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Durch die blaue Brille betrachtet

Baubeginn am Forum Wissen Durch die blaue Brille betrachtet

Mit einem Baustellenfest haben am Sonntag offiziell die Arbeiten am Forum Wissen begonnen. Göttingens neues Wissenschaftsmuseum soll ab 2019 alle 74 Teilsammlungen der Georg-August-Universität vereinen und der Öffentlichkeit zugänglich machen.

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Rainer Bolli führt durch die Räume der alten Zoologie und erklärt die Planungen für das Forum Wissen.

Quelle: Foto: Bänsch

Göttingen. „Die Universität ist heute kein Elfenbeinturm mehr“, sagte Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel am Sonntagmittag zur Begrüßung der Gäste im alten Hörsaal im zweiten Stock der Zoologie. Das Forum Wissen werde gebaut, um die Entstehung von Wissen nach außen sichtbar zu machen. „Wir wollen das, was wir schaffen, künftig auch zeigen.“ Das Konzept für das Forum Wissen aus der Feder von Marie Luisa Allemeyer, Direktorin der Zentralen Kustodie, sei von Gutachtern der Exzellenz-Initiative als „europaweit modellhaft“ bezeichnet worden.

Die Leitidee

Die Leitidee des Forums Wissen sind in einer 36-seitigen Broschüre zusammengefasst. „Das Forum Wissen Göttingen wird ein offener Ort der Wissenschaft sein, der Forschende und Studierende ebenso anzieht wie Schüler, Senioren oder Familien. Das Haus vereint die Aktivitäten „Sammeln, Erhalten, Erschließen“, „Forschen und Lehren“ und „Zeigen und Vermitteln“, die hier unter einem Dach miteinander verbunden sind. Das Forum wird somit gleichzeitig universitäre und öffentliche Aufgaben erfüllen, indem es Rahmenbedingungen schafft, um die akademischen Sammlungen der Universität zur interdisziplinären Forschung und Lehre sowie zur Wissenschaftskommunikation zu nutzen.“

Die Broschüre steht online unter gturl.de/leitidee.

Wo jetzt noch der Charme wissenschaftlicher Zweckbauweise der vergangenen Jahrzehnte das Erscheinungsbild prägt, soll an vielen Stellen künftig wieder die ursprüngliche Konstruktion aus dem Jahr 1874 sichtbar werden. Rainer Bolli, Leiter des Gebäudemanagements, führte am Sonntag die Besucher durch die zum Teil bereits gesperrte Räumlichkeiten. „Die Herausforderung für uns liegt darin, möglichst viel Altes sichtbar zu machen und es mit der modernen Technik zu kombinieren.“

Aber wie schon bei der Sanierung der Sternwarte sei auch dieses Gebäude für die Bauplaner eine Wundertüte. „Wir werden jeden Tag etwas finden, auf das wir reagieren müssen“, erklärte Bolli. Als Beispiel verwies er auf das Deckengewölbe des Eingangsbereichs, wo bereits an einer Ecke unter der tristen Wandfarbe bunte Malerei aus dem 19. Jahrhundert freigelegt wurde.

Das Haus ist ursprünglich als Museum gebaut

Der große Vorteil für die zukünftige Nutzung dieses Standorts sei, dass das Haus ursprünglich als Museum gebaut worden war. Es beherbergte damals das Naturhistorische Museum der Universität Göttingen. Und kaum etwas von der Substanz ist zerstört worden. Vergangene Generationen haben in das Haus hineingebaut aber nichts eingerissen. Daher habe das Architektenteam zum Teil ideale Bedingungen vorgefunden. „So haben wir im Erdgeschoss tolle Raumhöhen, um darin Ideen zu entwickeln.“

Lediglich in einem Trakt müssten Wände und Decken vollständig entfernt werden. Im Nordbereich war im zweiten Weltkrieg eine Bombe eingeschlagen. Die in der Nachkriegszeit eingezogenen Bauteile hätten aber nicht die notwendige Qualität, deshalb müssten sie weichen. An anderer Stelle muss der bestehende Grundriss für das Forum Wissen erweitert werden. Die Sammlungen benötigen Platz. Außerdem entstehen dadurch Aufenthaltsbereiche wie Café oder Terrasse.

Insgesamt seien 20 Planungsbüros beteiligt, in Spitzenzeiten sicher mehr als 100 Arbeiten auf der Baustelle. Das Forum werden also auch zum Wirtschaftsfaktor für die Region, erzählte Bolli weiter, während er die interessierten Besucher durch das weitläufige aber düstere Sockelgeschoss führte. Hier finden später Technik und Werkstätten ihren Platz, für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar.

