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Thema des Tages Neue Landesvorgabe: Gesamtschulen in Not
Thema Specials Thema des Tages Neue Landesvorgabe: Gesamtschulen in Not
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00:18 10.12.2016
Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Mit dieser Entwicklung haben selbst Kritiker der Gesamtschulen nicht gerechnet: Ein seit mehr als 40 Jahren praktiziertes Verfahren, das für Gesamtschul-Fans wesentlicher Bestandteil dieser Schulform ist, gilt nach Ansicht der Schulbehörde nicht mehr: Die Gesamtschulen steuern bei der Anmeldung, welche Schüler sie aufnehmen, um einen gewissen Anteil leistungsstarker, mittelstarker und schwacher Schüler zu bekommen. Früher war dafür die durch einen bestimmten Notendurchschnitt gegebene Empfehlung der Grundschule für Haupt- und Realschule sowie Gymnasium ausschlaggebend, inzwischen gibt es ein Punktesystem nach Noten in Hauptfächern.

Mehr Anmeldungen als Plätze

Bei diesem Verfahren konnten sich Schulen und Schulträger auf Paragraf 59a des niedersächsischen Schulgesetzes berufen. Er gilt für Schulen, die zusätzlich zu Schulen im dreigliedrigen System als Angebotsschule liefen. Gibt es mehr Anmeldungen als Plätze, dürfen sie nach einem differenzierten Verfahren und Kriterienkatalog losen. Zugleich dürfen sie Geschwister ihrer Schüler bevorzugt aufnehmen - davon macht vor allem die IGS-Geismar Gebrauch.

IGS Weende Quelle: Hinzmann

Seit 2015 aber können Gesamtschulen in Niedersachsen ersetzende Schulen sein, wenn es keine Real- und Hauptschulen oder Oberschulen mehr gibt. Das ist in Göttingen der Fall - die Haupt- und Realschulen laufen aus. Dafür gibt es eine dritte IGS in Weende und neben den Gesamtschulen nur noch acht Gymnasien inklusive berufliche.

Losen ohne Vorauswahl

Damit gelte Paragraf 59a hier nicht mehr, erklären die Landesschulbehörde und ihre Rechtsabteilung in mehreren Schreiben an die Stadtverwaltung. Ihr Fazit: „keine Geschwisterkind-Regelung, da kein sachliches und für alle Kinder zutreffendes Aufnahmekriterium, und keine Differenzierung nach Leistungstöpfen.“ Das heißt in der Konsequenz: Ist eine Gesamtschule überlaufen, darf Beziehungsweise muss sie losen - aus dem Gesamttopf aller Anmeldungen an ihrer Schule und ohne Vorauswahl.

IGS Geismar Quelle: Hinzmann

Aber nur mit dem bisherigen Steuermechanismus sei gewährleistet, dass an der Schule alle Leistungsgruppen inklusive Inklusionskinder chancengleich aufgenommen werden und das Gesamtschulsystem funktioniert, warnt Wolfgang Vogelsaenger, Leiter der IGS-Geismar. Auch der Geschwisterbonus sei im Sinne der Kinder und Eltern. An seiner Schule würden sehr viele Eltern bereits massiv Sturm laufen gegen die aktuelle Landesvorgabe.

Auch der Leiter der Geschwister-Scholl-Gesamtschule, Tom Wedrins, sieht den Grundgedanken der Gesamtschulen gefährdet. Der Leistungsquerschnitt aller Schüler in Göttingen werde nicht mehr abgebildet, wenn bei einem reinen Losverfahren eine Gruppe per Zufall überdurchschnittlich gezogen wird. „Das könnte die Arbeit an den Gesamtschulen wesentlich erschweren“, ergänzt Göttingens Schuldezernent Siegfried Lieske. Er habe bereits gemeinsam mit dem Schuldezernenten des Landkreises, Marcel Riethig, einen Gesprächstermin mit der Landesschulbehörde vereinbart, um den Paragrafen 59a für Göttingen „in irgendeiner Variante zu retten“.

IGS Bovenden Quelle: Hinzmann

Dabei könnte es auch um die in Göttingen bisher angesetzte Leistungsquote für Gesamtschulen gehen - die auch innerhalb der Göttinger Schullandschaft umstritten ist. Bisher hat die Stadt unter allen Viertklässlern abgefragt, wie viele potenzielle Gymnasiasten und Kinder mit geringerem Leistungsniveau es gibt. Die daraus resultierende Quote war maßgeblich für die Gesamtschulen. Erreicht wurde sie aber nur von der IGS-Geismar mit zuletzt 58 Prozent Schülern im Leistungstopf A (Gymnasium). Das habe ihr den „völlig unberechtigten“ Vorwurf eingebracht, sich nur leistungsstarke Schüler auszusuchen, so Vogelsaenger.

KGS Göttingen Quelle: Hinzmann

Die Quoten-Ermittlung kritisiert auch der Göttinger Staatsrechtler und Privatdozent Alexander Thiele. Wenn Leistungsquoten gebildet werden, dürften sich diese nur an der Gesamtschulgruppe orientieren - ohne Schüler, die von vornherein an ein Gymnasium gehen wollen. Zudem sei es rechtlich bedenklich, dass bisher an Gesamtschulen differenziert ausgewählt, an überlaufenen Gymnasien im Rahmen einer Verteilungskonferenz auch gelost wird, um abgewiesene Schüler an andere Gymnasien zu verweisen. Damit würden in der gemeinsamen Schullandschaft Verfahren zu Unrecht vermischt.

