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Thema des Tages Das sind die skurrilen Spitznamen für Dörfer im Eichsfeld
Thema Specials Thema des Tages Das sind die skurrilen Spitznamen für Dörfer im Eichsfeld
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00:21 12.10.2018
Frau mit Reff, in Hilkerode auch "Klein Erna" genannt. Quelle: CHH
Eichsfeld

Ungewollte Publicity, wie sie der Ort Atzenhausen durch „Die Atzen“ bekommen hat, ist bei den Dörfern im Landkreis Göttingen eher die Ausnahme. Auch alte Spitznamen für Dorfbewohner wurden aber zumeist von außen an die Dörfer herangetragen – in der Regel als Neckerei aus den Nachbarorten. Neudeutsch würde man heute wohl von village teasing sprechen.

Noch weit verbreitet sind sublokale Spitznamen im Eichsfeld – auf plattdeutscher Basis. Einige sind fast nur noch Heimatkundlern und Alteingesessenen geläufig, andere werden in Erzählcafés aufgewärmt, sind im Volksmund lebendig geblieben oder gar zu touristisch-tradionellen Aushängeschildern geworden wie „Anreischken“ für Duderstädter und „Bunte“ für Gieboldehäuser.

Wann sind die Spitznamen entstanden?

Die Ursprünge der Spitznamen verlieren sich im Dunkel ländlicher Geschichte. Weder der Duderstädter Verleger Helmut Mecke noch der Historiker Hans-Reinhard Fricke können sagen, wann die meisten „Tarneitsnamen“ (vom plattdeutschen „taren“ für necken oder reizen) entstanden sind. Fricke geht in den meisten Fällen von Beginn des 20. Jahrhunderts aus, Mecke gibt die Schwierigkeiten zu bedenken, mündliche Überlieferungen zu datieren. Mit der plattdeutschen Sprache drohe auch das Thema Dorf-Nicknames in Vergessenheit zu geraten, sagt Mecke. Teilweise handele es sich um abfällige Namen, die auf Streitigkeiten und Rivalitäten zwischen den Dörfern zurückzuführen seien. Oft sind auch mehrere Deutungen möglich. Einige haben eine humorvollen, andere eher einen bissigen oder ironischen Hintergrund.

So sind die Einwohner des Duderstädter Ortsteils Mingerode als „Pannkauken“ bekannt – eine Bezeichnung, die sie durchaus mit Stolz tragen. In der Karnevalshochburg wird der Pannkauken-Orden verliehen, beim Pannkauken-Treff wird über alle Generationen hinweg Geselligkeit gepflegt. Die Bewohner des Nachbarortes Obernfeld sollen gesagt haben, die Glocke in Mingerode klinge, als ob jemand mehrfach in Folge Pann-kau-ken sage, weiß Duderstadt Ortsheimatpfleger Herbert Pfeiffer zu berichten. Eine weitere Deutung hat Mingerodes ehemaliger Ortsheimatpfleger und Chronist Andreas Müller parat: Die Duderstädter hätten sich gerne auf Festen in den Dörfern sattgegessen.

Duderstädter sind „Anreischken“

Die Identifikation der Duderstädter mit dem „Anreischken“, der auch als symbolische Figur Brauchtumsumzüge begleitet, trägt schon leicht masochistische Züge. Der Anreischke soll ein Baumeister gewesen sein, der die Bauern mit harter Hand zu Hand- und Spanndiensten für die Errichtung des Stadtwalls nötigte. Noch im 19. Jahrhundert wurden Duderstädter „fuchsteufelswild“, wenn man sie als Anreischken bezeichnete, berichtete der Schriftsteller C.L. Hellrung 1843 in seinem Buch „Die Goldene Mark“. Aus dem verspottenden Schimpfwort wurde eine positive Selbstbezeichnung.

Ähnlich handhaben es die Gieboldehäuser, die in heimatkundlichen Publikationen zu Spott- und Spitznamen als Bunte, Siebensinnige oder wenig schmeichelhaft als „Pißpotte“ aufgeführt werden. Der „Bunte“ wurde zur Symbol- und Identifikationsfigur des Ortes. Gieboldehausen wurde zwar nicht wie Rom auf sieben Hügeln errichtet, die Bevölkerung soll sich aber aus sieben wüsten Dörfern zusammengesetzt haben.

Plattdeutsche Necknamen für Dorfbewohner

Die Ortsbezeichnung für Bilshausen soll auf den heidnischen Götzen Biel zurückgehen. Die Sage wirkt bis heute nach – bis zur Benennung des Neubaugebietes „Am Teufelsgraben“. Mit dem Teufel haben die Bilshäuser aber schon lange nichts mehr am Hut. Mehr oder weniger geläufige Namen für die Bilshäuser sind Steinkäusze, Moonbükers oder Handkerwe. Sowohl im Obereichsfeld in Thüringen als auch im Untereichsfeld in Niedersachsen haben sich plattdeutsche Spitznamen für die Dörfer bis in die Gegenwart gehalten. Eine Auswahl:

