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Langfristige Leerstände in Top-Lagen selten

Göttinger Einkaufsstraßen Langfristige Leerstände in Top-Lagen selten

Ein SPD-Antrag, leere Läden ins Wohnraum umzuwandeln, steht zur Diskussion. Die Verwaltung und Pro-City lehnen die Idee ab.

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Weender Straße: Hier wird renoviert. Foto: Christina Hinzmann

Göttingen.  Leere Geschäfte in Wohnraum umwandeln: Das ist der Inhalt eines Antrags der Göttinger SPD-Ratsfraktion. Der bereits vor drei Jahren gestellte Antrag wird am Donnerstag, 19. Oktober, im Bauausschuss diskutiert. „In den B- und C-Lagen der Göttinger Innenstadt häufen sich die Leerstände. An die 50 Geschäfte stehen immer wieder leer oder werden nur kurzzeitig an wechselnde Mieter vermietet”, heißt es. Und weiter: „Es wird schwer sein, die 75 000 Quadratmeter Ladenfläche, die sich in der Innenstadt auf 477 Läden verteilen, auf Dauer zu vermieten.” Die Stadtverwaltung allerdings kann nach einer Zählung im Juli 2017 keinen zunehmenden Leerstand von Ladenlokalen in den B- und C-Lagen der Göttinger Innenstadt belegen. „Es handelt sich hier nicht um ein strukturelles Problem. Die Leerstände entstehen im Regelfall durch Mieterwechsel oder Renovierungen und sind meist nicht von langer Dauer.” Auf Grundlage dieser Bewertungen sei eine gezielte Umwandlung von Ladenlokalen in Wohnraum keine „zielführende Maßnahme” zur Entwicklung und Stärkung der Innenstadt. Eine spürbare Verbesserung des Wohnungsangebotes sei damit auch nicht zu erreichen.

Diese Haltung bestätigt auch Pro-City-Geschäftsführerin Frederike Breyer. „Die Leerstände sind zahlenmäßig in den vergangenen Jahren stabil”, sagt sie. Natürlich gebe es immer wieder Bewegung in den Einkaufsstraßen, langfristig leer stünden aber nur sehr wenige Geschäftsräume. Allein in der Kartierung der Stadt, die im Juli erfolgte, seien einige Leerstände aufgeführt, die bereits wieder besetzt sind – wie beispielsweise an der Theaterstraße 21, wo jetzt eine Boutique aus der Kurzen Straße zu finden ist. Auch im Haus schräg gegenüber, wo einst Lampen verkauft wurden, steht Hausbesitzer Norbert Hopf in Verhandlung mit Interessenten. Noch sei es aber zu früh, etwas bekannt zu geben, sagt er. Damit dennoch Leben in den Räumen herrscht, hatte er im Juni dem Verein „FKK - Freiraum für Kunst und Kultur” die Möglichkeit für Aktivitäten gegeben.

Zu den etwa 30 Leerständen in den C-Laden kommen noch einige in den A- und B-Lagen hinzu. Gerade in der zentralen Fußgängerzone bleiben die Geschäfte aber selten lange ohne Betreiber. Oft sind dann Renovierungs- oder Sanierungsarbeiten die Ursache. Am Nabel werden derzeit mehrere Geschäftsräume saniert, im Eckhaus soll nach Tageblatt-Informationen das Wäschegeschäft Hunkemöller einziehen. In die dann frei werdende Immobilie geht möglicherweise ein Drogeriemarkt. Leer steht nach einem Wasserschaden noch ein ehemaliges Saftgeschäft an der Weender Straße 70. Auch das ehemalige Wäschegeschäft Sylvester Märten steht leer, ebenso die Verkaufsräume an der Groner Straße 29, vormals Boecker.

Dennoch: „Wer möchte denn schon im Erdgeschoss an einer Geschäftsstraße wohnen”, sagt Robert Vogel vom Pro-City-Vorstand. Allenfalls einige wenigen Ladenlokale in den äußersten Randlagen wie der oberen Langen Geismarstraße seien denkbar - und eher Einzelfälle.

