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Thema des Tages Vorbote des Massenmords
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00:22 11.11.2018
Das Innere der Göttinger Synagoge vor ihrer Zerstörung. Quelle: Städtisches Museum
Göttingen/Celle

Drei Jahre vor Beginn der systematischen Massendeportationen und nach zahlreichen rechtlichen Diskriminierungen erreichte die Verfolgung der Juden mit den Ausschreitungen eine neue Stufe. Als Vorwand für die Übergriffe diente den Nationalsozialisten das Attentat des aus Hannover stammenden 17-jährigen Juden Herschel Feibel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris. Propagandaminister Joseph Goebbels nutzte die Gelegenheit, um bei einem Treffen von Parteiführern in München das Signal für die Gewaltaktionen in ganz Deutschland und Österreich zu geben.

In der Öffentlichkeit versuchte die NS-Führung, die Welle der Gewalt als „spontanen Ausbruch des Volkszorns“ erscheinen zu lassen. Die Ausschreitungen begannen bereits am 7. November in Nordhessen und dauerten bis zum 13. November.

Mehr als 3000 Getötete

An den Gewalttaten beteiligten sich vor allem SA- und SS-Männer und Parteimitglieder, vielerorts aber auch Deutsche, die den NS-Organisationen nicht angehörten. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass während und infolge der Gewalt mehr als 1300 Menschen getötet und mindestens 1400 Synagogen stark beschädigt oder zerstört wurden. 30000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt.

Das öffentliche Leben der Juden in Deutschland kam nach den Pogromen völlig zum Erliegen. Nach den gewaltsamen Übergriffen begann auch die flächendeckende staatliche Enteignung jüdischen Besitzes. Drei Jahre später, im Jahr 1941, setzten die Deportationen deutscher Juden in die Todeslager ein.

Pogrome in Niedersachsen

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten hat eine neue Internetseite über die Pogrome gegen Juden in Niedersachsen vor 80 Jahren freigeschaltet. Dort wird die Zerstörung von Synagogen und die Verhaftung von Juden zwischen Dornum an der Nordsee und Hann. Münden am 9. November 1938 und an den Folgetagen auf Fotos und in Texten dargestellt. „Damit soll die Erinnerung wachgehalten und gezeigt werden, dass nicht Einzelne den braunen Terror auf die Straße gebracht haben, sondern dass viele Menschen dabei zugesehen haben“, sagte Landtagspräsidentin Gabriele Andretta (SPD) bei der Vorstellung der Website in Celle.

Jens-Christian Wagner als Geschäftsführer der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten erklärte, die Pogrome seien zwar reichsweit zentral gesteuert gewesen: „Doch das Ausmaß der Brutalität vor Ort war das Ergebnis des Handelns und Entscheidens lokaler Akteure.“ So wurde in Peine der 17-jährige Hans Marbuger am 10. November verhaftet und kurz danach wieder freigelassen. SS-Männern zwangen ihn, zur Synagoge mitzukommen. Sie setzten das Gebäude in Brand, anschließend erschoss SS-Hauptsturmführer Paul Szustak den jüdischen Jungen.

Täter schnell wieder frei

1950 verurteilte das Schwurgericht Hildesheim Szustak zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe - es war das härteste Urteil in einem Prozess wegen Tötungen während der Reichspogromnacht. 1956 wurde die Strafe in zehn Jahre Zuchthaus umgewandelt. Wagner: „Es gab ab Ende der 40er-Jahre viele Prozesse und Verurteilungen. Allerdings kamen Täter oft schnell wieder auf freien Fuß.“

Die Website macht zu 53 Orten Angaben über Opfer und Täter, die juristische Aufarbeitung und das heutige Gedenken. Darunter sind aus der Region bislang neben Göttingen auch Dransfeld, Adelebsen, Hann. Münden, Bremke, Duderstadt und Osterode. Bis Ende des Jahres soll es Informationen zu 100 Städten und Gemeinden geben. Die Seite hat die Stiftung zusammen mit Studierenden der Geschichte der Leibniz Universität Hannover und Gedenkstätten, Initiativen und Einzelpersonen erarbeitet.

Von Matthias Heinzel mit epd

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