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„Leidensdruck“ und „falsche Förderpolitik“

Kulturförderung in Göttingen „Leidensdruck“ und „falsche Förderpolitik“

Klaus Wißmann ist unzufrieden. Der Konzertveranstalter und Vorsitzende des Vereins Kreuzberg on KulTour sieht bei kleineren, nicht oder kaum von der Stadt Göttingen geförderten Kultureinrichtungen einen „gemeinsamen Leidensdruck“ durch eine „falsche kommunale Förderpolitik“.

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„Leidensdruck“ und „falsche Förderpolitik“? Wie ist es um die Förderung der Kultur in Göttingen bestellt?

Quelle: Alciro Theodoro da Silva

Göttingen. In einem Schreiben an Kulturschaffende, das inzwischen in der Göttinger Kulturszene kursiert und das Wißmann mit der Bitte um Weiterleitung als Mitglied des Kulturverbundes und Kreuzberg on KulTour um finanzielle und ideelle Unterstützung für eine Veranstaltung des Kulturverbundes am 18. November wirbt, erneuert Wißmann seine seit Jahren vorgebrachte Kritik an der städtischen Kulturförderung. „Unter dieser falschen Förderpolitik leidet“ die Göttinger Jazz-Szene ebenso wie die Göttinger Klassik-Szene und die Rock- und Pop-Szene, schreibt Wißmann.

So werde in der Klassik „sehr, sehr viel“ Steuergeld ausgegeben für wenige Leuchttürme, etwa das Göttinger Symphonieorchester oder die Händelfestspiele, schreibt Wißmann. Im Jazzbereich, so kritisiert er, bleibe von der derzeitigen kommunalen Förderung nichts für die Breitenförderung. Das gesamte Fördergeld werde für das Jazzfestival ausgegeben.

„Nutznießer“ Nörgelbuff

Mit der Förderung der Rock- und Popmusik geht Wißmann in seinem Schreiben hart ins Gericht: „Der Löwenanteil der Fördermittel fließt in die Musa, die den privaten Veranstaltern seither übermächtige Konkurrenz macht.“ Darüber hinaus gebe es seit 2007 zwar weitere Fördermittel, aber: „Diese werden über den Verein Out-o-Space-Rockbüro verteilt.“ Für Wißmann ein Problem: Dieser Verein sei selbst Nutznießer, kassiere erst für sich selbst, dann für den von ihm betriebenen Nörgelbuff und entsprechend „einäugig“ geschehe die Weiterverteilung an andere, für die nur noch „Krümel“ blieben: „Wo sonst lässt man schon einen Hund die Knochen für die anderen Hunde weiterverteilen? Das ist so, als würde der DFB den FC Hoffenheim das Geld für alle anderen Bundesligavereine verteilen lassen und dabei die Richtlinien zur Verteilung aufstellen“, sagt Wißmann. Er halte den Nörgelbuff für „extrem erhaltenswert“, gleichzeitig seien aber andere Live-Clubs eingegangen. Wißmann schlägt vor, dass nicht das Rockbüro die Fördergelder vergibt, sondern der Fachdienst Kultur. Das hatte die Kulturverwaltung allerdings zuletzt als wenig praktikabel verworfen.

Verwaltungssprecher Detlef Johannson findet deutliche Worte für Wißmanns Kritik Richtung Rockbüro: „Unterstellungen in Hinblick auf einseitige Mittelvergabe entbehren jeglicher Grundlage und scheinen von Interessen von Einzelanbietern geleitet zu sein.“ Für Förderungen im Bereich Rock und Pop stünden spezielle Mittel des Rockbüros zur Verfügung, die mit Haushaltsbeschluss des Rates im Jahr 2017 und 2018 angehoben wurden, erklärt Johannson. Die Abwicklung der Anträge und Auszahlung der Mittel übernehme das Rockbüro auf der Basis der im Kulturausschuss abgestimmten Förderkriterien. Dabei unterliege das Rockbüro der regelmäßigen Kontrolle der Kulturverwaltung, das Vergabeverfahren sei mit Politik und Verwaltung abgestimmt.

An der Sache vorbei

Der Vorwurf, dass das Rockbüro zuallererst seine eigene Spielstätte Nörgelbuff daraus finanziere, gehe an der Sache vorbei. Denn: Der Rat 2007 wollte genau diesen damals privat geführten und vor der Schließung stehenden Traditionsclub als innerstädtischen Auftrittsort gerade für Göttinger Musiker erhalten. Das Rockbüro sei als neuer Betreiber eingesprungen und eine Förderung der Live-Musik und Spielstätten in Göttingen wurde beschlossen. Davon profitierten erstmals auch andere Anbieter wie Exil und Kreuzberg on KulTour, erläutert Johannson.

Während SPD, CDU und Grüne im Rat der Stadt Wißmanns „seit Jahren wiederholte Grundsatz-Kritik“ nicht teilen, sieht die FDP die Höhe der Zuschüsse an die Musa kritisch. Ihr kulturpolitischer Sprecher Thorben Siepmann hält die Förderungen für GSO, Händelfestspiele und Jazzfestival jedoch für angemessen und gerechtfertigt. Torsten Wucherpfennig (Antifa Linke Göttingen) mahnt: Wenn etwa das GSO keine eigenen Einnahmen generieren kann, dann müsse es „eben Abstriche“ machen. Göttingen könne jedoch froh sein über ein Kulturzentrum wie die Musa. Auch das Rockbüro mache gute Arbeit.