Seulingen: Swineszwänze, Brathülle, Köze Obernfeld, Jützenbach: Mauskrücken Rüdershausen: Koukewöste Fuhrbach: Schiewejücker Lindau: Steinköze, Peeknhrappers Werxhausen: Kückenhahnen Krebeck: Kattenköppe Rhumspringe: Stökerstangen Brochthausen: Chrommetbälge Nesselröden: Brannetteln, Netteln Wollbrandshausen: Klömpe Renshausen: Heckennester Tiftlingerode: Hülekü, Ossenmelder, Heunrewieme Dingelstädt: Muhrenschießer Bodenrode: Fliegenschnapper Teistungen: Grashüpper Kirchohmfeld: Hunneschlachter Leinefelde: Lämmerschwänze Worbis: Krengeljäger

Da viele Eichsfelder „mit Kisten und Kasten“ in der Fremde ihr Geld verdienten oder als Handelstreibende unterwegs waren, gehen einige Spitznamen für Dörfer im Eichsfeld auf Handwerk und Handel zurück. Die mundartliche Bezeichnung Tüllekenbühle für die Hilkeröder spielt auf das Reff an – das Gestell, mit dem sie durch die Lande zogen, um Handel zu treiben. Die Breitenberger sind als Bessenbinder bekannt, da dort Reisigbesen gebunden wurden.

Von Wespen und Ziegenböcken

Auch Tiernamen, die Dörflern zugedacht werden, spielen eine Rolle im Eichsfeld. Warum die Esplingeröder als Wespen bekannt sind, kann auch Ortsvorsteherin Christa Kellner nicht sagen. Der Kosename „Ziegenböcke“ für die Desingeröder hingegen hat einen historischen Hintergrund, der in der Ortschronik aufgeführt ist. Nach Streitigkeiten um Ackerland mit den Westerödern sollen die Desingeröder in die Feldflur gezogen sein, um die Dinge zu klären, erbeuteten aber nur einen Ziegenbock, wurden daraufhin mit einem Spottlied verhöhnt und verklagten die Urheber. Westerode ist bekannt als das „Uhlendorf“. Die Eule als Symbol der Weisheit gefällt den Westerödern offensichtlich. Die Eule ziert das Ortswappen, es gibt einen Eulenbrunnen und einen Eulenwagen bei den örtlichen Karnevalisten.

Andere Expeditionen ins Tierreich fallen weniger schmeichelhaft aus –und fanden glücklicherweise bei der Gebietsreform in den 1970er-Jahren keinen Eingang in Ortswappen: Als die „Grenschieter“ (Grätenscheißer) aus Seeburg mit den „Grenfretern“ (Grätenfresser) aus Bernshausen zu einer Gemeinde zusammengefasst wurden, verschmolzen im neuen Gemeindewappen die drei Rosen Bernshausens mit der Burg der Sagengestalt Graf Isang.

Spitznamen auch für Personen

Das Eichsfeld ist fruchtbares Terrain für Namensforscher. Nicht nur ganze Dörfer, auch einzelne Dörfler wurden und werden dort häufig mit Spitznamen belegt. Das machte schon deshalb Sinn, weil es in einigen Orten eine massive Häufung gleichlautender Familiennamen gibt: in Duderstadt Nolte, in Seulingen Wucherpfennig, in Gerblingerode Nörthemann, in Obernfeld Ehbrecht, in Bilshausen Engelhardt, Strüber und Wüstefeld. Eine umfangreiche Spitz- und Kosenamensammlung angelegt hat Bilshausens ehemaliger Ortsheimatpfleger Klaus Freyberg. Zwecks Unterscheidung seien bisweilen der Vorname der Mutter oder der Beruf des Großvaters in die Spitznamen eingeflossen. So gebe es in Bilshausen eine ganze Familie, die unter Bäcker-Philipp bekannt sei. Als Beispiele für weitere individuelle Spitznamen nennt Freyberg Stiefel-Franz, Schorsemimi, Kalli, der Schwatte und Kalle Könnig für Ehrenbürgermeister Carl Strüber.

Beinnamen mit flapsig-familiärem Beigeschmack zur Unterscheidung und Charakterisierung waren auch in Seeburg in der Vergangenheit weit verbreitet. Dort haben vor Jahren Heinz Goldmann, Marianne Burgstaller und ihr Vater Willi Goldmann eine ganze Liste mit Beinamen älterer Generationen aus der Dorfgeschichte zusammengetragen, die den Namensträgern nicht immer geschmeckt haben dürften. Der bittere Anreiß soll stets übellaunig gewesen sein, ein Junggeselle mit Hasenscharte wurde als Nit-Nat gehänselt. Auf Hobbys und Vorlieben zielten Namen wie Möhren-Franz, Linsen-August, Tauben-Franz und Anna Bienenstich ab. Hochangesehen soll die Hebamme Trese Tante gewesen sein, bei der häufig Pferdegespanne im Galopp vorfuhren, bei Schwangeren wegen ihrer Neugier und Schwatzhaftigkeit eher gefürchtet Lutzi Weppner. Probleme, die Bock-Lena nicht kannte: Die unverheiratete Frau hielt sich einen Ziegenbock.

Von Kuno Mahnkopf

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