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Thema des Tages Schlechte Aussichten für die Nahversorgung in Stadt und Landkreis
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01:18 01.12.2018
Vorsorgeatlas: Bevölkerungsentwicklung LK Göttingen Quelle: Heinzel, Matthias
Göttingen

Der Atlas, im Auftrag der Kreisverwaltung erstellt, wurde am Mittwoch im Sozialausschuss des Landkreises vorgestellt. Der Atlas erfasst erst einmal den derzeitigen Stand der Daseinsvorsorge und ihrer Einrichtungen, gibt dann allerdings unter Berücksichtigung von derzeit absehbaren Entwicklungen Prognosen für die Zukunft bis ins Jahr 2030. Maßgeblicher Faktor dabei: die demografische Entwicklung.

Der Atlas und dessen zugrundeliegende Daten soll nicht nur der Kreisverwaltung dabei helfen, für die Zukunft zu planen: Das Planungsinstrument, das auch einige andere Regionen in Niedersachsen erfasst, wurde als Open-Source-Software entwickelt und soll über das Internet frei verfügbar und direkt anwendbar sein. Die Freischaltung des Atlas in den Regionen der Innovationsgruppe, wie dem Landkreis Göttingen, ist für das Frühjahr 2019 vorgesehen.

Planungsgrundlage

„Der Daseinsvorsorgeatlas“, erklärt Sozialdezernent Marcel Riethig, „kann als Planungsgrundlage dazu beitragen, soziale Infrastruktur zu erhalten und zu entwickeln und damit die Lebensqualität im ländlichen Raum zu steigern.“ Der Atlas erfasst unter anderem, in welchen Ortschaften es (noch) einen Lebensmittelmarkt gibt, wie gut die nächste Arztpraxis erreichbar ist und welche Freizeiteinrichtungen es in den Gemeinden gibt. Der aktuelle Stand im Landkreis Göttingen: Die bisher im Atlas erfassten Auswertungen und Analysen zeigen, „dass die heutige Versorgungslage mit den verschiedenen Einrichtungen der Daseinsvorsorge in der Region Göttingen insgesamt als gut oder zumindest ausreichend bezeichnet werden kann. Auf kleinräumiger Ebene ergeben sich jedoch teilweise erhebliche Erreichbarkeitsdefizite.“

Insbesondere für kleinere Ortschaften und Siedlungen können Hausärzte und Nahversorger, also Geschäfte wie auch kleinere Supermärkte nur selten zu Fuß erreicht werden. Besonders für wenig oder nicht (mehr) mobile Menschen sei das jetzt schon ein Problem. „In diesen Bereichen“, heißt es im Atlas, „ist eine selbstständige Versorgung ohne Pkw kaum zu bewerkstelligen.“

Schlechte Aussichten

Ohne gezielte Eingriffe in die Versorgungslage wird sich diese Situation nicht verbessern, sondern verschlimmern. Grund ist vor allem die demografische Entwicklung: Der Anteil älterer und damit weniger mobiler Menschen wird immer größer.

Eine Ausnahme stellen die beiden Oberzentren Göttingen und Kassel wie teilweise auch deren Nachbargemeinden dar, deren Bevölkerung bis 2030 eher stagniert oder leicht zunimmt. Nur wenige Gemeinden zeigen eine stabile oder sogar leicht positive Entwicklung, allen voran die Stadt Göttingen und deren Nachbargemeinden Rosdorf und Bovenden. Die anderen Gemeinden, vor allem diejenigen aus dem Altkreis Osterode am Harz, verlieren in der Prognoserechnung im Vergleich zum Jahr 2000 bis zu 30 Prozent ihrer Einwohner. Der Atlas spart in dieser Darstellung die Gemeinde Friedland aus, da hier die Bevölkerungszahlen durch das Lager Friedland sehr starken Schwankungen unterliegen.

Viele Orte, wenig Einwohner

Als kennzeichnend für die Region macht der Atlas unter anderem kleinräumige Siedlungsstrukturen, durchsetzt mit einigen Orten mittlerer Größe wie Hann. Münden, Duderstadt und Osterode aus. 72 Siedlungsbereiche mit Orten mit weniger als 500 Einwohnern, die etwa 40 Prozent aller Bereiche ausmachen, leben nur etwa sechs Prozent aller Bewohner. Auf der anderen Seite der Skala umfasst der einzige Siedlungsbereich ab 30000 Einwohnern etwa 31 Prozent der Bevölkerung: Die Kernstadt Göttingen und die mit ihr zusammenhängend bebauten Teile der Vororte.