Dass die Göttinger Rock- und Pop-Szene sich immer weiter zerstritten hat, sei Ursache eine „ungeschickten Förderpraxis“ der Stadt. Die gewählte Mittelvergabe über das Rockbüro sorge für Unmut, meint Francisco Welter-Schultes, Vorsitzender der Piraten-Die-Partei-Ratsgruppe. Einzelne Anbieter würden bevorzugt und die Verteilung erfolge nicht über „unabhängige Stellen“.

So fördert die Stadt Göttingen Kultur

Verwaltungssprecher Detlef Johannson widerspricht Wißmanns Auffassung, dass die nicht institutionell geförderten Kultureinrichtungen „mit wenig oder gar keiner kommunalen Förderung“ auskommen müssen. „Diese Aussage ist nachweislich falsch“, sagt Johannson. Die Stadt Göttingen fördert die Kultur 2017 mit rund 12,5 Millionen Euro. Davon profitierten eine ganze Menge Kulturschaffende. Rund 7,5 Millionen Euro davon gehen an die 17 institutionell per Zuschussvertrag geförderten Kultureinrichtungen Apex, Deutsches Theater, Kino Lumière, Göttinger Knabenchor, Literaturherbst, Göttinger Symphonie Orchester, Internationale Händel-Festspiele, Jazzfestival, Junges Theater, Künstlerhaus, Kaz, Kunstverein, Literarisches Zentrum, Musa, Rockbüro, Stadtradio und Volkshochschule. Rund vier Millionen Euro kosten die städtischen Kulturinstitutionen und die Kulturverwaltung mit Stadtbibliothek, Städtischem Museum, Stadtarchiv und Fachdienst Kultur. Rund eine Million Euro stehen laut Johannson für sonstige Aufgaben zur Verfügung. Über die Vergabe wird im Kulturausschuss berichtet. Diese Projektfördermittel stehen allen Kultureinrichtungen offen. „Es müsste nur ein formloser Antrag mit Projektbeschreibung und Finanzierungsplan bei der Kulturverwaltung eingereicht werden”, so Johannson.

So fördert der Landkreis Kultur:

Der Sprecher der Kreisverwaltung, Ulrich Lottmann, weist Wißmanns Kritik ebenfalls zurück.

„Die Aussage, dass die Göttinger Klassikszene unter der Unterstützung für Händel und GSO leidet, entbehrt nach meiner Einschätzung jeder Grundlage, das Gegenteil ist der Fall”, sagt er. Rein sachlich könne man zwei Dinge feststellen: „Erstens, Anträge auf Förderung durch den Landkreis können selbstverständlich gestellt werden. Zweitens, die Anträge müssen auch gestellt werden.” Die Höhe der jeweiligen Zuschüsse und Finanzierungsvereinbarungen für die einzelnen Kultureinrichtungen werde in den Gremien des Kreistags beraten und beschlossen. Eine Vergleichbarkeit auf Grundlage der Euro-Summe herzustellen, halte er für schwierig. Die Voraussetzungen der Einrichtungen, die Form der Förderung und die Förderbedingungen seien zu unterschiedlich. „Es ist ein komplexer Abwägungsprozess durch die Gremien des Kreistags mit den entsprechenden Entscheidungen durch die Politik”, sagt Lottmann.

So fördert der Landschaftsverband Südniedersachsen:

Auch der Geschäftsführer des Landschaftsverbandes Südniedersachsen, Olaf Martin, weist die Kritik zurück. Beispielsweise im Bereich Jazz. Hier könnte laut Martin die Stadt zwar präzisere Angaben machen, dennoch stimme die pauschale Kritik nicht. „Mit der Förderung beispielsweise der Musa, des Apex und des Rockbüros werden mittelbar auch Auftritts- und Probemöglichkeiten für die Jazzszene weit über das Festival hinaus geschaffen”, sagt Martin. Wißmanns Kritik am Pop-Rock-Sektor nennt Martin „ziemlich starken Tobak”. Das Rockbüro habe präzise Vorgaben, in welchem Umfang und nach welchen Kriterien es die Mittel weiterzuleiten hat. Die Sicht des Landschaftsverbandes ist: „In alle drei Kulturbereiche fließen aus verschiedenen Quellen bereits erhebliche Fördermittel, mit Abstand am meisten in den Sektor der Klassischen Musik; diese Proportionen entsprechen grob den Proportionen des Angebots und der Nachfrage.” Einen grundsätzlichen Handlungsbedarf sieht Martin aber im Bereich der Pop/Rock-Förderung, denn dort seien milieubedingt die Institutionalisierung und der Anteil gemeinnütziger Einrichtungen deutlich niedriger als in anderen Kulturbereichen. Deshalb seien die üblichen Förderinstrumente oft nicht anwendbar. Auf Landes- und Bundesebene gibt es laut Martin inzwischen eine lebhafte Fachdebatte darüber, dass und wie die öffentliche Hand hier neue Förderformen entwickeln sollte. Der Landschaftsverband fördert wie folgt: GSO: 10.000 Euro jährlich, Händel-Festspiele: 9.000 Euro jährlich, Jazzfestival: bis 2016 jährlich 5.000 Euro, aktuell keine Förderung, Musa: 9.000 Euro jährlich, Rockbüro: 5.000 Euro jährlich. Zusätzlich gebe es unregelmäßig auch Projektförderungen in diesen Einrichtungen. Von Akteuren des Kulturverbundes habe es “nur sehr selten” Förderanträge beim Landschaftsverband gegeben.

