Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Headhunter auch bei Göttinger Handwerkern

Fachkräftemangel Headhunter auch bei Göttinger Handwerkern

In Deutschland fehlen Fachkräfte. 2030 sind voraussichtlich drei Millionen qualifizierte Stellen unbesetzt, wenn die Wirtschaft nicht gegensteuert. Auch im Raum Göttingen spitzt sich die Lage zu. Große Firmen entziehen kleinen ihre Mitarbeiter. Und sogar im Handwerk sind schon Headhunter unterwegs.

Voriger Artikel
Antennenfernsehen bald hochauflösend
Nächster Artikel
Was ein Bundestagsabgeordneter verdient

Ob Dachdecker, Elektriker oder Textilreiniger: Im Handwerk fehlen Fachkräfte und sogenannte Headhunter werben schon Mitarbeiter aus Betrieben ab.

Quelle: dpa-Zentralbild

Göttingen, Göttingen. „Es ist zum Haare ausreißen“, klagt Volker Janssen. Die Auftragsbücher des Göttinger Elektroinstallateurs sind voll und wartende Kunden stehen Schlange, „aber ich finde einfach keine Leute“. „Für viel Geld“ hat der Meister schon seine Fahrzeuge beschriften lassen und und wirbt damit „in der ganzen Republik“ um ausgebildete neue Mitarmeiter. Resonanz: „Null.“

Kein Einzelfall, bestätigt Andreas Gliem, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen, und die Situation sei in fast allen Bereichen gleich: volle Auftragsbücher, aber kein ausgebildetes Personal. Und kein Nachwuchs. „Die Folgen werden wir in absehbarer Zeit dramatisch merken“, fügt er an: Betriebe könnten ihre Aufträge nicht erfüllen, müssten absagen oder die Preise gewaltig hoch schrauben. „Am Ende leidet vor allem der Verbraucher“, fürchtet auch Kreishandwerksmeister Christian Frölich. In Süddeutschland würden schon 60 bis 70 Euro je Handwerkerstunde in Rechnung gestellt,so Gliem, hier seien es im Schnitt 45 bis 55 Euro. Eine Entwicklung die Janssen mit Ironie kommentiert: „Dann heißt es irgendwann: Knie nieder, der Elektriker kommt.“

Dass in guten Zeiten gute Kräfte schnell Arbeit finden, Betriebe aber lange nach Fachkräften suchen müssen, habe es auch früher schon gegeben. Dass Firmen auf dieser Ebene aber gezielt bei der Konkurrenz abwerben, sei neu, bestätigen Frölich und Gliem. „Wir hören zurzeit immer wieder, dass sogenannte Headhunter auch im Handwerk gezielt geeignete Kräfte suchen und Leute abwerben.“ Oft „über’s Geld“, aber auch mit Hinweis auf andere Annehmlichkeiten.

Besonders prekär sei die Lage in den Lebensmittel verarbeitenden Branchen wie Bäcker und Fleischer sowie im Frisör-Handwerk und bei den Textilreinigern, sagen die Fachleute. Aber auch im Elektro- und Sanitärhandwerk sowie im Bauaußengewerbe gebe es nur wenig Nachwuchs und immer weniger Fachkräfte. „Dabei verdienen Maurer schon im 3. Lehrjahr richtig gut“, sagt Gliem. Das Problem liege weniger bei der Bezahlung, sind sich Geschäftsführer und Vorsitzender der Kreishandwerkerschaft einig. Handwerksberufe hätten heute keine Wertigkeit mehr, stellen sie fest. Sie seien für viele unattraktiv, erst recht in Konkurrenz zu Büro-Jobs und akademischen Berufen. Das sei in der Uni-Stadt Göttingen besonders stark ausgeprägt. Hinzu komme die demografische Entwicklung.

