Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Thema des Tages Inklusion: Wo klappt sie - was fehlt?
Thema Specials Thema des Tages Inklusion: Wo klappt sie - was fehlt?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 13.09.2017
Nele Kohlrautz (3) Quelle: Mischke
Gieboldehausen

Die elfjährige Antonia geht auf die KGS Gieboldehausen. Ihre Mutter Christine Nolte erhielt schon in der Schwangerschaft die Diagnose, dass ihre Tochter das Down-Syndrom habe. Antonia wurde also noch vor dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention geboren. „Damals war vor allem Eigeninitiative gefragt, um sich über sozialmedizinische Nachsorge, Frühförderung oder Kindergärten mit Integrationsgruppen zu informieren“, sagt Nolte, die als Kinderkrankenschwester in Göttingen arbeitet. Der Gieboldehäuser Kindergarten St. Antonius verfügte zwar schon damals über eine Integrationsgruppe (I-Gruppe), aber eine Krippe gab es noch nicht. Und zur Einschulung stellte sich für die Eltern die Frage, ob Antonia auf die Förderschule oder die Grundschule gehen sollte.

Es hapert an der Umsetzung

„Ein Umdenken in Richtung Inklusion hat sicherlich schon stattgefunden, aber die Umsetzung ist noch zu langsam“, sagt Andrea Holzapfel, Leiterin der Kreisgruppe Duderstadt des Blinden und Sehbehindertenverbandes Niedersachsen. Holzapfel setzt sich seit Jahren für die Inklusion von Sehbehinderten vor allem im Eichsfeld ein. Bei baulichen Maßnahmen würde inzwischen vermehrt auf Barrierefreiheit geachtet werden, hat sie festgestellt. Und auch im Kultur- und Freizeitbereich habe beispielsweise die Stadt Duderstadt schon einige Angebote wie den Audio Guide, den auch Sehbehinderte für Stadtführungen und Wandertouren nutzen könnten. Dennoch könnten Menschen mit Behinderungen an vielem nicht teilnehmen, weil sie niemanden haben, der ihnen beim Erreichen von Veranstaltungen, Gebäuden oder Läden hilft. ny

„Bei uns war das schon alles geebnet“, sagt Michael Kohlrautz, dessen dreijährige Tochter Nele ebenfalls das Down-Syndrom hat. Als Nele geboren wurde, gab es eine Krippe, die I-Gruppe, eine Down-Selbsthilfegruppe in Gieboldehausen – und auch die Schulfrage war geklärt: Seit 2013 müssen alle Grundschulen in Niedersachsen Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Schwerpunkt Lernen aufnehmen. Bei anderen Förderschwerpunkten dürfen Eltern wählen, ob ihr Kind eine Regelschule oder eine Förderschule besuchen soll. Parallel läuft aber das Modell der bisherigen Förderschule aus, sodass bis 2024 alle behinderten Kinder an Regelschulen mit sonderpädagogischer Unterstützung unterrichtet werden. Die Eltern von Nele und Antonia finden die Inklusion gut und loben, dass viele Aspekte in Gieboldehausen schon vorbildlich umgesetzt werden.
Antonia wird an der KGS von der Sonderpädagogin Sandra König im schulischen Bereich gefördert, wo das Mädchen mehr Unterstützung als ihre Klassenkameraden braucht. „Die Inklusion bedeutet mehr Arbeit für die Lehrer, die schon bei der Erstellung von Arbeitsblättern und Konzepten immer mehrere Varianten parat haben müssen“, sagt König. Sie wünscht sich für die Lehrer aller Schulformen mehr Möglichkeiten zur Fortbildung, was beim akuten Lehrermangel aber schwer umzusetzen sei, da wegen Fortbildung fehlendes Personal kaum zu ersetzen sei.

Rechte und Teilhabe

2009 ist in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Damit wurde das erste universelle Rechtsinstrument für die Menschenrechte der weltweit rund 650 Millionen Behinderten geschaffen. Grundfreiheiten und gleichberechtigte Teilhabe an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und der Bildung sind darin beinhaltet. Zu Menschen mit Behinderung zählen alle, die langfristige körperliche, seelische oder geistige Sinnesbeeinträchtigungen haben. ny 

