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Thema des Tages Gezerre um katholische Gesamtschule
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00:17 28.04.2017
Von Kuno Mahnkopf
Soll jahrgangsweise auslaufen: die IGS St.-Ursula in Duderstadt. Quelle: Aib
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Duderstadt

Verunsicherte Schüler, Eltern und Lehrer, Appelle, Unterschriftenaktionen, emotionale Diskussionen und politischer Streit. Die Aufgabe einer Schule ist stets ein sensibles Thema. Mit- und Gegenspieler sind in diesem Fall ein Bistum, das mangels ausreichender Schülerzahlen und aus Kostengründen ein schulpolitisches Experiment aufgibt, ein Landkreis, der es nicht weiterführen will, eine Elterninitiative, die für den Erhalt der Schule kämpft, und die politischen Parteien.

Die Aussichten, dass der Landkreis die Trägerschaft übernimmt respektive eine neue IGS in Duderstadt aus der Taufe hebt, sind verschwindend gering. Die Elterninitiative IGS Duderstadt zeigt sich dennoch kämpferisch und zuversichtlich.

Durch die Entscheidung des Bistums, entgegen der ursprünglichen Absicht doch noch einmal neue Fünftklässler aufzunehmen und wie alle anderen Jahrgänge zum Abschluss zu bringen, fühlen sich die IGS-Fürsprecher beflügelt und schöpfen neue Hoffnung aus dem Zeitgewinn. Erfolgreich war eine Online-Petition der Initiative. Mit mehr als 2700 Unterschriften aus dem Landkreis wurde die nötige Stimmenzahl für ein sogenanntes Quorum als Druckmittel für Stellungnahmen erreicht.

Auch die im Kreistag vertretenen politischen Parteien haben sich positioniert – mit und ohne Zwischentöne. Das Problem sinkender Schülerzahlen bestehe weiter, meint CDU-Fraktionsvorsitzender Dr. Harald Noack und lehnt eine IGS-Trägerschaft des Landkreises ab. Falls in Duderstadt eine staatliche IGS aufgebaut würde, wäre die gut funktionierende Schullandschaft mit Gymnasium, Real- und Hauptschule gefährdet.

Für die Übergangsphase begrüßt Noack, dass das Bistum noch einen Jahrgang aufnehme. Dafür habe sich auch der CDU-Landtagsabgeordnete Lothar Koch eingesetzt. Immerhin werde die Schule nicht ad hoc geschlossen, sondern laufe sukzessive aus.

Von Anfang an skeptisch gewesen ist die SPD, die vor sieben Jahren scharfe Kritik an den Plänen des Bistums geäußert hat, die St.-Ursula-Schule in eine Gesamtschule umzuwandeln. Den Status der Schule hat Reinhard Dierkes (SPD) damals mit dem der Privatschule von Popsängerin Nena verglichen und vor Erwartungen gewarnt, die nicht eingelöst werden könnten. 

Im Kreistag beantragt die Gruppe SPD/Grüne/Freie Wählergemeinschaft jetzt eine Elternumfrage zur Weiterentwicklung der  Schullandschaft im gesamten Kreisgebiet. In der Begründung wird auch auf die zunehmende Nachfrage nach Gesamtschulen verwiesen – insbesondere nach einer IGS im nordöstlichen Kreisgebiet. Der Antrag ziele aber nicht speziell auf Gesamtschulen ab, sondern einen belastbaren Schulentwicklungsplan, sagt Dierkes.

Für den Erhalt der Schule haben Eltern Unterschriften gesammelt.

Auf die Seite der IGS Duderstadt geschlagen hat sich im Kreistag eine ungewöhnliche Allianz kleiner Parteien. Die Gruppe Linke/Piraten/Die Partei will den Landkreis zu Verhandlungen mit dem Bistum über eine Trägerschaft auffordern, die frühestens zum Schuljahresbeginn 2018/19 möglich sei. Ergebnisoffene Verhandlungen des Landkreises mit dem Bistum und eine Elternbefragung zur Gründung einer IGS am Standort Duderstadt fordert die FDP-Kreistagsfraktion. Das Bistum habe sich durch den Verzicht auf Schulgeld und die Aufnahme von Fünftklässlern eindeutig auf den Landkreis zubewegt, heißt es in der Antragsbegründung.

 Bei dem Schulgeld handelt es sich allerdings um ein Missverständnis. Bistum und Schulleitung bestätigten am Dienstag, dass es bei dem von Anfang an erhobenen Schulgeld von monatlich 45 Euro inklusive Schulbuchausleihe bleiben werde.

Noch offen ist, wie es mit dem Modellprojekt Inklusiver Campus, in das die St.-Ursula-Schule einbezogen werden sollte, in Duderstadt weitergeht. Daran knüpfen sich ebenso Hoffnungen wie an das erweiterte Kreisgebiet nach der Fusion. IGS-Elternvertreter Ulrich van Almsick hat mehrfach betont, dass die IGS als Zukunftsmodell für Duderstadt und den östlichen Landkreis unverzichtbar sei.