Die kompletten Stellungnahmen der Parteien und Einrichtungen im Wortlaut

Stadtverwaltung Göttingen (Detlef Johannson)

Vermutlich überall in Deutschland „leidet“ Kultur darunter, dass die öffentliche Förderung nicht allen Wünschen entsprechen kann. Auch in Göttingen. Obwohl die finanziellen Ressourcen Grenzen haben, kann man trotzdem eine ganze Menge bewegen, fördern und unterstützen. Göttingen ist dafür ein gutes Beispiel, weil die Stadt sich zu den Zielen ihrer Kulturförderung sehr deutlich erklärt hat. Was dazu im Kulturpolitischen Leitbild formuliert ist, wird auch umgesetzt. Weil das politischer Wille ist: Zur Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe und kultureller Bildung, vor allem für Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien, zur Schaffung von Freiräumen und zur Sicherstellung eines vielfältigen und leistungsfähigen Kulturangebots.

Das war das Ergebnis eines breit aufgestellten Beteiligungsprozesses , der der Entwicklung des Leitbildes vorangegangen ist. Übrigens unter maßgeblicher Mitwirkung von Prof. Dr. Dieter Haselbach, der ja an der vom Kulturverbund geplanten Veranstaltung am 18. November teilnehmen wird.

Die Kritiker (Kulturverbund / Wißmann) stellen aber nicht nur dieses wesentliche Element Göttinger Kulturentwicklungsplan in Frage, sie irren auch im Detail oder wiederholen lediglich längst ausdiskutierte und nach wie vor falsche Behauptungen. Das legt leider die Vermutung nahe, hier gehe es vor allem um individuelle Veranstalterinteressen.

Beispiel Jazz: Der Vorwurf einer falschen, allein auf das Jazzfestival konzentrierten Förderpolitik geht ins Leere, da die Göttinger Jazzmusiker/innen zum einen nachweislich auch vom Festival profitieren und zum anderen auch „die Göttinger Jazzszene“ Projekte beantragen kann. Beispiel musa: Die Musa ist ein soziokulturelles Zentrum mit breiter Angebotspalette. Sie hält als größtes Zentrum in Südniedersachsen Musikübungsräume für über 60 Göttinger Bands sowie Künstlerateliers, Theaterprobebühnen, Werk- und Arbeitsräume im Kultur – und Kreativwirtschaftsbereich, Gruppen- und Büroräume u.a.m. bereit, bietet Kurse in den unterschiedlichsten Sparten (Musik, Tanz, Bildende Kunst etc.) an, macht Stadtteilprojekte und Weststadtarbeit, Kinder- und Flüchtlingsarbeit und bietet auch ein profiliertes Veranstaltungsprogramm, Parties u.a. an. Dies ist der politische gewollte und geförderte Auftrag an die soziokulturelle Arbeit der Musa in der Weststadt. Beispiel Rockbüro: Der Vorwurf, dass das Rockbüro zuallererst seine eigene Spielstätte Nörgelbuff daraus finanziere, geht an der Sache insofern vorbei, als der Rat 2007 genau diesen damals privat geführten und vor der Schließung stehenden Traditionsclub als innerstädtischen Auftrittsort gerade für Göttinger Musiker/innen erhalten wollte, das Rockbüro als neuer Betreiber einsprang und eine Förderung der Live-Musik und Spielstätten in Göttingen beschlossen wurde, von der auch andere Anbieter wie Exil und Kreuzberg on KulTour erstmals profitierten.

Das vorausgeschickt beantwortet die Kulturverwaltung Ihre Fragen nun in der gebotenen Ausführlichkeit (und soweit wir von weiteren Kritikpunkten wissen). So wird unter „Wir sind Kultur“ behauptet:

„denn die kulturelle Vielfalt in Göttingen setzt sich aus mehr zusammen, als den kommunal geförderten Kultureinrichtungen. Musik, Theater, Tanz und vieles mehr hat Göttingen zu bieten. Die Kulturschaffenden stellen das ganze Jahr über ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine; und das mit wenig oder gar keiner kommunalen Förderung.“

Diese Aussage ist nachweislich falsch. Die Stadt Göttingen fördert die Kultur im Jahr 2017 mit insgesamt rd. 12,5 Mio. Euro. Davon profitieren eine ganze Menge Kulturschaffende.

Rd. 7,5 Mio. € € gehen davon an die 17 institutionell per Zuschussvertrag geförderten Kultureinrichtungen Apex, Deutsches Theater, Film- u. Kinoinitiative e.V./Kino Lumière , Göttinger Knabenchor, Literaturherbst, Göttinger Symphonie Orchester, Internationale Händel-Festspiele, Jazzfestival, Junges Theater, Künstlerhaus, Kultur- u. Aktionszentrum (KAZ), Kunstverein m. artothek, Literarisches Zentrum, Musa, Rockbüro, StadtRadio und Volkshochschule.

Rd. 4 Mio. € kosten die städtischen Kulturinstitutionen und –verwaltung Stadtbibliothek, Städt. Museum, Stadtarchiv, Fachdienst Kultur (Kulturamt) mit rund 60 Mitarbeitern und-innen.

Rd. 1 Mio. € stehen für sonstige Kultureinrichtungen, Projekte und Aufgaben zur Verfügung.

