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Thema des Tages Georg Fahrenschon im Interview
Thema Specials Thema des Tages Georg Fahrenschon im Interview
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19:07 07.05.2017
Georg Fahrenschon Quelle: Wenzel
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Göttingen

Herr Fahrenschon, einerseits ­trauen sich die Leute nicht mehr zu sparen, andererseits ver­zeichnen Sie ein Einlagenwachstum bei den Sparkassen.
Wie passt das zusammen?
Georg Fahrenschon: Der Zuwachs an Einlagen speist sich aus unterschiedlichen Quellen. Allen voran steht hier das Vertrauen, das die Menschen in die Sicherheit und Solidität der deutschen Sparkassen setzen. Insgesamt verzeichneten wir für 2016 ein Plus von 3,3 Prozent mehr Einlagen. Die Mehrzahl der Kunden parkt das Geld aber lieber als Sichteinlage und verzichtet damit bewusst auf eine Verzinsung.

Warum schaffen es Sparkassen­berater nicht, das zu ändern?
Die Kunden der Sparkassen haben 2016 in Summe 41,4 Milliarden Euro zusätzliches Geldvermögen gebildet. Das ist der höchste Wert seit 15 Jahren trotz der widrigen Umstände, die hinreichend bekannt sind. Wir sind also nicht ganz unzufrieden mit dem, was unsere Berater leisten. Unser Angebot an Fonds, Zertifikaten und ETFs haben wir deutlich ausgebaut. An diesen Produkten sind die Menschen auch wesentlich interessierter als noch vor einigen Jahren. Aber die Garantiezinsprodukte wie Festgeld oder Bausparen werfen heute deutlich weniger ab. Da macht sich eine Versorgungslücke für breite Teile der Bevölkerung auf.

Die Digitalisierung ist für Spar­kassen eine Herausforderung. ­Sehen Sie sie in diesem Punkt aus­reichend gerüstet?
Es ist auf den ersten Blick natürlich eindrucksvoll, wenn man hört wie viel Geld zum Beispiel die Deutsche Bank in einen Hub in Berlin investiert. Die Sparkassen sind aber genauso stark in diesem Segment engagiert. Bei uns sind die Investitionen aber auf 394 Institute und die Verbundunternehmen aufgeteilt. Die Sparkassen-App etwa ist die meistgenutzte Banking-App in Deutschland. Wir bieten unseren Kunden zudem seit November die Möglichkeit, Geld von Handy zu Handy zu überweisen. Das nutzen mittlerweile rund 360 000 Kunden. 

Crowdfunding wird immer ­beliebter. Verlieren die Sparkassen an Relevanz als Kreditgeber?
Bei der Unternehmensfinanzierung ist Crowdfunding meines Erachtens nicht die richtige Lösung. Wenn sie ein Unternehmen finanzieren wollen, brauchen sie Sicherheit. Crowdfunding bedient in der Regel die erste Finanzierungsrunde, bei der zweiten und dritten sind die Geldgeber aber schon nicht mehr mit dabei. Da sind die Sparkassen anders aufgestellt. Wir haben aber übrigens auch ähnliche Angebote. Die Plattform „Better Place“ bedient aber eher soziale Projekte oder fördert Kultur, Sport sowie Wissenschaft vor Ort. Da bietet das Zusammenspiel der örtlichen Sparkasse mit der Idee des Crowdfunding neue Möglichkeiten. Die Kunden können entscheiden, wohin die Förderung gehen soll. Das machen wir in unterschiedlichen Regionen bereits erfolgreich.

Werden sich die Bedürfnisse ­junger Bankkunden in Zukunft nicht grundlegend verändern?
Wissen Sie, im Schnitt geht der Sparkassenkunde schon heute nur noch einmal im Jahr in die Filiale. In Göttingen hat die örtliche Sparkasse vor vier Jahren die Filiale Sparkassen-Spot eröffnet, in der wir vor allem junge Kunden ansprechen wollen. Hier arbeiten Auszubildende ohne Schlips und Kragen. Der Umgang ist weniger förmlich, die Kunden werden etwa mit „Du“ angesprochen. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Die Mitarbeiter berichten, dass auch die jungen Kunden für Fragen wie Immobilienfinanzierung, Wertpapierberatung, Altersvorsorge oder Investitionen die persönliche Beratung suchen. Die Wege dorthin digitalisieren sich. Aber der Wunsch nach Beratung vor Ort bleibt.

Brauchen sie dafür noch so viel Personal wie bisher?
Die Sparkassen steuern bereits um. Viele Kollegen werden verstärkt in der Beratung eingesetzt. Die klassischen Verwaltungsarbeiten werden weniger. Auch die Kommunikation wird sich verändern. Soziale Netzwerke spielen dabei eine immer wichtigere Rolle. Das heißt, dass sich auch die Anforderungen an das Personal verändern, sie müssen die neuen Medien nicht nur kennen, sondern auch beherrschen. Die Sparkassen werden aber der größte Arbeitgeber und Ausbilder in der Kreditwirtschaft bleiben. Nicht umsonst haben wir zentrale regulatorische Einheiten aufgebaut, welche die Mitarbeiter vor Ort entlasten sollen. Denn wir spüren, dass vor allem die kleineren Sparkassen übermäßig belastet sind. 44 Mitarbeiter in Bad Sachsa müssen die gleichen regulatorischen Anforderungen erfüllen und Berichte abliefern wie eine Großbank oder die Hamburger Sparkasse mit ihren 5000 Mitarbeitern.

