Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Thema des Tages Es geht nicht um Heldentaten
Thema Specials Thema des Tages Es geht nicht um Heldentaten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 10.11.2018
Zivilcourage-Test der Polizei. Quelle: Hinzmann
Göttingen, Göttingen

Bereits zum sechsten Mal wird der Göttinger Zivilcourage-Preis verliehen. Die öffentliche Verleihung ist am Donnerstag, 8. November, um 18 Uhr im Alten Rathaus. Das Preisgeld beträgt insgesamt 2 000 Euro. Die Laudationen zur Preisverleihung werden von Vertretern der Preisstifter (Bürgerstiftung Göttingen, Präventionsverein komm.pakt e.V., Stadtwerke, Lions Club Bettina von Arnim) und des Präventionsrates (Polizei Göttingen, Stadt Göttingen, komm.pakt.e.V) vorgenommen. Moderiert wird die Preisverleihung von Jaqueline Emmermann (Polizei Göttingen). Gastredner ist Christoph Rickels, der vor elf Jahren Opfer einer Gewalttat wurde, inzwischen die Initiative „First Togetherness“ ins Leben gerufen hat.

Preis neu konzipiert

Zivilcourage wörtlich Bürgermut, setzt sich aus den beiden Wörtern zivil (lateinisch civillis, 1. bürgerlich, 2. anständig, annehmbar) und courage (französisch Mut) zusammen. „Als ich 2011 hier angefangen habe, habe ich festgestellt, dass eine solche Initiative hier fehlt“, berichtet Stadtrat Siegfried Lieske. Er setzte sich vehement dafür ein, dass Menschen, die Zivilcourage zeigen, mehr wahrgenommen werden. 2013 wurde der Zivilcourage-Preis neu konzipiert, nachdem es zuvor schon einige Modelle gegeben hatte. Unter anderem im Jahr 2000 die Kampagne „Mut tut gut“. Das Projekt war über ein Jahr angelegt und lief ausgesprochen gut. „Die Aktion war vorbei, und damit schlief auch das Thema ein“, erinnert sich Christian Hölscher, Geschäftsführer der Jugendhilfe Göttingen.

Christian Hölscher. Quelle: r

Den Verantwortlichen geht es in erster Linie um Nachhaltigkeit, und aus diesem Grund werden die regelmäßigen Veranstaltungen einmal im Jahr sehr begrüßt. Partner wurden gesucht und gefunden. Sponsoren wie die Sparkasse Göttingen, der Lions Club Bettina von Arnim, die Göttinger Verkehrsbetriebe und die Stadtwerke erwiesen und erweisen sich immer noch als sehr verlässliche Partner.

Mehr Vorschläge willkommen

Nicht immer ganz leicht ist es für den Veranstalter, genügend Vorschläge für mögliche Preisträger zu bekommen. „Es gibt einfach Menschen, die mit ihren Taten nicht nach draußen gehen möchten“, weiß Hölscher aus Erfahrung. Ein entscheidendes Kriterium, um als möglicher Preisträger in Frage zu kommen, ist, dass ein Bezug zu Göttingen hergestellt werden kann.

Sehr schwer taten sich die Jury-Mitglieder mit der Auswahl der diesjährigen Preisträger. So lange wie in diesem Jahr hätten sie noch nie beraten, erklärten die Jury-Mitglieder. „Es wurde unglaublich hochwertig mit dem Thema Moral umgegangen“, sagt Hölscher. Und Lieske fügt hinzu: „ Nicht der, der am meisten riskiert, kriegt den ersten Preis.“

Es geht nicht um Heldentaten. Zivilcourage bedeutet auch, dass man sich traut, zu seiner eigenen Meinung zu stehen, auch wenn es

Siegfried Lieske. Quelle: Heller

vielleicht nicht die generell herrschende ist. Und auch dann noch dazu zu stehen, wenn einem daraus Nachteile entstehen. „Wer einmal verstanden hat, wie sehr wir einander brauchen, kann künftig nicht mehr leben, ohne sich um andere zu kümmern.“ Diesen Satz prägte Professor Dr. Gerald Hüther bei seiner Festrede 2016 in Göttingen. Die dauerhafte Umsetzung wäre mehr als wünschenswert, die Auseinandersetzung mit dem Thema ohnehin.

Einsetzen für Werte

„Zivilcourage meint nicht Tollkühnheit, meint nicht, sich selbst in Gefahr zu bringen. Zivilcourage meint den Mut, sich einzusetzen für Menschen, denen Unrecht geschieht, denen Leid zugefügt wird. Zivilcourage meint, sich einzusetzen für Werte, die unsere freiheitlich-demokratisch geprägte Gesellschaft zusammenhalten. Zivilcouragiertes Verhalten will nicht verurteilen, will nicht strafen. Zivilcourage will unterstützen, stärken, Wege aufzeigen. Zivilcourage lebt deshalb vom Gegenüber, Zivilcourage lebt vom du“, verdeutlicht Stadtrat Lieske.

Christoph Rickels wird weiterkämpfen

Christoph Rickels Quelle: r

In der Stimme von Christoph Rickels ist nicht die Spur von Bitternis zu entdecken. Vor elf Jahren ändert sich sein Leben von einer Minute zur anderen. Dass er noch lebt, ist mehr als ein Wunder. Nach einer Prügelattacke gegen ihn erleidet der damals 20-Jährige eine sechsfache Hirnblutung, liegt vier Monate lang im Koma.

