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Kinderarmut in Göttingen: Sechs Kinder in einem Zimmer

Thema des Tages Kinderarmut in Göttingen: Sechs Kinder in einem Zimmer

Rund 21 Prozent aller Kinder in Deutschland leben über eine längere Zeitspanne in Kinderarmut – das besagt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung. Auch im Landkreis Göttingen leben einige Eltern mit ihren Kindern in unzumutbaren Bedingungen.

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21 Prozent der Kinder in Deutschland leben dauerhaft oder wiederkehrend in Armut.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Dick eingemummelt, mit Mütze auf dem Kopf und unter einer Decke liegt ein gerade mal zwei Monate altes Baby in einer Babyschale. Das Kind ist ruhig, schläft die meiste Zeit. Es ist Arianas (*Name geändert) sechstes Kind, der sechste Junge, den sie mit ihrem Mann großzieht.

So viel Ruhe wie gerade erlebt Ariana selten. Ihr Baby schläft, ansonsten sind nur Erwachsene in dem Raum. Eigentlich erlebt sie solch eine Ruhe fast nie. Denn die 37-Jährige lebt mit ihrem Mann und ihren sechs Söhnen, der älteste ist neun Jahre alt, in einer 75-Quadratmeter-Wohnung in Grone. Die sechs Kinder schlafen alle in einem Zimmer. „Auf Matratzen“, erklärt Ariana, für sechs Betten sei kein Platz.

Arianas Kinder gehören zu den rund 21 Prozent in Deutschland, die einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge über eine Zeitspanne von mindestens fünf Jahren dauerhaft oder wiederkehrend in Armut leben. In einer Armutslage leben laut Definition in dieser Studie Kinder in Familien, die entweder mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen oder staatliche Grundsicherungsleistungen beziehen. Im Landkreis Göttingen – inklusive Stadt Göttingen – waren das im Jahr 2016 acht Prozent der Kinder, wie Ulrich Lottmann, Pressesprecher des Landkreises Göttingen, mitteilt. Deutlich weniger also als in Deutschland insgesamt. In der Stadt Göttingen jedoch scheint die Kinderarmut höher zu sein als im gesamten Landkreis: „Der Anteil der Hartz IV-Empfänger an der Bevölkerung unter 15 Jahren für die Stadt Göttingen beläuft sich auf 16,3 Prozent“, teilt Detlef Johannson, Pressesprecher der Stadt Göttingen mit. Die Zahlen seien allerdings aus dem Jahr 2015, neuere lägen noch nicht vor.

Ariana bezieht auch Hartz IV, ihr Mann ebenfalls. Er habe noch einen Aushilfsjob, erzählt Ariana. Die Frau kurdischer Herkunft mit den zurückgebundenen schwarzen Haaren ist blass, immer wieder zieht sie an ihrer Zigarette, trinkt einen Schluck Kaffee. Die letzte Geburt sei am schlimmsten gewesen, erzählt sie. „Ich bin die ganze Zeit am Weinen.“ Sie spricht von Schwangerschaftsdepressionen. Uwe Friebe, Projektleiter des Vereins Förderer, glaubt nicht, dass das Weinen nur an der Schwangerschaft liegt. „Das ist eine Folge von beengtem Wohnen und zu wenig Geld“, sagt er. Sechs in einem Zimmer, da herrsche nie Ruhe.

Kinderreiche Familien wie die von Ariana sind eine besonders gefährdete Gruppe, was Kinderarmut angeht, besagt die Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Ebenso besonders gefährdet sind demnach Kinder von alleinerziehenden Eltern oder geringqualifizierten Eltern.

Mit im Raum des Vereins am Rosdorfer Weg, wo Menschen wie Ariana Unterstützung von Sozialarbeitern bekommen können, sitzt Heike (*Name geändert). Wie auch Ariana hat die 41-Jährige mehr Nachwuchs als der deutsche Durchschnitt: Vier Kinder von zwei Männern hat sie geboren, zwischen fünf und dreizehn Jahren sind sie mittlerweile alt. Heike ist alleinerziehend – und deckt damit gleich zwei gefährdete Gruppen ab.

