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Thema des Tages Freiwilliges Soziales Jahr: Ein Teil vom Zuhause
Thema Specials Thema des Tages Freiwilliges Soziales Jahr: Ein Teil vom Zuhause
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08:00 06.02.2019
Lisa Lucksch ist Freiwillige im WSt und arbeitet im Wohnhaus für Menschen mit Beeinträchtigungen. Hier spielt sie Mensch-ärgere-dich-nicht mit einer Bewohnerin. Quelle: Christina Hinzmann / GT
Göttingen

“Das ist nicht mein erster Freiwilligendienst“, sagt Lisa-Marie Lucksch. Lucksch ist seit November 2018 als Freiwillige im Wohnhaus Zietenterrassen. Im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ) unterstützt sie die festangestellten Gruppenbetreuer und ist Ansprechpartnerin für die 40 Bewohner. „Wir haben hier vier Gruppen, helfen uns aber gegenseitig, wenn zum Beispiel Wochenende ist und nur zwei Betreuer vor Ort sind“, sagt Lucksch.

Die Bewohner sind Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, die größtenteils tagsüber arbeiten und gegen 16 Uhr zurück nach Hause in das Wohnhaus kommen. Sie arbeiten vornehmlich in den Göttinger Werkstätten und berichten dann von ihrem Tag bei einem gemeinsamen Kaffeetrinken. „Da erfahre ich alles vom Tag der Bewohner, es ist ein herzliches Ankommen“, sagt sie. „Da ich schon in einer Werkstatt gearbeitet habe, kenne ich auch die Abläufe dort und sehe jetzt die andere Seite ihres Lebens.“

Die 21-Jährige kommt aus der Nähe von Bonn und hat dort nach ihrem Abitur und einem Job im Ausland ihren ersten Freiwilligendienst begonnen. „Das war ein Bundesfreiwilligendienst in einer Caritas-Werkstatt, Träger war das Bistum Trier“, erzählt sie. Nach zehn Monaten beendete sie den Dienst, um einen Studienplatz für Soziale Arbeit anzutreten und zog nach Göttingen. „Dann wurde aber nichts daraus und ich habe beim Internationalen Bund nach einer neuen Stelle gesucht“, so Lucksch.

Internationaler Bund (IB) als Träger

Der Internationale Bund (IB) ist ein Träger, der auch Stellen für FSJ vermittelt. Bis zu 18 Monate darf man in Deutschland Freiwilligendienst machen. Beim IB bewerben sich die Menschen in einem Onlineformular und geben dort ihre Interessen wie zum Beispiel Arbeit mit Kindern oder Menschen mit Beeinträchtigungen an. Dann lädt der IB die Bewerber ein. „Bei uns wird jeder eingeladen und in einem persönlichen Gespräch stellen wir passende Einrichtungen vor und vereinbaren Hospitationstermine“, sagt Philip Zaulig, Pädagogischer Mitarbeiter am Göttinger Standort. Über die Hälfte der Freiwilligen bewerbe sich direkt beim Träger.

Wenn der Bewerber probegearbeitet hat, sendet der IB einen einzigen Stellenvorschlag per Brief mit dem Ansprechpartner in der Stelle. Bewerber und Mitarbeiter lernen sich dann kennen, erst im Gespräch, dann bei den Hospitationstagen. „Es ist unterschiedlich, manchmal arbeiten die Bewerber nur einen Tag zur Probe, manchmal sogar drei. Erst, wenn sowohl der Freiwillige als auch die Einsatzstelle sicher sind, setzen wir den Vertrag auf“, so Zaulig. Die Stelle ist solange geblockt. Auch nach der Vermittlung steht das IB an der Seite der Freiwilligen. „Wir organisieren die Seminare und sind immer ansprechbar“, so Zaulig. In den Einsatzstellen haben die Freiwilligen ebenfalls einen festen Ansprechpartner.

Manko Arbeitszeiten

„Ich habe mich dann beim IB beworben und in mehreren Stellen hospitiert, auch hier“, sagt sie. Lucksch arbeitet vornehmlich im Spätdienst, von 13 bis 21 Uhr ist sie im Einsatz. „Eigentlich wollte ich gar nicht hier hin, als ich von den Arbeitszeiten hörte. Aber dann war es bei der Hospitation schon so herzlich und angenehm, dass ich gut über die Arbeitszeiten hinwegsehen konnte.“ Ihr Chef erlaube ihr außerdem, auch im Frühdienst oder am Wochenende mal „reinzuschnuppern“.

