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Thema des Tages „Segeln ist nichts für Warmduscher“
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00:19 03.11.2018
Es kann ruppig werden: Absegeln bei hoher Windstärke auf der Ostsee. Quelle: r
Göttingen

Shanty-Chöre, in Öl getauchte Windjammer in Wohnzimmern und Amtsstuben, Ferienwohnungen an Ost- und Nordsee. Nicht wenige Landratten fernab der Küste im südlichen Zipfel Niedersachsens verspüren eine Affinität zum Meer und zur Seefahrt. Nicht beim Sehnen und Träumen belassen haben es die rund 260 Mitglieder des Vereins Südniedersächsischer Hochseesegler (SHS), die regelmäßig in See stechen. Einige sind auf allen Weltmeeren unterwegs.

Seit 1999 gibt es den Verein Südniedersächsischer Hochseesegler. Vereinsschiff der Segelenthusiasten aus dem Raum Göttingen ist seit drei Jahren die „Bine Gaßmann“ mit Liegeplatz in Heiligenhafen.

Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand, heißt es im Volksmund. Mit beiden Bereichen vertraut ist Olli Bruns. Der pensionierte Göttinger Staatsanwalt und passionierte Segler hat 1999 den Verein mit aus der Taufe gehoben, dessen Triebfeder und Vorsitzender er seitdem ist. Hervorgegangen ist der SHS aus einem Kreis von Segelbegeisterten, die an der Kreisvolkshochschule Ausbildungen angeboten haben. „In erster Linie sind wir nach wie vor ein Ausbildungsverein“ sagt Bruns. Und die Ausbildung hat es in sich. Das Fachwissen, in das man sich einfuchsen muss, lässt die Führerscheinprüfung für Kraftfahrzeuge wie einen Klacks erscheinen.

Vom Kiessee zur Ostsee

Eine Reihe von Vereinsmitgliedern habe zuvor auf dem Seeburger See und dem Göttinger Kiessee Segeln gelernt, berichtet Bruns. „Man muss nicht unbedingt auf einer Jolle lernen, es ist aber von Vorteil“, meint der seit Mittwoch 71-Jährige: „Wenn man etwas falsch macht, landet man im Wasser.“ Eine andere Sache sei die Koordination der Crew auf einer Segelyacht. Vor allem ältere Semester würden beim Hochseesegeln landen, bestätigt Bruns. Der Altersdurchschnitt der Mitglieder liege zwischen 40 und 50 Jahren, da auch viele Studenten mit an Bord seien. Etwa ein Viertel der Mitglieder seien Frauen – Tendenz steigend: „In diesem Jahr gab es mehr Neuanmeldungen von Frauen als von Männern.“ Der verbreiteten Meinung, dass Hochseesegeln nur etwas für Betuchte sei, widerspricht der Vereinsvorsitzende: „Vom Hilfsarbeiter bis zum Professor ist bei uns alles vertreten.“ Eine Handvoll Mitglieder habe auch eine eigene Yacht. Auch die würden weltweit chartern, weil man mit den Yachten nicht überall hinkomme.

Anders als der am Kiessee angesiedelte Göttinger Segelclub (GSC), mit dem der SHS kooperiert, müssen die Hochseesegler kein Vereinsheim unterhalten. Dafür aber ein Vereinsschiff, das mit erheblichen Kosten verbunden ist. Die nach einem Göttinger Original benannte„Bine Gaßmann“ ist eine mehr als zwölf Meter lange Segelyacht. Der Bavaria Cruiser 41 mit Liegeplatz in Heiligenhafen kann nach einem Belegungsplan von Vereinsmitgliedern gechartert werden und bietet Platz für sechs Personen. Bei einer Aufnahmegebühr von 150 Euro und 75 Euro Jahresbeitrag können Vereinsmitglieder mit Sportküstenschifferschein (SKS) als Skipper mit der „Bine“ in See stechen – eine Woche lang für 1200 Euro in der Neben- und 1400 Euro in der Hauptsaison. Eine Summe, die sich relativiert, wenn man sie auf die Crewmitglieder umlegt. Dazu gehören oft auch völlig unerfahrene Gäste. Ob die Seefahrt für sie zum Urlaubs-Törn in ruhigem Fahrwasser oder zur sportlichen Herausforderung wird, hängt vom Wetter ab. Beim traditonellen Absegeln in Heiligenhafen vom 25. bis 28. Oktober, für das zusätzliche Boote gechartert werden, herrschte Windstärke sechs bis acht, berichtet Bruns: „Wir haben richtig Gas gegeben.“