„Ich versuche, mich einzuschränken, damit jeder Raum für sich hat, aber es wird schon eng“, erzählt sie über ihre Wohnsituation. Vier Zimmer habe ihre Wohnung in Geismar: Ein Wohnzimmer, ein festes Schlafzimmer für die älteste Tochter und zwei weitere Schlafzimmer – in einem davon würden ihre zwei Söhne schlafen, in dem anderen sie mit ihrer fünfjährigen Tochter. „Gespielt wird draußen“, sagt sie. Das Umfeld sei kinderfreundlich, die Kinder könnten alleine raus. Die Wohnung sei vor allem zum Essen und Schlafen da.

Heike ist ausgebildete Medizinisch-Technische Assistentin (MTA). Doch ihren Job übt sie schon seit der Geburt des ersten Kindes nicht mehr aus. „Seitdem bin ich mit den Kindern zu Hause“, erzählt die Frau mit den blonden, naturkrausen Haaren. „Den Vorzug haben die Kinder, ich will für sie da sein“, begründet sie ihre Arbeitslosigkeit. Es sei ihr wichtiger, zu Hause zu sein, wenn die Kinder vom Kindergarten oder der Schule zurückkämen, ihnen etwas zu essen zu machen und bei den Hausaufgaben zu helfen.

Seit etwa einem Jahr hilft Heike vormittags ehrenamtlich beim Verein Förderer aus, wo sie etwas Geld als Aufwandsentschädigung bekommt. Die Väter ihrer Kinder könnten ihr finanziell nicht helfen, würden aber Zeit mit den Kindern verbringen, erzählt sie. „Das ist schon eine große Hilfe“, findet Heike. Ihre zwei Jungs könnten nach der Schule oft zu ihrem Vater zum Mittagessen, dem sie – weil er ebenfalls keine Arbeit habe – Geld zum Versorgen der Kinder gebe.

„Manchmal reicht das Geld gerade bis zu dem Tag, an dem das Kindergeld kommt“, sagt Heike. Regelmäßig fülle sie Anträge aus – zum Beispiel zur Finanzierung der Gebühren für den Rollschuhlaufverein, den ihre älteste Tochter besuche, oder für eine 600 Euro teure Klassenfahrt. Auch eine Kur habe sie schon mal beantragt – und bewilligt bekommen.

Das rät sie auch dringend Ariana, die nicht nur gestresst und überfordert wirkt, sondern auch erzählt, dass die ganze Familie wegen des Schimmels in der Wohnung an Bronchitis leide. Vorstellen kann sie es sich trotzdem nicht, mit allen Kindern wegzufahren: „Mit den Kindern Zug fahren geht nicht, das ist die Hölle“, sagt sie. Die würden sich streiten, schlagen, weinen oder einfach weglaufen. Das täten sie schon bei der Busfahrt zum Arzt oder im heimatlichen Kinderzimmer die ganze Zeit. Auch Freunde könnten ihre Söhne nicht besuchen kommen. „Dann gibt’s immer Streit mit den Geschwistern“, sagt sie, „wenn einer mal zu Besuch kommt, kommt er nie wieder“.

So schlimm ist es bei Tina (*Name geändert) nicht. Trotzdem tut es der 29-Jährigen für ihre fünfjährige Tochter oft leid, dass sie mit ihr und ihren Freunden aus dem Kindergarten meist nur auf den Spielplatz gehen kann, ihnen nichts Aufregenderes bieten kann. „Ich habe meine Tochter so erzogen, dass man auch mit wenig glücklich sein kann“, sagt sie. Trotzdem tue es ihr weh, so oft „Nein“ sagen zu müssen – zum Beispiel zu einer Zeitschrift am Kiosk.

Dabei hat Tina nur eine Tochter, muss nicht wie Heike oder Ariana vier oder sechs Kinder versorgen. Trotzdem kommt Tina, die mit ihrer Tochter am Holtenser Berg lebt, nur gerade so über die Runden: „Ich habe eine kleines Auto und muss mich sonst viel einschränken“, sagt die alleinerziehende Frau, die gerade eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement macht und zusätzlich Hartz IV bezieht. Der Vater ihrer Tochter kann zurzeit weder finanziell noch mit Zeit helfen. „Er ist seit knapp vier Monaten in der JVA“, sagt sie.