Für die Förderung sonstiger kultureller Einrichtungen und Projekte stehen Projektfördermittel des Fachdienstes Kultur und der Kulturstiftung immerhin in einer Höhe von über 100.000 € jährlich zur Verfügung, die auf Antrag von der Kulturverwaltung im laufenden Jahr bewilligt werden und über deren Vergabe regelmäßig im Ausschuss für Kultur und Wissenschaft berichtet wird. Diese Projektfördermittel stehen allen Kultureinrichtungen und –projekten offen. Es müsste nur ein formloser Antrag mit Projektbeschreibung und Kosten- und Finanzierungsplan bei der Kulturverwaltung eingereicht werden. Wenn damit auch nicht automatisch eine Förderung garantiert ist, wäre das aber die Mindestvoraussetzung.

1) Die Förderung der klassischen Musik ist in Göttingen im Vergleich mit anderen Orchester und internationale Festspiele tragenden Städten in keiner Weise überproportional hoch, sondern der unverzichtbaren Pflege des kulturellen Erbes und der musikalischen Qualität in einer der Wissenschaft und Internationalität verpflichteten Stadt geschuldet. Diese Spitzenförderungen gegen eine musikalische Nachwuchs- und/oder Breitenförderung aufzurechnen entspricht nicht dem kulturpolitischen Konsens der Stadt Göttingen.

Die Kreismusikschule wird von der Stadt nicht gefördert, das ist alleinige Angelegenheit des Landkreises Göttingen-Osterode. Einige wenige Musikunterrichtsstunden in Göttinger Kitas und Grundschulen in Göttinger Stadtteilen bzw. auf dem Land werden im Rahmen des vom Land Niedersachsen kofinanzierten Musikalisierungsprogammes von der Musikschule des Landkreises angeboten, das weitaus größere Kursangebot wird aber von Musi-Kuss durchgeführt, der dafür von der Stadt mit 15.200 € jährlich gefördert wird.

Nach dem vom Rat beschlossenen Ende der kommunalen Musikschule 1995 gibt es im Stadtgebiet keinen öffentlich geförderten Träger des Musikschulangebotes, sondern verschiedene private Musikunterrichtsanbieter, von denen die Musi-Kuss die größte und gut angenommene Musikschule mit diversen Standorten im Stadtgebiet ist - neben der Freien Musikschule am Wall, dem Deutschen Tonkünstlerverband und den ihm angeschlossenen Musiklehrkräften, der Auftaktmusikschule, Hippocrizz u.a.m.

Es gibt auch keine besondere Bedrohungslage der freien Anbieter, da keine ernsthaft verfolgten Pläne, Aufträge oder Absichten zur Einrichtung einer Musikschule in öffentlicher Trägerschaft existieren.

2) Das Göttinger Jazzfestival wird 2017 mit 18.700 € gefördert, ab 2018 gibt es nach Ratsbeschluss 30.000 € für das älteste und größte Festival Niedersachsens, das seit 40 Jahren weitestgehend ehrenamtlich organisiert wird.

Diese Förderung kommt auch Göttinger Musikerinnen und Musikern und Bands aus der Region zugute. Seit Anbeginn des Festivals ist es die Konzeption, lokalen und regionalen Jazzmusikern neben den eingeladenen Topacts auf der Hauptbühne ein Forum zu bieten.

Allein an den beiden Tagen im Deutschen Theater werden 20 Programmplätze auf der Keller- und Studiobühne für Göttinger Bands vorgehalten, von der Schüler- und studentischen Bigbands zur (semi)professionellen Band unterschiedlichster Stilrichtungen. Alle Göttinger Musiker/innen erhalten beim Festival eine garantierte Gage, Verzehrbons und freien Eintritt an beiden Festivaltagen. Die Förderung des Jazzfestivals steht nicht alternativ zur Förderung der Göttinger Jazz-Szene. In der Vergangenheit wurden immer wieder Projekte im Bereich Jazz oder regelmäßig die Jazzsessions im Apex aus den allgemeinen Projektfördermitten gefördert, soweit denn entsprechende Anträge gestellt wurden.

Das Rockbüro, der Nörgelbuff, die Musa, das Apex, auch KIM Kultur werden darüber hinaus aus anderen Mitteln auch als Auftrittsorte für Göttinger Musiker/innen gefördert.

3) Für die Konzert- und Spielstättenförderung im Bereich Rock und Pop stehen spezielle Mittel des Rockbüros zur Verfügung, die mit Haushaltsbeschluss des Rates im Jahr 2017 und 2018 angehoben wurden. Die Abwicklung der Anträge und Auszahlung der Mittel übernimmt das Rockbüro auf der Basis der im Kulturausschuss abgestimmten Förderkriterien. Dabei unterliegt das Rockbüro der regelmäßigen Kontrolle der Kulturverwaltung.

Über das mit Rat und Verwaltung abgestimmte (allerdings von Kreuzberg on KulTour und Herrn Wißmann kritisierte) Vergabeverfahren an Konzertveranstalter und Live-Clubbetreiber, die Mittelaufteilung und -verwendung wurde zuletzt am 23. März dieses Jahres im Ausschuss für Kultur und Wissenschaft ausführlich beraten. Dabei ist aus unserer Sicht (noch einmal) deutlich geworden: Unterstellungen in Hinblick auf einseitige Mittelvergabe entbehren jeglicher Grundlage und scheinen von Interessen von Einzelanbietern geleitet zu sein.