Gefahren lauern überall

„Segeln ist nichts für Warmduscher“, sagt Bruns: „Es kann nass, ungemütlich und gefährlich werden.“ Und selbst als alter Seebär, der fast 50 000 Seemeilen zurückgelegt hat, ist man nicht gefeit gegen Gefahren. Bruns, der schon die Azoren, Thailand und die Karibik angesteuert hat, hat bei einem Anlegemanöver einen halben Mittelfinger eingebüßt, bei Überführung einer Yacht von Gran Canaria nach Mallorca wurde der Sprit für den bei Flaute unabdingbaren Dieselmotor knapp. In Seenot ist Bruns allerdings noch nie geraten. Auch das worst-case-Szenario „Mann über Bord“, das in der Ausbildung immer wieder geübt wird, hat er noch nicht erlebt. Die Geschwindigkeit auf dem Wasser trügt. Wer über Bord geht, geht in Sekundenschnelle zwischen den Wellen verloren. „Wenn das nachts passiert, hat man keine Chance“, sagt Bruns. Deshalb müssten sich auch alle Crewmitglieder mit Lifebelts und Leinen sichern, wenn sie im Dunkeln an Bord gingen.

Entschleunigung und Konzentration

Sail away. Als Flucht- und Sehnsuchtsmetapher hat das Segeln Einzug in Shantys und Popsongs gehalten. Nicht ohne Grund. Tugenden, die im Digitalzeitalter unter den Bug zu geraten drohen, schwimmen beim Hochseesegeln stets mit: Entschleunigung, Achtsamkeit, Konzentration, Kontemplation.

„Nirgendwo sonst kriegt man den Kopf so frei“, sagt der Göttinger Baumeister, Architekt und Skipper Jörg Lorenz. Seit 2014 ist der 48-Jährige, der einige Jahre in Stralsund gelebt hat, SHS-Mitglied. Schon seit er den Grundwehrdienst als Marinefunker abgeleistet hat, liebäugelt er mit der Seefahrt. Am Segeln fasziniert Lorenz, mit geringem Aufwand und umweltverträglich Naturgewalten meistern zu können. „Abschalten und voll und ganz auf die Aufgaben konzentrieren“, ergänzt der SHS-Vorsitzende Olli Bruns. „Schauen, was hinter dem Horizont ist“, sei immer schon eine Leidenschaft gewesen, erzählt Bruns, der „gern nachts und gern weit“ fährt.

Zusammenleben auf engstem Raum

Zimperlich darf man an Bord einer Segelyacht wie dem Vereinsschiff „Bine Gaßmann“ allerdings nicht sein. Und das hat nicht nur mit Seegang und Anfälligkeit für Seekrankheit zu tun. Die drei Kajüten mit je zwei Kojen sind beengt, Platzangst ist hier fehl am Platz. Auch den Chemiegeruch und die laute Pumpe der Bord-WCs muss man hinnehmen. Alle Gegenstände, die umherfliegen könnten, gehören verstaut, viele Details sind durchdacht – vom mitschwingenden Herd, der stets in der Waagerechte bleibt, bis zur Halterung für Weingläser.