Die Frage von Eltern, ob nicht die Kinder ohne Behinderung in Integrationsklassen beim Lernen gebremst würden, stehe manchmal im Raum. Die Sorgen seien zwar verständlich, da alle Eltern sich die beste Bildung für ihr Kind wünschten, allerdings unbegründet, meint König. „Die Kinder mit Förderbedarf werden so unterstützt, dass sie beim Tempo der gesamten Klasse mitkommen, nicht umgekehrt. Dafür gibt es ja die Sonderpädagogen an den Regelschulen. Zusätzlich wächst die Zahl der Schulbegleiter, die die Kinder im Schulalltag unterstützen, wo immer es nötig wird, vom Toilettengang bis zum Buseinstieg“, erklärt die Lehrerin. Die Vorteile einer Integrationsklasse ließen sich ebenfalls schon beobachten. Nicht nur das behinderte Kind lerne von den anderen – die anderen übten Rücksichtnahme, Toleranz, Sensibilität und Sozialverhalten, was auch alles wichtige Aspekte im späteren Berufsleben seien, sagt König.
Soweit ist auch Nolte mit der bisherigen Inklusion zufrieden. „Schwierig ist es allerdings, wenn die Kinder auf die weiterführenden Schulen kommen. Mit Beginn der Pubertät entsteht eine Schere zwischen bisherigen Freunden“, sagt die Mutter. In einer ländlichen Region sei es immer noch schwierig, für ein behindertes Kind altersentsprechende Freizeitgestaltung zu finden. Antonia ist zwar Mitglied bei den Pfadfindern, dennoch sei das Angebot bei Freizeitaktivitäten für Teenager mit Behinderung eher spärlich, regt Nolte Verbesserungen an.
Um sich gegenseitig auszutauschen, Informationen weiterzugeben und sich zu unterstützen, wurde eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern mit Down-Syndrom gegründet. Die trifft sich jeden zweiten Mittwoch im Monat von 15 bis 17.30 Uhr in den Räumen der Kindertagesstätte St. Antonius an der Laurentiusstraße in Gieboldehausen. „Die Inklusion ist noch nicht perfekt umgesetzt und kann verbessert werden, aber sie muss auf jeden Fall weitergehen“, sagt Nolte.

Rechte und Teilhabe

„Die Schulen sind auf dem Weg, Inklusion umzusetzen“, sagt Bernward Theele. Der Pensionär ist seit 2016 als Schulbegleiter an einer Göttinger Schule im Einsatz. Das Jugendamt und andere Institutionen stellen Kindern, die seelische, körperliche oder geistige Probleme haben oder verhaltensauffällig sind, nach entsprechender Diagnose durch einen Facharzt, einen Schulbegleiter an die Seite, der den Schülern hilft, den Schulalltag zu meistern. Theele begleitet von allem Kinder mit seelischen Problemen.

Der Schulbegleiter hilft im Schulalltag

Positives zur Inklusion

„Ich beobachte, dass immer mehr Schulbegleiter eingesetzt werden. Das ist sehr positiv. Viele Kinder zeigen heute Verhaltensauffälligkeiten, und dagegen wird an den Schulen zunehmend etwas getan“, so sein positives Feedback zur Inklusion. Aber in einigen Bereichen würde sich Theele weitere Verbesserungen wünschen: „Die Räumlichkeiten in den Schulen sind oft nicht optimal und die Klassenstärken sind zu groß. Außerdem sollten Lehrer mehr Möglichkeiten zur Freistellung für Fortbildungen erhalten. Dafür müssten mehr Lehrer und Sonderpädagogen an die Schulen“, spricht er auch landesweite Probleme an.

Den Grundgedanken der Inklusion, der unter anderem das Recht auf Teilhabe an Bildung beinhaltet, findet Theele gut und sinnvoll und appelliert auch an Eltern verhaltensauffälliger Kinder, sich frühzeitig Hilfe zu suchen. „Da braucht sich niemand zu schämen. Fachgerechte Unterstützung hilft dem Kind“, sagt der Schulbegleiter. ny

Inklusion in allen Lebensbereichen

Einen „Fahrplan“ zu einem inklusiven Gemeinwesen will das Göttinger Modellprojekt „Inklusion bewegen“ seit 2014 entwickeln. Ziel ist ein gleichberechtigtes Leben aller Menschen. „Inklusion ist ein offener, langwieriger und nicht endender Prozess“, sagt Klaus Baethge, Leiter der Göttinger Geschäftsstelle „Inklusion bewegen“. Für diesen Prozess seien neue Denkweisen und neue Einstellungen erforderlich, die Aufgaben seien gesamtgesellschaftlich umzusetzen. „Bei dem Wort Inklusion denken heute viele an Schulen, bei dem Wort Barriere an Rollstuhlfahrer.

Herausforderungen bleiben

Aber diese Begriffe sind vielschichtiger“, erläutert Baethge. Auch Sprache könne Ausgrenzung bedeuten. Der gesellschaftliche Prozess der Inklusion setze für Menschen mit Beeinträchtigungen etwas fort, was bereits vor Jahrzehnten für andere Gruppen begonnen habe: „Es ist schon viel Positives passiert in Bezug auf Frauenrechte, die Gleichstellung von Homosexuellen oder auf die Rechte von Menschen mit Migrationshintergrund. Die reale Vielfalt unserer Gesellschaft wird bewusster wahrgenommen“, so Baethge. Dennoch bleiben Herausforderungen, meint der Göttinger. Inklusion dürfe sich eben nicht nur auf die Schulen beziehen, sondern sollte weiterführen, zum Beispiel in die Arbeitswelt. Der Arbeitsmarkt müsse sich noch mehr öffnen, um Angebote für Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen zu schaffen.

In diesem Zusammenhang verweist Baethge auf die erste Zukunftsmesse für Menschen mit Behinderung am Sonnabend, 23. September, von 10 bis 15 Uhr in den Göttinger Werkstätten, Elliehäuser Weg 20. http://zukunft-goettingen.de 

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!