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Faszination Federvieh

Generationswechsel im Gefügelzuchtverein Faszination Federvieh

Die Mitgliedschaft in einem Geflügelzuchtverein ist nicht gerade das, was bei jungen Leuten heute auf der Freizeit-Wunschliste ganz oben steht. Die meisten Vereine kämpfen gegen den Mitgliederschwund und ums Überleben. Der Rassegeflügelzuchtverein (RGZV) Grone hat Zuwachs - auch und vor allem von jungen Leuten.

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Joschi Sauer und sein Lieblingshuhn "Bob" : Der Fünfjährige teilt die Freude seines Vater an der Geflügelzucht.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. "Das hier ist das verfressenste Huhn", sagt Joschi. Der Fünfjährige hat sich "Marcy" unter den Arm geklemmt, was die vierjährige Henne offensichtlich gewöhnt ist. Brav bleibt sie auf dem Schoß des Jungen sitzen und lässt sich streicheln. Joschi, sein Bruder Linus (elf Jahre) und Schwester Luzie (acht Jahre) sind große Tierfreunde. Den drei Kindern von Benedikt Sauer und seiner Frau Caren macht das Hobby der Eltern ebenfalls Freude. "Marcy ist das Fresshuhn", ist sich Joschi sicher. Was wirklich sicher ist, ist, dass die Henne ein betagtes Vorwerkhuhn ist. 

Die Sauers leben in einem Haus im Weender Altdorf. Ein kleiner, alter Fachwerkschuppen gehört dazu - heute wird er wieder als Hühnerstall genutzt. Rund um den großzügigen Garten verläuft der Hühner-Auslauf, in dem heute knapp 20 Tiere leben. "Vor vier Jahren hat alles mit fünf Hühnern angefangen", erzählt Familienvater Sauer. Der heute 40-Jährige war mit seiner Familie zur Kükenschau des RGZV Grone nach Elliehausen gefahren. "Jeder durfte sich dort ein Huhn aussuchen", sagt er. Der Beginn einer tierischen Freundschaft und der Grundstock für Sauers Geflügelzucht.

Vor allem die Erhaltung einer alten, fast ausgestorbenen Hühnerrasse liegt ihm am Herzen, er ist einer der ganz wenigen Haltern in Deutschland, die Crèvecoeur züchten. Die ersten Eier hat er übers Internet organisiert. Die seltene französische Rasse fühlt sich im Garten der Sauers sichtlich wohl. Auch ein Araucana-Huhn, eine Rasse, die Benedikt Sauer über einen chilenischen Kollegen kennen gelernt hat tummelt sich im Auslauf, ebenso wie Paduaner und ein eine ostfriesische Möwe. Auch das ist eine Hühnerrasse. Diese Möwe heißt Bob. "Mein Lieblingshuhn", sagt Joschi, knuddelt die Henne und schleppt das zahme Huhn auf eine Gartenliege. "Das Huhn gehört nicht in das Fußballtor", ruft die Mutter ihren Jungs zu, die im Garten spielen. Bob wird wieder ins Gehege gesetzt.

Die Sauers halten seit Kurzem auch ein paar Wachteln. Mutter Carens Favoriten. "Die sind so süß", sagt sie. Die Tiere sind, mit Ausnahme zweier weißer Exemplare, im familieneigenen Brutschrank zur Welt gekommen. 

Die Familie liebt ihre Tiere, und die Tiere fühlen sich bei ihnen sichtlich wohl. Einige, wie Bob und Marcy, dürfen an Altersschwäche sterben. Caren und Linus ernähren sich vegetarisch, die Eier der eigenen Hühner aber mag die ganze Familie. "Vor allem die Wachteleier", sagt Caren. Aber: Das alles wäre doch auch ohne Geflügelzuchtverein möglich.

"Die Impfung gegen die Newcastle-Krankheit war ein Grund damals, in den Verein einzutreten", sagt Benedict. Vier Mal im Jahr müssen deutsche Hühner gegen die Infektion geimpft werden, der Wirkstoff ist aber nur in Einheiten für mindestens 1000 Tiere erhältlich. Die Vereinsmitglieder teilen den Impfstoff. "Außerdem war ich sehr an Tipps der erfahrenen Züchter interessiert", so Sauer. Der Start ins südniedersächsische Vereinsleben sei dennoch holprig gewesen. Die Vorstellungen vieler älterer Vereinskollegen seien nicht die gewesen, die er hatte. Aber Sauer setzte sich durch, ist heute  für Tierschutz im Verein zuständig. "Mir geht es um den Austausch, um Fachfragen und um die Tiere. Ich züchte nicht für Pokale", sagt der promovierte Wissenschaftler. Seine Begeisterung steckt an, auch Freunde und Familie nennen bereits einige Sauersche Hühner ihr Eigen. Die Eier seiner Crèvecoeur verschickt er zudem an andere Züchter, die sie dann ausbrüten lassen. Sauer ist nicht mehr allein. "Jedes Jahr kommen mindestens zehn neue jüngere Mitglieder in den Verein."