Landkreis Göttingen (Ulrich Lottmann)

Von Drohungen gegenüber dem Verein Musi-Kuss oder anderen ist mir nichts bekannt. Ein Vergleich zur Kreismusikschule ist m. E. nicht zulässig. Erstens steht die Kreismusikschule vor einer Sanierung, weil sie aktuell ineffizient arbeitet. Der Kreistag hat gerade ein Sanierungskonzept beschlossen. Zweitens ist das Profil beider Einrichtungen nicht vergleichbar. Die Kreismusikschule steht vor der Aufgabe, im ländlichen Raum ein flächendeckendes Angebot an musikalischer Grundförderung sicherzustellen - insbesondere für die Kinder, deren Familien sich das nicht ohne Weiteres leisten können. Ein solches Angebot muss zwangsläufig mit Steuermitteln subventioniert werden. Das gilt für vergleichbare Einrichtungen bundesweit.

Wie sehr „leiden“ aus Sicht der Kreisverwaltung die drei genannten Kulturbereiche?

Die Frage geht von falschen Vorstellungen aus, aus drei Gründen. Zum einen kann der Begriff Leuchttürme hier als Ausdruck für Alternativlosigkeit verstanden werden. Das wird der Situation nicht gerecht. In den genannten Bereichen gibt es hervorragende Angebote von überregionaler Bedeutung, die den Lebens- und Wirtschaftsstandort attraktiv machen und für die Region insgesamt von großem Wert sind. Zum anderen gibt es auch hier bundesweit keine Angebote der Hochkultur, die nicht vom Steuerzahler finanziert werden müssen. Schließlich hat das GSO eine im vgl. zu Staatsorchestern hohe Eigenfinanzierung, gleiches gilt für das Deutsche Theater. Auch die Internationalen Händelfestspiele kommt mit vergleichsweise wenig Geld aus. Alle Institutionen bauen erfolgreich ihre Angebote aus und erfreuen sich großer Nachfrage, auch in der Region! Die Aussage, dass die Göttinger Klassikszene unter der Unterstützung für Händel und GSO „leidet“ entbehrt nach meiner Einschätzung jeder Grundlage, das Gegenteil ist der Fall.

Welche Defizite in der Förderung gibt es aus Sicht der Verwaltung?

Die Fragestellung unterstellt, dass es Defizite gibt. Das wird je nach Standpunkt vielleicht unterschiedlich beurteilt. Rein sachlich kann ich zwei Dinge feststellen. Erstens, Anträge auf Förderung durch den Landkreis können selbstverständlich gestellt werden. (Gleiches gilt im Übrigen für den Landschaftsverband Südniedersachsen, der eine breite Unterstützung zahlreicher Kulturinitiativen sicherstellt. Ich kann jedoch nicht für den Landschaftsverband sprechen und bitte deshalb darum, Geschäftsführer Olaf Martin zu kontaktieren.) Zweitens, die Anträge müssen auch gestellt werden

Nennen Sie bitte die Höhe der Landkreis-Zuschüsse, die jährlich an die namentlich genannten Institutionen fließen und stellen Sie bitte den prozentualen Anteil an der gesamten Kulturförderung des Kreises dar.

Die Höhe der jeweiligen Zuschüsse bzw. Finanzierungsvereinbarungen wurde in den Gremien des Kreistags beraten und beschlossen. Die Unterlagen sind im Kreistagsinformationssystem öffentlich einsehbar. Eine Vergleichbarkeit schlicht auf Grundlage der jeweiligen Euro-Summe herzustellen, halte ich aber für schwierig und irreführend. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen der jeweiligen Einrichtungen, die Form der Förderung und ggf. die jeweils vereinbarten Förderbedingungen. Vielmehr gibt es hier einen komplexen Abwägungsprozess durch die Gremien des Kreistags mit den entsprechenden Entscheidungen durch die Politik.

Landschaftsverband Südniedersachsen (Olaf Martin)

Klassik

Zu den Einzelheiten dieser Vorwürfe können Stadt und Landkreis besser Stellung beziehen. Bezogen auf Musi-Kuss: Der Verein ist zwar gemeinnützig, aber im Bereich der öffentlich geförderten Musikschulen gibt es bestimmte Standards wie z. B. die Mitgliedschaft im Verband deutscher Musikschulen (VdM), der Anforderungen an die Mindestqualität der Musikschularbeit hat; mit einer solchen Mitgliedschaft hätten diese Forderungen eine ganz andere Durchschlagskraft. Nach meiner Kenntnis ist dieser Zusammenhang den Musi-Kuss-Vertretern durchaus bewusst, sie scheuen aber offenkundig den erforderlichen Mehraufwand für das Erreichen der VdM-Vorgaben.

Jazz

Auch hier kann die Stadt wesentlich präzisere Angaben machen, aber so pauschal stimmt diese Behauptung natürlich nicht: Mit der öffentlichen Förderung z. B. der musa, des Apex, des Rockbüro usw. werden mittelbar auch Auftritts- und Probemöglichkeiten für die Jazzszene weit über das Festival hinaus geschaffen.

Pop/Rock

Das ist schon ziemlich starker Tobak. Das Rockbüro hat m. W. präzise Vorgaben seitens der Stadt, in welchem Umfang und nach welchen Kriterien es die Mittel weiterzuleiten hat. Wenn das dem Kulturverbund nicht passt, sollte er sich mit der Stadt auseinandersetzen und nicht die ihm eigentlich nahestehenden Kollegen vom Rockbüro angreifen.

Wie sehr „leiden“ aus ihrer Sicht die drei genannten Kulturbereiche?

