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Thema des Tages Auf dem absteigenden Ast
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13:46 29.01.2018
Quelle: Peter Heller
Göttingen

Kegelbahnen werden geschlossen, auch weil ihre notwendigen Renovierung sehr teuer sind. Zudem werden Mitglieder der Kegelvereine immer älter und folglich immer weniger. Einst war das Kegeln in Deutschland und sehr beliebte Sportart. Ob im Verein oder zum Spaß nach der Arbeit, Kegeln und das gemütliche Zusammensein ging immer. Nun droht der Sportart der Niedergang.

Dass das Kegel an sich in der Bevölkerung immer noch sehr beliebt ist, das zeigt auch das jährlich stattfindende Abteilungskegeln das Bovender Sportvereins (BSV) – das gibt es seit mittlerweile 30 Jahren. Viele Abteilungen waren auch in diesem Jahr mit großem Vergnügen dabei, ob Tänzer, Tennisspieler, Fußballer oder auch der Vorsitzende Alexander Schneehain. Doch der kommissarische Kegel-Abteilungsleiter Marcus Büttner ist ziemlich ratlos, wenn es um die Zukunft das Sportkeglen geht „Das große Interesse unserer Abteilungen zeigt uns, dass der Kegelsport vielen Menschen großen Spaß macht. Auch unsere Vereinskegelbahn wird stark frequentiert. Über 30 Kindergeburtstage fanden dort im vergangenen Jahr statt. Aber in der Kegelabteilung des BSV bin ich mit 47 Jahren das jüngste Mitglied“ sagt er mit einem etwas verzweifelten Lachen. „Wir haben schon alles versucht, Nachwuchs zu gewinnen. Es klappt einfach nicht.“ Der Verein habe die Kegelbahn an der Grundschule gerade renoviert, berichtet er. Aber Nachwuchs sei nicht in Sicht. Büttners Befürchtungen gehen noch weiter. Er ist sich nicht sicher, dass es in fünf Jahren die Göttinger Stadtliga noch geben wird. Nur noch sieben Klubs seien dort noch aktiv.

Das ist für Detlev Gilat, seit 2011 Vorsitzender des Vereins Göttinger Kegler, der die Göttinger Stadtliga organisiert, unvorstellbar. „Wir müssen versuchen, den Spielbetrieb in unserer Stadtliga fortzuführen – mindestens bis ins Jahr 2022. Dann feiert der Verein seinen 100. Geburtstag.“ Doch auch er weiß, dass das eine schwere Aufgabe werden wird, denn die Zahl der Sportkegler wird immer geringer.

Seit 1965 kegelt der 63-jährige Versicherungskaufmann Gilat, seine Teilnahmen an Deutschen Meisterschaften kann er schon gar nicht mehr zählen. In der Jugend konnte er einen Deutschen Meistertitel erringen, bei den Herren schaffte er einen Drei-Bahnen-Vizemeistertitel. Natürlich weiß auch er, dass es schon seit Jahren Nachwuchsprobleme gibt. „Auch auf vielen Verbandstagen wurde keine Lösung gefunden, wir finden einfach keinen Ansatz mehr, um Nachwuchs zu bekommen.“ Dabei bereite das Kegeln so vielen Leuten große Freude, das sähe man an den vielen Betriebsfeiern und Kindergeburtstagen, die einer Kegelbahn gefeiert würden. „Doch sobald es in den sportlichen Bereich geht, gibt es kein Interesse mehr. Kegeln ist leider altmodisch geworden.“ Und es sei in Göttingen ja ohnehin schwer, an die Jugendlichen heranzukommen, sagt Gilat. Es gäbe einfach zu viele Angebote und wenn man eine Nicht-Trendsportart betreibe, dann sei es ganz besonders schwierig, Nachwuchs zu bekommen und die Altersstruktur der Kegler sei hoch.

In Südniedersachsen gäbe es aktuell nur noch etwa 30 aktive Sportkegler, berichtet Gilat. Er erinnert sich gerne an die „Goldenen Zeiten“ in den 1970er- und 1980er-Jahren. Aber ans Aufhören verschwendet er keinen Gedanken. „Es macht mir immer noch großen Spaß, wenn wir mit der Verbandsligamannschaft aktiv sind“, sagt Gilat. Dann gehe es nach Peine, Hannover, Verden und Bremen. Doch auch dort erlebte er den Niedergang seiner Sportart.

Ein weiteres großes Problem für die Sportkegler: Die Kegelzentren werden geschlossen, weichen, wie in Braunschweig, einer Wohnbebauung. Michael Foth, Deutscher Vizemeister mit der Mannschaft im Bahnenkegeln 2016 und Mannschaftsführer des BSV in der Stadtliga, berichtet, dass neben Braunschweig auch die Bahnen in Nienburg und Barsinghausen geschlossen wurden. Und sogar die hessischen Meisterschaften fänden, mangels spielfähigen Kegelbahnen, im südniedersächischen Kegelzentrum in Bovenden statt.

