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Thema des Tages „Eigentlich wollte ich gar nicht singen“
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12:00 16.04.2018
Händel-Talk in der GT Townhall mit Tenor Kenneth Tarver (M.), befragt von Tobias Wolff und Michael Schäfer. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Bei den Händel-Festspielen übernimmt Tarver die Titelrolle in Händels Oratorium Judas Maccabaeus. An große Bühnen und ebensolches Publikum ist Tarver gewöhnt, aber vor den 40 geladenen Gästen bekannte er seine Nervosität: „Ein Interview vor Publikum habe ich noch nie gemacht.“ Tobias Wolff, Intendant der Göttinger Händel-Festspiele, gelang es jedoch schnell, den tatsächlich zunächst etwas schüchternen Tarver aus der Reserve herauszulocken.

Seine Anfänge als Musiker, erzählte der Tenor, hätten nicht sehr viel mit Oper, Händel und Verwandtem zu tun gehabt: Geboren im US-amerikanischen Detroit, sei er zwar mit Musik aufgewachsen, aber mit ebensolcher, wofür die ehemalige Industriestadt bis heute bekannt ist: Motown, einer ganz eigenen Mischung aus Rhythm&Blues, Soul und Pop. „Ich wollte damals eigentlich gar nicht singen, sondern viel lieber tanzen“, beschrieb Tarver die kurvige Vorgeschichte seiner Sängerkarriere. Dennoch sang er bald im Schulchor und übernahm dort schnell auch einige Solopartien. Nachdem sein Stimmtalent schnell erkannt wurde, verließ Tarver im Alter von 16 Jahren sein Elternhaus und besuchte die Interlochen Arts Academy, wo er gezieltes Stimmtraining erhielt.

Heute ist der Belcanto-Spezialist vor allem als Rossini- und Mozart-Interpret anerkannt. Der Don Ottavio aus Mozarts Don Giovanni gehöre zu seinen liebsten Rollen, bekannte Tarver auf Intendant Wolffs Frage nach seinen Lieblingspartien. Aber nicht nur die: „Alle Mozart Rollen sind einfach fantastisch.“ Und weitere Traumrollen, hoffentlich viele Händel-Partien, insistierte Wolff. Darauf wollte sich Tarver nicht festlegen: „Ich würde gerne Liederabende gestalten. In diesem Bereich gibt es unendlich viel fantastisch schöne Musik.“ Aber Händels Oratorien hätten es ihm schon angetan, räumte er ein.

Außerdem seien Festivals im Gegensatz zum „normalen“ Konzertbetrieb eine ganz besondere Sache, meinte Tarvers.: „Bei solchen Gelegenheiten kann man ganz besondere Projekte verwirklichen und auch selten gehörte Stücke verwirklichen. Festivals bieten oft ein ganz besonderes Programm.

Eine Probe seines Könnens gab Tarver auch am Mittwoch in der GT-Townhall: Begleitet von Pianist Gerrit Zitterbart brachte der Tenor das Accompagnato „Comfort ye“ mit der anschließenden Arie „Ev’ry valley shall be exalted“ aus Händels „Messias“ zu Gehör.

Seit fast 24 Jahren lebt Tarver jetzt schon in Deutschland – zunächst lange Zeit in Stuttgart, jetzt seit einiger Zeit in Hamburg. Von Beginn an sei er in Deutschland gut aufgenommen worden und habe sich in Stuttgart auch musikalisch gleich wohlgefühlt. Unter anderem habe sich damals eine ältere Dame seiner angenommen und mit der deutschen Kultur und den deutschen Gepflogenheiten vertraut gemacht. In dieser Gesellschaft habe er sich wie ein Familienmitglied gefühlt. Erst kürzlich sei die Frau im Alter von 94 Jahren gestorben, was ihn sehr betrübt habe.

Mittlerweile hat sich Tarver ein beeindruckendes Repertoire erarbeitet. Der Tenor ist ein ausgesprochener Mozart-Spezialist und hat Partien aus 18 Rossini-Werken gesungen. Dazu kommen einige Partien aus Opern von Berlioz, Haydn und Verdi. Demnächst betritt er ein weiteres Mal musikalisches Neuland: Er tritt in Igor Strawinskys (1882-1971) Tanzmelodram „Perséphone“ auf.

Ob er gerne in seiner Muttersprache Englisch singe, fragte der frühere Tageblatt-Kulturredakteur Michael Schäfer beim Händel-Talk in der GT-Townhall. „Eigentlich gar nicht so gerne“, so die überraschende Antwort. „Das ist schließlich nicht italienisch.“

Aber nicht nur die Italienische (Sanges-)Sprache ist Tarvers Favorit. Am Französischen liebe er „die nasale Qualität“ - Laute, die ihm ganz besondere Ausdrucksmöglichkeiten eröffneten, sagte Tarver. Und deutsch? „Deutsch ist sehr schön, aber manchmal unwahrscheinlich schwierig wegen der vielen Konsonanten.“

Festival-Intendant Wolff lobte eine ganz andere, dezidiert nicht-musikalische Qualität seines „ Maccabaeus“-Tenors: seine fast unerschütterliche Gelassenheit. Er erinnere sich an einen gemeinsamen Flug nach London, berichtete Wolff, als Tarver „wegen eines Zahlendrehers in irgendeinem Dokument“ die Einreise ins Vereinigte Königreich verweigert wurde – und das vor einem abendlichen Konzerttermin. Während er nervöser und nervöser wurde, sei Tarver „unglaublich ruhig“ geblieben. Tarver dazu: „Ich habe nur gedacht, wenn ich mich hier aufrege, nützt das überhaupt nichts, sondern macht alles nur noch schlimmer. Außerdem wusste ich ja, dass ich nicht allein bin und Hilfe habe.“

Einen sehr anrührenden Moment in der GT-Townhall gab es, als Tarver die Arie „Where’er you walk“ aus dem Händel-Oratorium „Semele“ vortrug, die er einige Tage bei der Beerdigung „meiner deutschen Oma“ gesungen hatte: Nach kurzer Zeit versagte ihm die Stimme, die Rührung und die Erinnerung an die Trauerfeier ließen seine Augen verschwimmen. Tarver musste eine kleine Gesprächspause einlegen.

Danach jedoch hob der Tenor zu einer Lobeshymne auf das Musikleben in seiner Wahlheimat an. In Deutschland gebe es eine unglaublich vielfältige Musikkultur, um die andere Länder das Land beneiden müssten und sollten. Diesen Eindruck teile er mit vielen anderen Ausländern.

Von Matthias Heinzel

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