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Thema des Tages Nobelpreisträger Manfred Eigen wird 90 Jahre alt
Thema Specials Thema des Tages Nobelpreisträger Manfred Eigen wird 90 Jahre alt
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00:17 11.05.2017
Manfred Eigen Quelle: r
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Göttingen

Mit 40 Jahren wurde er mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Im Dezember 1967, vor 50 Jahren, erhielt er die Auszeichnung für Methoden, mit denen erstmals Messmethoden für Reaktionsgeschwindigkeiten im Mikro- und Nanosekunden-Bereich messbar wurden. Damit konnten zentrale Fragen der Biochemie, beispielsweise wie Enzymaktivitäten gesteuert werden, geklärt werden. Eigen war langjähriger Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für biophysikalische Chemie und dessen Gründer.

Pianist oder Physiker? Das war für Manfred Eigen die Frage gleich nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. „Ich dachte immer, ich würde einmal Musik studieren“, erinnerte sich Eigen, der in einem sehr musikalischen Elternhaus aufgewachsen war. Doch während des Weltkriegs, in dem er als Luftwaffenhelfer dienen musste, fehlte ihm die Gelegenheit, das Klavierspiel zu üben. Er entschied sich für ein Studium der Physik und Chemie an der Universität Göttingen.

In den damaligen Institutsgebäuden an der Bürger- und Bunsenstraße begann 1945 die wissenschaftliche Karriere des jungen Mannes, der sich von Salzburg aus zu Fuß auf den Weg nach Göttingen gemacht hatte. Hier fand er ausgezeichnete Lehrer und war ein talentierter Nachwuchswissenschaftler.

Unmessbar schnell

Als 87-Jähriger erklärte Eigen gegenüber dem Tageblatt seinen späteren Erfolg auf einem in den fünfziger und sechziger Jahren nahezu unbekannten Forschungsgebiet so, „in der Chemie ist nichts unmessbar, es gibt allenfalls ungeeignete Methoden." Reaktionsgeschwindigkeiten in der Chemie waren bis 1954 nur bis zu einer Tausendstel Sekunde messbar. Seit 1952 befasste sich der Biophysiker Dr. Manfred Eigen damit, wie schnell eine unmessbar schnelle Reaktion sein könnte.

Und während in Göttingen seine mit dem Kollegen Leo De Maeyer begonnenen entscheidenden Untersuchungen zur Geschwindigkeit von äußerst schnellen chemischen Reaktionen kaum für Aufsehen sorgten, brachten sie Eigen schon ab 1954 internationale Anerkennung ein. In dem Jahr stellte er die Relaxationsmessmethode der britischen Faraday Society erstmals vor.

Eigens Ernennung zum Ehrenbürger Quelle: r

Seit 1953 war Eigen am damaligen Max-Planck-Institut für physikalische Chemie tätig als junger Assistent von Karl Friedrich Bonhoeffer. Dieser gab dem Nachwuchswissenschaftler die Möglichkeit, chemische Reaktionen zu untersuchen, die als „unmessbar schnell“ galten.

Was der Physiko-Chemiker wenige Monate später vor der Faraday Society in London (England) präsentierte, war eine wissenschaftliche Sensation: Denn mit diesen Methoden war es erstmals möglich, Reaktionsgeschwindigkeiten im Mikro- und sogar Nanosekunden-Bereich zu messen. Und in Großbritannien und in den USA wurde Eigen ein bekannter Wissenschaftler. Die Relaxationsmethode war sein wissenschaftlicher Durchbruch. 40 Jahre war Manfred Eigen jung, als er für seine wissenschaftlichen Erkenntnisse gemeinsam mit Ronald G. W. Norrish und George Porter 1967 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde. Die Methode klärte zentrale Fragen der Biochemie, beispielsweise wie Enzymaktivitäten gesteuert werden.

Brücke zwischen Biologie und Physik

Die große Auszeichnung, die am 10. Dezember 1967 in Stockholm vom schwedischen König Gustav VI. Adolf (1882-1973) verliehen wurde, war ein herausragendes Ereignis für den Göttinger Forscher. Das aber seinen Hunger nicht stillen konnte. „Wir waren hungrig nach Wissenschaft“ – bei dieser Einstellung, seiner drängenden Neugier und seiner großen Kollegialität blieb es. Der Naturwissenschaftler hat bis heute das Leben zahlreicher Mitarbeiter und Forscher geprägt. Eigen hat sich ab 1968 der Biologie zugewandt. Darwins Idee der Evolution mittels natürlicher Auslese auf eine solide physikalische Basis und wandte diese auf molekulare Systeme an. "Ihm gelang es damit, eine Brücke zwischen Biologie und Physik zu schlagen", heißt es in einer Miteilung des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie zu seinem 90. Geburtstag. Die Begriffe „Hyperzyklus“, „Quasispezies“ und „Fehlerschwelle“ seien untrennbar mit seinem Namen verbunden.

Aber auch das Institut ist untrennbar mit Manfred Eigen verbunden. Denn dessen Forschungsdrang, seine inter- und multidisziplinären Forschungsarbeiten brachten ihn auf die Idee, mehr Platz zu schaffen für zwei Max-Planck-Institute in Göttingen. Eigens Vision, durch Zusammenlegen des MPI für physikalische Chemie und des MPI für Spektroskopie ein neues Institut mit Platz für zusätzliche

fachlich anders ausgerichtete Abteilungen zu schaffen, wurde 1971 Wirklichkeit: Die Wissenschaftler der beiden Vorgänger-Institute wechselten in das bezugsfertige MPI für

biophysikalische Chemie auf dem Faßberg. Von den anfangs fünf Abteilungen wuchs das Institut in den ersten Jahren auf 12 Abteilungen an.

In den achtziger Jahren machte Eigen von sich reden mit seinen Theorien zur Selbstorganisation komplexer Moleküle und der Entwicklung von „Evolutionsmaschinen" . Daraus entwickelte sich ein neuer

Zweig der Biotechnologie-Branche – die „evolutive Biotechnologie“. Mit Evolutionsmaschinen lassen sich nach MPI-Angaben heute grundlegende Mechanismen der Evolution im Zeitraffer im Labor untersuchen, darunter die Tricks, die das AIDS-Virus und andere tückische Krankheitserreger nutzen, um das Immunsystem zu überlisten. Mithilfe dieser Maschinen werden zudem neue molekulare Wirkstoffe identifiziert, um diese für die Entwicklung von Medikamenten einzusetzen.

Manfred Eigen: Ehrenbürger der Stadt Göttingen Quelle: r

1967 war Nobelpreisträger Otto Hahn einer der ersten, die Manfred Eigen zum Nobelpreis in seinem Institut gratulierten. Und auch Eigen zählte zu den ersten Gratulanten im Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie als im Oktober 1991 Erwin Neher und im Oktober 2014 Stefan Hell erfuhren, dass sie zu den nächsten Nobelpreisträgern zählen. An seinem 90. Geburtstag wird Eigen, der zurückgezogen lebt, enge Weggefährten begrüßen: "Um den Jubilar zu ehren und seine Dankbarkeit auszudrücken, veranstaltet das Institut eine Feier im kleinsten Kreis mit engen Weggefährten, Direktorenkollegen und ehemaligen Mitarbeitern", teilte das MPI für biophysikalische Chemie mit.

Mehr zu Manfred Eigen unter http://gturl.de/eigen 

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