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08:12 13.02.2018
Teilnehmer eines Treffens von Nierenpatienten in Nicaragua. Quelle: Leineweber / r
Göttingen

Seit 30 Jahren setzt sich der Göttinger Nicaragua-Verein für die Belange der Menschen in Nicaragua ein. Von Trinkwasserprojekten über Kulturarbeit bis hin zur Vermittlung von Freiwilligen, die vor Ort helfen, hat der Verein viele Aktionen für die Menschen in dem mittelamerikanischen Land durchgeführt. Ein derzeit im Fokus stehendes Thema ist das häufig auftretende plötzliche Nierenversagen von Arbeitern, die auf den Zuckerrohrfeldern harte Arbeit verrichten.

Erst vor wenigen Tagen sei ein erst 25-jähriger Arbeiter gestorben, berichtet Anna Leineweber, Vorsitzende des Göttinger Nicaragua-Vereins, die regelmäßig nach Nicaragua reist. Er sei federführend dabei gewesen, eine Selbsthilfegruppe für andere Betroffene zu etablieren. Doch sein trauriger Fall sei kein Einzelschicksal: Allein im Jahr 2016 seien etwa 100 Feldarbeiter an Nierenversagen gestorben. La Paz Centro liege mittlerweile auf dem zweiten Platz bei Erkrankungen und Todesfällen – landesweit. Hilfe könnten die Familien kaum erwarten. Viele seien „bettelarm“ und müssten neben dem Schmerz, einen Angehörigen verloren zu haben, auch noch mit den Beerdigungs- und Transportkosten kämpfen, erläutert Leineweber. Als Auslöser für die häufigen Erkrankungen sieht die Vereinsvorsitzende den extremen Einsatz von Chemikalien, und auch das Wasser sei kontaminiert. Dabei sei es vor allem für Nierenkranke wichtig, ausreichend viel zu trinken. Leineweber macht auch internationale Großkonzerne für die Situation der Arbeiter mitverantwortlich, denn diese betrieben viele Großplantagen für eine „ausschließlich auf den Export ausgerichtete Landwirtschaft.“ Die Arbeiter würden nicht für den Umgang mit den Chemikalien geschult, und auch an Schutzbekleidung fehle es.

Dreimal wöchentlich zur Dialyse

Die Patienten müssten dreimal pro Woche zur Dialyse fahren, so Leineweber. Die Fahrten zur Blutwäsche seien „eine Tortur“. Denn die Blutwäsche dauere jeweils vier Stunden; auf dem Weg ins Krankenhaus müssten die Erkrankten mehrmals umsteigen und nach dem Eingriff natürlich auch wieder zurückkommen. Der Göttinger Nicaragua-Verein finanziere die Fahrten für die Patienten; für eine längerfristige Sicherstellung des Transports sei es aber sinnvoll, einen Mikro-Bus anzuschaffen. Dieser koste 35000 Euro. Der Verein habe ein Spendenkonto eingerichtet und hoffe auf zahlreiche Zuwendungen – denn nicht nur das Auto müsse finanziert werden, sondern auch die Spritkosten und der Fahrer mit entsprechender Personenbeförderungserlaubnis. Die Göttinger Linken-Ratsfraktion, die SPD, die Grünen, die Ratsgruppe von Piraten und Partei sowie Ratsherr Torsten Wucherpfennig (Antifa-Linke) haben einen interfraktionellen Ratsantrag gestellt, über den der Rat der Stadt noch abstimmen muss, erklärt Leineweber. Sie hoffe, dass die 35000 Euro zur Anschaffung des Busses übernommen werden. Es müsse aber nicht nur die Versorgung der Erkrankten gesichert werden, so Leineweber. Vielmehr gehe es darum, Neuerkrankungen zu verhindern. Deshalb hoffe sie, durch Gespräche mit Fachärzten Tipps zur richtigen Medikation und Ernährung zu erhalten, die sie an die Betroffenen weitergeben könne.