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Offizieller Baubeginn für das neue Forum Wissen in Göttingen

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Für den ersten Bauabschnitt stehen 18 Millionen Euro zur Verfügung. Die Mittel kommen vom Bund, dem Land, der Stadt, der Universität, Stiftungen und privaten Förderern. Zudem hat sich im Februar ein Förderkreis gegründet, der es sich ebenfalls zum Ziel gesetzt hat, das Forum Wissen zu unterstützen. „Wir wollen die Idee weiter in die Stadt tragen. Aber auch Spenden einsammeln“, sagte der Vereinsvorsitzende und ehemalige Oberbürgermeister Wolfgang Meyer. Man sei mit 25 Mitgliedern gestartet, inzwischen seien es 70. „Und heute sind es spontan drei mehr geworden.“

Zusammen mit dem Baustart wurde am Sonntag auch die Kampagne „Wir wollen’s wissen“ gestartet. Unter diesem Motto planen die Organisatoren bis zur Eröffnung des Forums Veranstaltungen und Aktionen rund um das Thema Wissen. Dazu gehört auch eine Werbekampagne. Auf Plakaten erklären Botschafter, warum sie es wissen wollen. „Weil ich andere von Göttingen begeistern will. Gemeinsam lassen wir Träume wahr werden“, sagt beispielsweise Susanne Heller. „Weil wir stets Impulse brauchen, um gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln“, heißt es bei Sascha Münnich. „Weil ich das beste für Göttingen will“, ist unter dem Bild von Rolf-Georg-Köhler zu lesen. Ihr gemeinsames Erkennungszeichen: Die blaue Brille.

Aktuelle Informationen über die Aktion finden sich unter blog.forum-wissen.de/wir-wollens-wissen

„Wir bauen auf und reißen nieder“

Der ehemalige Zoologie-Professor Hans-Jürgen Lang nutzt das Baustellenfest im zukünftigen Forum Wissen für eine Reise in die Vergangenheit.

Hans-Jürgen Lang

Hans-Jürgen Lang

Quelle: Arne Bänsch

„Das habe ich noch von Hand bemalt“, sagt Hans-Jürgen Lang. Der Zoologie-Professor steht in seinem ehemaligen Arbeitszimmer und streicht fast liebevoll über den Kabelkanal. „Der war grau, das fand ich schrecklich.“ Lang war 44 Jahre in diesem Gebäude tätig. Ich habe 1955 als Student angefangen und 1999 bin ich als Professor gegangen. Er habe den letzten Tag der offenen Tür vor dem Umbau nutzen wollen, um seine alte Wirkungsstätte noch einmal zu sehen.

Er folgt der Hausführung, lauscht aufmerksam, obwohl er die Geschichten dieses Hauses vermutlich besser kennt, als alle Anwesenden. Hier und da ergänzt er halblaut die Ausführungen von Rainer Bolli aus dem Gedächtnis. „In den großen Becken da drüben haben wir die Amphibien gewässert.“ Vieles steht noch so, wie er es verlassen hat. Anschließend verschwindet er durch eine Seitentür, das Sicherheitspersonal hält ihn nicht auf.

Vor seinem inneren Auge steht noch alles an seinem Platz, der Leuchttisch. Der Raumteiler, hinter dem er ideales Licht zum Mikroskopieren hatte. Das Regal. „Und da war der Durchgang.“ Das nachträglich isolierte Lüftungsrohr und die von ihm handgesägte Holzverkleidung sind aber tatsächlich noch an Ort und Stelle. „Das habe ich mir gedacht. Wissen sie, damit habe ich mich gegen die Lautstärke gewährt.“

Fische waren sein Forschungsgebiet. Er habe herausgefunden, dass Guppys auf Farben reagieren und dem Mondrhythmus folgen. So neigen sich die kleinen Fische dem gelben Licht des Vollmonds zu. Im violetten Licht sei ihre Reaktion genau entgegengesetzt. „Das hat mir damals keiner geglaubt. Mittlerweile wurde es bestätigt.“

Wie sich das anfühle, durch eine Baustelle zu gehen? „Wir bauen auf und reißen nieder, so haben wir Arbeiter immer wieder“, sagt Lang und lacht. Aber zu dem, was an der Stelle entstehen soll, hat er eine durchaus positive Meinung: „Eine übergeordnete Idee für alle Sammlungen ist ideal.“ Dann wendet er seinem ehemaligen Arbeitsplatz den Rücken zu, zum letzten Mal.

Von Markus Scharf

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