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Erfolgsfaktor ist der Rückhalt vom Dorf

Dorfläden Erfolgsfaktor ist der Rückhalt vom Dorf

Dorfläden sind nicht nur für die Versorgung der Menschen in Orten ohne Supermarkt wichtig. Vor allem, so sagen Experten, erfüllen sie eine soziale Funktion.

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Dorfladen Bremke: Nicht nur die Versorgung, vor allem die soziale Funktion ist wichtig.

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen, Bremke / Groß Lengden / Reinhausen. Die Dorfläden in Reinhausen und Reiffenhausen sind vor kurzem, der in Landolfshausen bereits vor längerer Zeit geschlossen worden. Der Laden in Bremke hat seit einigen Tagen eine neue Betreiberin. Manche Geschäftsmodelle sind erfolgreich, mache offenbar weniger. Warum?

“In einem Ort mit weniger als 1000 Einwohnern ist der Betrieb eines Geschäftes immer kritisch”, sagt Winfried Eberhardt vom Thünen-Institut für Ländliche Räume in Braunschweig. Der Göttinger Geograf erklärt, dass die Größe des Ortes allein aber nicht entscheidend für den Erfolg sei. Ein gutes Gegenbeispiel sei der sehr erfolgreiche Dorfladen im norddeutschen Otersen, einem Dorf mit nur gut 500 Einwohnern. Denn: “Es geht im Dorfladen nicht primär um die Versorgung mit Lebensmitteln, die ist zweitrangig”, sagt Hartmut Berndt, Regionalmanager in der Kreisverwaltung Göttingen. Vor allem, da sind sich beide Experten einig, sei es die soziale Bedeutung, die Dorfläden so wichtig mache. Manche Menschen, so Berndt, hätten nur noch diese eine Anlaufstelle für ein Gespräch oder eine Begegnung im Ort.

Erfolgreich, so Berndt, könne eine Laden nur dann sein, “wenn ein ganzes Dorf hinter dem Geschäft steht”. Dafür sein Bremke aktuell ein gutes Beispiel. Generell aber sei es immer ein ganzes Bündel von Kriterien, die zum Erfolg - oder eben Misserfolg - eines Dorfladenprojektes beitragen. “Wenn nur eines nicht passt, kann schon eine Schieflage entstehen”, sagt Berndt. “Das Ehrenamt ist eine wichtige Säule”, sagt Eberhardt. Ohne die Hilfe der Menschen im Ort könne kaum ein Dorfladen erfolgreich existieren. Ein zweites Kriterium sei, dass der Betreiber einen guten Zugang zur Dorfbevölkerung haben müsse. “Ein passendes Warenangebot und vernünftige Preise” seien weitere Punkte, ebenso die Lage. Als Beispiel nennt Berndt den Dorfladen in Herberhausen, der mit neuem Betreiber und einem neuen Sortiment erfolgreich läuft. Wenn ein Laden schließen muss, sei oft schwer auszumachen, woran der mangelnde Erfolg festzumachen ist. Manchmal seien es die Preise, die natürlich höher als im Discounter ausfallen, auch die Distanz zum Ober- oder Mittelzentrum spiele eine Rolle. Und: “Es ist eine große Kunst, herauszufinden, was die Kunden wirklich wünschen”, sagt Berndt. Ein wichtiger Aspekt im Angebot sei heute mehr und mehr ein Sortiment mit Produkten der lokalen Erzeuger und Produzenten.

Bundesweit, so erklärt Eberhardt, habe sich die Zahl der Lebensmittelgeschäfte von 1990 bis 2000 halbiert. In Orten unter 5000 Einwohnern, die für die großen Lebensmittelketten wenig interessant seien, fehlten häufig fußläufig erreichbare Angebote.

Sein Institut hat verschiedene Konzepte untersucht. Die reichen von kleinflächigen Filialkonzepte von Lebensmittelgroßhändlern - wie dem im Landkreis Göttingen einzigartigen “Tegut-Lädchen” in Schwiegershausen, einigen Edeka- oder Rewemärkten über Multifunktionseinrichtungen, die neben Lebensmitteln auch Dienstleistungen wie Post- und Bringdienste anbieten bis hin zu Bürgerläden. Ergänzend dazu gibt es Angebote, die die Ware zum Kunden bringen”, sagt Eberhardt und nennt Landolfshausen als ein erfolgreiches Beispiel. Dort steht einmal in der Woche ein Verkaufswagen des lokalen Käseherstellers vor Ort zur Verfügung. An diesem Wagen können beispielsweise auch Backwaren bestellt werden. Laut Berndt gibt es in Göttingen keine Versorgungslücken, rollende Supermärkte wie der der Firma Lemke aber auch Bäckerei oder Schlachtereiwagen decken in vielen Orten ohne Geschäfte einen Teil des Bedarfs.

„Ein gut funktionierendes Konzept ist jedoch nicht auf jeden Ort übertragbar. Die individuellen örtlichen Gegebenheiten entscheiden mit darüber, ob ein Laden erfolgreich ist“, so Eberhard.

Dorfläden sind mehr als ein Einkaufsort

Experten sagen, die soziale Funktion der Dorfläden steht im Vordergrund. Dzu drei Fragen an die Demografiebeauftragte des Landkreises Göttingen, Regina Meyer.