Geht das langfristig so weiter?
Nein. Und ich bin dankbar, dass die Politik das erkannt hat. „One size fits all“: Das führt zu einer ungerechten Aufwandsverteilung. Aus meiner Sicht sind viele Grundprobleme in der Regulierung noch nicht gelöst. Stattdessen haben wir im operativen Geschäft die Situation, dass die Kleinen zu klein sind, um erfolgreich zu sein. Das müssen wir ändern. Denn die regional verankerten Institute wie Sparkassen oder  Volks- und Raiffeisenbanken sind der stabilisierende Faktor in der Kreditwirtschaft und gerade in ihrer Bedeutung für die Versorgung der ländlichen Bevölkerung oder als Kreditgeber für den Mittelstand nicht so leicht zu ersetzen.
Die niedrigen Zinsen lassen zudem die Erträge dahinschmelzen.
Wir haben 2,8 Milliarden Euro Steuern gezahlt im Jahr 2016. Wir sind damit über die Jahre aber noch der stabile und ertragreiche Teil der Deutschen Kreditwirtschaft. Wenn die Zinssitutation aber so weiter anhält, wird es für uns immer schwieriger, unsere angestammte Rolle zu erfüllen.

Finden Sie es also richtig, dass für das Geldabheben am Automaten Gebühren erhoben werden?
Sparkassen waren doch nie der Vorreiter der „Kostenlos-Struktur“, da fallen mir eher private Geldhäuser ein. Wir haben immer gesagt, dass ordentliche Dienstleistung auch Geld kosten darf und muss. Was die Gebühren angeht, muss das jede Sparkasse selber entscheiden.

Wäre es nicht sinnvoller, anderswo Kosten einzusparen?
Sie werden in den betroffenen Häusern keine goldenen Wasserhähne sehen. Ich bin sicher, dass diese Sparkassen diesen Weg als Ultima Ratio betrachten. Kleine Sparkassen sind ertragreich, aber sie kommen mit der Last der Regulierung, die keine Rücksicht auf ihrer Struktur nimmt, nicht zurecht.

Haben solche kleinen Formate dann eine Zukunft?
Ich bin der Meinung, dass die Nähe zum Kunden heute immer noch wichtig ist. Die politische Großwetterlage sagt doch, dass wir die übergroßen internationalen Banken nicht wollen. Wir sollten einen regulatorischen Rahmen schaffen, der den kleineren und weniger komplexen Banken eher gerecht wird. Ich bin sehr zufrieden, dass auch die Parteien das inzwischen erkannt haben.

Das heißt, sie sehen keinen Druck zur Konsolidierung?
Natürlich wird es weitere Konsolidierungen geben, aber nicht in erheblichem Umfang.

Haben kleine Banken im Vergleich zu ihrer Größe nicht zu hohe ­Risiken in Büchern?
Das kann ich so nicht bestätigen. Was die Wertberichtigungen angeht, haben wir die niedrigsten Werte seit Jahren. Das Risikomanagement der Sparkassen hat die letzten Jahre also sehr gut funktioniert. Gewiss darf man sich darauf nicht ausruhen, aber wir werden von der Bankenaufsicht in Bezug auf unser Controlling gelobt.

Wie viele Sparkassen wird es in fünf Jahren geben?
Ich bin seit fünf Jahren Präsident des DSGV. Damals gab es 423 Sparkassen. Die Zahl der Sparkassen wird sicherlich nicht mehr zunehmen. Lassen wir uns aber mal auf ein Gedankenexperiment ein: Wenn die Lösung aller Probleme die Fusion von Instituten wäre, würden wir am Ende bei 16 Landessparkassen landen. Das ist aber eben nicht die Lösung. Dann würden wir die Stärken, die wir haben, nämlich das Wissen um die örtlichen Grundstrukturen und den Kontakt zum Kunden als Impulsgeber für die Wirtschaft verlieren. Das hätte dramatische Folgen für die Struktur und Stärke der deutschen Wirtschaft.

Die regionale Verwurzlung bringt es mit sich, dass sie viele kommunale Politiker in den Aufsichts­gremien haben. Dass diese ­Posten nicht nach Kompetenz besetzt werden, wird zunehmend von ­Seiten der EZB kritisiert. Ist diese Kritik angebracht?
Dem möchte ich widersprechen. Die Kreditentscheidungen werden nur noch in seltenen Fällen im Verwaltungsrat gefällt. Ich glaube, die EZB sollte sich das Grundverständnis erarbeiten, was die Besonderheiten der Sparkasse angeht. Unserere Priorität ist nicht die absolute Maximierung von Gewinnen, sondern des Nutzens für die Region. Und daran kann nicht viel falsch sein.
Interview: Bernard Marks und Stefan Winter

Georg Fahrenschon

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