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„In Göttingen haben andere schon gekämpft“

Erfolgreiche Inklusion „In Göttingen haben andere schon gekämpft“

Wenn Anne Seidler über Göttingen spricht, schwärmt sie: „Hier haben andere schon für uns gekämpft und hier sieht man, wie es funktionieren kann.“ Vor sechs Jahren sind Seidlers nach Göttingen gekommen, damit ihr Sohn Henrik in einer Regelschule optimal gefördert wird. Der 15-Jährige hat das Down-Syndrom und braucht besondere Unterstützung.

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Henrik geht gerne an die IGS-Geismar, „da geht es mir Gut“.

Quelle: Foto: Mischke

Göttingen, Göttingen. Wenn Anne Seidler über Göttingen spricht, schwärmt sie: „Hier haben andere schon für uns gekämpft und hier sieht man, wie es funktionieren kann.“ Vor sechs Jahren sind Seidlers nach Göttingen gekommen, damit ihr Sohn Henrik in einer Regelschule optimal gefördert wird. Der 15-Jährige hat das Down-Syndrom und braucht besondere Unterstützung.

„Wir haben selbst so viel gekämpft“, sagt Anne Seidler im Rückblick, und einen kleinen Moment stockt ihre sonst so fröhlich-optimistisch klingende Stimme. Diese Kämpfe liegen mehr als neun Jahre zurück, als Seidlers noch in Freiburg im Breisgau gelebt und verzweifelt eine Schule für ihren Sohn Henrik gesucht haben. In Baden-Württemberg war für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ausschließlich Unterricht in speziellen Förderschulen vorgesehen. „Integration lief nur an einzelnen Schulen mit Sondergenehmigung und im Rahmen von Schulversuchen“, erinnert sich Seidler. Für sie und ihren Mann Jochen eine untragbare Situation. „Ich möchte keine Sonderrolle für mein Kind“, sagt Anne Seidler. „Und ich will, dass Henrik später da draußen im Alltag zurecht kommt“, fügt sie an, „Lernen kann er das nur unter weitgehend normalen Bedingungen - auch in der Schule“.

Die habe es in Baden-Württemberg nicht gegeben. Als die „Zwangseinschulung in die örtliche Sonderschule“ in Freiburg drohte, schulten Seidlers ihren Sohn trotz entzogener Sondergenehmigung – wie lange geplant – an der Waldorfschule ein. Es folgte „ein anstrengender Kampf“ inklusive gerichtlicher Auseinandersetzungen. Als drei Jahre Später ein Wechsel des Vaters in seinem Beruf als Wirtschaftsingenieur anstand, hatte die Familie die Wahl: Umzug nach Erfurt, Kassel oder Göttingen. Sie fiel nach intensiver Recherche und Gesprächen mit anderen Eltern auf Göttingen, „weil hier die Situation für unseren Sohn so viel einfacher war“.

Eine Annahme, die sich voll bestätigt habe: In Göttingen gab es gleich mehrere Schulen, die bereits seit Jahrzehnten integrativ arbeiteten, so Seidler, selbst Lehrerin an einem Gymnasium. „Und auf dem zuständigen Amt begegnete man uns freundlich und unterstützend - das hatten wir bisher noch nicht erlebt.“ Henrik erhielt „unkompliziert“ einen Platz in einer 3. Klasse an der Brüder-Grimm Grundschule und lernte überraschend schnell lesen.

Seit vier Jahren besucht er die IGS Geismar. „Da geht es mir gut“, sagt der 15-Jährige mit verschmitztem Lächeln. Begeistert zeigt er auf dem Schul-IPad seinen Bericht über sein Praktikum in einem Altenheim, erzählt von seinen Streichen in den Pausen, seiner neuen Schulbegleiterin, die ihn im Schulalltag unterstützt, und von seinen Melde-Karten. Die anderen Kinder in der Klasse haben sie mit ihm gemeinsam erarbeitet. Mit ihnen signalisiert er, ob er etwas Lustiges erzählen will oder einen ernsten Beitrag zum Unterrichtsthema hat.

„Auch an dieser Schule haben wir erlebt, dass Inklusion machbar ist und gut gelingen kann“, sagt Seidler. Dort werde der 15-Jährige gefördert, aber auch gefordert. Entscheidend dafür sei, dass die Rahmenbedingungen stimmen: ausreichende Versorgung mit Förderpädagogen und Schulbegleitern und eine angemessene räumliche Ausstattung. Göttingen sei Vorreiter - auch in anderen Bereichen. Vom guten Schulangebot in der Stadt profitierten auch Henriks 17-jähriger Bruder und seine beiden Schwestern (acht und zehn Jahre alt).