Aus Sicht des Landschaftsverbandes: In alle drei Kulturbereiche fließen aus verschiedenen Quellen bereits erhebliche Fördermittel, mit Abstand am meisten in den Sektor der Klassischen Musik; diese Proportionen entsprechen aber auch grob den Proportionen des organisierten Angebots und der Nachfrage. Sowohl für die Geförderten

Welche Defizite in der Förderung gibt es aus Sicht der Verwaltung?

Einen grundsätzlichen Handlungsbedarf sehe ich im Bereich der Pop/Rock-Förderung, denn hier ist milieubedingt die Institutionalisierung und der Anteil gemeinnütziger Einrichtungen deutlich niedriger als in anderen Kulturbereichen. Aus den angeführten Gründen sind dann die üblichen Förderinstrumente oft nicht anwendbar. Auf Landes- und Bundesebene gibt es inzwischen eine lebhafte Fachdebatte darüber, dass und wie die öffentliche Hand hier neue Förderformen entwickeln sollte. Diese müssten sich u. U. stärker an den Erfahrungen der Wirtschaftsförderung oder des Bildungswesens orientieren. Das zu vertiefen, würde hier aber zu weit führen und tut in der aktuellen Auseinandersetzung nichts zur Sache.

Förderungen des Landschaftsverbandes für...

- GSO: 10.000 Euro jährlich

- Händel-Festspiele: 9.000 Euro jährlich

- Jazzfestival: bis 2016 jährlich 5.000 Euro, aktuell keine Förderung

- musa: 9.000 Euro jährlich

- Rockbüro: 5.000 Euro jährlich

Daneben kam und kommt es unregelmäßig auch zu weiteren Projektförderungen bei diesen Einrichtungen.

Im Gegensatz dazu gab es von Mitgliedern und Akteuren des Kulturverbundes in den vergangenen Jahren nur sehr selten Förderanträge beim Landschaftsverband. Von Musi-Kuss wurde 2011 ein Antrag abgelehnt, 2012 hat der Verein einen Projektzuschuss von 2.163 Euro erhalten.

Jazzfestival Göttingen (Sebastian Otto)

Wir können zwar keine direkte Kritik am Jazzfestival erkennen, wohl aber falsche Aussagen: Unseres Wissens gibt es keinen konkreten Fördertopf für den Jazz in Göttingen, somit kann auch nicht „das gesamte Fördergeld“ im Jazz „für das Jazzfestival“ ausgegeben werden. Auch andere Kultureinrichtungen bekommen Zuschüsse und verwenden diese teilweise für die Jazzförderung: das Apex mit der Jazz-Session, der Nörgelbuff mit der „Deep in the Groove“-Session und zusammen mit dem Dots jeweils auch für einzelne Jazzkonzerte. Zudem wurden in diesem Jahr Sonderprojekte wie „European Echoes“ und „Jazz ohne Gleichen“ kommunal gefördert.

Fast alle Mitglieder des Festivalkomitees haben langjährige Erfahrungen im Organisieren von Sessions, Workshops, Konzertserien auch an anderen Spielorten. Selbstverständlich würden wir uns über einen festen Jazzclub in Göttingen freuen, der weitere Auftrittsmöglichkeiten für die Göttinger und überregionale Jazzszene bietet und mit dem wir kooperieren könnten. Es steht jedem offen, hierfür ein Konzept zu erarbeiten und Förderung zu beantragen. Unserer Einschätzung nach mangelt es hier eher an den Personen, die sich mit vollem Elan tatsächlich auf ein solches Unternehmen einlassen würden.

In den letzten Jahren haben die letzten Göttinger Clubs geschlossen, in denen regelmäßig Jazz angeboten wurde; das Angebot hat sich entsprechend reduziert. Hier füllt unser Festival die Lücke zumindest ein Stück weit auf. Das Göttinger Jazzfestival schafft es jedes Jahr aufs Neue, einem breiten Publikum von rund 4.500 Besuchern erstklassigen Jazz zu präsentieren und Interesse an dieser Musik zu wecken. Wir geben mit der Förderung alljährlich rund 200 Göttinger Jazzmusikern in 20 Gruppen die Möglichkeit, vor voller Kulisse aufzutreten, und damit die Chance, mit ihrer Musik zu überzeugen. Was das ganze Jahr hindurch ein oft zähes Geschäft ist, funktioniert zur Festivalzeit aufgrund der von uns erarbeiteten und gepflegten Strukturen sehr geschmeidig. Davon haben Publikum und Jazzmusiker in der Stadt gleichermaßen etwas.

Wie viel Förderung bekommt das Jazzfestival von der Stadt Göttingen?

Aktuell erhalten wir eine Förderung in Höhe von 18.700 € p.a.

Welchen Anteil der Gesamtkosten deckt diese Förderung?

Die Förderung der Stadt macht 13 % unseres Gesamthaushaltes aus. Über 50% erwirtschaften wir durch Eintrittsgelder, den Rest überwiegend durch private Sponsoren.

Wie sehr „leidet“ aus Ihrer Sicht die Göttinger Jazz-Szene?

Mit „Deep in the Groove“ im Nörgelbuff und der Jazz-Session im Apex gibt es zwei funktionierende monatliche Auftrittsmöglichkeiten und Treffpunkte für Jazzmusiker, die im Schnitt ganz ordentlich angenommen werden. Außerdem gibt es weiterhin Auftrittsmöglichkeiten im Apex, Nörgelbuff, UMG, musa, Dots u.a. zu den Bedingungen, die auch für die übrige Göttinger Musikszene gelten. Aber nichts passiert von selbst, jede Aktivität benötigt Menschen, die sich zusammentun und engagieren. Da kann immer mehr getan werden, als tatsächlich geschieht.

