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Thema des Tages Göttingen – eine luftige Angelegenheit
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00:34 13.04.2018
E in Metallkasten, diverse Fühler und moderne Rechner: die Messstation für Luft des Landes an der Bürgerstraße in Göttingen. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Natürlich seien die Werte an stark befahrenen Straßen wie die Bürgerstraße höher als im Durchschnitt, räumt Dr. Andreas Hainsch vom Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim ein. Der Ingenieur für technischen Umweltschutz leitet dort das „Lufthygienische Überwachungssystem Niedersachsen“ (LÜN). Gemessen an den gültigen Grenzwerten spiele Feinstaub zwar schon lange keine besondere Rolle mehr, aber es gebe an stark befahrenen Straßen mitunter noch immer erhöhte Werte beim Stickstoffdioxid (NO2). Die liegen nach einigen Ausreißern in Göttingen zurzeit zwar knapp unter dem Grenzwert, „aber das ist kein Grund, Entwarnung zu geben“, so Hainsch.

Durch die vielen Fahrzeuge ist die Bürgerstraße einer der Hot Spots schlechter Luft in Göttingen – genau darum steht gerade hier eine von zwei Messstationen in der Stadt. Ähnliche Werte dürfte es nach Modellberechnungen auch in anderen Bereichen mit sehr hohem Verkehrsaufkommen und ungünstiger Bebauung geben, so Hainsch. Abgesehen davon geht er aber davon aus, dass die Luft in Göttingen insgesamt recht sauber ist. Das zeige sich auch an der Messstation in der Nohlstraße im grünen Nordosten der Stadt. Hier liegen die Luftwerte durchweg deutlich unter den Werten in der zentralen Straßenschlucht.

Bund und Länder nehmen die Luftqualität nicht auf die leichte Schulter. Sie wird in einem streng genormten Verfahren ständig kontrolliert – auch in Göttingen.

Wo wird in Göttingen die Luft gemessen?

An einer Messstation auf einer Wiese an der Nohlstraße unterhalb der Uni-Sportplätze und an der Bürgerstraße vor dem Haus mit der Nummer 20. Außerdem in Duderstadt an der Bostalstraße. Zum Vergleich: In Hannover gibt es sechs verkehrsnahe Messstellen und eine im Grünen. In Niedersachsen sind es 48 Messstandorte, an denen die Luftqualität überwacht wird.

Was wird dort gemessen?

Gemessen und ausgewertet werden eine ganze Reihe von Parametern, die die Qualität der Luft ausmachen: Das sind außer Feinstaub und Stickstoffdioxid (NO2) auch Benzol, Schwefeldioxid, Ozon, Staubniederschlag und dessen Inhaltsstoffe, Ammoniak, Blei, Arsen, Cadmium, Nickel und Benzopyren im Feinstaub. Einige Stoffe werden nur an der Nohlstraße gemessen, einige nur an der Bürgerstraße. Darüber hinaus werden Temperatur, Luftdruck, relative Luftfeuchte und Regendauer erfasst.

Die Luft-Messtation des Landes an der Nohlstraße. Quelle: Niklas Richter

Wie wird gemessen?

An der Station wird kontinuierlich Außenluft angesaugt. In der Station installierte Messgeräte registrieren die Konzentration der verschiedenen Stoffe unmittelbar und speichern die Daten auf einem PC. Diese Daten werden stündlich vom zentralen Rechner des LÜN abgerufen – und fast unmittelbar im Internet veröffentlicht. Zuvor gibt es aber eine automatische (computerunterstützte) Plausibilitätsprüfung. Weichen Werte extrem vom üblichen Schnitt ab, werden sie vorerst gesperrt. Denn ursächlich für außergewöhnliche Werte könne auch ein technischer Defekt eines Messgerätes sein, erklärt Hainsch. Am Folgetag werden alle Daten noch einmal manuell von Fachleuten des Gewerbeaufsichtsamtes Hildesheims überprüft. Die Messverfahren und Grenzwerte sind europaweit genormt.

Gibt es Grenzwerte und ­werden sie in Göttingen ­eingehalten?