Seidlers haben zunehmend aber auch die Sorge, dass die positive Grundstimmung in Göttingen kippen könne. Niedersachsen versuche die Inklusion an Schulen durchzudrücken, ohne die Lehrer und Pädagogen ausreichend zu unterstützen. Darunter würden auch andere Kinder in den Klassen leiden und die Inklusion werde auch bei Eltern zunehmend als etwas Belastendes wahrgenommen. „Das Problem ist nicht die Idee der Inklusion“, sagt Henriks Mutter, „fatal ist der Versuch, dafür kein Geld in die Hand nehmen zu wollen.“

Familie zieht wegen Schulplatz nach Göttingen

Es sind zwei ausgelassene Kinder, die auf dem Piratenschiff herumtollen. Nur wer genau hinschaut, bemerkt, dass die siebenjährige Frieda ein besonderes Mädchen ist. Frieda hat das Down-Syndrom. Damit sie eine Regelschule besuchen kann, sind ihre Eltern von Leipzig nach Göttingen gezogen.

Frieda und ihr Bruder Milo (4) haben zuvor einen integrativen Kindergarten und eine integrative Krippe in Leipzig besucht. Nur: „Einen Platz in einer Regelschule hätten wir für Frieda dort nicht bekommen”, sagt Ramona Jelinek-Menke, die Mutter der beiden Kinder. Seit einigen Tagen ist Frieda stolze Schülerin der Klasse 1a der Adolf-Reichwein-Schule. „Ich möchte gerne Freunde finden, aber erst mal gucken”, sagt Frieda. Wenn sie spricht, muss man gut hinhören, ihre Sprache klingt ein wenig verwaschen. Kein Problem für den gesunden Milo und für Friedas Eltern. „Die Kinder in der Kita haben sie auch gut verstanden”, sagt Christian Jelinek. „Frieda will alles lernen, sie steckt sich jetzt schon Ziele”, sagt Jelinek-Menke. „Ich möchte ‘Bibi und Tina’ lesen”, sagt das Mädchen. Ein Grund mehr, warum die Eltern ihre Tochter nicht auf eine Förderschule, sondern auf eine normale Schule schicken.

Von Leipzig nach Göttingen gezogen

Von Leipzig nach Göttingen gezogen: Familie Jelinek.

Quelle: Arne Bänsch

In Göttingen gehen rund 56 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf aus Regelschulen, bundesweit sind es 41. „Ich möchte, dass meine Tochter die gleichen Rechte und Chancen wie alle anderen Kinder auch hat”, sagt ihre Mutter. In Leipzig gab es kleinen Platz für Frieda. „Integration ist Ländersache”, sagt Jelinek, der selbst Lehrer ist. „Wir hätten dagegen klagen können, aber wenn eine Schule mein Kind nicht will, dann will ich mein Kind nicht auf diese Schule schicken”, sagt seine Frau.

Die Jelineks haben sich beim Studieren in Göttingen kennengelernt. „Schon damals haben wir Göttingen als bunte und offene Stadt kennengelernt”, sagt Jelinek-Menke. Der Dresdener und die Hamburgerin zogen nach dem Studium gemeinsam nach Leipzig, er arbeitete als Lehrer, sie an der Universität. Frieda wurde noch in Göttingen geboren, Milo bereits in Leipzig. Frieda hat Trisomie 21 und ist ein Kind, das einen besonderen Förderbedarf hat – das stellte ein Amtsarzt fest. „Damit wäre sie in Leipzig auf eine Förderschule gekommen”, so die Eltern. Das aber wollten und wollen die Eltern nicht. Also beschlossen sie, nach Göttingen zu ziehen.

Christian Jelinek bewarb sich und bekam eine Stelle an der IGS in Bovenden. Jelinek-Menke ist mit ihrem Forschungsstipendium als Sozialwissenschaftlerin nicht an einen Ort gebunden. „Der Umzug musste erst einmal klappen, aber bei uns hat es funktioniert”, sagt die Mutter. Friedas Schule hat den Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung”. Die Ausstattung der Schule passe gut. Die Jelineks wollen keine „getrennten Welten”, sie wollen, dass ihre Kinder, wie schon zuvor in der Kita, weiter gemeinsam mit behinderten und nicht behinderten Kindern lernen und aufwachsen. Freunde in Leipzig, so erzählt Jelinek-Menke, die ebenfalls ein Trisomie-21-Kind haben, wurden gerade an allen Regelschulen abgelehnt. Ramona Jelinek-Menke: „Die Entscheidung, nach Göttingen zu ziehen, war richtig.”

Von Ulrich Schubert

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