Zahl der offenen Stellen steigt um 13 Prozent

Im Bezirk der Agentur für Arbeit Göttingen waren im August 4216 Arbeitsstellen gemeldet. Im Vergleich zum Vorjahresmonat gab es 722 Stellen mehr. Seit Jahresbeginn sind 10 967 Stellen eingegangen, gegen über dem Vorjahreszeitraum ist das ein Zuwachs von 1238 oder 13 Prozent. Ende August waren 500 der insgesamt 2.867 gemeldeten Ausbildungsstellen noch nicht vergeben. In den beiden zum Agenturbezirk Göttingen zählenden Landkreisen Göttingen und Northeim sank die Arbeitslosigkeit im August sowohl gegenüber Juli als auch gegenüber August 2016.

„Genau da müssen wir ansetzen, wenn wir etwas ändern wollen“, sagt Frölich. Die Gesellschaft müsse wieder erkennen, dass es ohne Handwerker keine Zukunft gibt. Vor allem junge Menschen müsse vermittelt werden, dass Handwerksberufe viel besser seien als ihr heutiger Ruf, und dass es auch hier Aufstiegschancen bis hin zur Chefetage gibt. Dazu gebe es bereits Programme, ergänzt Gliem - von speziellen Ausbildungsbörsen bis zu einem sogenannten Gauß-Projekt mit frühzeitigen direkten Kontakten von Handwerksbetrieben zu Hauptschülern in Hann. Münden. Auch im kommenden November sei eine Art Handwerker-Berufsmesse in Duderstadt für etwa 250 Schülern aus dem Kreis Göttingen geplant. Hinzu kommen laut Handwerkskammer Hildesheim kommunale Programme, die Ausbildungsabbrecher auffangen sollen und überregionale Programme, die zum Beispiel unter Studienabbrechern für eine handfeste Ausbildung werben.

Frölich räumt aber auch ein, „dass wir uns an die eigene Nase fassen müssen“. Die Handwerkerschaft und andere Branchen hätten „einige Jahre unterschätzt, was da auf sie zukommt.“ Die Gutachter des Basler Forschungsinstitutes Prognos sehen eine wesentliche Ursache für den Fachkräftemangel in der demografischen Entwicklung mit einer Überalterung unserer Gesellschaft - die mittelfristig auch in die Manager-, Forscher- und Ingenieursebene durchschlagen werde. Ihr Lösungsvorschlag: ein höheres Renteneintrittsalter.

Kommentar: Eine Aufgabe für alle

„Handwerk hat goldenen Boden“, hieß es zur Zeit unserer Väter und Großväter aus der Nachkriegszeit. „Lern’ was Handfestes“, haben die Eltern ihren jugendlichen Kindern damals bei der Berufswahl ratsam mit auf den Weg gegeben. Damals zählte das Handwerk noch etwas.

Das ist längst vorbei. Mit der Arbeit in der Werkstatt, in der Backstube und auf dem Bau assoziieren wir oft genug nur negatives: schmutzig, anstrengend, wenig kreativ, intellektuell anspruchslos, schlecht bezahlt.

Das ist aber längst ebenso falsch wie die Behauptung, Bankangestellte werden automatisch reich, Beamte verdienen ihr Geld im Schlaf und Studierte finden immer einen gut bezahlten Arbeitsplatz. Unwissenheit und Vorurteile prägen das Bild vieler - sehr vieler - von Berufen, die wir nicht wirklich kennen. Und das trifft ganz besonders das Handwerk. Dabei spielt es in unserem Alltag und Leben eine viel größere Rolle, als viele von uns wahrnehmen. Was würden wir denn tun, wenn kein Dachdecker nach dem Sturm die Ziegel auf unserem Haus richtet, kein Heizungsfachmann nach dem Brennerkollaps für warmes Duschwasser sorgt, und niemand in der Lage ist, unser so geliebtes Hightech-Auto wieder in Fahrt zur bringen. Gutes Handwerk geht uns alle an – eine gute Ausbildung dafür auch. Menschen für diese Berufe zu begeistern kann nicht nur Aufgabe der Meister sein, ihrer Innungen und der Berufsschulen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe - und eine Aufgabe, die wir in alle Schulen tragen müssen. Denn Berufsorientierung kommt in vielen Schulen viel zu kurz. Hier müssen die Handwerker, ihre Vertretungen und die Lehrer Partner werden - für die Zukunft des Handwerks und für die potentiellen Fachkräfte unter ihren Schülern.