Die Schicht beginnt mit der Übergabe, dann werden Aufgaben verteilt. „Wir haben hier zum Beispiel bestimmte Duschtage, an denen ich Bewohner dazu auffordere zu duschen oder denjenigen helfe, die das nicht allein können“, so Lucksch. Routinen seien wichtig. „Wir haben einen autistischen Bewohner, der immer um dieselbe Uhrzeit gewaschen sein sollte“, erklärt sie. Dasselbe gilt für die Zeiten von Kaffee und Abendessen. Die Mahlzeiten bereitet sie mit den Bewohnern vor. „Mal werden Wurst- und Käseplatten zusammen angeordnet, mal kocht man eine ganze Mahlzeit miteinander“, erzählt sie.

„Das ist hier ein echtes Zuhause“

Neben den täglichen Aufgaben ist sie vor allem Ansprechpartnerin. „Das ist hier ein echtes Zuhause.“ Die Bewohner sind zwischen 20 und 76 Jahre alt. Die älteste Bewohnerin ist mittlerweile in Rente und geht daher nicht arbeiten wie die anderen. Mit ihr unterhält sich die Freiwillige auch mal bei einem Gesellschaftsspiel. „Sie hat eine etwas schroffe Art, aber das meint sie nicht so – jeder der Bewohner ist auf seine eigene Art ganz liebenswürdig.“ Manchmal müsse man genauso direkt mit ihnen umgehen, wie sie das tun. „Man darf die Leute nicht verhätscheln, nur weil sie behindert sind“, sagt sie. Die Bewohner zeigten immer, wie sie fühlen.

„An meinem ersten Tag hier hat mich eine Bewohnerin so umarmt, dass ich dachte, ich ersticke“, sagt Lucksch lachend. Ihr schönstes Erlebnis bisher war, als ein Bewohner einen epileptischen Anfall bekam und sie gerufen wurde. „Seine Freundin kam dann dazu und ich musste gar nichts machen, sie kümmerte sich rührend. Als er nach zehn Minuten wieder bei uns war, sagte er als erstes ’Ich hab dich ganz doll lieb’ zu ihr“, erzählt sie. „Ich war gar nicht nötig, weil die Bewohner so sehr auf sich acht geben. Da hatte ich Tränen in den Augen.“ Die Eigenständigkeit zu bewahren und zu fördern, sei auch ein Hauptziel des Hauses.

Nach dem Freiwilligendienst will Lucksch gern in diesem Arbeitsfeld eine Ausbildung beginnen. Vorher geht es aber noch zum Zwischenseminar nach Amsterdam: „Da freue ich mich sehr darauf, auf den Seminaren besprechen wir selbst gewählte Themen wie Sucht oder Sexualität und kommen in Austausch.“ 25 Seminartage stehen Freiwilligen innerhalb der regulären zwölf Monate Dienst zu. Mit den Freiwilligen aus ihrem ersten Dienst hat sie noch Kontakt. „Viele davon sind auch weiter im sozialen Bereich, das ist ganz schön, wenn man weiß, dass man auf dem richtigen Weg ist.“

Aktuelle Zahlen zu Freiwilligendienstleistenden

Um die 280 Freiwillige werden derzeit von der Stadt Göttingen und dem Internationalen Bund betreut. Sie arbeiten in der Stadtarchäologie, Kliniken, Kitas, Werkstätten und im betreuten Wohnen.

„Wir haben etwa 300 Einsatzstellen im Freiwilligendienst, davon sind derzeit um die 270 besetzt“, sagt Philip Zaulig vom Träger Internationaler Bund (IB). 40 der Stellen sind Bundesfreiwilligendienste. Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) ist 2011 mit der Aussetzung der Wehrpflicht und damit auch des Zivildiensts entstanden. Das BAFzA, die Nachfolgebehörde des Bundesamtes für den Zivildienst, hat die Verwaltung übernommen und verifiziert die Einsatzstellen.

Im Gegensatz zum Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) gibt es keine Altersgrenze nach oben. „Mit dem Tag, an dem man 27 wird, muss das FSJ beendet sein“, sagt Kaulig. Einen BFD könne man auch noch im Rentenalter machen, wenn man Lust auf eine andere Beschäftigung hat oder sich zwischendurch neu orientieren möchte, solange die Voraussetzungen stimmen. Durchschnittlich wird der Freiwilligendienst an 35 bis 39 Stunden pro Woche geleistet und dauert zwölf Monate.

