ring”, erinnert sich Sarah. “Ich habe sofort und gerne Ja gesagt”.

Gefeiert wurde im Bistro des Deutschen Theaters, wo Sarah einst arbeitete. “Ein rauschendes Fest”, sagen sie. Nur: “Mein Kleid war an den Rippen viel zu eng”, sagt sie. Nach dem Hochzeitstanz zu Silbermonds “Das Beste" war das Hochzeitskleid Geschichte.

Die Ehe seien sie vor allem “wegen der Kinder” eingegangen, so die Wieses. “Wenn ein Kind kommt, muss man wirtschaftlich abgesichert sein”, sagt Lisa. Und: “Ich möchte nicht nur emotional sondern auch rechtlich an erster Stelle stehen”, sagt Sarah. Egal ob im Erbrecht, Im Krankheitsfall oder auch im Familienleben. “Es ist jetzt festgeschrieben”, sagt Sarah. Das äußere Zeichen ihrer inneren Verbundenheit: die Ringe. Sarah trägt ihn rechts, Lisa links. “Links kommt vom Herzen”, sagt sie. “Das finde ich schön.”

Der lange Weg zur Gleichstellung - Schwulenparagraf 175 wurde erst 1994 aus dem Gesetz gestrichen

Es ist noch gar nicht so lange her, da machte sich ein 18-Jähriger strafbar, wenn er einen 17-Jährigen Sexualpartner hatte.  122 Jahre lang war der Paragraf 175 - der so genannte Schwulenparagraf - Teil des deutschen Strafrechts.

Der Paragraf 175 galt seit 1872 mit (Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches) Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. 1935 wurde er von Nationalsozialisten verschärft, die Strafen angehoben.  Bis zu zehn Jahre Zuchthaus konnten verhängt werden.

Das galt bis 1969. Erst 1969 und 1973 wurde der Paragraf 175 vom Deutschen Bundestag reformiert. Erwachsenen Homosexuellen drohte seitdem keine Verfolgung mehr. Erst 1994 wird Paragraf endgültig aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen.

Erst in diesem Jahr, am 22. März 2017,  beschloss das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf zur Aufhebung der 175er-Urteile und die Zahlung von  Entschädigungen  der noch lebenden Verurteilten.

Rehabilitiert wurden auf Drängen der CDU lediglich jene Opfer, deren Sexualpartner seinerzeit mindestens 16 und nicht 14 Jahre alt gewesen waren. Das Bundesjustizministerium schätzte die Zahl der noch lebenden Opfer auf rund 5000 - von einst 50 000 Verurteilten. Sie sollen mit 3000 Euro pro Urteil und 1500 Euro pro angefangenem Jahr eines Freiheitsentzugs entschädigt werden.

Der letzte Schritt der gesetzlichen Diskriminierung ist Ende Juni gefallen. Der Bundestag hat mehrheitlich mit 393 Ja-Stimmen zu 226 Nein-Stimmen die Ehe für alle beschlossen. Die drei Göttinger Bundestagsabgeordneten Thomas Oppermann (SPD), Fritz Güntzler (CDU und Jürgen Trittin (Grüne) stimmen dafür.

Auch die Kirchen geben sich offener:  „Die rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare ist der richtige Schritt“, meinte dazu damals  Friedrich Selter, Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Göttingen.

Landeskirche und Göttinger Kirchenkreis befürworteten die kirchliche Trauung, wenn Paare miteinander und mit ihrer Liebe verantwortlich, verbindlich und gleichberechtigt umgingen, so der Superintendent. Selter: „Ich persönlich stehe der kirchlichen Trauung gleichgeschlechtlicher Paare, die sich Gottes Segen für ihre Partnerschaft wünschen, schon lange aufgeschlossen gegenüber.“

„Uns steht es nicht zu, über eine Lebensform zu urteilen.“ Vielmehr gehe es darum, den Menschen zu respektieren. „Eine volle sakramentalkirchliche Trauung geht nicht, egal wie sich der Bundestag entscheidet“, erklärte hingegen Bernd Galluschke, Propst und katholischer Dechant in Duderstadt, als die “Ehe für alle” verabschiedet wurde.

Doch „wenn jemand den Segen haben will für seine Beziehung, den kann man nicht verwehren“.

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