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Thema des Tages Zwischen Landlust und Landfrust
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00:22 27.10.2018
Die Initiative Mingerode 2030 befasst sich mit der Historie und der Zukunft des Ortes. Quelle: Kuno Mahnkopf
Landkreis, Mingerode. , Gieboldehausen,

Dorfentwicklung, Dorfmoderatoren, Dorferneuerung, Dorfhelfer, Dorfregionen. An Instrumenten, die den demografischen Wandel abfedern sollen, mangelt es nicht. Der ländliche Raum ist zum Forschungsobjekt und Experimentalfeld für Förderprogramme, wissenschaftliche Studien und externe Steuerungsprozesse geworden. Forschungsarbeit für und über die Provinz leisten im Kreis Göttingen unter anderem die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) und das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (Sofi).

Dorf ist nicht gleich Dorf

„Dörte Hansen beschäftigt sich mit dem Verschwinden einer Lebensform, die für weite Teile dieses Landes mehr als 6000 Jahre dominant war – ich spreche vom Dorf.“ Mit diesen Worten stellte Literaturkritiker Denis Scheck beim Göttinger Literaturherbst den Roman „Mittagsstunde“ vor. „Nach und nach verlassen sie das Land, wo sie gebor’n, was sie verband“ hieß es schon 1978 in dem Song „Wie schön ist doch mein Dorf gewesen“, in dem Petra Pascal wehmütig die Landflucht besang. Den ruralen Kulturpessimismus muss man nicht teilen. „Die Jungen ziehen fort, die Alten sterben aus“, hört man zwar immer wieder mal bekennende „Landeier“ klagen. Die viel beschworenen Untergangsszenarien sind bekannt: Schlafdörfer, Leerstände, bröckelnde Infrastruktur, durch die demografische Entwicklung ausgehöhlte Ortskerne, zugezogene Pendler, die sich in Neubaugebieten verschanzen, gewachsene Dorfgemeinschaften, die schwächeln und zerbrechen. Zugleich wird in Landlust-Magazinen auf Hochglanzseiten eine heile Welt zwischen Birnenkompott und Bauerngarten inszeniert. Ganz so einfach ist es aber nicht, zwischen Schwarzmalerei und Schönfärberei gibt es viele Grautöne. Potenziale und Perspektiven hängen auch von der Lage und anderen Faktoren ab. Dorf ist nicht gleich Dorf. Manche Orte prosperieren, andere drohen zur Wüstung zu werden.

Intensive Auseinandersetzung mit dem ländlichen Raum

Den Defätisten hat Prof. Ulrich Harteisen von HAWK, die sich intensiv mit dem ländlichen Raum befasst, in den vergangenen Jahren immer wieder Optimismus, Chancen und Sonnenseiten des Landlebens entgegengehalten: Naturnähe, Entschleunigung, Geselligkeit, Geborgenheit. Mit Hilfe der örtlichen Zukunftsrunde hat die HAWK vor einigen Jahren unter anderem die Lebensqualität in der Ortschaft Bodensee im Eichsfeld unter die Lupe genommen und ein positives Fazit gezogen. Die Zukunftsrunde sei inzwischen allerdings weitgehend eingeschlafen, bestätigt Bodensees Bürgermeister Friedrich Henniges.

Ob Entwicklungsprozesse funktionieren, steht und fällt auch mit den örtlichen Akteuren und der externen Begleitung. Die Fäden dafür laufen beim Demografie- und Leader-Management des Landkreises Göttingen zusammen. Die Ländliche Erwachsenenbildung und die Freie Altenarbeit Göttingen sind ebenso mit an Bord wie die HAWK. An der laufen gleich mehrere Projekte, sagt Dr. Swantje Eigner-Thiel, die die Forschungsgruppe „Ländliche Räume und Dorfentwicklung“ koordiniert: Dorfmoderation, Wirtschaftsstandort Dorf und Resilienz (Kernfrage: Warum sind einige Dörfer widerstandsfähiger gegen die Probleme des demografischen Wandels als andere?). Seit 2012 hätten in den vier Landkreisen in Südniedersachsen rund 70 Dofmoderatoren eine Basisausbildung absolviert, um Prozesse anzustoßen und neue Treffpunkte zu installieren. In weiteren Modulen würden Spezifizierungen auf einzelne Orte mit Dorfanalyseschema von der Historie bis Zukunftspotenzialen erfolgen. Mit Fragebögen und Interviews zum Thema Resilienz im internationalen Vergleich sei Doktorand Alister Adam-Hernandez unterwegs, der spanische und englische Wurzeln hat. Nachdem er in Spanbeck geforscht hat, sind jetzt spanische Dörfer an der Reihe. Eine weitere Doktorandin befasse sich mit der Zukunft der Dorferneuerung im Licht neuer Verantwortungsstrukturen und Planungsmethoden. Beim Wirtschaftsstandort Dorf gehe es um die Anforderungen von Unternehmen, berichtet Eigner-Thiel. Nicht nur dabei spiele die Digitalisierung eine Schlüsselrolle. Sie habe auch das Freizeitverhalten und die Kommunikationswege der Dorfjugend verändert – „ganz abgesehen davon, dass es weniger Jugendliche gibt“.

