Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Thema des Tages Vor 80 Jahren: Pogromnacht in Göttingen
Thema Specials Thema des Tages Vor 80 Jahren: Pogromnacht in Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:22 11.11.2018
Synagoge Untere Maschstraße 13 in Trümmern 1938 Quelle: Städtisches Museum
Göttingen/Duderstadt

Das reichsweite Pogrom, als Ausdruck des Volkszorns getarnt, in Wirklichkeit jedoch vom NS-Regime inszeniert und dirigiert, firmierte im Volksmund fortan unter dem zynischen, bis heute gedankenlos verwendeten Namen „Reichskristallnacht“, weil in dieser Nacht unzählige Fensterscheiben jüdischer Geschäfte und Wohnungen zertrümmert wurden.

1933, im Jahr der sogenannten Machtergreifung, lebten rund 500 jüdischen Bürger in Göttingen. Schon seit Beginn der 30er Jahre, vor Beginn des nationalsozialistischen Terrors, waren sie jedoch antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Viele Angehörige der jüdischen Glaubensgemeinschaft emigrierten, im November 1938 gab es noch etwa 220 Juden in der Stadt. Sie wurden fast ausnahmslos Opfer der Terrornacht vom 9. auf den 10. November.

„Der Blutzeugen gedacht“

Am Abend des 9. November, zwei Tage nach den Schüssen eines polnischen Juden auf den in Paris lebenden Botschaftssekretär Ernst Eduard von Rath, zogen SA- und SS-Angehörige auch in Göttingen brandschatzend und prügelnd durch die Straßen. „Die Göttinger gedachten in einer nächtlichen Feierstunde der Blutzeugen der nationalsozialistischen Bewegung, die vor 15 Jahren in München starben“, schrieb der Stadtarchivar damals in die städtische Chronik und hielt am 10. November lapidar fest, dass die Synagoge „in der vergangenen Nacht“ in Flammen aufgegangen sei.

Noch an den beiden folgenden Tagen drangen die NS-Schläger in Wohnungen oder Geschäftsräume ein, verwüsteten die Einrichtungen, plünderten die Lager, misshandelten die Bewohner und verhafteten ohne Unterschied Männer, Frauen und auch Kinder.

Haus verwüstet

Von diesen massiven Übergriffen auf die jüdischen Bürger der Stadt steht nichts in der städtischen Chronik. Die Vorgänge in der Merkelstraße 3, dem Haus der jüdischen Unternehmerfamilie Hahn, geben ein Beispiel für die Brutalität der Schläger des NS-Regimes und den sich nahtlos anschließenden Anstrengungen der städtischen Bürokratie, den jüdischen Bürgern das Leben zur Hölle zu machen. In der Nacht zum 10. November, gegen zwei Uhr morgens, brachen SS-Männer das Haus in der Merkelstraße 3 mit Äxten auf, holten die Hahns aus dem Schlaf, trieben sie unbekleidet auf die Straße und verwüsteten ihr Haus. Sie schlugen die Türen und Fenster in Stücke und zerstörten Möbel, Kunstwerke und Antiquitäten, schreibt die Regionalhistorikerin Cordula Tollmien: „Max Raphael und Gertrud Hahn, sein Bruder Nathan und dessen Frau Betty, deren Wohnung in der Baurat-Gerber-Straße 19 ebenfalls verwüstet worden war, wurden verhaftet. Die beiden Frauen wurden am nächsten Tag wieder freigelassen.“

Die Brüder Max und Nathan wurden zur Gestapo in der Theaterstraße 19 – damals Franz-Seldte-Straße – gebracht. Dort wartete eine ihnen unbekannte Frau auf sie – zusammen mit einem Notar und einem vorbereitetem Vertrag: So wurden sie gezwungen, ein Haus an die Frau zu verkaufen. Das Göttinger Tageblatt schrieb in seiner Ausgabe vom 11. November: „Katz und Hahn haben jetzt Gelegenheit, aus der nächsten Nachbarschaft die Trümmer ihrer Synagoge zu betrachten und sich damit abzufinden, dass ihre Rolle auch in Göttingen endgültig ausgespielt ist.“

Entlassung nach acht Monaten

Die meisten Familienmitglieder kamen nach einigen Tagen frei. Max Raphael Hahn hingegen wurde erst im Juli 1939, also acht Monate nach seiner Verhaftung, aus seiner „Schutzhaft“ entlassen.

Das sei der Grund gewesen, warum Max Raphael Hahn und seiner Ehefrau die Emigration nicht mehr rechtzeitig gelang, für die Verwandte in den USA und England schon alles vorbereitet hatten, erläutert Tollmien. Am 6. Dezember 1941 wurden sie von Hamburg aus nach Riga deportiert. Tollmien: „Gertrud Hahn, die zuckerkrank war, starb möglicherweise schon auf dem Transport in ein Lager bei Riga, Max Raphael Hahn wurde spätestens im März 1942 bei der sogenannten Dünamünde-Aktion, einer großen Erschießungsaktion in einem Wald bei Riga, ermordet.“

Das weithin sichtbare Zeichen dessen, was der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und auch in Göttingen drohte, stand in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 an der Unteren Masch: die prächtige, zwischen Zwischen 1869 und 1874 errichtete Synagoge, entstanden ohne öffentliche Zuschüsse aus der eigenen finanziellen Kraft der Jüdischen Gemeinde Göttingens. Nach einer Erweiterung 1890 bot sie Platz für 450 Gemeindemitglieder. Die Juden in Göttingen, darunter viele Geschäftsleute, waren fest in die Göttinger Gesellschaft integriert: Viele von ihnen trugen deutsche Vornamen, die Kinder gingen in normale Göttinger Schulen.