Die „Bine Gaßmann“ ist nicht das erste Schiff, das sich der Verein zugelegt hat. 2009 wurde die „Amara“ gebraucht gekauft und aufgemöbelt. Ihr Verkauf bildete den Grundstock für den Erwerb der „Bine“ vor drei Jahren – zum Neupreis von knapp 230 000 Euro. „Der Verein hat dafür über Jahre hinweg Geld angespart“, sagt Bruns, der sich wünschen würde, dass das Schiff noch häufiger gechartert würde. Segeln ist im Aufwind. „Das Meer wird immer voller, in den Häfen liegen immer häufiger Boote im Päckchen“, so Bruns.

Hohe Fixkosten

Zu den Anschaffungskosten für die „Bine“ kommen noch etwa 12 000 Euro Fixkosten pro Jahr hinzu, für Liegegebühren, den Hallen-Lagerplatz im Winter, Versicherungen, Reparaturen und Bootswart. Zumindest sind die von Bootsmietern zu zahlenden Hafengebühren im Ostsee-Revier der „Bine“ noch moderat. An der Ostsee komme man mit geringen zweistelligen Beträgen aus, berichtet Bruns. An den Hotspots im Mittelmeer seien die Gebühren um ein Vielfaches teurer.

Im Mittelmeer erfolgt die praktische Ausbildung der SHS für angehende Hochseesegler, die theoretische Ausbildung wieder ab Januar mit mehr als 15 Terminen im Haus des Göttinger Segelclubs am Kiessee. Die Theorie-Prüfung wird im April von Prüfern des Deutschen Segler-Verbandes im Rosdorfer Gemeindezentrum abgenommen, im Mai folgt die praktische Prüfung vor Elba. „Elba ist unser Hausrevier für die Ausbildung“, sagt Bruns. Wegen des bisweilen scharfen Windes auf der Ostsee sei man aufs Mittelmeer ausgewichen: „Auch dort kann es natürlich ruppig werden.“ Und wer an Bord eines schwankenden Schiffes stets den Affengang praktiziert hat, der kann auch mal gedankenverloren beim Landgang in eine gebückte Körperhaltung verfallen.

Immer mehr Deutsche werden Kapitän

Wer Skipper werden will, muss erst einmal viel lernen: Navigation, Technik, Wetterlagen, Vorfahrts- und Gefahrenregeln, Seezeichen, Seerecht und Seemannsknoten. Nicht nur beim Skipper, auch bei der Seemannschaft muss jeder Handgriff sitzen: Steuern, Ankern, Leinenführung, Rettungsmanöver. Die Ausbildungsmodule beim SHS sind vielschichtig, die Staffelung der Bootsführerscheine ist komplex. Für eine Segelyacht nicht ausreichend sind die Grundscheine, der Sportbootführerschein SBF-Binnen und SBF-See. Der SBF-See als Motorbootführerschein reiche rein rechtlich zwar auch fürs Segeln aus, sagt SHS-Vorsitzender Olli Bruns. Aus Versicherungsgründen seien aber Segel-Kenntnisse zu bestätigen. Weltweit qualifiziert, ein Sportboot unter Segel und Motor im 12-Seemeilen-Bereich zu führen, sei man mit dem Sportküstenschifferschein (SKS), für den erhebliche Kenntnisse verlangt werden. Weitere Steigerungen sind der Sportseeschifferschein (SSS) und der Sporthochseeschifferschein (SHS). Die Zahl der Führerscheine SBF-Binnen und -See steigt seit Jahren. Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums wurden 2008 mehr als 62 000 Sportbootführerscheine ausgestellt, 2016 bereits mehr als 90 000. Von Januar 2017 bis September 2018 wurden hingegen lediglich 22 Führerscheine entzogen – darunter 15 wegen Alkohols am Ruder. Auf See gelte 0,5 Promille, in Küstennähe kontrolliere die Wasserschutzpolizei, sagt Bruns. Beim traditionellen Captains Diner ist also ebenso Zurückhaltung angesagt wie bei Brücken-, Hafen- und Anlegebieren.

Von Kuno Mahnkopf

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