Wie groß ist diese aus Ihrer Sicht?

ca. 40 Gruppen mit im Schnitt 6 Musikern, die sich mit Jazz oder benachbarten Genres beschäftigen.

Welche Defizite in der Förderung im Bereich Jazz gibt es aus Ihrer Sicht?

Erst wenn die Jazzszene entsprechende Strukturen geschaffen hat, kann über evtl. Defizite gesprochen werden.

Verein KUNST (Wilfried Arnold)

Der Verein Kunst hält die Vorwürfe von Klaus Wißmann für völlig unzutreffend. Schon seit Jahren kritisiert Klaus Wißmann die Göttinger Kultureinrichtungen in einer durchsichtigen Neiddebatte, die den Zweck beinhaltet, Gelder für seine eigenen Veranstaltungen und ihm nahe stehende Gruppen zu fordern.

Mehr als 300.000 Besucher bei den von der Stadt geförderten Einrichtungen und die auch überregionale, zum Teil bundesweite Ausstrahlung von Veranstaltungen sowie Förderungen aus Landes- und EU- Mitteln und zahlreiche Preise belegen die Qualität und die Vielfalt der Göttinger Kultureinrichtungen.

Kulturzentrum Musa (Tine Tiedemann)

Die musa nimmt sich das Recht heraus, die Gedankenwelt Klaus Wißmanns nicht zu kommentieren.

Fraktionen von Grünen, SPD und CDU

Wir teilen die von Herrn Wißmann seit Jahren wiederholte Grundsatz-Kritik nicht. Wir nehmen ggf. näher Stellung im Rahmen der geplanten Veranstaltung.

FDP-Ratsfraktion (Thorben Siepmann)

Zunächst einmal lehnt die FDP-Ratsfraktion es ab, einzelne Kulturbereiche gegeneinander ausspielen zu wollen. Sowohl das Göttinger Symphonieorchester, wie auch kleinere Ensembles leisten ihren Beitrag zu einer vielfältigen Kulturszene. Diese Vielfalt der Kultureinrichtungen gilt es auch weiterhin zu erhalten, und falls nötig auch kommunal zu fördern.

1.Für die Klassik-Szene heißt das, dass die Förderung des GSO oder der Händelfestspiele keine Verschwendung von Steuergeldern darstellt, sondern einen Anziehungseffekt über die Stadtgrenzen hinaus bietet. Dazu wird aus dem städtischen Haushalt bereits Nachwuchsförderung finanziert.

2.Das Jazz-Festival zeigt, dass eine vielfältige Förderung gewährleistet wird.

3.Die Höhe der Zuschüsse für die Musa e.V. sieht die FDP-Fraktion ebenfalls kritisch, ein entsprechender Änderungsantrag zum Haushalt wurde von der Ratsmehrheit abgelehnt.

Die Verteilung von kleineren Fördersummen über das Rockbüro ist die wohl praktikabelste Lösung, da es Förderung mit mehr Flexibilität und weniger Bürokratie gewährleisten kann. Wichtig ist hierbei ein transparentes Verfahren von dem möglichst viele Veranstalter profitieren sollten. Zwischen den Kulturschafenden in der Rock und Pop-Szene sollte versucht werden über den Dialog wieder eine Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu schaffen.

In Göttingen leidet die Pop- und Rock-Szene momentan am meisten durch die Verwerfungen zwischen einzelnen Vereinen bzw. Veranstaltern. Es wäre wünschenswert, wenn die Verwaltung hier eine vermittelnde Position übernehmen könnte.

Zukünftig sollte, aus Sicht der FDP-Fraktion, die Nachwuchsförderung weiter gestärkt werden. Durch Wettbewerbe, wie (der bereits geförderte) „Jugend musiziert“ werden Möglichkeiten geschaffen individuelle Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

PIRATENundPARTEI-Ratsgruppe (Francisco Welter-Schultes)

Wie sehr „leiden“ aus Sicht Ihrer Fraktion die drei genannten Kulturbereiche?

Im Bereich Klassik sehen wir seitens der Stadt Defizite in der Wahrnehmung und Würdigung der Bedeutung privater Musikschulen und ihrer Rolle in Göttingen. Dies äußerte sich in der Vergangenheit unter anderem darin, dass erfolglos versucht wurde, eine kommunal geförderte Musikschule in Konkurrenz zu den privaten Anbietern zu eröffnen, aber auch in anderen Situationen. Die Stadt sollte den privaten Musikschulen gegenüber aufgeschlossener gegenüberstehen, sie als Partner begreifen, ihre Leistung besser würdigen und sie fairer behandeln. Die Musikschulen arbeiten wirtschaftlich und sind erfolgreich, aber sie leiden unter der fehlenden Anerkennung ihrer Arbeit.

Im Bereich Jazz wird kritisiert, das gesamte Fördergeld fließe in ein einziges Projekt. Hier hat die Stadt in der Tat Erläuterungsbedarf, warum sie keine Breitenförderung im Programm hat.

