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Thema des Tages Die neuen Kleingärtner
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07:08 07.10.2018
Die Familie mit der Ernte des Tages. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Nina Wohne und ihr Lebensgefährte Michael Becker bewirtschaften seit einem Jahr einen Kleingarten in Geismar. Dabei fand die 36-Jährige Kleingartenvereine früher kitschig. Heute ist das kleine Stück Natur für sie vor allem Erholung und die Möglichkeit, ihrer anderthalbjährigen Tochter Lotta zu vermitteln, woher Obst und Gemüse eigentlich kommen.

„Oh, oh!“, ruft Lotta und stopft sich eine noch halb grüne Tomate in den Mund. Nicht die Erste an diesem Nachmittag. „Lotta probiert alles“, erklärt Wohne. Ihre Tochter sei auch ein Grund dafür gewesen, den Garten zu pachten. Als Erzieherin habe sie es oft erlebt, dass Kinder viele Gemüsesorten gar nicht gekannt und selbst bei gängigen Sorten nicht gewusst hätten, woher sie kommen.

„Lotta findet das super hier“, sagt Wohne. Die Anderthalbjährige hat einen eigenen Sandkasten mit Sonnenmarkise, ein Planschbecken und Spielhäuschen. Himbeeren, Johannisbeeren und Brombeeren haben Lotta diesen Sommer am besten geschmeckt. Und davon gab es eine Menge, denn der Vorbesitzer hatte bereits viel angepflanzt. „Das konnten wir alles ernten“, erzählt Wohne mit einem Lachen. Die viele Arbeit, die der vorherige Pächter in die Parzelle gesteckt hat, wurde entsprechend honoriert. 1000 Euro Abstand hat die Familie für den gut ausgestatteten Garten bezahlt. „Jede Pflanze, jeder Baum, jede Staude – alles wird geschätzt“, um den Wert zu ermitteln, erzählt die 36-Jährige.

Mexikanische Minigurken, Physalis und Galiamelonen

Ein kleines Feld haben Wohne und Becker selbst bepflanzt. Exotischeres wie mexikanische Minigurken, Physalis oder Galiamelonen haben darin genauso Platz gefunden wie Zwiebeln, Paprika oder Kürbisse. Vieles habe sie vorgezogen auf dem Markt gekauft, einiges selbst ausgesät. Die Ernte nach diesem langen und heißen Sommer war gut. „Wir hatten so viele Zucchini, dass ich sie irgendwann nicht mehr sehen konnte“, erzählt Wohne lachend. Was die kleine Familie nicht selbst verzehren konnte, hat sie verschenkt. Aus ihren ersten Ernteerträgen hat die 36-Jährige Marmelade („zum ersten Mal in meinem Leben“), Tomatensoßen und Kürbissuppe gekocht. Auch Lottas ersten Brei haben sie aus eigenen Kartoffeln gemacht.

Kartoffelernte. Quelle: Richter

Zwar hatte Wohne schon ein bisschen Erfahrung durch den Garten ihrer Eltern sammeln können, aber selbst Obst und Gemüse anzubauen, ist auch für sie eine Premiere gewesen. Um sich vorzubereiten, hat sie einiges gelesen und Leute auf dem Markt befragt. Beim Pflanzen sind die 36-Jährige und ihr Lebensgefährte mutig; was wächst, das wächst.

„Schaffen wir das alles?“, habe sie sich am Anfang schon gefragt, erzählt Wohne. Trotzdem sei sie dann die treibende Kraft gewesen, ergänzt Becker. Er sei da eher entspannt herangegangen. Zwar gebe es eigentlich immer etwas zu tun, aber auf das Ergebnis sei man dann schon ein bisschen stolz. „Es ist fast wie Eigentum, man kann machen, was man will“, sagt der 44-Jährige. Das sei ein Stück Freiheit.