Es gibt von der EU vorgegebene Grenzwerte, die eingehalten werden müssen. Werden sie überschritten, muss die betroffene Kommune reagieren und über einen Luftreinhalteplan dafür sorgen, dass sich die Luftqualität verbessert. Göttingen hält nahezu alle Parameter ein – mit Werten weit unter den Grenzmarken. Die Stadt hatte allerdings vor gut zwölf Jahren mehrmals in Folge den Grenzwert für Feinstaub überschritten und war lange Zeit sogar Spitzenreiter in Niedersachsen.

Wo wird was gemessen?: Info-Schild an der Luft-Messstation des Landes an der Bürgerstraße. Quelle: Niklas Richter

Für Feinstaub beträgt die Grenzmarke 50 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. Wird diese an mehr als 35 Tagen im Jahr überschritten, muss die Kommune handeln. Göttingen hatte damals 48 Überschreitungstage. Das ist Geschichte: Inzwischen ist die Anzahl der Überschreitungstage auf 16 (Bürgerstraße) und 13 Tage (Nohlstraße) im Jahr 2017 gesunken.

Für Göttingen liege der Fokus allerdings noch auf den NO2-Werten an der Messstation Bürgerstraße, betont Hainsch. NO2 entsteht bei der Verbrennung von Gas, Kohle und Öl und könne vor allem für Asthmatiker ein Problem sein. Der seit 2010 europaweit festgelegte Grenzwert für den Jahresmittelwert liegt bei 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. In Göttingen an der Bürgerstraße pendeln die Jahresmittelwerte seit 2007 um diesen Grenzwert. 2015 betrug er 42 Mikrogramm. Vor diesem Hintergrund musste die Stadt ihren Luftreinhalteplan für saubere Luft überarbeiten. 2016 ging der Mittelwert wieder auf 40 Mikrogramm zurück, im vergangenen Jahr waren es 39 Mikrogramm.

Wie sieht es in anderen ­­Städten aus?

Beim Stickstoffdioxid gab es im vergangenen Jahr in Niedersachsen mehrere Städte mit schlechterer Luft als Göttingen – immer an verkehrsnahen Stationen. Einige Beispiele: Hannover – je nach Standort – 41 bis 48 Mikrogramm im Jahresmittel; Oldenburg 49 Mikrogramm; Osnabrück 44 Mikrogramm. Bundesweite Spitzenreiter waren im vergangenen Jahr München mit 78 Mikrogramm im Jahresmittelwert und Stuttgart mit 73 Mikrogramm.

Direkt an der Straße: die Luft-Messstation an der Bürgerstraße. Quelle: Niklas Richter

Beeinflusst alleine der ­motorisierte Verkehr die ­Luftqualität?

„Nein“, sagt Hainsch, „es gibt eine Vielzahl weiterer Quellen wie industrielle und gewerbliche Prozesse, privaten Haushalte und die Landwirtschaft.! Auch das Wetter spiele eine Rolle. In milden Jahren mit viel Niederschlag werde beispielsweise im Winter weniger geheizt und damit weniger Schadstoff ausgestoßen. Zugleich werde die Luft verstärkt gewaschen und sei dadurch besser. Ist ein Jahr trocken und kalt, werde im allgemeinen mehr emittiert und Schadstoffe könnten sich unter bestimmten Umständen weiter ansammeln.

Wer ist für die ­Luftüberwachung zuständig?

Das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz hat das „Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim“ mit der Luftüberwachung beauftragt.

Es betreibt dafür das LÜN mit etlichen Messstationen. Die EU hat alle Mitgliedstaaten verpflichtet, ihre Luft ständig zu überwachen. Deutschland hat die Vorgaben in einem Bundes-Immissionsschutzgesetz umgesetzt, das auch die Länder in die Pflicht nimmt.

Wo kann ich die Messergebnisse einsehen?

Das niedersächsische Umweltministerium veröffentlicht ständig aktualisierte Werte der Messstationen und zusammenfassende Berichte im Internet: luen-ni.de und auf Videotexttafel 675 des NDR. Außerdem gibt es eine App zur „Luftqualität Niedersachsen“.

