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Thema des Tages Ministerin Otte-Kinast im Gespräch
Thema Specials Thema des Tages Ministerin Otte-Kinast im Gespräch
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00:24 10.09.2018
Landwirtschaftsministerin Otte-Kinast im Gespräch mit Christoph Oppermann und Angela Brünjes in der GT-Townhall am 06.09.2018 in Göttingen. Foto: Swen Pförtner Quelle: Swen Pförtner
Göttingen

 Das Ziel der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin ist klar formuliert: „Wir wollen Gutes tun für die Menschen in Niedersachsen“, sagt Barbara Otte-Kinast (CDU). Ihre Worte klingen bestimmt und entschlossen in der GT-Townhall am Donnerstagabend.

Doch leicht, das weiß die Ministerin, ist das nicht. Und anders als die Formulierung ist der Weg dahin nicht klar beschrieben. „Es ist immer ein Spagat“, sagt die Ministerin. Konflikte gebe es bei den vielfältigen Themen in ihrem Haus immer. Zwischen Verbrauchern und Landwirten, zwischen Landwirten und Jägern, zwischen Jägern und Naturschützern etwa. „Irgendwem tritt man dabei immer auf die Füße“, beschreibt Otte-Kinast. Sie „alle mitzunehmen“, wolle sie dennoch versuchen.

„Wir wollen Gutes tun für die Menschen in Niedersachsen“: Landwirtschaftsministerin Otte-Kinast im Gespräch mit Christoph Oppermann. Quelle: Swen Pförtner

Quasi über Nacht ist die 53-Jährige in das Ministeramt gerutscht. „Ich bin wohl irgendwie aufgefallen“, sagt sie lachend. Politisch aktiv war sie schon lange – als Kommunalpolitikerin in ihrer Heimat im Weserbergland. Vielleicht war es auch ihr Vorsitz des Niedersächsischen Landfrauenverbandes, der die Partei auf die gelernte Hauswirtschaftsleiterin hat aufmerksam werden lassen. Die Frage, ob sie sich vorstellen kann, Ministerin zu werden, habe ihr schlaflose Nächte bereitet, verrät Otte-Kinast. Auf die Frage, ob sie sich den Aufgaben gewachsen sieht, antwortet sie in Anspielung auf die Besetzung im Bundesverteidigungsministerium: „Ursula von der Leyen ist ja auch vorher nicht Panzer gefahren.“

Mit Neugier und Mut im Amt

Otte-Kinast hat einen Landwirt geheiratet und in der Landwirtschaft gearbeitet. Fehlende Praxisnähe in Sachen Landwirtschaft kann man ihr also kaum vorwerfen. Und dann gibt es ja noch die 470 Fachkräfte in den vier Abteilungen ihres Ministeriums, die sie beraten. „Meine Neugier und mein Mut helfen mir, in die Themen zu kommen“, beschreibt die Ministerin.

Klimawandel, Verbraucherschutz, richtige Ernährung, Lebensmittelkennzeichnung - die niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Barbara Otte-Kinast (CDU) hat sich in der GT-Townhall den Fragen von Tageblatt-Redakteuren Christoph Oppermann und Angela Brünjes sowie von Lesern gestellt.

Und diese Themen sind vielfältig. Ganz aktuell gehört das Ringen um Ferkelkastration dazu. Hier hat Otte-Kinast zuletzt eine bittere Niederlage einfahren müssen: Der Agrarausschuss des Bundesrates will keine Fristverlängerung für die betäubungslose Kastration von Ferkeln. Ein entsprechendes Ersuchen Niedersachsens lehnte das Gremium aber ab.

Entscheidung für die Sauenhaltung

Eigentlich hätte der Ausschuss Niedersachsens Sauenhaltern ermöglichen sollen, noch für eine Übergangsfrist von drei Jahren Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren. Die Hoffnung, eine Lösung zu erreichen, hat Otte-Kinast aber noch nicht aufgegeben. Sie setzt nun auf die kommende Plenarsitzung des Bundesrates. „Der 21. September wird das entscheidende Datum für die Sauenhaltung in Deutschland sein“, sagt sie. „Wir können unsere Betriebe nicht im Stich lassen.“ Sollte es keine Fristverschiebung geben, „machen wir die Ferkelerzeuger platt“, mahnt die Ministerin. Eine Verschiebung könne die Betriebe retten.