Im Bereich Rock/Pop beobachten wir eine Szene, die sich in den vergangenen Jahren immer weiter zerstritten hat. Verursacht wird dies durch eine sehr ungeschickte Förderpraxis der Stadt. Mit dem Verein RockBüro e.V. ist ein Fördermittelempfänger ist auch gleichzeitig Weiterverteiler der städtischen Fördermittel. Das sorgt in der Szene für Unzufriedenheit und weitere Entfremdung voneinander. Als Ratsgruppe haben wir versucht, die Stadt dazu zu bewegen, ihre Haltung zu überdenken und Lösungen zu suchen, um aus der verfahrenen Situation herauszufinden. Leider lehnte die Stadt bislang jeglichen Versuch einer Änderung der Förderpraxis ab. Je mehr Zeit vergeht, desto schlimmer wird es. Rock/Pop ist unter den drei Sparten sicherlich die, die am stärksten betroffen ist.

Darüber hinaus fehlen in allen Bereichen Räumlichkeiten - sei es für den Unterricht oder zum Proben. Hier könnte die Stadt helfen und kostenlose Räume zur Verfügung stellen. Auch das ist eine Form der Kulturförderung, wie sie auch in anderen Städten praktiziert wird (beispielsweise in Celle).

Welche Defizite in der Förderung gibt es aus Sicht Ihrer Fraktion?

Generell sehen wir zunehmende Defizite in einer zu schwachen Breitenförderung und in einer zu starken Konzentration auf Leuchtturmprojekte. Die Förderung alternativer Spielstätten und Bühnen kommt uns zu kurz. Defizite sehen wir auch in der Fairness bei der Verteilung der Mittel, einzelne Anbieter werden bevorzugt und die Verteilung erfolgt nicht über unabhängige Stellen, anders als bei der reibungslos ablaufenden und gut organisierten Sportförderung.

In der Rock/Pop-Förderung sehen wir besonders schwere Defizite. Das Grundproblem sehen wir darin, dass mit dem Rockbüro Göttingen e.V. seit 2007 einer von mehreren gleichwertigen Akteuren alle kommunalen Fördermittel auf sein eigenes Konto überwiesen bekommt und diese zwischen sich selbst und seinen eigenen Konkurrenten fair aufteilen soll. So etwas kann nicht gutgehen, und es ging in der Tat nur am Anfang gut. Wenn man so ein System beim Fußball einführen würde, wäre das nicht anders. Einige Akteure halten still und hoffen, wenigstens geringe Fördermittel bekommen. Andere machen den Mund auf und nehmen immer wieder das Risiko in Kauf, um tausende Euro quasi betrogen zu werden.

Für uns stellt sich die Frage, wie lange das noch so weitergehen soll. Die Defizite sind so gravierend, dass wir einer Förderung unter diesen Maßgaben im Rat nicht mehr zustimmen werden.

Antifa Linke (Torsten Wucherpfennig)

In einigen Punkten kann ich Herrn Wißmann durchaus recht geben. Das GSO wird jährlich mit fast 1,5 Mio. € bezuschusst. Es wird immer als „Aushängeschild“ für Göttingen verkauft (ähnlich wie die BG bei der Sportförderung). Jede kleine Schülerband lebt zum größten Teil von den Einnahmen ihrer gespielten Konzerte, so sollte es beim GSO auch sein, wenn es also keine eigenen Einnahmen generieren kann, dann muss es eben Abstriche machen. Dieser Zuschuss muss meiner Meinung nach drastisch gekürzt werden. Ähnlich sieht es bei den Händelfestspielen (jährlich 150000 €) aus. Warum muss eine Veranstaltung subventioniert werden, die zum großen Teil nur von den „besserverdienenden“ besucht wird? Das Publikum, dass größtenteils aus ganz Deutschland anreist, ist auf diese Subventionen nicht angewiesen und würde auch bei einem höheren Eintrittspreis nicht fernbleiben. Genauso verhält es sich beim NDR-Soundcheck-Festival, dessen Zuschuss unlängst von 15000 € auf 110000 € erhöht wurde. Für solche prestigeträchtigen Veranstaltungen scheint also genug Geld vorhanden zu sein.

Die Zuschüsse müssen also gerechter verteilt werden, dann könnten in der Tat Institutionen wie z.B. musikuss e.V. gefördert werden. Auch das StadtRadio ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Viele Göttinger Bürgerinnen und Bürger nutzen es zur täglichen Informationsquelle. Wer weiß, was gute Sendetechnik etc. heutzutage kostet, merkt das der Zuschuss von knapp 30000 € nicht ausreichend ist.

Was die Musa angeht kann ich Herrn Wißmann nicht zustimmen. Göttingen kann froh sein, dass es mit der Musa ein Kulturzentrum dieser Art hat. Musikalisch bietet das Konzertangebot für fast jeden Geschmack etwas. Auch außenstehende kleinere Veranstalter haben die Möglichkeit in der Musa ihre Konzerte zu veranstalten. Das dies natürlich nur mit Absprache der Musa und ein wenig gutem Willen beiderseits funktionieren kann sollte klar sein. Auch das Rockbüro macht meiner Meinung nach gute Arbeit, obwohl mit einem Etat von knapp 30000 € jährlich keine großen Sprünge möglich sind. Den Verantwortlichen des Rockbüros aber „Mißwirtschaft“ zu unterstellen, ist sicherlich sehr populistisch und auf jeden Fall der falsche Weg.

Ich finde es wenig hilfreich, sich jetzt gegenseitig zu bekämpfen. Alle „kleinen“ Kulturschaffenden, Konzertveranstalter etc. sollten sich an einen Tisch setzen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Auch Politik und Verwaltung sollten sich Gedanken machen, ob es wirklich sinnvoll ist einige wenige „Großprojekte“ zu subventionieren und viele kleinere Veranstalter außen vor zu lassen.

Von Michael Brakemeier

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