Kreis-SPD fordert mehr Chancengleichheit

Während in Göttingen die Wellen schon alleine durch die neue harte Linie der Landesschulbehörde hochschlagen, erregt ein Resolutionsantrag der SPD zur Sitzung des Kreistages an diesem Donnerstag, 8. Dezember, zusätzlich die Gemüter. Sie fordert darin, das Göttinger Aufnahmeverfahren an den weiterführenden Schulen „rechtssicher und gerecht auszugestalten und die Benachteiligung von Schülern zu beenden“. Auch die Kreis-SPD beruft sich dabei auf das Losverfahren nach Leistungsgruppen gemessen an allen Schülern.

Siegfried Lieske Quelle: Heller

Schwächere Schüler und Kinder mit Inklusionsbedarf würden benachteiligt. Dabei kritisiert die SPD vor allem die IGS in Geismar mit vergleichsweise vielen Schülern in der leistungsstarken Gruppe. Zudem müssten die Aufnahmekriterien so gestaltet werden, dass an allen vier Gesamtschulen mit Bovenden ein gleich großer Anteil aufgenommen wird. Der Leiter der IGS in Geismar, Wolfgang Vogelsaenger, weist die Kritik der SPD in einem Antwortschreiben scharf als falsch zurück. Die Schule habe immer rechtskonform gehandelt.

Zurzeit gebe es 58 Prozent Schüler aus dem Leistungstopf A, 20 aus dem mittleren Leistungsbereich und 14 Prozent aus der unteren Leistungsgruppe C – acht Prozent seien Inklusionsschüler. Die Vorwürfe der SPD grenzten an übler Nachrede oder Verleumdung. Der SPD-Vorschlag, den A-Topf grundsätzlich zu verkleinern, würde zudem nicht die IGS Bovenden stützen, sondern die Göttinger Gymnasien. Nach Tageblatt-Informationen hat der Kreisausschuss am Dienstag in nichtöffentlicher Sitzung den Resolutionsantrag in der Ursprungsform zurückgezogen.

Marcel Riethig Quelle: Pförtner

Er soll jetzt als einfacher Antrag zur weiteren Diskussion in den Schulausschuss des Kreistags weitergereicht werden. Kreisschuldezernent Marcel Riethig (SPD) rechnet damit, dass er dort umformuliert und abgeschwächt werden könnte, „allerdings nur, wenn alle Beteiligten einen Weg finden, wie vereinbart die IGS Bovenden zu stärken“. Den Weg dafür hat Göttingens Schuldezernent Siegfried Lieske (Grüne) nach eigenen Angaben bereitet: Er habe in Gesprächen mit allen Gesamtschulleitern die Göttinger Schulen aufgefordert, künftig mehr Kinder aus den unteren Leistungstöpfen aufzunehmen. us

Würden die Quoten nur aus den tatsächlichen Anmeldungen an Gesamtschulen ermittelt, dürften diese weniger gute Schüler aufnehmen als bisher, ist auch Kreisschuldezernent Riethig überzeugt. Damit erhöhe sich zum einen die Chance für schlechtere Schüler auf einen IGS-Platz an allen Gesamtschulen. Und eine damit ausgewogenere Verteilung würde die kreiseigene Gesamtschule in Bovenden stärken.

Denn auch sie spielt in der aktuellen Diskussion eine große Rolle. Stadt und Landkreis Göttingen haben nämlich vereinbart, alle vier Gesamtschulen in einem gemeinsamen Bezirk zu stützen und auch Kinder aus der Stadt nach Bovenden zu schicken. Im Gegenzug hat der Kreis keine Einwände gegen die dritte Göttinger IGS in Weende erhoben.

Streit um Termine

Parallel zur Diskussion um die Leistungsdifferenzierung bei der Anmeldung an den Gesamtschulen spitzt sich ein weiterer Streitpunkt zu. Seit vielen Jahren legt die Stadt jährlich zwei Anmeldetermine fest: zunächst für die Gesamtschulen, etwas später für die Gymnasien.

Gemeinsamer Termin gefordert

An den Gesamtschulen abgelehnte Kinder können sich dann an ein Gymnasium ihrer Wahl wenden – zeitgleich mit Kindern, die von vornherein ein Gymnasium angestrebt haben. Das finden die Gymnasien ungerecht. In einem Brief an die Stadt haben sie erneut einen gemeinsamen Anmeldetermin für alle weiterführenden Schulen gefordert. Dabei berufen sie sich jetzt auch auf die neue Rechtsposition der Landesschulbehörde, die Gesamtschulen als ersetzende Schulen ohne Sonderstatus einstuft. Die Stadt hat die Forderung der Gymnasien allerdings abgewiesen.

„Es wird weiterhin zwei Anmeldetermine geben“, sagte Schuldezernent Siegfried Lieske, damit dann alle Schüler nach der Gesamtschulrunde neu durchstarten können.“ In Kürze werde die Verwaltung die Termine mitteilen – auch schon für 2018. Bisher haben die Gymnasien dieses Verfahren zähneknirschend akzeptiert. „Jetzt ist es aber schlicht nicht mehr nötig und auch unfair gegenüber den Gymnasien“, protestiert Wolfgang Schimpf, Leiter des Max-Planck-Gymnasiums. Und er fügt an: „Wir überlegen, wie wir reagieren werden – vielleicht erstmals mit zivilem Ungehorsam.“ Das heißt: Die Gymnasien würden bereits am Anmeldetag der Gesamtschulen ihre Einrichtungen öffnen und Anmeldungen aufnehmen. us

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