Interview: „Wettbewerb um Fachkräfte hat zugenommen“

Dr Martin Rudolph von IHK-Hannover Geschäftsstelle Göttingen im Interview zum Problem des Fachkräftemangels

Dr. Martin Rudolph von IHK-Hannover Geschäftsstelle Göttingen im Interview zum Problem des Fachkräftemangels.

Quelle: r

Martin Rudolf, wie nehmen Sie das Problem des Fachkräftemangels bei Firmen in der Region wahr?

In Südniedersachsen, das einen hohen Anteil ländlich geprägter Räume aufweist, ist das Demografieproblem groß. Der Landkreis Northeim und die Region um Osterode sind besonders betroffen. Für das Oberzentrum Göttingen sind die Prognosen relativ stabil. Fach- und Arbeitskräftemangel machen sich in Unternehmen in ländlichen Gebieten schon heute stärker bemerkbar als im Stadtgebiet Göttingen. Ausbildungsbetriebe können nicht alle angebotenen Lehrstellen besetzen, weil zunehmend qualifizierte Bewerber fehlen. Auch die Suche nach Fach- und Führungs-kräften gestaltet sich zunehmend schwieriger.

Wie gehen diese Unternehmen generell mit dem Problem um?

Die Perspektive in den Unternehmen hat sich sehr verändert. Im Extremfall bewirbt sich jetzt das Unternehmen bei seinen künftigen Beschäftigten um deren Mitarbeit. Das Arbeitgebermarketing spielt inzwischen eine außerordentlich große Rolle. Work-Life-Balance, betriebliches Gesundheitsmanagement, flexible Arbeitszeit gehören bei der Generation Z zur Grundausstattung eines attraktiven Arbeitsplatzes.

Gibt es Konkurrenz untereinander?

Wettbewerb um die besten Köpfe und Hände gab es schon immer. Dieser hat jetzt an Schärfe zugenommen. Es wäre falsch, diesen Wettbewerb nur negativ zu sehen. Fehlender Wettbewerb führt bekanntermaßen zu Trägheit. So aber strengen sich die Unternehmen an, mit qualitativ guter Arbeitsatmosphäre zu punkten. Letztlich verbessert sich dadurch auch die Wahrnehmung der Arbeitgeber-Region Südniedersachsen.

Spannen sich die Firmen die Fachkräfte schon gegenseitig aus?

Sicher kommt dieses Phänomen im Einzelfall vor. Generell beobachten wir aber, dass in den kleinen und mittleren Unternehmen, die unsere Region prägen, die Fluktuation eher gering ist.

Welche Maßnahmen müssten Ihrer Meinung nach ergriffen werden?

Auf betrieblicher Ebene müssen noch mehr Unternehmen ihr Arbeitgebermarketing verstärken. Möglichkeiten dazu bieten die Initiative TOPAS - Top Arbeitgeber Südniedersachsen der Südniedersachen-Stiftung und alle regionalen Berufs- und Praxisbörsen der Agentur für Arbeit und den Hochschulen. Wir selbst als IHK werben intensiv mit unserer Ausbildungsoffensive in allen allgemeinbildenden Schulen der Region für die duale Berufsausbildung. Generell muss die Schulausbildung einen stärkeren Fokus auf Berufsorientierung legen. Dazu brauchen die Schulen eine entsprechende Ausstattung und vor allem eine ausreichende Zahl an Lehrkräften. Auf regionaler Ebene brauchen wir ein attraktives Regionalmarketing für ganz Südniedersachsen. Hier sind die Landräte und der Oberbürgermeister der Stadt Göttingen gefragt. Die Unternehmen wünschen sich hier mehr gemeinsame Unterstützung der Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung. Ein erster Schritt dorthin ist mit dem Welcome Centre für den Göttingen Campus und Region Südniedersachsen gelungen. Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunen unterstützen gemeinsam die Fach- und Führungskräfteakquise in Unternehmen, in den Hochschulen und der Verwaltung. Auf Bundesebene wäre deshalb darüber hinaus sinnvoll, ein einfaches, belastbares Zuwanderungsgesetz zu schaffen, um langfristig gezielt hoch qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland für deutsche Unternehmen gewinnen zu können. Nötig ist eine transparente Regelung, die die bisherigen unzähligen Gesetze und Verordnungen zusammenfasst.