Publikum in der GT-Townhall Quelle: Swen Pförtner

Landwirte und ihr Berufsrisiko

Hier sind es die Ferkelerzeuger deren Existenz bedroht ist, dort sind es Landwirte, denen die lange Trockenheit arg mitgespielt hat. Zwei Dinge macht Otte-Kinast hier klar: „Es gibt Betriebe, denen es schlecht geht. Denen müssen wir helfen.“ Aber: „Die Forderung des Berufsstandes nach einer Milliarde Euro Dürrehilfe hat mich geärgert.“ So seien die Ernteausfälle sehr unterschiedlich ausgefallen. Otte-Kinast nennt eine Spanne von 30 bis 70 Prozent. Jetzt „wahllos Geld zu verteilen“, hält die Ministerin für falsch und nicht für ihre Aufgabe. Sie verweist auf das Berufsrisiko von Landwirten und ihre Aufgabe, sich selbst helfen zu können.

„Eine Ernte muss auf dem Feld stehen, eine in der Scheune liegen und eine auf der Bank“, sagt Otte-Kinast. Damit sich Landwirte wieder selber helfen können, so wie es Otte-Kinast fordert, stehe das Thema einer steuerfreien Risikorücklage in der Landwirtschaft auf der Tagesordnung der Agrarministerkonferenz. Ein Eingriff der Politik in den Markt sei nie klug und sei nie gut gegangen, sagt die Ministerin – „Markt ist Markt.“

Treffpunkt blaues Sofa. Quelle: Swen Pförtner

Der Klimawandel, für den die Trockenheit des Sommers 2018 ein Anzeichen und ein Alarmzeichen war, mache es zu ihrer Aufgabe, so Otte-Kinast, die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen. Andere Methoden der Bodenbearbeitung gehörten ebenso dazu, wie der Einsatz resistenterer Pflanzensorten. Gentechnik ist dabei wichtiger Bestandteil. Hier gelte es, das Knowhow nicht ins Ausland abwandern zu lassen.

Fleisch wird „verramscht“

Da aber jede Entscheidung Folgen habe, kündigte die Ministerin den Einsatz einer Arbeitsgruppe an, die diese Folgen vorab abschätzen soll. Das Verbot des einen Pflanzenschutzmittels etwa ziehe den Einsatz anderer Mittel nach sich, verändere die Art der Bodenbearbeitung, macht die Ministerin an einem Beispiel deutlich.

Kreislandwirt und Landvolkvorsitzender Hubert Kellner hört der Ministerin zu. Quelle: Swen Pförtner

Otte-Kinast geht es um Wertschätzung. Um Wertschätzung für die Landwirte und um Wertschätzung für die Lebensmittel, die sie produzieren. So könne es nicht sein, dass „Fleisch verramscht“ wird. „Der Grill kostet 2000 Euro und die Bratwurst, die drauf liegt keine 90 Cent“, sagte die Ministerin. Den Verbrauchern müsse aber auch klar sein, dass eine bessere Tierhaltung auch mehr Geld koste. „Darüber müssen wir reden.“ Landwirte und Verbraucher müssten etwa über Tierhaltung sprechen. Hier warnte Otte-Kinast vor Pauschalurteilen. Große Mastbetriebe seien nicht automatisch schlecht, kleine nicht automatisch gut. „Schwarze Schafe gibt es überall.“ Und ja, es gebe Bilder, „die will der Verbraucher nicht sehen“. Hier seien die Kreisveterinäre angehalten zu kontrollieren und auch Hinweisen aus der Bevölkerung nachzugehen.

„Saisonal und regional“

Otte-Kinast verweist auf die „riesige Macht“, die Verbraucher auch beim Kauf von Lebensmitteln hätten. Viele unterschätzten diese. „Mit jeder Kaufentscheidung setze der Verbraucher eine Duftmarke.“ Ihrer Ansicht nach wollen Verbraucher heute wieder wissen, woher ihre Lebensmittel stammen. Ihr Rat: „Saisonal und regional ernähren. Bewusst kaufen, was zur Zeit wächst.“ Ihr Ziel: eine auf einen Blick zu erfassende, einfache Kennzeichnung von Lebensmitteln.