Feuerwehr hilft beim Anzünden

In der Nacht zum 10. November 1938 stecken SS-Männer gegen 1 Uhr die Synagoge in Brand - mit tatkräftiger Unterstützung des Leiters der Berufsfeuerwehr, Wilhelm Rodenwald. SA und Freiwillige Feuerwehr beschränkten sich darauf, ein Übergreifen des Feuers auf umliegende Gebäude zu verhindern und bespritzen umstehende Häuser mit Wasser.

Die Synagoge brannte komplett nieder. „Die Göttinger gedachten in einer nächtlichen Feierstunde der Blutzeugen der nationalsozialistischen Bewegung, die vor 15 Jahren in München starben“, schrieb der Stadtarchivar damals in die städtische Chronik und hielt am 10. November fest, dass die Synagoge „in der vergangenen Nacht“ in Flammen aufgegangen sei. An das imposante Bauwerk erinnert sich der wenige Tage vor der Brandstiftung ausgewanderte Göttinger Rabbiner Hermann Ostfeld, dessen Aufzeichnungen seit 2007 im Stadtarchiv aufbewahrt werden, so: „Die Göttinger Synagoge, die in der Kristallnacht im November 1938 völlig zerstört wurde, war eine schöne Synagoge gewesen, mit Holz ausgetäfelt und mit vielen Schnitzereien geschmückt (… ) Ich erlebte Stunden tiefer Ergriffenheit, wenn ich die Menschen meiner Gemeinde vor mir sah, die spürten, dass der Boden, auf dem sie lebten, unter ihren Füßen zitterte und immer mehr zu versinken drohte.“

Duderstädter Synagoge in Brand gesetzt

Auch in Duderstadt wurden Bürger jüdischen Glaubens in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von Nationalsozialisten verfolgt, ausgeraubt und verschleppt, auch in Duderstadt ging die Synagoge in Flammen auf. Sie stand in der damaligen Gartenstraße - der heutigen Christian-Blank-Straße. Die Duderstädter Geschichtswerkstatt geht davon aus, dass es ein Kommando der 51. SS-Standarte aus Göttingen war, das die Synagoge in Brand setzte. Hans Georg Schwedhelm von der Geschichtswerkstatt: Die Synagoge „brannte bis auf einige Mauerreste nieder. Auf dem Grundstück in der Gartenstraße wurden die Mauerreste der Synagoge schnell beseitigt. Das Grundstück erwarb die Stadt Duderstadt von der Synagogengemeinde, die von Erich Löwenthal vertreten wurde, zu einem Preis von 3300 Reichsmark. Genau wie die Geschäftsinhaber jüdischen Glaubens auf der Marktstraße wurde die jüdische Organisation gezwungen, ihr Eigentum zu verschleudern.“

Das bezieht sich auf die beiden von jüdischen Inhabern betriebenen Textil- und Modegeschäfte. Die Männer der Göttinger SS-Standarte hatten auch die Plünderung dieser beiden Betriebe übernommen. Bargeld, Sparkassenbriefe und die beiden Autos der Familien nahm die SS mit nach Göttingen. Die Waren aus den Geschäften wurden der Duderstädter NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). Die zu dieser Zeit noch in Duderstadt lebenden Juden – nur noch insgesamt vier Familien – wurden verhaftetet und der Gestapo übergeben, jedoch schon einige Tage später wieder aus der Haft entlassen.

Von Matthias Heinzel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Thema des Tages Initiative „First Togetherness“ - Christoph Rickels kämpft gegen Gewalt

Eine sechsfache Hirnblutung, vier Monate Koma – es ist ein Wunder, dass Christoph Rickels nach einer Prügelattacke noch lebt. Er kämpft sich zurück ins Leben und seitdem gegen Gewalt.

07.11.2018
Thema des Tages Göttinger Zivilcouragepreis 2018 - Es geht nicht um Heldentaten

Der Göttinger Zivilcouragepreis 2018 wird am Donnerstag, 8. November, um 18 Uhr in einer öffentlichen Veranstaltung verliehen. Gastredner ist Christoph Rickels, der Opfer von Gewalt wurde.

10.11.2018
Göttingen 7. November 1918 in Göttingen - Kriegsende, Hungersnot und Soldatenrat

Auch in Göttingen hat sich 1918 ein Soldatenrat gebildet. Mit dem Ende des 1. Weltkriegs und des Kaiserreichs setzten sich politische Kräfte durch, die mehr Rechte für die Bevölkerung forderten.

09.11.2018