Dorfinitiative Mingerode will Gemeinschaft stärken

„Was ist toll an Mingerode, was muss sich verändern?“ Das war die Ausgangsfrage der vor vier Jahren auf Einladung von Hans-Georg Schwedhelm und Guntram Czauderna gestarteten Initiative Mingerode 2030. Die Themenfelder Gemeinschaft, Dorfladen, ambulante Tagespflege, Kultur und Informationsfluss in dem zu Duderstadt gehörenden Ort mit knapp 1400 Einwohnern sollten in fünf Arbeitsgruppen beackert werden. Heute wissen die Gründer, welche Ziele zu ehrgeizig waren, wo man sich überschätzt hatte, aber auch, was alles machbar war und ist.

Mit Picknickkorb auf den Dorfplatz

Am breiten und von Bänken flankierten Fußweg inmitten der Lindenallee, einem Alleinstellungsmerkmal des Ortes, trafen sich die Dörfler auch an den mediterranen Abenden dieses Sommers nicht zuhauf und regelmäßig, um zu spielen, zu klönen, zu trinken oder einfach nur dazusitzen und zu schweigen. Zwischen einer Plaza im Mittelmeerraum und im Eichsfeld liegen eben doch mentale Welten. Auch neu gestaltete und mit Sitzgruppen ausgestattete Dorfplätze wie in Seeburg und anderen Orten füllen sich nur bei Dorf- und Sportfesten, ansonsten bleiben die Kommunikationsnischen zumeist verwaist. „Die Leute sitzen dort nicht, damit keiner denkt, sie hätten nichts zu tun“, meint Schwedhelm. Und Max Moser appelliert: „Die Scheu überwinden, bei schönem Wetter einfach mal mit dem Picknickkorb auf den Dorfplatz gehen. Sobald jemand anfängt, folgen weitere nach.“ Aber das gilt nur fürs streetlife. Ansonsten wurde viel bewegt im Ort.

Flohrmarkt auf der Lindenallee Mingerode Quelle: Kuno Mahnkopf

„Ratskeller als Treffpunkt“

Keiner Aufforderung bedarf es für die vielen stets gut besuchten Veranstaltungen, für die Mingerode 2030 gesorgt hat: Benefizkonzerte mit der Kreismusikschule, Gastspiele des Jungen Theaters Dorfflohmärkte, Vorträge, Erzählrunden, Suppenküche und Rudelsingen, in diesem Jahr unter freiem Himmel mit 150 Freizeitsängern. Erstmals wurde ein großformatiger Kalender mit historischen Fotos aufgelegt, alle 100 Exemplare waren schnell verkauft. Die vom Ortsrat als Treffpunkt aufgewertete Lindenallee mit Boulebahn, Outdoor-Kicker, Wippetieren und Schutzhütte bietet beste Voraussetzungen für zwanglose Begegnungen. Jeden Donnerstag trifft sich eine feste Boule-Gruppe, Kugeln liegen in Schwedhelms Hofeinfahrt aus. Als Treffpunkt bewährt hat sich auch der „Ratskeller“. An den „offenen Freitagen“ war die Bude stets voll. Willi Funke sen. erzählte dort lebhaft seine Lebensgeschichte und die Geschichte des Dorfes – bevor die Straßen befestigt wurden und man den Pfarrer auf der Straße noch mit „Gelobt sei Jesus Christus“ grüßen musste. „Bei den Kriegsgeschichten hat der halbe Saal geweint“, sagt Moser. Auch Horst Timmermann, der 1945 als Vertriebener nach Mingerode kam, schilderte im Ratskeller seine Erlebnisse.Mit der Weiterführung des Ratskellers als Dorfgemeinschaftsprojekt unter Federführung der Realgemeinde sollte der Verlust der zentral gelegenen Gaststätte kompensiert werden, erzählt Schwedhelm: „Wir haben den Edeka-Markt, zwei Kneipen, Sparkasse und Post verloren. Das waren harte Einschnitte.“ Viele Ältere seien durch den Ort geirrt und hätten Anlaufpunkte gesucht, die es nicht mehr gab. Inzwischen ist der Ratskeller wieder verpachtet, der „Streetgriller“ setzt auf temporäre Öffnungszeiten und Events.

