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Thema des Tages Christoph Rickels kämpft gegen Gewalt
Thema Specials Thema des Tages Christoph Rickels kämpft gegen Gewalt
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16:30 07.11.2018
Christoph Rickels. Quelle: r
Göttingen

In der Stimme von Christoph Rickels ist nicht die Spur von Bitternis zu entdecken. Vor elf Jahren ändert sich sein Leben von einer Minute zur anderen. Dass er noch lebt, ist mehr als ein Wunder. Nach einer Prügelattacke gegen ihn erleidet der damals 20-Jährige eine sechsfache Hirnblutung, liegt vier Monate lang im Koma.

Bei einem Besuch in einer Disco spendiert er einer jungen Frau ein Getränk, einfach nur so. Dies gefällt ihrem Freund allerdings überhaupt nicht. Vor der Lokalität lauert er ihm auf, schlägt ihm auf den Kopf. Unvorbereitet auf diese Attacke fällt er mit dem Kopf frontal auf den Steinboden.

Schwerfällige Phasen

Als er nach vier Monaten aus dem Koma erwacht, kann er nichts mehr, muss alles neu lernen. Resignieren, sich seinem Schicksal ergeben, kommt für den heute 31-Jährigen, der in Kassel lebt, überhaupt nicht in Frage. „So direkt habe ich nichts ans Aufgeben gedacht. Es gab immer mal Phasen, die schwerfällig waren“, erzählt Rickels. Das Wort „kämpfen“ hat in seinem Leben eine exponierte Stellung. „Es wird nur dann wieder schön, wenn ich weiterkämpfe“, sagt er. Gibt es denn Phasen, in denen es schon schön ist? „Es entwickelt sich“, äußert er sich sehr bedacht.

Seinen Alltag meistert er fast vollständig allein. Lediglich zweimal die Woche kommt eine Haushaltshilfe, die ihn unterstützt. Und er ist schmerzfrei. Eine spastische Lähmung rechtsseitig und eine damit verbundene Fußheberschwäche handicapt ihn, aber auch damit hat er sich arrangiert. „Dann humpele ich eben.“

Kein Kontakt zum Täter

An sein früheres Leben kann sich Rickels nicht erinnern. „Ich weiß aus Quellen, dass ich Sportler war, Musik gemacht habe.“ Hat es je einen Kontakt zum Täter gegeben – bislang nicht. Rickels würde ein Treffen nicht ablehnen. „Es hätte ja keiner Nachteile davon. Und wahrscheinlich ginge es uns hinterher beiden besser.“ Gedanken wie Hass oder Wut kennt er in Zusammenhang mit den damaligen Geschehnissen nicht. „Ich bin gefragt worden, ob ich mein Leben wieder tauschen möchte?“ Es entsteht eine kleine Pause, dann ist die Stimme von Rickels ganz fest, als er sagt: „Ich will das nicht mehr tauschen, ich habe mir soviel aufgebaut.“

Aufgebaut, damit meint er vor allem auch seine Initiative „First Togetherness“. Dort engagiert er sich für Gewaltprävention, hat schon eine ganze Reihe prominenter Mitstreiter gewonnen. Die Bekanntschaft zu ihnen bedeutet ihm viel. Zum einen sind sie natürlich perfekte Multiplikatoren, zum anderen „öffnen sie auch neue Türen.“ In ganz Deutschland hält er in Schulen und Gefängnissen seine Vorträge, erzählt seine Geschichte. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, begegnet den Menschen auf Augenhöhe. Mucksmäuschenstill ist es, wenn er auf Veranstaltungen spricht. „Die Emotion ist der Schlüssel.“

Rickels wird weiterkämpfen, damit es in seinem Leben wieder schön wird, aber auch vor allem gegen Gewalt.

Von Vicki Schwarze

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