Tomatenernte. Quelle: Richter

Ideen, was noch alles angepflanzt werden könnte, haben die beiden auch. „Ich war überrascht, was hier alles wachsen kann“, erzählt Wohne. Die Nachbarn hätten zum Beispiel reichlich Wassermelonen ernten können, die dann aber leider alle geklaut worden seien. Nächstes Jahr wolle sie auch Wassermelonen anbauen, Blumen- und Wirsingkohl, andere Zucchini-Sorten und vielleicht einen weiteren Apfelbaum pflanzen. „Der hier ist mehr so ein Apfelkuchen-Apfelbaum“, sagt Wohne und grinst.

Früher habe sie Kleingärten als spießig empfunden und im ersten Moment gedacht: „Ach, bist du schon so alt.“ Ihr sei es wichtig gewesen, keine Nachbarn zu haben, die mit kritischem Blick über den Zaun gucken, nach dem Motto „Was machen die denn hier?“ „Das ist hier Gott sei Dank gar nicht so“, sagt Wohne. Es gebe viele junge Leute, Familien, aber auch ältere Kleingärtner. Das Gemeinsame von Jung und Alt findet sie schön. So kämen ältere Pächter vorbei, um Tipps zu geben, oder sie könne sich mit Fragen an die erfahrenen Gärtner wenden. Das Bild von Kleingärten habe sich mittlerweile verändert, glaubt Wohne. Jüngere Menschen seien in der Anlage gerne gesehen. „Die haben sich wirklich gefreut, dass so viele Familien einen Garten übernommen haben.“

Verhältnis von Jung und Alt muss stimmen

Diesen Eindruck bestätigt der erste Vorsitzende des Vereins, Klaus Matschuk. Er habe sich auf die Fahne geschrieben, junge Leute – vor allem Familien mit Kindern – in die Kolonie zu holen, „die ein Interesse daran haben, den Verein leben zu lassen.“ Dabei sei es wichtig, dass sich das Verhältnis von Alt und Jung die Waage hält. Ältere Pächter seien wegen ihrer Erfahrung „das Fundament“ des Vereins und könnten ihr Wissen an die jüngeren Gärtner weitergeben.

1951 wurde der Kleingartenverein Geismar gegründet. Heute besteht er aus der Kolonie Abendfrieden mit 70 Gärten im Schulweg und der Kolonie Röderbünde in der Steinmetzkurve mit 26 Gärten. Alle Parzellen seien zwischen 320 und 350 Quadratmeter groß und kosteten 130 bis 160 Euro Pacht pro Jahr, inklusive Wasser und einer Versicherung, die jeder Gartenpächter abschließen müsse.

Kleingärten waren ursprünglich gegründet worden, um sich nach den Weltkriegen davon zu ernähren, aber nachdem es den Menschen wirtschaftlich immer besser ging, seien sie etwas in Vergessenheit geraten, erzählt Matschuk. Doch in den vergangenen 15 bis 20 Jahren erlebten sie einen regelrechten Boom. Für den Vorsitzenden ist das keine Überraschung: „Garten ist jeden Tag ein Stück Urlaub“, betont er. Auch seine Amtskollegen in anderen Vereinen könnten beobachten, dass es einen regelrechten Trend zum Kleingarten gebe. „Es wird immer jünger und immer toller.“

Wer sich bei Matschuk um einen Kleingarten bewirbt, wird zum persönlichen Gespräch eingeladen. Gemeinsam werde dann geguckt, welche Vorstellungen der Bewerber hat und ob eine Pacht sinnvoll sei. „Ein Garten ist wie ein Baby, er muss gepflegt werden.“ Es gebe viele Leute, bei denen sich die Euphorie nach wenigen Monaten lege und die dann feststellten, dass ein Kleingarten doch nicht das Richtige für sie sei. Passen die Bewerber in die Kolonie und sind mit der Abstandszahlung an den Vorpächter einverstanden, kommen sie auf eine Warteliste. Allerdings dauere es meist nicht lange, bis eine Parzelle frei wird, obwohl der Verein so beliebt sei, sagt Matschuk. Ein Kleingarten sei etwas für jeden, „der ein Interesse an der Natur hat, gerne draußen ist und Neues ausprobiert.“

Ein grüner Ort zum Feiern und draußen sein

Über ein „super Obstjahr“, in dem sie zwar keine Kirschen, dafür aber viele Zwetschen und Äpfel ernten konnte, freut sich Tanja André. Die 25-Jährige hat seit Anfang des Jahres einen Kleingarten im Kleingärtnerverein Nikolausberg gepachtet.

