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"Der Herrenwitz ist tot"

Interview: Dietmar Wischmeyer wird 60 "Der Herrenwitz ist tot"

Am Sonntag, 5. März, wird Dietmar Wischmeyer 60 Jahre alt. Im Tageblatt-Interview blickt er zurück, nach vorne und äußert, dass im Fall Yücel alles Vorrang vor proklamierter Solidarität habe, was zur Freilassung des Journalisten führe.

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Dietmar Wischmeyer wird 60 Jahre alt.

Quelle: r

Er war einer der Urheber und Kopf des längst legendären Formates "Frühstyradio" und gehört seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten und wortgewaltigsten Bühnenkünstlern Deutschlands. Am Sonntag, 5. März, wird Dietmar Wischmeyer 60 Jahre alt. Im Tageblatt-Interview blickt er zurück, nach vorne und äußert, dass im Fall Yücel alles Vorrang vor proklamierter Solidarität habe, was zur Freilassung des Journalisten führe.

Tageblatt: "Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten", "Die bekloppte Republik", "Das Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten", "Alle doof bis auf ich" – Ihre Buchtitel  vermitteln den Eindruck, Sie fühlten sich umzingelt. Wie schlimm steht's tatsächlich um dieses Land?

Wischmeyer: Nicht ganz so arg. Aber wer kauft schon ein Buch mit dem Titel „Eiapopeia, alle Menschen sind zum Knuddeln da“. Das allgemeine Empfinden, um dieses Land stehe es schlimm, ist dem überbordendem Nachrichtenkonsum geschuldet. Früher las man morgens die Zeitung, regte sich auf, und dann wickelte man den toten Fisch in das Papier. Nix wurde dauernd aktualisiert, es gab keine Foren mit weiteren Bekloppten, kurz: Man konnte sich den Rest des Tages um sein eigenes Leben kümmern. Heute dringen die Probleme jeder Weltengegenden minütlich bis in unseren Alltag vor und machen uns verrückt.

Grimm, äußerten Sie einmal in einem Interview vor einer Reihe von Jahren, sei einer Ihrer hervorstechendsten Charakterzüge. Hat sich daran etwas geändert?

Die Altersmilde will sich nicht einstellen, ich weiß auch nicht, was ich noch machen soll, um mich mit dem Diesseits zu versöhnen. Vielleicht einfach den Grimm verdoppeln, dann sind's ja die Gebrüder, und deren Märchen sind zwar auch recht böse, doch am Ende meist versöhnlich.

Kann Satire tatsächlich etwas bewirken oder gar konkret verändern?

Ein Publikum intelligent unterhalten zu wollen und vor allem auch zu können, ist an sich schon eine politische Tat in einer Epoche epidemischer Verblödung. Satire sollte die Leute daran erinnern, dass die Welt, wie sie ist, nicht Gott gegeben und dass es eine Freude sein kann, den eigenen Verstand zu gebrauchen oder dem eines anderen zu folgen. Politisch wird sie nicht dadurch, dass die Namen aktueller Politik-Darsteller oder deren verschwurbelte Weltsicht darin vorkommen, sondern allein durch ihr Vorhandensein.

Seit drei Jahrzehnten sind Sie als "Humorfacharbeiter" tätig. Was hat sich in dieser Zeit in Sachen Humor in Deutschland verändert? 

Der Herrenwitz (auch bekannt unter dem Fachbegriff „Versauter Witz“) ist tot und gilt als sexuell übergriffig, das moralisierende Rollkragenpullover-Kabarett ist ebenfalls tot. Es gibt viel Klamauk und dummes Stand-Up-Gelaber. Aber es ist wie das Fernsehen: in der Gesamtheit der letzte Mist, aber weil es so viele Programme gibt, ist auch immer etwas Sehenswertes dabei. So war es schon beim Buch, so ist es auch beim Humor, so wird es bei allem sein, es ist das Gesetz der großen Zahl.

Wischmeyer und Kalkofe in Göttingen

Am Dienstag, 4. April, sind Dietmar Wischmeyer und Oliver Kalkofe zu gleich zwei Anlässen in Göttingen. Ab 20 Uhr stehen die beiden als "Arschkrampen" auf der Bühne des Deutschen Theaters, und bereits um 16 Uhr sind sie zu Gast in der GT-Townhall.

Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, dass Figuren wie Willi Deutschmann, Günther, der Treckerfahrer, und der kleine Tierfreund heute immer noch funktionieren? Oder ist es gar kein Zeichen, sondern einfach Glück für den Urheber dieser Gestalten aus dem bunten Frühstyxradio-Kosmos?

Es ist kein Zeichen für irgendwas, sondern steht für sich selbst. Neben den erwähnten sind auch viel, viel mehr Figuren von damals heute nicht mehr existent. Die drei haben sich verändert: vor 25 Jahren kannten die Menschen noch die Originale, auf die sie sich bezogen, heute sind sie eigenständige Kunstfiguren geworden wie Batman oder Lucky Luke.

Wo wir gerade dabei sind: Wie geht's eigentlich Frieda und Anneliese?

