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Der Weitermacher

Acht CDs und noch nie gemeinsam auf der Bühne Der Weitermacher

Es sind zwölf Jahre vergangen seit unserem letzten Interview. Eine lange Zeit im Leben eines produktiven Musikers. Im November 2004 hatte das Tageblatt Jan Hauenstein in Folge 73 der Bandserie als den Mann vorgestellt, der seine Bandkollegen noch nie getroffen hatte.

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Jan Hauenstein mit seiner handgefertigten Little Red Robin vor seiner CD-Wand im heimischen Studio.

Quelle: Wenzel

Göttingen. Was sich seit damals geändert habe? Der Anspruch, sagt er trocken. Und mittlerweile spiele er ganz ordentlich Gitarre. Hauenstein ist rein äußerlich noch ganz der Alte, er wirkt lediglich ernster als in der Erinnerung. Wir sitzen in seinem Studio – ein 20-Quadratmeter-Raum im Obergeschoss seines Göttinger Hauses. An der Wand stapeln sich tausende CDs im Regal, auf dem obersten Brett stehen einige Dutzend Flaschen Whisky. Davon genehmige er sich manchmal einen Schluck – aber nie vor acht Uhr. Wir sind zu früh dran.

Zur weiteren Zimmereinrichtung gehört ein 32-Spur-Rekorder, ein Gesangsmikrofon. In der Vitrine liegt die Pfeifensammlung, daneben stehen Gitarren. Die Instrumente tragen Namen. Sie heißen Little Red Robin, Little Brother oder Sister Mercy, nach einem Song von John Stewart.

John Stewart – der US-amerikanische Singer-Songwriter, der es in den 60er Jahren schaffte, mit seinem Hit „Daydream Believer“ nicht berühmt zu werden, ist hier allgegenwärtig. In Hauensteins Zimmer und in seinem Leben. Die Liebe zu seiner Musik brachte Hauenstein einst mit seinen Bandkollegen zusammen. Sie trafen sich virtuell auf einer Webseite namens „California Bloodlines“, einer Datenbank für der John-Stewart-Songs. Dort verschriftlichen sie im Laufe der Jahre 396 Lieder, diskutieren über die richtigen Akkorde, Textzeilen, Gitarrenläufe – werden Freunde.  

Als sie sich für 2009 in Scottsdale/Arizona verabreden, um bei einem John Stewart Fantasy Camp aus der virtuellen eine ganz reale Begegnung werden zu lassen, ist ihr Idol seit einem Jahr tot. Es ist nach 2005 Hauensteins zweite Reise in die Vereinigten Staaten. Er trifft sich dort mit Fred Grittner, dem pensionierten Uni-Dozenten und dem Versicherungsagenten Charlie Woodward. „Großartige Musiker“, sagt Hauenstein. Beide sind auch auf der aktuellen CD zu hören. Man könnte jederzeit spontan zusammen auf die Bühne gehen – wenn der Ozean dazwischen nicht wäre.

Für die gemeinsamen Aufnahmen spielt die Entfernung heute allerdings keine große Rolle mehr. Moderne Datenübertragung macht es ihnen leicht. Wo man früher schon mal eine Stunde vor einem erhitzten Modem gesessen hat, rauschen die Soundfiles heute fast beiläufig von einem Kontinent zum anderen. Bevor ein Song fertig auf CD gepresst ist, haben seine Bestandteile den weiten Weg mehrfach in beide Richtungen absolviert.

Grob skizziert könnte ein Hauenstein-Song wie folgt entstehen: Terry-Lee Ransom oder Brad DeLong („Ich bin Geschichtenerzähler, das sind echte Dichter“) liefern einen Text. Hauenstein singt und spielt ihn in Göttingen ein. Grittner und Woodward liefern aus Saint Paul/Minnesota und Atlanta/Georgia Instrumentalparts auf Mandoline, Gitarre oder Bass. Hauenstein fügt die Spuren zusammen, Grittner macht das Mastering. „Transatlantic cyber music“, nennen sie das. Klingt ein bisschen zu modern für eine Gruppe von Musikern, die das Rentenalter mehrheitlich erreicht haben.

Aber nicht nur Musik kommt über den Atlantik. Auch Nachrichten, gute und schlechte. Die von Rex DeLongs Tod kam vor ein paar Wochen. Er war der Keyboarder der Band, hatte auf einigen Aufnahmen mitgewirkt. „Zweimal war er in Göttingen zu Besuch“, erzählt Hauenstein. „Ich habe nach der Botschaft einen Songs über ihn geschrieben und ihn seinen Söhnen geschickt.“ Vermutlich wird er auf der Platte erscheinen.
Die Arbeit an CD Nummer neun ist schon relativ weit fortgeschritten. Eine Krebsdiagnose zwingt Hauenstein zur Eile. Die Heilungschancen seien sehr gut, sagt er. Aber man wisse ja nie. Als die Krankheit sich vor zwei Jahren zum ersten Mal zeigte, schrieb Hauenstein einen Song darüber: „Take the Tumor with Humor“, ein musikalisch eher fröhliches Werk. Seine Art der Verarbeitung. „Ich lasse mir ungern etwas gefallen.“ Auch nicht vom eigenen Körper.

Ob er Pläne habe? Selbstverständlich. Erstmal die Therapie, dann die nächste CD und dann wirft das Ende seiner  beruflichen Laufbahn seine Schatten voraus. In zwei Jahren geht der passionierte Englischlehrer in Ruhestand. Und was macht ein Musiker, wenn er plötzlich viel Zeit hat? „Weiter Musik“, sagt Hauenstein. Und jetzt lächelt er auch wieder.

Im eigenen Label

Seit 2008 vertreibt Jan Hauenstein seine Musik unter eigenem Label. Seither sind acht CDs erschienen – im jährlichen Rhythmus. An der 2016 veröffentlichten „Sock it ti me!“ wirkten neben Hauenstein, Fred Grittner und Charlie Woodward auch die Sängerin Claudia Wichmann mit. Der Vertrieb läuft über den Musik Kontor in der Roten Straße oder den Online-Store cdbaby.com.
Den Versuch bei einem größeren Label unterzukommen hat Hauenstein immer wieder mal unternommen. Allerdings habe er sich den Marktmechanismen dabei nicht unterwerfen wollen. „Ich habe meine Musik immer aus Überzeugung gemacht. Nie hätte ich mich dabei für Geld verbiegen lassen.“

Viele Künstler würden heute über die Medien bekannt gemacht – seien eher TV-Stars als Musiker. Hauenstein nimmt es mit Humor: „Dafür bin ich definitiv nicht mehr schlank genug.“ Da er unabhängig sei vom wirtschaftlichen Erfolg seiner Musik, könne er es sich leisten, sich selber treu zu bleiben. Und er werte es als Erfolg, wenn über den Songverkauf in Internet bei ihm über das Jahr 50 Euro zusammenkommen. Das bedeute bei den aktuellen Konditionen von Amazon und Co. (etwa 0,005 Euro für den Künstler), dass rund 10 000 Menschen diesen Song gehört hätten.

Einmal gab es dann doch den Kontakt zum ganz großen Musikbusiness. Während einer US-Reise verhalf Woodwards Sohn Mack, selbst grammyprämierter Toningenieur, ihnen zu einer Aufnahme im Treesound-Studio. Hier arbeiteten schon Künstler wie Elton John oder Whitney Houston.

Mehr Informationen unter:  janhauenstein.com und cdbaby.com/artist/janhauenstein

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