Tanja André mit einer geernteten Möhre an dem Hochbeet, das sie selber angelegt hat. Quelle: Richter

Bevor sie nach Göttingen gezogen ist, hat André in einem der umliegenden Dörfer gewohnt, in einem Haus mit einem Gemeinschaftsgarten. Als sie in die Stadt umzog, „war klar, dass es nicht ohne Garten geht.“ Für Nikolausberg habe sie sich bewusst entschieden, weil sie an der Fachhochschule in der Nähe Aboristik studiert. Ihr 370 Quadratmeter großer Garten grenzt an eine Pferdekoppel, an die sich direkt dahinter der Wald anschließt. „Ich habe meine Ruhe, wenn ich hier bin“, sagt André.

Gemüse anbauen in der Stadt

„Schrebergärten haben ja immer den Ruf, dass sie spießig sind, aber wenn man in der Stadt wohnt und selbst Gemüse anbauen will, gibt es nichts Besseres“, findet sie. „Man muss es einfach anders machen.“ Teilweise erfüllten schon einige die typische Vorstellung von Kleingärtnern, aber aus einem Garten könne man etwas Tolles machen. Und: „Man muss sich ja nicht in die Spießigkeitsschublade stecken.“ In ihrem Umfeld habe Gärtnern den Ruf, „dass es cool ist“. Aber warum sollten junge Leute auch etwas dagegen haben, „einen grünen Ort zu haben, wo man feiern, draußen sein und sich austoben kann?“

An der rechten Seite ihres Gartenhäuschens hat André Tomaten gepflanzt, damit sie geschützt stehen. Darunter auch Schwarze, die „wie eine Bowlingkugel aussehen.“ Mit Backsteinen, die eigentlich entsorgt werden sollten, hat sie ein Hochbeet angelegt und dort Mangold, rote Beete, Kohlrabi und Mohrrüben gepflanzt. „Diesen Sommer habe ich wenig Gemüse dazugekauft“, erzählt sie. Als Student nur Bioprodukte zu kaufen, sei finanziell nicht möglich. Deshalb sei selber Gemüse anzubauen auch ein Grund für die Pacht des Gartens gewesen. Von ihrer ersten Ernte hat die 25-Jährige Pflaumen eingekocht, Kuchen gebacken und viele Äpfel zum Mosten gebracht, sodass sie nun Apfelsaft für den Winter hat.

Tanja André auf der Hollywood-Schaukel in ihrem Garten. Quelle: Richter

Die meisten Gartengeräte wie den Rasenmäher hat André gebraucht gekauft. Gemeinsam mit Kommilitonen hat sie zwei Komposter gebaut und auch sonst viel Arbeit in den Garten gesteckt. „Wenn ich alleine hier bin, bin ich am Rödeln, sagt sie.“ Im Garten zu arbeiten, mache den Kopf frei. Herzukommen und einfach nur zu lesen oder zu entspannen, falle ihr schwer. „Ich könnte eine unendliche Liste machen, was hier noch zu tun ist.“

Im Sommer hat André fast jeden Tag in ihrem Kleingarten verbracht und beim Anpflanzen viel ausprobiert. Wie das Wachstum von Licht und Wasser abhänge oder wie lange es dauere, bis eine Mohrrübe wirklich reif ist – das Wissen könne man sich anlesen. „Aber erst wenn man es selber macht, macht es klick“, sagt sie.

Von Nora Garben

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