Philip Zaulig, Internationaler Bund (IB) IB West gGmbH für Bildung und soziale Dienste Quelle: Christina Hinzmann

Zivildienststellen umgewandelt

Die Stadt Göttingen hat bei der Einführung des BFD ihre Zivildienststellen in Einsatzstellen für den BFD umwandeln lassen. Seit 2011 haben 44 Freiwillige ihren Dienst in städtischen Einrichtungen absolviert. Im aktuellen Jahrgang hat die Stadt 15 Plätze für Freiwillige, wovon acht besetzt sind. Drei Freiwillige arbeiten in der Stadtarchäologie mit. Dort inventarisieren sie Funde und digitalisieren das Archiv.

Im Baubetriebshof sind zwei Freiwillige eingesetzt, sie kümmern sich um Bepflanzungen, Grünflächenpflege und Strauchschnitt. In der Kindertagesstätte (Kita) Weende West arbeitet ein Freiwilliger als Unterstützung der pädagogischen Fachkräfte mit und zwei weitere sind in Stellen mit Flüchtlingsbezug aktiv. Dort unterstützen sie Flüchtlinge in der Stadtbibliothek, betreuen die Bücherkisten und helfen im zentralen Spendenlager.

Taschengeld und Ersatzleistungen

„Die Bundesfreiwilligen erhalten bei der Stadt Göttingen ein Taschengeld in Höhe von 270 Euro sowie eine Geldersatzleistung für Unterkunft, Verpflegung und Arbeitskleidung in Höhe von 200 Euro“, so Dominik Kimyon, Pressesprecher der Stadt.

Die Entlohnung variiert von Träger zu Träger. „Unsere Freiwilligen bekommen insgesamt 400 Euro im Monat“, sagt Zaulig. Die 270 Freiwilligen, die der IB in diesem Jahrgang vermittelt hat und weiterhin pädagogisch betreut, arbeiten zum Beispiel in Werkstätten mit Menschen mit Beeinträchtigungen, Kliniken, Kitas oder sogar beim Göttinger Symphonieorchester. „Man kann sagen, dass ein Drittel mit Kindern arbeitet, ein Drittel in der Pflege und ein Drittel mit Menschen mit Beeinträchtigungen“, so Zaulig. Dazu kommen noch Sonderstellen aus Kultur oder Sport.

Den passenden Freiwilligendienst finden

Auf den Webseiten der Träger findet man in Stadt und Landkreis die passende Stelle für seinen Freiwilligendienst.

Der Beginn eines Freiwilligendienstes ist jederzeit möglich, die passende Einsatzstelle finden Suchende bei den entsprechenden Trägern. In Göttingen und der Region sind mehrere Träger aktiv. „Es lohnt sich immer, sich umzuschauen“, sagt Philip Zaulig vom Internationalen Bund.

Der Internationale Bund (IB) ist in der Stadt und einem Umkreis von circa 70 Kilometern aktiv. Wer einen Freiwilligendienst in der Pflege, mit Kindern oder mit Menschen mit Beeinträchtigungen sucht oder im schulischen Bereich eingesetzt werden möchte, kann sich unter www.internationaler-bund.de informieren und danach einen persönlichen Termin ausmachen oder sich direkt bewerben. Im Formular fragt der IB bereits grobe Interessen ab.

Die Stadt Göttingen zeigt auf ihrer Homepage zum Bundesfreiwilligendienst fünf Einsatzstellen innerhalb der Stadt auf. Neben der Arbeit mit Kindern sind dort auch Stellen in der Stadtarchäologie oder auf dem Baubetriebshof zu finden. Dort können sich Interessierte direkt bewerben.

Die Seite www.fwd-sport.de zeigt Freiwilligendienste im Sport auf. In Göttingen sind beispielsweise Stellen beim ASC oder dem 1. SC Göttingen 05 darunter.

Der Soziale Friedensdienst Kassel führt ebenfalls Städten in Göttingen und dem Landkreis. Zur Zeit zeigt die Website keine freien an, das kann sich aber jederzeit ändern. Unter www.sfd-kassel.de informiert der Träger über aktuelle Ausschreibungen und Anforderungen.

Von Lea Lang

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