Der Arm eines Patienten nach zwei Jahren Dialyse und Blutwäsche. Quelle: r

„Ich mache, was ich kann“

Die 73-Jährige, die 35 Jahre als Lehrerin an der Göttinger IGS gearbeitet hat, denkt nicht ans Aufhören. „Ich mache das, was ich kann“, sagt sie – und freut sich darüber, dass sie für ihren Einsatz für die Menschen in Nicaragua im vergangenen Jahr mit dem Ehrenamtspreis für nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit der niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung ausgezeichnet wurde. Aktuell beschäftige sich Verein mit der Beschaffung von Wasser mithilfe von solarbetriebenen Pumpen. Zwischen 2016 und 2017 hätten etwa 100 Familien mithilfe der Pumpen an eine zentrale Wasserversorgung angeschlossen werden können. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte habe der Göttinger Nicaragua-Verein viele Beziehungen zu anderen Vereinen und Nicht-Regierungsorganisationen aufbauen können, die Vernetzung funktioniere „sehr gut“, so Leineweber. Mit einfachen Mitteln „viel für so viele Menschen erreichen“, sei immer wieder die treibende Kraft in den Projekten. Sie freue sich auch darüber, Frauen, die als Tortilla-Bäckerinnen ihren Lebensunterhalt bestreiten, durch den Bau verbesserter Öfen helfen zu können. Auch dieses Projekt werde von der Bingo-Umweltstiftung gefördert. „Die Frauen sind begeistert“, sagt Leineweber – und durch den geringeren Holzverbrauch und verminderte Rauchentwicklung werde auch der Umweltaspekt nicht außer Acht gelassen. Auf seiner Internetseite listet der Verein zudem viele weitere durchgeführte Projekte auf, unter anderem im Bereich der Gewaltprävention im familiären Bereich. Seit 2008 habe der Verein zudem „85 Weltwärts-Freiwillige in unsere Projekte in La Paz Centro Nicaragua entsandt. Sie wurden von uns vor- und nachbereitet“. Neu ist auch das Projekt zum Gemüseanbau auf der Modell-Finca „San Roque“ mit solargestützter Bewässerung. Hier können landlose Bauern Gemüse, Mais und Flor de Jamaica für den eigenen und lokalen Bedarf produzieren.

Gemüseanbau auf der Modell-Finca „San Roque“ Quelle: Leineweber / r

Solidaritätsvereinbarung abgeschlossen

Seit Oktober 1989 besteht zwischen der Stadt Göttingen und La Paz Centro in Nicaragua eine Solidaritätsvereinbarung, die unter anderem „einen umfassenden Austausch von Informationen Erfahrungen und Initiativen auf sozialem und kulturellem Gebiet, sowie im Bereich der Verwaltung“ vorsieht. Jährlich erhält der Nicaragua-Verein 2500 Euro von der Stadt Göttingen, berichtet Leineweber. Die Vereinbarung wurde seinerzeit zwischen Göttingens damaligem Oberbürgermeister Arthur Levi, Oberstadtdirektor Hermann Schierwater und dem damaligen Bürgermeister von La Paz Centro, Segundo Toruno Munguia, unterzeichnet. Diese Solidaritätsvereinbarung lässt sich aber nicht mit den bestehenden Städtepartnerschaften vergleichen, die Göttingen mit Torun in Polen, Cheltenham in England, Pau in Frankreich oder der Lutherstadt Wittenberg unterhält. Vielmehr solle die Verbindung zwischen Göttingen und La Paz Centro als „eine Art Entwicklungspartnerschaft“ fortgeführt werden, wie es im Konzept der Städtepartnerschaften der Stadt Göttingen heißt.

Zudem besteht zwischen den Städten eine Klimapartnerschaft, „die aber aus unserer Sicht bisher nicht so richtig Fahrt aufgenommen hat“, erklärt Stefanie Ahlborn, stellvertretende Verwaltungssprecherin der Stadt Göttingen. Die Mitwirkung der Verwaltung von La Paz Centro gestalte sich „leider eher zäh“. So habe der angestrebte Förderantrag für eine Nachhaltige Kommunalentwicklung durch Partnerschaftsprojekte „wegen fehlender Fakten und Daten aus La Paz Centro“ beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bisher nicht gestellt werden können. Sollte das Programm Ende 2018 wieder neu aufgelegt werden, „werden wir diesbezüglich einen neuen Versuch starten“, so Ahlborn.

Von Maren Iben

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