Die sind im wohlverdienten Ruhestand, denn die ehemaligen Darsteller sind auf gegensätzlichen Seiten der Witzeproduktion tätig, auf der Bühne und in der Staatskanzlei.

Kürzlich hat Jan Böhmermann für erheblichen Aufruhr und einige diplomatische und juristische Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und der Türkei gesorgt. Jetzt ist der Journalist Deniz Yücel inhaftiert. Kümmert sich die Bundesregierung genügend? Müssten Merkel und deren jeweiliger Außenminister Meinungs- und Pressefreiheit nach außen stärker vertreten und verteidigen? Wessen Aufgabe wäre es?

Bei konkreten Verletzungen der Pressefreiheit wie im Falle Yücel, in der ein Mensch darunter leidet, zählt nur der Erfolg. Alles, was dazu führt, dass er freikommt, hat Vorrang vor proklamierter Solidarität. Davon abgesehen sollte aber unsere Regierung den Umgang Erdogans mit den Grundfesten der Demokratie nicht einfach als schlechtes Wetter am Bosporus abhaken.

Sie haben jüngst in der "heute-Show" Senioren geraten, doch endlich mal auf den lebensverlängernden Fahrradhelm zu verzichten. Wie weit ist man mit 60 Jahren vom Senior entfernt – und wie weit ist es Dietmar Wischmeyer? Haben Sie etwa Rückzugspläne?

Ich persönlich glaube nicht an die lebensverlängernde Wirkung von Fahrradhelmen, in der "heute Show" habe ich das in der Rolle eines „ehrlichen Bundespräsidenten“ gesagt, nicht als Dietmar Wischmeyer. Der Senior in seiner ursprünglichen Bedeutung war der ältere in einer Gruppe, demnach konnte man absolut gar keiner sein. Lasst also Mümmelfritzen um mich sein, und ich fühle mich wie ein junger Hüpfer. Obwohl natürlich der Zugang zum Seniorenteller in der Autobahnraststätte keinen geringen Reiz ausübt. Ein scheuer Blick in den alljährlichen Brief aus Laatzen (LVA-Rentenprognose) lässt mich bis zum Arschzukniff aktiv sein.

Apropos "heute Show": Krakeelt der Hassknecht auch hinter der Kamera so oft und laut?

Der ist handzahm wie ein Rottweiler-Rüde.

Dietmar Wischmeyer (links) und Oliver Welke.

Dietmar Wischmeyer (links) und Oliver Welke.

Quelle: Engels

Mit einem früheren Praktikanten, Oliver Welke, stehen Sie vor der TV-Kamera, mit einem anderen Eleven, Oliver Kalkofe, touren Sie gerade. Ist die Welt im Frühstyradio-Pantheon in Ordnung?

Ein paar Wochen ist's erst her, da trafen sich alle in Hannover zu einem Kinoabend, gezeigt wurden Bilder aus 30 Jahren Frühstyxradio. Ich bin allerdings der einzige, der in wechselnder Konstellation mit einem der anderen tourt. Warum die anderen das nicht auch machen, weiß ich nicht.

Sie haben eine Menge Darstellungsformen genutzt und K anäle bespielt: Lesungen, Bühnenstücke, Radio-Shows, TV-Formate. Was würden Sie dem gern hinzufügen? Gibt es bereits konkretere Pläne?

Eigentlich wäre ich lieber Witzezeichner geworden: schön zuhause sitzen und sich was ausdenken, Papier vollkrickeln und ab damit zur Zeitung. Heidewitzka wäre das ein Leben. Aber Radio war schon mindestens meine zweite Passion, und das mach ich ja heute noch.

Welche Frage wollten Sie immer schon einmal von einem Journalisten gestellt bekommen?

Wie lautet die Loschmidt-Konstante und wofür steht sie?

Und die Antworte wäre?

Zirka 2,6867811 mal 10 hoch 25. Es ist die Zahl der Moleküle eines idealen Gases bei Normaldruck und -temperatur (jedenfalls so ähnlich). Die Zahl hätte ich nicht gewusst, aber ungefähr, wofür sie steht schon. Es ist mir deshalb in Erinnerung, weil bei einem Vortrag über die „zwei Kulturen“ (Geistes- und Naturwissenschaftler) der Redner (ein Physiker) behauptete, jeder Naturwissenschaftler würde Goethe und Schiller kennen, aber kein Geisteswissenschaftler hätte auch nur annähernd eine Ahnung, wofür die Loschmidt-Konstante stünde. Und in dem Augenblick brach es aus mir heraus (siehe oben). Über 40 Jahre hatte ich nicht mehr an Herrn Loschmidt gedacht, und dann das zum rechten Zeitpunkt. Das Gehirn, der alte Schlingel, ist schon ein merkwürdiger Ort, aber auch ein Freund, der einem in größter Not zur Seite steht. Daran sollten wir immer denken! Amen!

Interview: Christoph Oppermann

E-Mail: c.oppermann@goettinger-tageblatt.de

Twitter: https://twitter.com/tooppermann

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