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Thema des Tages Seit 50 Jahren aktiv für Menschenrechte
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00:21 08.10.2018
Die Mitarbeiter des Bundesbüros der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. Quelle: Svenja Osmers/ GfbV
Göttingen

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) feiert am Sonnabend, 6. Oktober, ihr 50-jähriges Bestehen. Als Bürgerinitiative gegründet, hat sich die GfbV in den vergangenen Jahrzehnten zu einer international tätigen Menschenrechtsorganisation entwickelt, die beratenden Status bei den Vereinten Nationen und mitwirkenden Status im Europarat hat.

„Wir sind größer geworden, eine Stimme, die international und national gehört wird“, sagt GfbV-Direktor Ulrich Delius über die Entwicklung der Organisation. Mittlerweile sei die Gesellschaft für bedrohte Völker in jedem zweiten Konflikt, der weltweit Schlagzeilen macht, aktiv, „weil es unser Mandat betrifft.“ Dabei fuße die Arbeit der GfbV auf drei Säulen: dem Einsatz für indigene Völker, für ethnische, religiöse und sprachliche Minderheiten sowie dem Schutz vor schweren Menschenrechtsverletzungen.

Die Mitarbeiter der Organisation recherchieren, welche Menschenrechtsverletzungen in den Krisengebieten passieren, arbeiten die Hintergründe der Gewalt heraus und sorgen dafür, dass diese bekannt werden, erklärt Delius das Vorgehen der GfbV. Es gehe darum, Handlungsdruck aufzubauen, damit die jeweiligen Regierungen diese Arbeit unterstützten. „China, Russland, USA – das sind alles Staaten, in denen Menschenrechte verletzt werden, die sich aber schwertun, das anzuerkennen.“ Hier sehe sich die GfbV als Mahner, der die Verbrechen anspricht und sichtbar macht.

Gegenöffentlichkeit schaffen

Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan vor einiger Zeit Berlin besucht hat, haben Mitarbeiter der GfbV Protestaktionen organisiert, mit denen sie vier Tage lang in den Medien präsent gewesen seien. „Damit schaffen wir die Öffentlichkeit, die die Politik zum Teil nicht schaffen will“, sagt Delius. Gelinge es Menschenrechtsorganisationen gemeinsam mit den Medien nicht, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen und ein anderes Bild zu vermitteln, dann würde die Politik mit solchen Regierungen zum Schutz diplomatischer Beziehungen noch unkritischer umgehen, vermutet er. Allein sei das nicht zu schaffen, weshalb die GfbV sich mittlerweile eng mit anderen Nichtregierungsorganisationen vernetzt habe.

Bei dieser Aktion vor dem Brandenburger Tor in Berlin erinnerten die Menschenrechtler an die Opfer des Giftgasangriffs auf die Stadt Halabja 1988 und prangerten den türkischen Angriff auf die syrische Stadt Afrin 2018 an. Quelle: Hanno Schedler/ GfbV

1968 hatten Tilman Zülch und Klaus Guercke die „Aktion Biafra-Hilfe“ gegen den Völkermord in Ostnigeria gegründet. Zwei Jahre später erfolgte die Umbenennung in Gesellschaft für bedrohte Völker – unter dem Leitmotto „Auf keinem Auge blind“. Für sein Engagement ist Zülch über die Jahre mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, darunter der Göttinger Friedenspreis, die Jahresplakette des „Bundes der Vertriebenen“ und das Bundesverdienstkreuz.

Die Organisation werde getragen durch die Beiträge von etwa 15000 Mitgliedern in Deutschland und Spenden. So könne garantiert werden, dass die GfbV politisch unabhängig bleibe und sich keinen „Maulkorb“ anlegen lassen könne, sagt Delius. Hauptsitz ist seit 1974 Göttingen. Außer einem weiteren Büro in Berlin, das künftig speziell für die Kontakte zur Bundesregierung zuständig sein soll, gibt es noch sogenannte Sektionen in der Schweiz, Österreich, Südtirol und Sarajewo.

Langfristige Hilfe für Opfer

Im Unterschied zu anderen Nichtregierungsorganisationen konzentriere sich die Gesellschaft für bedrohte Völker nicht nur auf die Dokumentation der Menschenrechtsverletzungen, sondern versuche die Opfer langfristig zu unterstützen. So organisiere die GfbV beispielsweise Projekte, bei denen Betroffene mit Politikern ins Gespräch kommen und so „eine eigene Stimme bekommen“.

Es sei wichtig, nicht nur Nothilfe zu leisten. „Wenn Ihr Euch nicht kümmert und die Verbrechen aufarbeitet, wird sich das immer wiederholen“ – das sei die Botschaft, die die GfbV vermitteln wolle. Im Südsudan etwa seien die Menschen seit 40 Jahren aufgrund ihrer Traumatisierungen nicht in der Lage, zusammenzuarbeiten. Aber ohne Aufarbeitung und eine Langzeitperspektive für die Betroffenen nützten auch Milliarden für humanitäre Hilfe nichts, glaubt Delius.