Zwei Siedlungsräume haben die Autoren besonders intensiv untersucht: Adelebsen (ländliches Grundzentrum) und Dransfeld (städtisches Grundzentrum) betrachtet die Studie als zwei miteinander verflochtene (Samt-)Gemeinden im Umland des Oberzentrums Göttingen mit 15724 Einwohnern. Das bedeutet 79 Einwohner pro Quadratkilometer Fläche. Außerdem im Fokus stand Osterode am Harz als städtisches Mittelzentrum, eng verflochten mit der ländlichen Gemeinde Bad Grund. Hier leben 30507 Einwohner, das bedeutet 212 Menschen pro Quadratkilometer.

Konzentration geht weiter

Die Konzentration im Lebensmittel- und Konsumgüterhandel wird sich weiter fortsetzen, erwarten die Fachleute. Die bisherige Entwicklung: Stellten kleine Läden mit weniger als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche im Jahr 1990 noch 78 Prozent aller Lebensmittelläden, waren es 2010 nur noch 28 Prozent. Etwas entschärft werde diese Situation allerdings dadurch, dass einige größere Supermärkte in der Region mittlerweile einen Lieferdienst anbieten, meinen die Autoren der Studie.

Die Konsequenz: Die Wege gerade für diejenigen Leute, die ohnehin in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, werden immer länger. Es sei nicht zu erwarten, dass sich besonders „die fußläufige Erreichbarkeit der Einrichtungen der Daseinsvorsorge in der Breite“ verbessern lässt.

127 Nahversorger

Die in den Analysen verwendeten 127 Nahversorger in der Region setzen sich aus insgesamt 65 Super- oder Lebensmittelmärkten aller Größen, 48 Discountern und 14 Dorfläden zusammen. Die Analysen konzentrieren sich auf Supermärkte und Discounter, aber auch auf bekannte Dorfläden, „da hier auch bei kleiner Flächengröße eine Grundversorgung geboten wird“.

Dabei sind Dorfläden nur in Siedlungen mit weniger als 5000 Einwohnern zu finden, wohingegen sich Discounter auf die größeren Siedlungen konzentrieren. Dort sind mehr als 80 Prozent der Standorte in Siedlungen mit 5000 und mehr Einwohnern zu finden. „Folgt man dem Trend“, heißt es im Atlas, „ist von einer weiteren Konzentration von kommerziellen Nahversorgern auf größere Orte auszugehen.“

Der Daseinsvorsorgeatlas entwirft zudem einige Szenarien – zum Beispiel, wenn aufgrund der weitere Konzentration im Einzelhandel der jeweils nächste Nahversorger schlösse. Dann breche auch eine heute noch vorhandene gute fußläufige Erreichbarkeit dramatisch ein, betroffen wären auch Einwohner in den Städten. Sollte dieses Szenario Wirklichkeit werden, wären in fünf (Samt-)Gemeinden keine Läden mehr fußläufig erreichbar: „So müssten in Friedland, Gleichen, Radolfshausen, Staufenberg und Walkenried ausnahmslos alle Einwohner länger als 30 Minuten zu Fuß zum übernächsten Nahversorger laufen.“

Gegenmittel Online

Allerdings gebe es Möglichkeiten gegenzusteuern, meinen die Autoren des Daseinsvorsorgeatlasses: „Im Bereich der Nahversorgung können (zu lange) Einkaufswege durch (Online-) Bestellung und Lieferung kompensiert werden. Ergänzend könnten lokale oder regionale Nahversorger, wie zum Beispiel Lebensmittelmärkte, Hofläden oder andere Direktvermarkter ebenfalls neue Bestell- und Liefermöglichkeiten anbieten, um negative Effekte abzumildern.“ Dies könne allerdings „die soziale Funktion eines Einkaufs vor Ort nicht ersetzen“.

Der digitale Daseinsvorsorge-Atlas des Landkreises wird gemeinsam mit dem Niedersächsischen Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung (MB) beziehungsweise dem Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) entwickelt. Im Anschluss an die Freischaltung im Frühjahr kommenden Jahres sind Anwenderschulungen zur Handhabung für interessierte Fachplaner vor Ort geplant. Das Projekt läuft noch bis zum Frühjahr 2019.

Der Daseinsvorsorgeatlas für die Region Göttingen ist abrufbar auf den Webseiten des Landkreises Göttingen hier oder als PDF-Dokument hier.

Von Matthias Heinzel

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