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Unsere Bücher des Jahres

Die Buchtipps der Tageblatt-Redaktion Unsere Bücher des Jahres

Gelesen und für gut befunden: Die Buchtipps der Tageblatt-Redaktion bringen Neuerscheinungen und auch ältere, aber weiterhin empfehlenswerte Romane, Krimis, Sachthemen zusammen.

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Gin und Gänseliesel für den Gabentisch

Lesen und genießen: Diese Bücher lohnt es sich zu kaufen.

Quelle: Mischke

„Panikherz“ mit Lokalkolorit

Benjamin von Stuckrad-Barre ist jetzt 41 Jahre alt. Einen gewichtigen Teil davon hat er in Göttingen verbracht. Auch diese Zeit beschreibt er in seinem Buch „Panikherz“, das in weiten Teilen von seiner Drogensucht handelt, von Größenwahn und irgendwann auch von Demut, zumindest ein bisschen. Wir begegnen in diesem Buch Christoph Reisner, dem im Jahr 2014 gestorbenen Chef des Göttinger Literaturherbstes, der für Stuckrad-Barres Entwicklung von entscheidender Bedeutung war. Wir treffen auch Udo Lindenberg, den großen Helden aus der Jugendzeit des Autors, zu dessen großer Freundesfamilie Stucki später gehört. Wir fahren mit Linderberg und Stuckrad-Barre in das legendäre Hotel Chateau Marmont in Los Angeles, wo er aufschreibt, was ihm in der ersten Hälfte seines rasend schnellen Lebens widerfuhr – Drogen, Entzug, Höhenflug und Absturz. Ein spannendes Buch mit Göttinger Lokalkolorit.

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Panikherz“, Kiepenheuer&Witsch, 576 Seiten, 22,99 Euro.

Peter Krüger-Lenz

"Zukar“-Stückchen in Buchform

Mit verbundenen Augen und ausgebreiteten Armen steht er auf dem Alexanderplatz, neben ihm ein Schild, das sagt, dass er Flüchtling ist und auf Umarmungen wartet. Mit diesem Youtube-Video wurde Firas Alshater bekannt. In diesem Jahr hat der 25-Jährige sein Buch „Ich komm auf Deutschland zu“ (2016) veröffentlicht. Wie auf seinem Youtubekanal „Zukar“ erzählt Alshater darin humorvolle Anekdoten vom Ankommen in Deutschland – von den „einfach putzigen“ Polizisten, die versuchen böse zu gucken, aber so harmlos im Gegensatz zur Polizei in Syrien seien, über den Kampf mit der Bürokratie bis zur Entdeckung, dass man den Euro, den man in einen Einkaufswagen steckt, auch zurückbekommen kann. Einfach ist der Schreibstil Alshaters, zum Schmunzeln, Staunen, manchmal auch Erschrecken der authentische Inhalt.

Firas Alshater: „Ich komm auf Deutschland zu: Ein Syrer über seine neue Heimat“, Ullstein, 240 Seiten, 14,99 Euro.

Hannah Scheiwe

Eine Ode an das Pferd

Wie das Pferd vom „wichtigsten Gefährten des Homo sapiens“ zum „Sport- und Therapiegerät“ wurde, erzählt Ulrich Raulffs Buch „Das letzte Jahrhundert der Pferde“. In seiner kulturhistorischen Abhandlung schreibt der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach über das Paradox, dass das Fluchttier Pferd, nachdem der Mensch es gezähmt und sich mit ihm angefreundet hat, vom Menschen ausgenutzt wird. „Das Erstaunliche an der Sache ist, dass sie auch dann noch funktioniert, als [...] die Zwecke des Menschen der Natur seines vierbeinigen Kollegen zuwiderlaufen“, schreibt Raulff - und meint unter anderem den Einsatz im Krieg. Das Werk ist eine Ode an das Pferd  - „Aristokraten sperrt man nicht ein, man erinnert sie an ihr Ehrenwort, auf Flucht zu verzichten“, so Raulff. Er überzeugt nicht nur mit Sachkenntnis, sondern auch mit Wortgewandtheit. Ein Buch nicht nur für Pferdeliebhaber.

Ulrich Raulff: „ Das letzte Jahrhundert der Pferde“. C.H. Beck, 461 Seiten, 29,95 Euro.

Hannah Scheiwe

Onno Viets im roten Bereich

Onno Viets ist der Protagonist einer kleinen Reihe, die der Autor Frank Schulz ersonnen hat. Viets ist einer, der sich durchs Leben laviert, mal als Kneipier, mal als Detektiv und neuerdings als Rekonvaleszent. Im dritten Band der Reihe – „Onno Viets und der weiße Hirsch“ – will er das posttraumatische Erschöpfungssyndrom auskurieren, das er sich in zweiten Teil eingefangen hat. Dazu quartiert er sich bei seinen Schwiegereltern ein, zwei bodenständige rüstige Herrschaften, die in einen Dorf leben. Das bekommt Onno solange, bis ihm auf einem Hochsitz eine Gewehrkugel um die Ohren fliegt. Der Schriftsteller Schulz ist ein wortmächtiger Mann. Viele Wörter kennt er, diesmal demonstriert er das, in dem er sehr viel Vokabular aus der Jägersprache verwendet. Er schreibt enorm kompakt, dabei aber auch sehr untrehaltsam. Seine Figuren sind präzise gezeichnet und ganz zauberhafte Originale.

