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Thema des Tages Erste Erfahrungen mit dem „Eco-Bus“-Modellprojekt
Thema Specials Thema des Tages Erste Erfahrungen mit dem „Eco-Bus“-Modellprojekt
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00:21 01.07.2018
Der Start des Ecobus-Modellprojekts verlief erfolgreich, sagen die Organisatoren. Quelle: Christoph Mischke
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Bad Gandersheim/Osterode/Goslar

Das MPI hat die komplexe Betriebssoftware entwickelt, ohne die das High-Tech-Modellprojekt so unflexibel wäre wie bisherige Rufbussysteme. Ziel der Forscher war es, ein Angebot zu entwickeln, das die individuellen Mobilitätsbedürfnisse von Fahrgästen ähnlich flexibel erfüllen kann wie ein Taxi, aber nicht teurer ist als ein regulärer Bus.

Auf Hochleistungsrechner angewiesen

Dafür hat das MPI eine Software entwickelt, die auf Hochleistungsrechner angewiesen ist und mit völlig neu entwickelten Algorithmen arbeitet. Damit wird es möglich, während des laufenden Betriebes Fahrtrouten entsprechend der sich permanent ändernden Auftragslage anzupassen. Die Busse folgen keinen festen Routen und Zeiten mehr, sondern per Online Routen-Planung werden Fahrten gebündelt. Die Fahrgäste, die ihre Fahrtwünsche via Smartphone-App, Internet oder Telefon anmelden können, werden umgehend über Abfahrts- und Ankunftszeit wie auch den Fahrpreis informiert. Die Fahrer wiederum erhalten ihre Fahrtanweisungen über ein Tablet im Fahrzeug, das die jeweilige Auftragslage sofort in eine danach optimierte Routen- und Zeitplanung umsetzt. Der Fahrgast wird dann dort abgeholt, wo er es wünscht – und nicht an irgendeiner festen Haltestelle.

Erprobt wird das Ganze derzeit in Bad Gandersheim und der angrenzenden Gemeinde Kalefeld für die Dauer der Bad Gandersheimer Domfestspiele. Seit dem 10. Juni sind in diesem Gebiet fünf Busse im Einsatz. „Ja, es funktioniert“, meint Eco-Bus-Mobilitätsmanager Michael Patscheke. Er wie auch seine Kollegin Carolin Hoffrogge haben in dieser kurzen Zeit eine steigende Akzeptanz registriert. „Die Fahrgastzahlen steigen, der Eco-Bus wird immer besser angenommen“, sagt Hoffrogge. „Die Leute trauen sich langsam, ihr Auto auch mal stehen zu lassen und den Eco-Bus auszuprobieren.“ Mobilitätsmanager Patscheke: „Es gibt jetzt schon feste Nutzer.“ Allerdings sei von den potenziellen Nutzer nicht zu erwarten gewesen, dass in der kurzen Testphase „alle Routinen auf den Kopf gestellt werden“.

Element der Verkehrswende

Es geht beim Eco-Bus allerdings nicht nur um ein verbessertes und individuelleres ÖPNV-Angebot in der Fläche, sondern auch darum, eine Art Verkehrswende einzuleiten. „Das Fahrzeug ist ein Stehzeug“, erklärt das Göttinger MPI. „Der individuelle Verkehr ist hoch ineffizient, belastet die Umwelt stark und kostet die Gesellschaft Milliarden.“ Das in vielen Bereichen bislang ziemlich starre ÖPNV-System mit festen Routen und Abfahrtzeiten gebe nicht genügend Anreize für die Bürger, ihr Auto stehenzulassen und in einen Bus zu steigen: „Eine flexible und günstige Beförderungsoption kann Fahrgäste erreichen, die bisher auf private Pkw angewiesen sind.“

Die eingesetzten Fahrzeuge sind als Kleinbusse eingerichtete Mercedes Sprinter mit acht Sitzplätzen. Sie bieten genügend Platz, um auch mal ein Fahrrad oder einen Rollstuhl transportieren zu können, sagt Hoffrogge. Gefertigt wurden die Busse in den Niederlanden.

Schwächen ergänzen

Das Eco-Bus-System soll allerdings die bisherigen ÖPNV-Angebote nicht komplett ersetzen, sondern deren Schwächen sinnvoll ergänzen, meint das MPI: Die Flotte von Kleinbussen soll „in Kombination mit anderen Fahrzeugen (Taxis, Linienbusse, Bahnlinien) den vorhandenen Bedarf an Tür-zu-Tür-Transport in einer digital optimierten Weise decken“. Schließlich solle das neuartige Angebot „sowohl preislich als auch im Komfort konkurrenzfähig zum Privat-Pkw werden“.

Die Bad Gandersheimer Eco-Bus-Testphase dauert noch bis zum 5. August, dem Ende der Bad Gandersheimer Domfestspiele. Viel Zeit zum Auswerten der Ergebnisse haben die Mobilitäts- und Software-Experten vom MPI allerdings nicht: Am 10. August beginnt ein zweiter, größer angelegter Pilotversuch im Raum Oberharz und Südwestharz. Dieser auf die Dauer eines guten halben Jahres angelegte Betrieb bedient das Harzgebiet in den Landkreisen Goslar und Göttingen.

Start ist am Freitag, 10. August, um 13.30 Uhr mitten im Harz in Clausthal-Zellerfeld. In einer Kernzeit äglich von 8 bis 22 Uhr sollen die Busse fahren, von montags bis freitags schon ab 6 Uhr. In den beiden Nächten von Freitag bis Sonntag ist ein Betrieb bis 2 Uhr nachts vorgesehen. Bedient werden die gesamte Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld mit allen Ortsteilen (Altenau-Schulenberg einschließlich Torfhaus, Buntenbock, Wildemann) und im Harz gelegene Ortsteile von Goslar (Hahnenklee-Bockswiese) und Langelsheim (Bergstadt Lautenthal, Wolfshagen im Harz), dazu die Stadt Osterode am Harz mit der Kernstadt (einschließlich Lasfelde, Petershütte und Katzenstein) und die im Harz gelegenen Ortsteile Riefensbeek-Kamschlacken und Lerbach. Auch St. Andreasberg wird vom Eco-Bus angefahren. Keine innerörtliche Bedienung gibt es in der Kernstadt Goslar einschließlich Oker (südlich des Straßenverlaufs B82 – B6 – B498 – Wolfenbütteler Straße) und in Langelsheim inklusive Astfeld (südlich des Straßenzuges Seesener Straße – Lange Straße – Goslarsche Straße). Diese Bereiche werden nur als Start- und Zielort angefahren.

Forschungsprojekt

Wie auch bei dem ersten Versuch im Raum Bad Gandersheim/Kalefeld sollen die im Zuge der Grundlagenforschung entstandenen theoretischen Vorhersagen in der Praxis überprüft werden – diesmal in einem größeren Rahmen eines deutlich komplexeren Angebots mit einem Fuhrpark von zehn statt fünf Fahrzeugen. Das Eco-Bus-System entwickelt das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation unter Leitung von MPI-Direktor Prof. Stephan Herminghaus in Kooperation mit dem Zweckverband Verkehrsverbund Süd-Niedersachsen (ZVSN) und dem Regionalverband Großraum Braunschweig. Eingebunden ist das Projekt in das von der EU und dem Land Niedersachsen geförderten Forschungsprojekts „Physik eines integrierten ÖPNV-Systems“.

Von Matthias Heinzel

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