So wie Roland Niesse. Der 32-jährige Ingenieur lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Reinhausen. Seit 2016 ist er ebenfalls Mitglied im Groner Geflügelzuchtverein Verein. "Ich gebe zu, ich hatte auch erst Bedenken, ob ich nicht vielleicht in eine Rentnerband eintrete", sagt er und lacht. Aber: Die Faszination Huhn hat ihn gepackt. "Die Idee hatte eigentlich meine Frau", sagt er. Zuerst habe er die Idee für Spinnerei gehalten. Das erste Tier, ein klassisches Hybrid-Legehuhn erstand die Familie am Geflügelwagen, der aus Siemerode kommt und Tiere anbietet. Das war vor fünf Jahren. "Wir haben einfach ohne großes Wissen angefangen", sagt er. "Dann hat es mich gepackt". Heute hält er ganze Schar "Lachshühner" auf seinem Grundstück, Frau und Kinder teilen seine Leidenschaft. "Für mich ist das der ideale Ausgleich nach einem Arbeitstag", so Niesse. Eigene Eier, eigenes Geflügel - bei Niesses kommen die Tiere auch auf den Tisch. Der Kontakt zum Verein entstand zunächst zufällig. Im Internet fand Niesse einen Reinhäuser, der ebenfalls Hühner züchtet und nahm Kontakt auf. Auch bei Niesse war der Schritt in den Verein dann mit der gemeinsamen Nutzung des Impfstoffs verbunden. Schnell stellte er fest: "Das macht total Spaß", sagt er. Der Austausch über das gemeinsame Hobby brache ihm netten Kontakten und sogar Freundschaften. 

Ohne Kurswechsel wäre der Verein "halbtot"

16 Geflügelzucht-Vereine sind im Kreisverband Südhannover organisiert. Der RGZV Grone ist einer von ihnen und einer, der gegen den Trend einen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen hat. "Auch in Osterode gibt es Zuwachs, in den meisten anderen Vereinen stagniert die Zahl oder sie geht zurück", sagt Siegfried Machemehl, seit fünf Jahren Vorsitzender des RGZV Grone. "Der Uslarer Verein ist wegen Mitgliedermangels sogar bereits aufgelöst worden", sagt er. In den vergangenen fünf Jahren, in denen Machemehl den Verein lenkt, sind 45 neue Mitglieder eingetreten. "Insgesamt sind wir jetzt 93 Züchter", sagt er. Der Vorsitz- und Generationswechsel sei natürlich nicht ohne Probleme verlaufen, einige der alten Mitglieder seien ausgetreten. "Heute bin ich mit 59 Jahren einer der Ältesten, als ich vor ein paar Jahren eintrat, war ich der Jüngste", sagt er. In vielen Vereinen  sei im gesamten Vorstand niemand jünger als 70 Jahre, die Mitgliederzahlen im Sinkflug. Natürlich sei die Attraktivität eines Vereins nicht eine Frage des Alters, viele seiner älteren Kollegen kämen prima mit dem neuen Kurs und den Nachwuchszüchtern zurecht. Nur: "Veränderungen, das wollten damals viele bei uns nicht". Ohne Kurswechsel, so sagt er, wäre auch der RGZV Grone heute "halbtot".  Nun werden Sommerfeste organisiert, es gehe, egal ob jung oder alt, "locker und harmonisch" zu, sagt der Vorsitzende. Das strickte Abarbeiten einer Tagesordnung wie vor 50 Jahren sei für junge Menschen nicht attraktiv. Erstmals habe man im vergangenen Jahr zur Ausstellung am ersten Oktoberwochenende auch einen Verkauf organsiert. "Alle Tiere waren danach weg", sagt er. An den Erfolg wolle man in diesem Jahr anknüpfen. "Wir züchten Rassegeflügel, wollen damit altes Kulturgut erhalten, das Tierwohl und auch die Ernährung sind den meisten von uns wichtig", sagt Machemehl. Neue Mitglieder, die hole man - wie Benedict Sauer - tatsächlich häufig über das Impfen der Tiere ab. Dennoch sei es nicht leicht, alles am Laufen zu halten. Die Kükenschau, die größte und populärste Veranstaltung des Vereins, wolle schließlich auch mit unterschiedliche Tieren der unterschiedlichen Rassen bestückt werden. Da müssten auch die neuen Mitglieder mit ran. Bei alldem hat der Vorsitzende eine Devis: "Alle sollen ihren Nachbarn so behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollen".

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Der Wochenrückblick vom 11. bis 17. November 2017