Frank Schulz: „Onno Viets und der weiße Hirsch“, Galiani-Verlag. 368 Seiten, 19,99 Euro.

Peter Krüger-Lenz

Fair und vielschichtig in die Schlacht

Exakt 100 Jahre nach der größten Seeschlacht der Weltgeschichte hat der Brite Nick Jellicoe ein neues Buch über das Aufeinandertreffen der britischen und der deutschen Flotte im Skagerrak Ende Mai 1916 veröffentlicht. Der Autor ist nicht irgendwer: Sein Großvater John Jellicoe war damals Oberbefehlshaber der britischen Flotte.
Dennoch geht Jellicoe das Thema nicht etwa einseitig an. Der Autor, gut bekannt mit vielen deutschen Seekriegshistorikern, gibt deutschen Quellen ausführlich Raum. Bescheibungen und Analysen der Besatzungen, der Schiffe, der Taktik, der Entscheidungen, von Erfolgen und Misserfolgen sind fair und vielschichtig. Jellicoe macht auch deutlich, dass der Ausgang der Schlacht sehr viel mehr mit dem Ausgang des gesamten Krieges zu tun hatte, als viele meinen: Zu den Folgen zählt der uneingeschränkte U-Boot-Krieg der Deutschen und damit der letztlich entscheidende Kriegseintritt der USA.

colas Jellicoe: Jutland - The Unfinished Battle: A Personal History of a Naval Controversy. 352 Seiten, Pen & Sword, Barnsley 2016.

Matthias Heinzel

Vermisste Mädchen

Arne Dahl ist ein Autor für Krimireihen. Mit seinen Ermittlern der A-Gruppe hatte er ebenso großen Erfolg wie mit dem Krimi-Quartett, das mit dem Titel „Gier“ begann. Jetzt schickt er mit dem Roman „Sieben minus eins“ ein neues Ermittler-Duo ins Rennen. Als die Polizei ein blutverschmiertes Kellerloch untersucht, vermutet Kriminalinspektor Sam Berger einen Serientäter am Werk. Spuren weisen in Bergers Vergangenheit – und zu staatlichen Ermittlungsstellen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Molly Bloom begibt sich der labile Ermittler auf die Suche nach vermissten Mädchen. Dahl hat diese grausige Geschichte gewohnt souverän geschrieben, allerdings hier und da auch sehr verschachtelt und ein wenig unübersichtlich aufgebaut. Der Plot ist wenig realistisch, aber höchst spannend.

Arne Dahl: „Sieben minus eins“, Piper, 416 Seiten, 16,99 Euro

Peter Krüger-Lenz

Schönes Deutsch macht Leselust

Häßlich und grob, hübsch und graziös kann die deutsche Sprache sein - und noch viel mehr. Der Göttinger Romanist Gerd Schrammen hat eine Sammlung von Texten aus Büchern, die er besonders gerne gelesen hat, zusammengestellt: „Lese-Lust“ verspricht der Titel. Der Inhalt beschert Erinnerungen an einst gelesene Bücher oder gibt dem Leser Einblick in bislang unbekannte Literatur von Autoren von Hartmann von der Aue bis Dörte Hansen. Schrammen erklärt einleitend die Besonderheiten jedes ausgewählten Textes. 35 stellt er vor und spannt den Bogen deutscher Dichtung weit vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Sehr persönlich ausgewählt, aber doch mit viel Bedacht darauf, kenntnisreich darzulegen, was „Schönes Deutsch von den Anfängen bis heute“ im Wandel der Sprache und Zeiten charakterisiert.

Gerd Schrammen: „Lese-Lust. Schönes Deutsch von den Anfängen bis heute“. IFB Verlag Deutsche Sprache, 2016, 262 Seiten, 14,90 Euro.

Angela Brünjes

11 Dokumente und ihre Geschichte

n diesem Jahr hat das Land Niedersachsen 70-jähriges Bestehen gefeiert, aber seine Geschichte währt länger. Das Gebiet des heutigen Bundeslandes haben sich drei Historiker, die Mitglieder des Niedersächsischen Landesarchivs sind, vorgenommen, und ein Buch herausgegeben, das anhand von 111 Dokumenten die Geschichte Niedersachsens darstellt. Die Beiträge von 47 Autoren behandeln bekannte und weniger bekannte, bedeutende und scheinbar nachrangige Dokumente von 849 bis 1993. Jedes der 111 steht auch für eine historische Weichenstellung: Die Gründung des Lagers Friedland, der Aufstand der Matrosen in Wilhelmshaven, die Flüchtlingspolitik im Herzogtum Hannover oder die Rechte des Klosters Bursfelde. Ein sehens- wie lesenswertes starkes Werk, das Lesestücke bietet, die weit über Heimatgeschichte hinausgehen, weil die historische Begebenheit auch für Deutschland oder sogar darüber hinaus Folgen hatte.

Christine van den Heuvel, Gerd Steinwascher, Brage Bei der Wieden: „Geschichte Niedersachsens in 111 Dokumenten“. Wallstein-Verlag, 2016, 495 Seiten, 264 Abbildungen, 29,90 Euro.

Angela Brünjes

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Der Wochenrückblick vom 11. bis 17. November 2017