„Die Kegler insgesamt sind nicht in Lage, ihre Sportart aus den Hinterzimmern von Kneipen herauszuholen“, lautet die Einschätzung des ASC Göttingen-Vorsitzende Jörg Schnitzerling. Beim Göttinger Sportverein wurden aus einmal 1 400 Keglern, die im Jahr 1990 auf drei Doppelkegelbahnen spielten, zum Jahrtausendwechsel 1.000 Kegler, die ab 2005 auf zwei Doppelkegelbahnen ihrem Sport nachgingen und 2012 zur Zukunftswerkstatt noch 750 Kegler von denen 650 ausschließlich Kegler waren. Das sei sehr schade. „Die Kegler im ASC Göttingen wurden in den vergangenen 15 Jahren jährlich im Durchschnitt zehn Monate älter, so dass zuletzt der Altersdurchschnitt aller Kegler auf fast 75 Jahre angestiegen war. Das schlechte Image des Kegelns und die beschriebene Altersentwicklung haben uns nicht mehr die Hoffnung auf Besserung gegeben. Daher haben wir uns im Rahmen einer Zukunftswerkstatt für eine Neustrukturierung entschieden.“ Es entstanden im ASC-Clubhaus, dort wo die Kegelbahn einmal war, dringend benötigte Büro- und Kindergartensporträume, die nachmittags und abends auch von den Kampfsportlern genutzt werden können.

Doch sei das Kegeln besonders im ländlichen Raum die letzte Rettung für die Gaststätten. Es sein aber mehr eine rauchige und weniger sportliche und durchaus von Bier geprägte Veranstaltung . „Was vielfach verloren gegangen ist, ist die gemütliche Gemeinsamkeit bei Bewegung, Spaß und Freude zu haben und sich mit Freunden auszutauschen“, sagt Schnitzerling. „Auf der Kegelbahn wurden die Vorstandsbeschlüsse der Feuerwehr, des Sportvereins vorbereitet und viele Familienprobleme gelöst, das geht verloren.“

Der Hoffnungsschimmer am Horizont der Kegler

Doch es gibt auch eine andere Seite, die etwas Hoffnung gibt, dass das Kegel nicht komplett ausstirbt: Im Keglerkeller in Göttingen-Geismar ist noch alles, so wie es früher einmal war. Beim Bier wird Karten gespielt, es gibt Stammtische – und die Kegelbahn, die neben der kleinen Wirtschaft liegt, ist sehr gut frequentiert. Von Montag bis Samstag zwischen 16 Uhr und Mitternacht. Wettkampfkeglen ist hier nicht möglich, dafür sind vier Bahnen notwendig. „Wir haben drei Kegelbahnen“, sagt Keglerkeller-Wirt René Rommel, der im letzten Jahr sein 25-jähriges Pacht-Jubiläum gefeiert hat. „Der Keglerkeller profitiert von die vielen Schließungen von Kegelbahnen“, sagt der 47-Jährige und muss in die Küche, um Currywurst mit Pommes rot-weiß für die Gäste zu machen. „Hier bleibt alles so, wie es schon in den letzten vergangenen Jahren war“, verspricht Rommel, nachdem er die Currywurst serviert hat. Er beobachtet aber eine interessante Tenzdenz: „Sicherlich gibt es unter den Keglern viele ältere Menschen. Sie kommen regelmäßig. Aber es gibt auch wieder vermehrt jüngere Kegler. Allerdings planen die nicht, sondern fragen, wann Platz auf der Bahn ist und entscheiden dann spontan.“

Eine neue Kegelgruppe kommt herein, alles grüßen freundlich, man kennt sich. Aber auch sie hat ein Durchschnittsalter von etwa 70 Jahren. Brav haben alle ihren Turnbeutel dabei, denn saubere Sportschuhe sind auf der Kegelbahn immer Pflicht. Nach kurzer Zeit brandet bei der Gruppe Jubel auf. „Alle Neune“, komplett abgeräumt – und das schafft ausgerechnet die zierlichste Teilnehmerin. Mit ihr klatschen alle Mitspieler ab. Und Kugel um Kugel wird gespielt, zwischen den Würfen wird geplaudert und es werden, bei bester Laune, alkoholische und nichtalkoholische Getränke und Schnitzel, Strammer Max oder einfach nur Pommes konsumiert… Hier ist die Keglerwelt noch in Ordnung.

Kegeln in Zahlen

Zahlen Im Bereich des Stadtsportbundes Göttingen (Stand 2017)

118 Kegler sind in den Göttinger Vereinen gemeldet.

Zum Vergleich:

11432 Turnen

5531 Fußball

2108 Schwimmen (inklusive Rettungsschwimmen)

1432 Handball

1215 Schießsport

1210 Volleyball

951 Basketball

339 Leichtathletik

261 Segeln

167 American Football

Die Zahl der Kegler in den Vereinen betrug im Jahr 1996 noch 497 Mitglieder, davon 334 Herren, 163 Damen. Zehn Jahre später ist die Zahl der Mitglieder auf 232 (147 Herren, 85 Damen) gesunken. Der Sinkflug geht weiter, 2017 liegt die Zahl im Bereich des Stadtsportbundes Göttingen noch bei 118 Mitgliedern.

94 Herren und 24 Damen gehen noch dem Kegelsport nach. Quelle: Stadtsportbund Göttingen

Von Frank Beckenbach

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