Otte-Kinast will sich dem Dialog stellen. Jeder sei willkommen, ihr sein Anliegen, seine Anregung oder Kritik mitzuteilen. Per E-Mail oder klassisch im Brief an:

Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Calenberger Straße 2, 30169 Hannover, E-Mail: poststelle@ml.niedersachsen.de 

Kartoffelfest am Regionalen Umweltbildungszentrum (Ruz) Reinhausen. Quelle: Peter Heller

Ministerin bekennt sich zum RUZ Reinhausen

Ein klares Bekenntnis zum Regionalen Umweltzentrum (RUZ) in Reinhausen hat Niedersachsens Umweltministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) gegeben. „Ich will das RUZ erhalten. Dort wird gute Arbeit gemacht“, sagte Otte-Kinast am Donnerstag in der GT-Townhall. Auch wenn sie das Angebot nur vom Hörensagen kenne, wie sie zugab. Aber: Das RUZ sei ein wichtiger Baustein für die Bildung. „So etwas muss es in jeder Region geben.“ Konkret wurde Otte-Kinast allerdings nicht. Zu frisch sei der Vorgang als dass sich ihr Ministerium schon damit beschäftigt hätte. „Die Domänenverwaltung muss das vor Ort regeln.“

Vor den 40 Zuhörern in der Townhall gab die Ministerin das Versprechen, das RUZ zu besuchen, um sich ein Bild zu machen. Gleichens Gemeindebürgermeister Manfred Kuhlamm (SPD) und die Reinhäuser Kreistagsabgeordnete Bärbel Diebel-Geries (SPD) hatten die Ministerin dazu eingeladen.

Hintergrund des nun geplanten Ministerinnenbesuch ist ein möglicher Verkauf der Domäne Reinhausen und die Sorgen um die Zukunft des auf der Domäne etablierten Bildungszentrums RUZ. Der Pächter der Domäne Reinhausen will die Hofstatt vom Land kaufen und als Privateigentümer übernehmen. Einige Gebäude und Flächen werden auch vom RUZ genutzt. Die Domänenverwaltung des Landes Niedersachsen beim Amt für Regionale Landesentwicklung in Braunschweig und der Pächter selbst haben dessen Kaufabsichten inzwischen bestätigt und fügte an, dass auch die Gemeinde Gleichen Kaufabsichten für Flächen angemeldet habe.

Der Kreistag ist am Mittwoch ohne die Stimmen der CDU einem Antrag der Gruppe SPD, Grünen und FWLG gefolgt. Darin fordert er Landrat Bernhard Reuter (SPD) auf, sich bei der Landesregierung „nachdrücklich und kurzfristig“ dafür einzusetzen, das RUZ dauerhaft zu sichern und gleichzeitig „die personelle Ausstattung des RUZ Reinhausen zu stärken“. Lothar Dinges (FWLG) nannte das RUZ als wichtigen Teil der Umweltbildung „unverzichtbar“. Die CDU hatte Beratungsbedarf angemeldet. Wie die übrigen Parteien im Kreistag sah sie keine Eile geboten. Reuter betonte, dass sich der Landkreis sehr wohl und schon früh zu der Sache geäußert hat. Reuter vermutet „mangelnde Kommunikation“ zwischen den beteiligten Landesministerien.

Barbara Otte-Kinast

Seit November ist Barbara Otte-Kinast niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Die Christdemokratin ist mit einem Landwirt verheiratet und hat drei Kinder. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie in Beber bei Bad Münder einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Milchvieh, Ackerbau und Biogas. Nach dem Realschulabschluss am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Wolfsburg, wo sie 1964 geboren wird, besucht sie die Fachschule für Ländliche Hauswirtschaft in Bückeburg, macht den Abschluss als staatlich geprüfte Ländliche Hauswirtschaftsleiterin und erwirbt die Fachhochschulreife. In den Folgejahren arbeitet Kinast-Otte bis 1994 als Hauswirtschaftsleiterin. Ab dann baut sie ihren Hof bei Bad Münder mit auf. Seit 2001 war sie stellvertretende Ortsbürgermeisterin, ab 2004 auch CDU-Mitglied des Kreistages Hameln-Pyrmont und ab 2017 im Rat der Stadt Bad Münder. 2014 übernahm Otte-Kinast den Vorsitz des Niedersächsischen Landfrauenverbandes.

Von Michael Brakemeier

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