Bei einem Besuch in einer Disco spendiert er einer jungen Frau ein Getränk, einfach nur so. Dies gefällt ihrem Freund allerdings überhaupt nicht. Vor der Lokalität lauert er ihm auf, schlägt ihm auf den Kopf. Unvorbereitet auf diese Attacke fällt er mit dem Kopf frontal auf den Steinboden.

Als er nach vier Monaten aus dem Koma erwacht, kann er nichts mehr, muss alles neu lernen. Resignieren, sich seinem Schicksal ergeben, kommt für den heute 31-Jährigen, der in Kassel lebt, überhaupt nicht in Frage. „So direkt habe ich nichts ans Aufgeben gedacht. Es gab immer mal Phasen, die schwerfällig waren“, erzählt Rickels. Das Wort „kämpfen“ hat in seinem Leben eine exponierte Stellung. „Es wird nur dann wieder schön, wenn ich weiterkämpfe“, sagt er. Gibt es denn Phasen, in denen es schon schön ist? „Es entwickelt sich“, äußert er sich sehr bedacht.

Alltag meistert er fast vollständig allein

Seinen Alltag meistert er fast vollständig allein. Lediglich zweimal die Woche kommt eine Haushaltshilfe, die ihn unterstützt. Und er ist schmerzfrei. Eine spastische Lähmung rechtsseitig und eine damit verbundene Fußheberschwäche handicapt ihn, aber auch damit hat er sich arrangiert. „Dann humpele ich eben.“

An sein früheres Leben kann sich Rickels nicht erinnern. „Ich weiß aus Quellen, dass ich Sportler war, Musik gemacht habe.“ Hat es je einen Kontakt zum Täter gegeben – bislang nicht. Rickels würde ein Treffen nicht ablehnen. „Es hätte ja keiner Nachteile davon. Und wahrscheinlich ginge es uns hinterher beiden besser.“ Gedanken wie Hass oder Wut kennt er in Zusammenhang mit den damaligen Geschehnissen nicht. „Ich bin gefragt worden, ob ich mein Leben wieder tauschen möchte?“ Es entsteht eine kleine Pause, dann ist die Stimme von Rickels ganz fest, als er sagt: „Ich will das nicht mehr tauschen, ich habe mir soviel aufgebaut.“

Aufgebaut, damit meint er vor allem auch seine Initiative „First Togetherness“. Dort engagiert er sich für Gewaltprävention, hat schon eine ganze Reihe prominenter Mitstreiter gewonnen. Die Bekanntschaft zu ihnen bedeutet ihm viel. Zum einen sind sie natürlich perfekte Multiplikatoren, zum anderen „öffnen sie auch neue Türen.“ In ganz Deutschland hält er in Schulen und Gefängnissen seine Vorträge, erzählt seine Geschichte. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, begegnet den Menschen auf Augenhöhe. Mucksmäuschenstill ist es, wenn er auf Veranstaltungen spricht. „Die Emotion ist der Schlüssel.“

Rickels wird weiterkämpfen, damit es in seinem Leben wieder schön wird, aber auch vor allem gegen Gewalt.

Präventionsveranstaltung an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule

Unterricht der etwas anderen Art wartet auf zwei Jahrgangsstufen der Geschwister-Scholl-Gesamtschule am Freitag, 9. November. Denn als Gast kommt Christoph Rickels zu ihnen, der Opfer einer Prügelattacke wurde, seitdem stark beeinträchtigt ist. Er hat mit „First Togetherness“ eine Initiative gegründet, die sich gegen Gewalt einsetzt. Von ihr und von seinem Leben nach dem Vorfall wird er sprechen, versuchen, die Schüler für das Thema noch weiter zu sensibilisieren. Um 7.50 Uhr geht es im Forum der GSG mit der Jahrgangsstufe zehn los, um 12.30 Uhr ist die Jahrgangsstufe neun an der Reihe.

Heike Anhalt-Brüggemann, Jahrgangsleiterin an der GSG, begrüßt die Präventionsveranstaltung sehr, setzen sie und ihre Kollegen sich ohnehin für ein positives Miteinander ein. „Wir haben eine Querschnittsaufgabe“, verdeutlicht sie. Eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Titel „Respekt“ wurde gegründet, vorerst bestehend aus Kollegen und Schülervertretern. Darüber hinaus ist Anhalt-Brüggemann auch im Vorstand des Präventionsvereins in Göttingen engagiert.

Von Vicki Schwarze

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Thema des Tages Initiative „First Togetherness“ - Christoph Rickels kämpft gegen Gewalt

Eine sechsfache Hirnblutung, vier Monate Koma – es ist ein Wunder, dass Christoph Rickels nach einer Prügelattacke noch lebt. Er kämpft sich zurück ins Leben und seitdem gegen Gewalt.

07.11.2018
Göttingen 7. November 1918 in Göttingen - Kriegsende, Hungersnot und Soldatenrat

Auch in Göttingen hat sich 1918 ein Soldatenrat gebildet. Mit dem Ende des 1. Weltkriegs und des Kaiserreichs setzten sich politische Kräfte durch, die mehr Rechte für die Bevölkerung forderten.

09.11.2018

Das geplante Sartorius-Quartier zwischen Weender Landstraße und Annastraße nimmt Formen an. Auf dem Gelände soll in zwei Jahren nach den Plänen von Sartorius-Chef Dr. Joachim Kreuzburg eine „Life Science Factory“ die Arbeit aufnehmen.

02.11.2018