Ulrich Delius ist Experte für Asien und Afrika. Seit 2017 ist er Direktor der Gesellschaft für bedrohte Völker. Quelle: Michaela Böttcher/ GfbV

Durch die jahrelange Beschäftigung mit Menschenrechtsbrennpunkten habe sich die Organisation eine Expertise aufgebaut, die von vielen Seiten geschätzt werde. Denn die Stärke der Organisation sei, „dass wir in der Flut der Informationen einordnen können.“ Dieses „Grundvertrauen in die Analyse“ und in die Glaubwürdigkeit der GfbV gelte es zu erhalten, indem alle vorgebrachten Vorwürfe und Fakten verifiziert werden müssten. Um überprüfen zu können, wie sich die Situation in den verschiedenen Regionen tatsächlich darstellt, arbeite die GfbV sowohl mit Partnern in den Ländern als auch anderen Menschenrechts- und Nichtregierungsorganisationen eng zusammen, sei aber auch selbst vor Ort tätig. So sei gerade eine Mitarbeiterin in Brasilien, um den Präsidentschaftswahlkampf zu beobachten.

Doch die Arbeit der Gesellschaft für bedrohte Völker werde zunehmend erschwert. „Unsere Handlungsspielräume werden immer mehr eingeschränkt, dagegen müssen wir uns als Nichtregierungsorganisation wehren“, sagt er. Es gebe hier und im Ausland „eine Wendemarke“, ein Glaubwürdigkeitsproblem der westlichen Welt. „Wie gehen wir damit um, dass Staaten, die wir als Wertegemeinschaft angesehen haben, keine mehr sind?“ Selbst die EU können sich mit der Entwicklung in Ländern wie Polen und Ungarn auf keine gemeinsame Haltung einigen. „Wir haben den Eindruck, dass viele Staaten sich von Menschenrechten abwenden“, sagt Delius.

Neues Leitbild verabschiedet

Für ihre Arbeit hat die Organisation immer wieder auch Kritik einstecken müssen. So protestierten Dritte-Welt-Gruppen, als die Gesellschaft für bedrohte Völker Indios aus Nicaragua nach Europa einlud, die gemeinsam mit „Contras“ die sandinistische Befreiungsfront FSLN bekämpften. Im Jugoslawienkrieg kritisierten Friedensinitiativen ein „einseitiges und polarisierendes“ Engagement der GfbV – frühzeitig habe sie die Serben als Alleinschuldige gebrandmarkt und Militärschläge der Nato zugunsten der bosnischen Muslime und Kosovo-Albaner gefordert. Zuletzt eskalierte 2012 ein Streit um angeblich nicht belegte Zuweisungen und zu Unrecht bezogene Gehälter in Strafanzeigen und dem Ausschluss von zwei Vorständen. Über Monate hinweg kommunizierten Zülch und die ehemaligen GfbV-Vorstandsmitglieder nur über Anwälte miteinander.

Im vergangenen Jahr gab Zülch den Vorsitz ab, und die GfbV verabschiedete ein neues Leitbild. Gerade werde an einem neuen Grundsatzprogramm gearbeitet und der Umbau der Menschenrechtsreferate nach Schwerpunkten statt wie bisher nach geografischen Regionen umgesetzt. Diese Veränderungen seien keine Abkehr vom Werk des Gründers der Organisation, sondern eine „Rückbesinnung auf die Werte, von denen wir kommen“, sagt Delius.

Wenn er die Erfolge der Gesellschaft für bedrohte Völker bilanziere, denke er beispielsweise an die Sinti und Roma. Heute spreche in Deutschland kaum noch jemand von „Zigeunern“. Dieses Bewusstsein geschaffen und deutlich gemacht zu machen, welcher Völkermord an ihnen begangen wurde, damit habe die GfbV „enorm viel erreicht“.

Einsatz für koptische Christen im Nahen Osten

Ein großes Anliegen der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ist die Situation der Christen im Nahen Osten. Die Organisation wolle mit ihrem Engagement dazu beitragen, dass Christen weiter in den muslimischen Staaten leben können und dort mit ihrer Minderheitenreligion respektiert werden, sagt GfbV-Direktor Ulrich Delius.

In den Oberdörfern Ägyptens beispielsweise gingen radikal islamische Gruppen immer wieder gegen koptische Christen vor und griffen Häuser an, in denen sie Messen abhalten. Es gebe nicht genügend Gotteshäuser, weil der Staat den Bau behindere. Deshalb müssten die Christen sich privat treffen. Viele überlegten, ihr Land zu verlassen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlten. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung machten die Christen aus, trotzdem werde ignoriert, dass „sie als Bürger zweiter Klasse behandelt werden“, sagt Delius.

Der koptische Bischof Anba Damian (li.) und GfbV-Direktor Ulrich Delius Quelle: Hanno Schedler/ GfbV

Es hätte zwar kleinere Verbesserungen wie eine Reform der Regeln für den Kirchenneubau gegeben, aber es werde weiter mit Terrorangriffen gegen die Kopten vorgegangen. „Wir versuchen, darauf aufmerksam zu machen, wie gefährlich die Situation ist und wie viele Übergriffe es gibt“, sagt Delius. Die deutsche Politik neige dazu, die „Situation schön zu reden, weil sie Ägypten als Stabilitätsfaktor in der Region sieht.“

Die Kopten wiederum könnten nur begrenzt auf die Regierung in Ägypten einwirken, da sie auf ihren Schutz angewiesen seien. Deshalb übernehme die GfbV die Rolle, die die koptische Kirche aus Rücksicht so nicht ohne Weiteres annehmen könne.

Bereits seit 30 Jahren engagiere sich die Organisation für koptische Christen und unterhalte Kontakte zu vielen Kirchen in der Region, zu Gläubigen und Experten. So arbeite die GfbV unter anderem mit Martin Tamcke, Professor für Ökumenische Theologie und Orientalische Kirchen- und Missionsgeschichte an der Universität Göttingen, zusammen.

Von Nora Garben (mit epd)

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