Urlaub kann sich Tina nicht leisten, genauso wie Ariana und Heike. „Aber bei ihrem Opa kann meine Tochter manchmal schönere Sachen erleben“, sagt sie. Sie komme aus einer gutbürgerlichen Familie, wolle aber mit ihren 29 Jahren auf eigenen Beinen stehen – auch wenn das großen Verzicht bedeute. Zum Beispiel zurzeit auf eine Waschmaschine. Denn die sei kaputt gegangen, so Tina. „Es ist die Hölle, ich wasche gerade mit den Händen“. Vom Amt könne sie nur ein Darlehen bekommen. Selbst Geld für eine neue Maschine zurückzulegen, sei nicht drin.

„Unerwartet anfallende Ausgaben mit eigenem Geld bezahlen können, z.B. eine kaputte Waschmaschine ersetzen“ oder „Einen festen Betrag im Monat sparen können“ sind nur zwei von 23 Punkten auf einer Liste von Gütern und sozialen Aspekten, welche die Bertelsmann Stiftung für ihre Studie ebenfalls ansetzt, um Kinderarmut zu messen. „In der Summe fehlen Kindern in einer dauerhaften Armutslage durchschnittlich 7,3 der abgefragten Güter“, heißt es in der Mitteilung zur Studie.

Dass Tinas, Heikes und Arianas Familien viele der abgefragten Güter und Aspekte nicht finanzieren können, wird im Gespräch schnell deutlich. Während Tina und Heike erzählen, notiert sich Elke Niemeyer-Friebe, Geschäftsführerin des Vereins Förderer, die Kleidergrößen der Kinder von Ariana. „Wir gucken mal, ob wir was Passendes finden“, sagt Niemeyer-Friebe. Auch Tina ist darauf schon zurückgekommen, wie sie erzählt – nicht nur für ihr Kind, sondern auch für sich. „Fast alles, was ich gerade anhabe, ist von hier“, sagt die Frau mit den kurzen, dunklen Haaren. Vielleicht findet sich ja auch noch eine Waschmaschine. Doch zumindest hat Tina eine Wohnung mit mindestens so vielen Zimmern, wie Personen dort wohnen – ein weiterer Punkt auf der Liste der Bertelsmann Stiftung.

In der Hinsicht könnte sich auf für Ariana etwas verbessern. „Wir haben ein Haus in einem Dorf bei Göttingen gefunden“, sagt sie. Ende Dezember solle der Umzug stattfinden. Die Kinder würden sich schon freuen, endlich eigene Zimmer zu haben.

Wer Familien in Armut helfen möchte, kann sich an den Verein Förderer unter Telefon 05 51/30 9 74 97 wenden, der gern Spenden annimmt. Ariana beispielsweise braucht für ihren Umzug noch dringend Kinderbetten, Decken und Kissen.

Kinderarmut in Zahlen

21 Prozent aller Kinder in Deutschland leben über eine Zeitspanne von mindestens fünf Jahren dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage. Für weitere 10 Prozent ist dies ein kurzzeitiges Phänomen.

Acht Prozent der Kinder im Landkreis Göttingen (inklusive Stadt Göttingen) leben in Kinderarmut.

20 833 Personen sind im Landkreis Göttingen (inklusive Stadt Göttingen) leistungsberechtigt nach dem SGB II (Grundsicherung für Arbeitssuchende. (Stand: Juni 2017)

13 996 Menschen beziehen in der Stadt Göttingen Sozialleistungen, 10 111 Personen davon Arbeitslosengeld II (SGB II). (Stand: 2. Vierteljahr 2017)

16,3 Prozent ist der Anteil der Hartz-IV-Empfänger an der Bevölkerung unter 15 Jahren für die Stadt Göttingen. (Stand: 2015)

Von Hannah Scheiwe

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