Auch die Verwaltung kommt zu dem Schluss, dass die Aufgabe von Einzelhandelsflächen gerade an den günstigeren Seitenstraßen der B- und C-Lagen zu einem erhöhten Mietpreisdruck für die hier ansässigen kleinteiligen, oft inhabergeführten Geschäfte führt. Auch zur „Lesbarkeit und Identitätsbildung” sei ein durchgehender Einzelhandelsbesatz in den Erdgeschossen wichtig. Entsprechend sei das auch im Innenstadtleitbild nachzulesen, wo die Stärkung der Seitenstraßen als Einkaufsbereiche als Ziel formuliert ist. Durch das Innenstadtbauprogramm sei beispielsweise an der Theaterstraße eine „deutliche Aufwertung” erreicht worden. Dem Onlinehandel könne man laut Verwaltung „am ehesten” durch einen attraktiv gestalteten Raum mit Wohnen, Gastronomie, filial- und inhabergeführtem Handel sowie sozialen und kulturellen Treffpunkten begegnen.

Der Ausschuss für Bauen, Planung und Grundstücke des Rates tagt am Donnerstag, 19. Oktober, um 16 Uhr im Neuen Rathaus.

Kunden wünschen sich mehr Parkplätze

Alexander Grosse, Vorsitzender des Handelsverbands Hannover in Göttingen, spricht im Interview über Leerstände, politische Signale und die Attraktivität der Göttinger Innenstadt.

Alexander Grosse

Alexander Grosse

Quelle: Christina Hinzmann

Wie hat sich die Zahl der Leerstände in den vergangenen drei Jahren entwickelt?

Die Zahl der Leerstände ist in den letzten Jahren bundesweit gestiegen. Göttingen ist von dieser Entwicklung unterdurchschnittlich stark betroffen. Leider waren einige Entscheidungen der letzten Zeit nicht gerade förderlich zur Stärkung der Attraktivität der Innenstadt. Der Wegfall der Parkplätze an der Roten Straße und die Aufweichung der Göttinger Liste für die Ansiedlung eines neuen Möbelmarktes waren wenig erfreuliche Weichenstellungen. Unsere Innenstadt ist trotzdem noch sehr attraktiv, dies sollte ausgebaut und verstärkt und nicht beschnitten werden.

In welchen Lagen sehen Sie Probleme?

Problematisch sind unter anderem immer längere Baustellen. Auch wenn diese nicht zu vermeiden sind, ist teilweise ein dramatischer Rückgang der Kundenfrequenz zu beobachten. Nur ein langer Atem, gute Nerven und natürlich auch ein finanzielles Polster helfen diese Durststrecke zu überstehen. Falls es nicht gelingt, kann es leider auch zu Schließungen führen. In der Innenstadt sind es zum Beispiel die Groner Straße oder die Rote Straße, auf die ein besonderer Augenmerk gerichtet werden sollte. Es sind wunderschöne Areale mit schönen Geschäften, die leider in der Vergangenheit an Frequenz verloren haben. Dort ist eine weitere Entwicklung ein Ziel.

Wo kann die lokale Politik Weichen für eine attraktive Innenstadt stellen?

Eine gute Erreichbarkeit aller Handelszentren in Göttingen ist von größter Bedeutung. Der Kunde sollte selbst entscheiden können, ob er mit Bus, Fahrrad, Auto oder zu Fuß den Weg auf sich nehmen möchte. Alle Varianten sollten von der Politik gleichermaßen gefördert werden und nicht einseitig beschnitten werden. Die Studie „vitale Innenstädte“ hat klar aufgezeigt, dass die Besucher der Stadt Göttingen mehr Parkplätze wünschen. Eine moderne innerstädtische Verkehrsinfrastruktur muss für eine gute Erreichbarkeit zur Verfügung gestellt werden. Im Zuge des stärkeren Handels im Internet sollte den lokalen Händlern durch eine möglichst späte Abholung von Paketen eine Möglichkeit gegeben werden von dem Wachstum zu profitieren. Ein Fahrverbot für den Lieferverkehr würde negative Auswirkungen auf den Handel haben. Auch eine Rechtssicherheit bei verkaufsoffenen Sonntagen ist für den Handel wichtig.

Wie bewerten Sie eine Umwandlung von Einzelhandel in Wohnflächen?

Für mich ist das kein adäquater Schritt zur Vermeidung langer Leerstände. Alternativ ist es wichtig, über Senkung des Mietzinses seitens des Vermieters, über eine Änderung der Nutzungsart seitens der Stadt oder manchmal einfach über einen Umbau Wege zu suchen, die die Fläche weiter als Handels- oder Gastronomieangebot interessant macht. So wird sie für Besucher als lebendiger Teil der Handelslandschaft erhalten. Wenn Einzelhandelsflächen zu Wohnraum umfunktioniert werden, könnte das gesamte Umfeld für die Laufkundschaft uninteressanter werden - ein Leerstand in benachbarten Gewerbeflächen kann die Folge sein.

Interview: Britta Bielefeld

Einige Leerstände in der Stadt

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