Wäre eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit Ihrer Ansicht nach sinnvoll?

Flexibilität ist hier das Stichwort. Gehen Mitarbeiter in den Ruhestand, dann geht nicht nur deren Arbeitskraft, sondern auch viel spezielles Wissen und Know-how für die Unternehmen verloren. Es ist wichtig, dass die Politik die Attraktivität einer längeren Berufstätigkeit erhöht. Künftig sollten mehr Arbeitnehmer bis zur regulären Altersgrenze arbeiten und auch darüber hinaus erwerbstätig sein. Dies kann helfen, in bestimmten Berufen den Mangel an Facharbeitern zu lindern. Die sich bereits auftuende Fachkräftelücke wird nicht alleine durch junge Nachwuchskräfte zu schließen sein. bm

Interview: „Vielen fehlt das Personal“

Kirsten Weber vom Arbeitgeberverband Mitte e

Kirsten Weber vom Arbeitgeberverband Mitte e. V im Interview zum Problem des Fachkräftemangels.

Quelle: r

Wie nehmen Sie das Problem bei Firmen in der Region wahr?

Sehr unterschiedlich, es gibt in Göttingen Unternehmen, die früher auf eine offene Stelle 400 Bewerbungen hatten, heute sind es „nur“ noch 200 Bewerbungen. Im Schwergewicht sind bei uns KMU-Betriebe organisiert, die haben schon deutlichere Probleme. Viele Kleinbetriebe können heute schon nicht mehr die hereinkommenden Aufträge in Gänze annehmen, da das Personal fehlt.

Wie gehen diese Unternehmen generell mit dem Problem um?

Das Recruiting stellt bei allen Unternehmen ein immer größer werdendes Thema dar. Wir bemerken ein Umdenken in den Betrieben: Nicht mehr ausschließlich die Bewerber bemühen sich um neue Arbeitsplätze, sondern die Unternehmen bewerben sich bei den zukünftigen Arbeitnehmern.

Gibt es Konkurrenz untereinander?

Natürlich: Fachkräfte werden weniger und der Verteilungskampf um die besten Köpfe ist in vollem Gange.

Spannen sich die Firmen die Fachkräfte gegenseitig aus?

Eindeutig ja.

Welche Maßnahmen müssten ergriffen werden?

Wir brauchen gezielte Einwanderung, eine gute Ausbildung und alle Anstrengungen auch diejenigen in Arbeit zu bringen, die gehandicapt sind, aus welchen Gründen auch immer. Ich habe in meinem Sekretariat in vier Jahren vier Schwangerschaften und Elternzeiten managen dürfen. Es ist einfach unglaublich, dass „meine“  Mütter zu einer bestimmten Uhrzeit das Büro verlassen müssen, weil die Kinderbetreuung sonst nicht mehr gewährleistet ist. Und wie schnell das gestrickte filigrane Kinderbetreuungsmodell  verpufft, wenn sich das Kind eventuell mal den Arm bricht oder der normale Wahnsinn von Kindergartenschließungen in den Sommerferien aufgefangen müssen ist heute noch ein Drama.

Wäre eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit sinnvoll?

Ich bin gegen ein „Muss“. Mit dem Flexirentengesetz kann heute jeder Arbeitnehmer entscheiden, ob er länger arbeiten will und kann. Aber jenseits der 67 wird es in vielen Branchen für viele Arbeitnehmer nicht mehr möglich zu arbeiten. Von Rente mit 63 oder aber Altersteilzeit halte ich nichts, das können wir uns einfach nicht mehr erlauben.


Von Ulrich Schubert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Thema des Tages
Der Wochenrückblick vom 11. bis 17. November 2017