Meyer

Meyer

Quelle: Christoph Mischke

Warum ist ein Dorfladen für Dörfer wichtig?

Meyer: Dorfläden sind eine zentrale Alternative, wenn andere reguläre Nahversorger nicht mehr fußläufig erreichbar sind. Dabei sind die Dorfläden mit der Café-Ecke viel mehr als nur ein Einkaufsort. Sie ermöglichen auch den wichtigen alltäglichen Kontakt an der Ladentheke, den die Menschen im Dorf sonst nirgends so unverbindlich haben.

Wie versorgen sich Menschen ohne Auto in Dörfern ohne Lebensmittelgeschäft?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Mitbringdienste, freundliche Nachbarn, Einkaufen per Internet oder Vorratshaltung nach Einkäufen im Supermarkt.

Welche Alternativen für einen Treffpunkt für die Leute gibt es?

Die Alternativen zum Dorfladen, wo die Menschen ganz automatisch zusammen kommen, sind meist mit Einschränkungen verbunden. Das gilt insbesondere, wenn es auch die Dorfkneipe schon nicht mehr gibt. Im Dorfgemeinschaftshaus kommt man zu Veranstaltungen zusammen. Treffen in Vereinsräumen richten sich oft an einen bestimmten Personenkreis. Für ein Treffen am Dorfmittelpunkt oder auf öffentlichen Bänken muss man Anlässe schaffen. Im Dorfladen treffe ich immer irgendwen – ohne Anlass, ohne Termin.

Großer Rückhalt für Dorfladen in Bremke

Dass es dann so gut laufen wird, hat kaum einer erwartet: „Seit Freitag herrscht hier ganz schön Betrieb“, schwärmt Sylvia Jeschina. Der wieder eröffnete Bremker Dorfladen sei „das Gespräch“ im Ort „und ich den Bremkern wahnsinnig dankbar“. Vergangene Woche hatte Jeschina das „Bremkertaler Dorflädchen“ mit Café als neue Geschäftsführerin übernommen. Zehn Tage war der Laden zuvor geschlossen, obwohl er auch vorher gar nicht so schlecht gelaufen war.

Das Schicksal des Bremker Dorfladens zeigt, wie schnell nur ein kleiner Faktor dessen Zukunft verändern kann. Als die alteingesessene Kaufmannsfamilie in Bremke vor zweieinhalb Jahren ihr Geschäft aufgab, nahmen die Bremker „ihren“ Laden selbst in die Hand. Sie gründeten einen Trägerverein für einen echten Dorfladen und holten sich Verstärkung aus Reinhausen. Auch dort hatten Bürger gemeinsam einen Dorfladen initiiert und Mitinitiator sowie Geschäftsführer Peter Heimbs übernahm zusätzlich die Regie des Bremker Ladens. Vor knapp zwei Monaten aber musste der Reinhäuser Dorfladen überraschend schließen. Indirekte Folge für Bremke: „Mit nur einem Laden komme ich nicht über die Runden“, hatte Heimbs erklärt, warum er vor zwei Wochen auch den dortigen Laden aufgab.

Die Bremker allerdings wollten nicht aufgeben, suchten einen neue Partner und kamen mit Jeschina ins Gespräch. Die führt seit 2000 in Groß Lengden erfolgreich einen Dorfladen als Familienbertrieb, den ihre Urgroßmutter vor über 90 Jahren aufgebaut hatte. „Regionale Produkte und günstige Preise“ seien das A und O, um auch als Dorfladen zu überleben, sagt Jeschina. Das sei in Bremke ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten, sie wolle es jetzt wieder richten.

Dabei bekomme sie reichlich Unterstützung aus dem Dorf heraus, bestätigte schon vor der Eröffnung Sylke Bilgeshausen, Vorsitzende des Dorfladen-Vereins. Der Verein mit etwa 120 Mitglieder trägt die Ladenmiete, ganz wichtig aber sei die personelle Hilfe, sagt Jeschina. „Ehrenamtlich und ohne Gehalt“ würden Mitglieder morgens Ware mit einräumen, Sonntags Brötchen verkaufen und im Café aushelfen.

In Groß Lengden gibt es so einen Verein nicht, alleine stehe sie trotzdem nicht da, sagt Jeschina. Dort würden Dorfbewohner sie anders unterstützen: als regelmäßige Kunden und mit gelegentlichen Investitions-Spritze - zum Beispiel für eine neue Kühltruhe oder einen neuen Verkaufstresen.

In Reinhausen ist ein ganz anderes Modell am Ende gescheitert. Als der alteingesessene Lebensmittelladen dort vor zehn Jahren geschlossen wurde, setzten die Dorfbewohner auf ein klassisches Geschäftsmodell - mit drei Hauptgesellschaftern, unterstützt von etwa 100 Mitstreitern und ihren Klein-Darlehen. Dass es am Ende doch schief ging, habe allerdings nicht an diesem Konstrukt gelegen, sagen Beteiligte. Viel eher habe es im Dorf einfach zu wenig Rückhalt gegeben. Immer weniger Bewohner hätte - trotz vieler Appelle und Aktionen - im Reinhäuser Dorfladen eingekauft. Folge: 20 000 Euro Verlust pro Jahr - zu viel für einen kleinen Dorfladen.

Von Britta Bielefeld

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