Hohe Investitionen für Schulgebäude
Bis ins Jahr 1700 reicht die Schultradition der Ursulinen in Duderstadt zurück. Zwangsweise unterbrochen wurde die „Mädchenbildung“ im Kulturkampf und in der NS-Zeit. In der Weimarer Republik wurden auch Lehrerinnen in Duderstadt ausgebildet, im Krieg diente die Schule als Lazarett, in der Nachkriegszeit wurde sie als Gymnasium und Realschule für Mädchen weitergeführt, zusätzlich eine Landfrauenschule etabliert, berichtet Ingeborg Wirz.

Als Gymnasium und Realschule für Mädchen – bis Ende der 1960er-Jahre mit Internat – bestand die Schule bis 1973, ein Jahr später übernahm das Bistum Hildesheim die Gebäude als Mieter. Bis 2004 wurde die St.-Ursula-Schule dann als katholische Hauptschule mit Orientierungsstufe geführt, nach Abschaffung der Orientierungsstufe ab 2004 als Haupt- und Realschule und seit 2010 als IGS.

 Noch bis zum Sonnabend läuft an der Schule die Anmeldewoche für die neuen Fünftklässler. Das Bistum hat in den vergangenen Jahren eine siebenstellige Summe in die Sanierung von Turn- und Gymnastikhalle, Mensa, barrierefreie Toiletten und IT-Technik investiert, um die Attraktivität der Schule zu steigern. Die Schülerzahl ist von anfangs 453 auf derzeit 338 Schüler gesunken.

 

Landrat Bernhard Reuter (SPD) im Interview

Tageblatt: Sehen Sie noch eine Zukunftsperspektive für eine IGS in Duderstadt?

Reuter: Für die IGS in Trägerschaft des Bistums gibt es keine Zukunftsperspektive, wenn das Bistum an der Schließung festhält. Für eine IGS in Trägerschaft des Landkreises gibt es sie realistisch betrachtet nur dann, wenn das dreigliedrige Schulsystem aufgehoben wird. Mindestens Haupt- und Realschule, eigentlich auch das Gymnasium, müssten geschlossen werden.

Deshalb ist das eine Frage von fundamentaler Bedeutung für die Stadt Duderstadt. Ich werde dem Kreistag keine Neugründung einer IGS gegen den Willen des Rates der Stadt vorschlagen. Würde der Landkreis gegen den Willen der Stadt handeln, würde das am Ende nur den Schulen, den Schülerinnen und Schülern und den Eltern schaden. Ich vermute, dass eine große Mehrheit des Kreistags das auch so sieht.

Warum kann oder will der Landkreis nicht die Trägerschaft für die IGS St. Ursula übernehmen?

Der Landkreis darf aus schulrechtlichen Gründen die IGS St. Ursula nicht übernehmen. Wir müssten eine IGS neu gründen. Die Voraussetzung dafür ist laut Verordnung: vier Klassen mit mindestens 96 Schülerinnen und Schülern pro Jahrgang. Im vergangenen Jahr hat die Schule 44 Schüler in zwei Klassen aufgenommen. Das ist der Hintergrund meiner Einschätzung, dass die Neugründung einer IGS nur zu Lasten des dreigliedrigen Schulsystems in Duderstadt möglich ist – beides nebeneinander geben die Schülerzahlen nicht her.

Deshalb ist es ehrlich zu sagen: Die IGS St. Ursula läuft aus. Wer die rechtlichen und praktischen Tatsachen verschweigt, wer den Eindruck erweckt, es könne und werde unter dem Dach des Landkreises schon irgendwie weitergehen, der täuscht Eltern und Schüler.

Könnte eine Elternbefragung noch zu einer Kehrtwende führen?

Dafür müsste die Elternbefragung zu dem Ergebnis führen, das ich eben beschrieben habe – vier Klassen mit mindestens 96 Schülern pro Jahrgang. Das ist die rechtliche Seite. Politisch ist für mich die Auffassung der Stadt Duderstadt mit entscheidend. Ich wiederhole das: Nur wenn sich der Rat der Stadt für die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems ausspricht, werde ich in der Konsequenz dem Kreistag die Neugründung einer IGS vorschlagen.

Gibt es Erwägungen, unter Berücksichtigung des Harzraumes anderswo im östlichen Landkreis eine IGS einzurichten, wie es viele Eltern wünschen?

Der Kreistag wird sich am Mittwoch mit einer Überprüfung des Schulangebotes befassen und hat dabei ausdrücklich die Frage eines Gesamtschulangebots im Bereich des Altkreises Osterode im Blick. Über die Einrichtung einer Gesamtschule entscheidet der Kreistag. In diesem Zusammenhang eine Öffnung der Schulbezirke zu erwarten, wäre jedoch unrealistisch, die Mehrheit im Kreistag hat sich bereits dagegen ausgesprochen.

Das Interview führte Andreas Mahnkopf

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