Regionale Produkte und Nachhaltigkeit

Von einigen ursprünglichen Plänen musste sich die Initiative verabschieden, aus den Arbeitsgruppen wurde ein großes Plenum. In dem wirken derzeit Schwedhelm, Moser, Maximilian Fahlbusch, Dennis, Hartmut und Marcel Kohl, Simone Burghardt und Gaby Kunze mit. Die Dorfladen-Idee wurde ad acta gelegt, um die noch bestehenden Geschäfte (Bäckereifiliale mit Lebensmitteln, Metzger und Friseur) nicht zu gefährden. Als zu ambitioniert hat sich auch ein niedrigschwelliges Angebot zur ambulanten Tagespflege herausgestellt. Immerhin ist daraus eine von Kunze betreute Seniorengruppe erwachsen, die sich monatlich im Pfarrheim trifft. „Wegen eingeschränkter Mobilität würden einige sonst nirgendwo mehr hingehen“, sagt Schwedhelm. Ziel bleibe es, eine professionelle Tagespflege im Ort zu etablieren: „Das ist eine andere Hausnummer, das können wir nicht stemmen.“ Eine Erfolgsgeschichte ist das Apfelfest mit Saftpresse. „Damit haben wir den Nerv des Dorfes getroffen“, sagt Moser und verweist auf den Obstbaum-Lehrpfad mit vielen gekennzeichneten alten Apfelsorten. „Mit regionalen Produkten und Nachhaltigkeit kann man gerade auch bei jüngeren Leuten und Familien punkten“, ergänzt Schwedhelm.

Die Initiative Mingerode 2030 befasst sich mit der Historie und der Zukunft des Ortes. Zu den Akteuren gehören Hans-Georg Schwedhelm (l.) und Max Moser. Quelle: Kuno Mahnkopf

Wünschen würde sich der „Jungrentner“ mehr Beteiligung der mittleren Generation, die allerdings wegen der Veränderung der Arbeitswelt kaum noch Zeit habe, mehr finanzielle Unterstützung und eine eigene Homepage. Die Zusammenarbeit mit Stadt und Ortsrat bewertet er positiv. Das ist nicht selbstverständlich. In vielen Orten würden Dorfinitiativen als Konkurrenz betrachtet, Bürgermeister um Machtverlust bangen, meint Schwedhelm: „Das ist aber Blödsinn. Ein Ortsrat kann nicht so frei agieren wie eine Projektgruppe.“ Mingerodes Ortsbürgermeister Pascal Schwedhelm steht hinter Mingerode 2030 und freut sich über „die Aktivitäten, die den Ortskern mit Leben erfüllen“.

Dörfer im Dialog

Akteure, die sich um die Entwicklung ihrer Dörfer bemühen, sind die Zielgruppe eines Informations- und Austauschtreffens in der Kooperativen Gesamtschule (KGS) in Gieboldehausen am Donnerstag, 25. Oktober, vom 18 bis 21 Uhr. Veranstaltet wird „Dörfer im Dialog“ vom Landkreis, den Leader-Regionen Göttinger Land und Osterode am Harz sowie der HAWK.

Nach über sieben Monaten hat die Gemeinde Spanbeck am Sonnabend nach Um- und Neubau die Alte Schule und den Mehrgenerationen Bürgerpark eröffnet. Quelle: Lisa Hausmann

Sogenannte „Best-Practice“-Beispiele gibt es inzwischen überall im Landkreis. Mal wird geklotzt, mal gekleckert, Einzelpersonen ergreifen ebenso Initiative wie breit aufgestellte Bündnisse für Lebensqualität auf dem Land. In Güntersen bei Adelebsen, das durch die Hells Angels und Neonazi-Aufmärsche in die Schlagzeilen geraten war, soll das bereits 2010 gestartete Projekt „Dorf mit Zukunft“ fortgesetzt werden. Als Erfolge nennt Ortsbürgermeister Dr. Norbert Hasselmann unter anderem das Dorfcafé in der Wohnwerkstatt (der ehemalige Gasthof „Lindhorst“), Bücherkiste, Suppentage, Streuobstsaft und interreligiöse Gottesdienste. Der Seniorenbeirat, der eine Bank am Dorfladen gestiftet habe, veranstalte regelmäßige Treffen, in der Nähe des Feuerwehrhauses sei ein Defibrilator angebracht worden. Auf eine lange Liste von Aktivitäten verweisen kann auch die ebenfalls bereits seit 2010 bestehende Dorfgemeinschaft Leben und Wohnen (Dolewo) in Eisdorf bei Bad Grund. In Spanbeck wurde in diesem Jahr die alte Schule zum Bürgertreff umgebaut und ein „Mehrgenerationen“-Bürgerpark eröffnet. In anderen Orten wurden Dorfplätze geschaffen oder Thieplätze reaktiviert. In Wöllmarshausen in der Gemeinde Gleichen hat Klaus Eickhoff, Dorfmoderator der ersten Stunde, in Privatiniative ein Grundstück erworben, weil es dort keinen Thieplatz gab. Und in Rittmarshausen freut sich Ortsbürgermeister Dr. Chicgoua Noubactep über den Kulturverein, der für Jazz in der Kulturscheune sorgt und das Schloss für Veranstaltungen wie Theater mit den „Stillen Hunden“ nutzen kann.

Von Kuno Mahnkopf

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