Aktionsplan für saubere Luft

Vor etwa zehn Jahren hat die Stadt Göttingen einen sogenannten „Luftreinhalte- und Aktionsplan“ aufgestellt. Er war nach Vorgaben der EU fällig, als die Feinstaubwerte die zulässigen Grenzwerte deutlich überschritten hatten.

Der Aktionsplan gelte bis heute und werde Schritt für Schritt weiter umgesetzt, bestätigt Verwaltungssprecher Dominik Kimyon. Und er werde zurzeit überarbeitet.

Auch dazu ist Göttingen verpflichtet. Die Feinstaubbelastung ist im Leinetal zwar deutlich gesunken, aber inzwischen gibt es zu viel Stickstoffdioxid in der Luft.

Der bisherige Luftreinhalteplan wird durch zwei wesentliche Aktionen geprägt: mehr Stadtbusse mit saubereren Motoren und ein besser fließender („verstetigter“) Verkehr ohne Staus an roten Ampeln. Gerade erst haben die städtischen Verkehrsbetriebe ihre ersten zwei Busse mit Hybridmotoren inklusive Elektroantrieb in Betrieb genommen. An den Ampelphasen wird ständig gearbeitet. Außerdem versuche die Stadt mit einer Reihe von Maßnahmen den Fahrradverkehr zu fördern, ergänzt Kimyon.

Fahrverbote für Dieselautos, wie sie in anderen Städten diskutiert werden, seien in Göttingen nicht geplant.

Interview mit dem Facharzt

Wie stark beeinträchtigen die derzeit vieldiskutierten Luftschadstoffe Feinstaub und Stickoxide die menschliche Gesundheit? Es gebe US-Studien, die gesundheitliche Schädigungen belegten, meint Dr. Wolfgang Koerber, Chefarzt der Lungenfachklinik Lenglern des Evangelischen Krankenhauses Weende.

Tageblatt: Wie schädlich sind Feinstaub und Stickoxide eigentlich?

Dr. Körber: Es gibt Hinweise auch schädliche Auswirkungen, aber die Evidenz zu allem ist sehr schwach. Die Gesundheitsschäden, die derzeit angenommen werden, sind ungewiss. Es gibt Indizien dafür, aber keine Beweise. Und ob sich die US-Ergebnisse auf Europa übertragen lassen, ist ebenfalls fraglich.

Auch beim Feinstaub?

Dabei geht es um Partikel mit einer Größe unter zehn Mikrometern, die bis in die Tiefe der Atemwege vordringen. Es gibt hier Hinweise darauf, dass dies langfristig zu einer chronischen Entzündung der Atemwege und auch zu erhöhter Krebswahrscheinlichkeit führen kann. Aber die Datenlage ist widersprüchlich: Es gibt Studien, die einen Zusammenhang belegen, und Studien, die das nicht tun.

Wie bewerten Sie die derzeit geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide?

Der Nachweis, ab welcher Grenze Schäden zu erwarten sind, steht noch aus. Dazu läuft die langfristig angesetzte europäische KORA-Studie. Die derzeitige Diskussion wird sehr erhitzt geführt.

Zurzeit wird intensiv über die Gefahren durch Dieselmotoren diskutiert.

Wenn man Dieselfahrzeuge durch Benziner ersetzt, sinkt zwar der Ausstoß von Stickoxiden, dafür aber steigt die Belastung durch CO2. Stattdessen sollten Dieselfahrzeuge so nachgerüstet werden, dass sie bei unverändertem CO2-Ausstoß weniger Stickoxide und Feinstaub produzieren.

Wie sind die Chancen, die Gesundheitsrisiken künftig genauer zu bestimmen?

Derzeit läuft das Forschungsprojekt Escape (European Study of Cohorts for Air Pollution Effects – Europäische Kohortenstudie zu Auswirkungen von Luftverschmutzung - Red) zur Langzeitwirkung von Luftschadstoffen. Aber um wissenschaftlich untermauerte Grenzwerte zu bestimmen, müsste man Hunderttausende von Menschen und ihre Lebensbedingungen untersuchen und dabei die Einflüsse von Nahrung, Essgewohnheiten und anderer Faktoren herausrechnen. Das ist ein ziemlich schwieriges Unterfangen.

Von Ulrich Schubert und Matthias Heinzel

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